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Serie – Ratgeber Steuererklärung: Spickzettel für Steuerzahler: Wo das Finanzamt 2020 ganz genau hinschaut

Handelsblatt-Logo Handelsblatt 04.05.2020 Schneider, Katharina

Bei manchen Feldern schaut das Finanzamt genauer hin als bei anderen. © IMAGO Bei manchen Feldern schaut das Finanzamt genauer hin als bei anderen.

Finanzämter lassen sich ungern in die Karten schauen – mit einer Ausnahme. Denn aus einem Bundesland gibt es Hinweise, was 2020 im Fokus steht.

Schüler und Studierende kennen das Phänomen: Manche Lehrer und Professoren lassen kurz vor einer Klausur mehr oder weniger detailliert durchblicken, welche Lerninhalte für die Prüfung besonders relevant sind. Bei der Steuererklärung ist es ähnlich: Die Finanzverwaltung in Nordrhein-Westfalen gibt jedes Jahr grobe Hinweise auf die Prüfungsschwerpunkte der dortigen Finanzämter.

Sie veröffentlicht dafür eine Liste mit zentralen und dezentralen Prüffeldern. Außerdem gibt es typische Konstellationen, bei denen Finanzämter bundesweit häufig nachfragen. Daraus lässt sich eine Art Spickzettel für Steuerzahler ableiten. Erich Nöll, Geschäftsführer des Bundesverbands Lohnsteuerhilfevereine (BVL), begrüßt die Liste aus NRW. „Wenn wir wissen, wo ein Finanzamt genauer hinschaut, schicken wir zu diesem Thema direkt Belege mit“, sagt er. Das erspare Nachfragen des Finanzamts und beschleunige damit die Bearbeitung.

Genau das empfiehlt „zur beiderseitigen Arbeitserleichterung“ auch die Finanzverwaltung NRW. Eigentlich müssen der Steuererklärung keine Belege wie Rechnungen oder Verträge mehr beigefügt werden. Inzwischen gilt die „Belegvorhaltepflicht“. Das bedeutet, dass die Finanzbeamten Unterlagen anfordern können. In vielen Fällen kann aber vorauseilender Gehorsam sinnvoll sein. Ansonsten kann sich die Bearbeitung – und damit gegebenenfalls auch die Steuererstattung – um mehrere Wochen verzögern.

Thomas Eigenthaler, Bundesvorsitzender der Deutschen Steuer-Gewerkschaft, sieht die Liste dennoch kritisch: „Mit den Prüffeldern geben die Finanzämter indirekt auch preis, welche Bereiche nicht im Fokus stehen.“ Das sei zwar keine Garantie, könne aber dazu verleiten, in solchen Bereichen eher zu schummeln.

Zentrales Prüffeld in NRW ist 2020 – wie schon in den Vorjahren – die „Prüfung der Einkunftserzielungsabsicht (Liebhaberei) bei einem Gewerbebetrieb und selbstständiger Arbeit“ (§ 15 und § 18 EstG). Zusätzlich kann jedes Finanzamt eigene Prüffelder festlegen. Die Top drei:

Veräußerung von Anteilen an Kapitalgesellschaften (§ 17 EstG)Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung (§ 21 EstG) sowie Einkünfte aus Kapitalvermögen (§ 20 EstG)

Liebhaberei

Hier geht es um die Frage, ob ein Steuerzahler mit seinem Gewerbebetrieb oder im Rahmen seiner Selbstständigkeit tatsächlich Gewinne erzielen will. Laut Isabel Klocke vom Bund der Steuerzahler (BdSt) ist das ein „Dauerbrenner“, der laufend geprüft wird. „Wer über Jahre immer nur Verluste steuermindernd geltend macht, muss beweisen, dass er ernsthaft versucht, Gewinne zu erzielen“, sagt sie.

Besonders relevant kann das für Personen sein, die nur nebenberuflich ein Gewerbe betreiben. Wer regelmäßig hohe Aufwendungen wie einen teuren Firmenwagen absetzt, aber über längere Zeit keine Einnahmen erzielt, wird sich rechtfertigen müssen. Eine ernsthafte Gewinnerzielungsabsicht kann etwa durch konkrete Maßnahmen zur Umstrukturierung des Geschäfts oder durch Werbung glaubhaft gemacht werden.

Veräußerung von Anteilen an Kapitalgesellschaften

Dies ist kein Klassiker mit Relevanz für die breite Masse, doch aus Sicht der Finanzämter kann sich eine Überprüfung lohnen. Wer mehr als ein Prozent an einer Kapitalgesellschaft in seinem Privatvermögen hält und diesen Anteil verkauft, muss den Gewinn als Einnahmen aus einem Gewerbebetrieb versteuern – und zwar mit seinem persönlichen Steuersatz. Im Gegensatz dazu fallen bei Einnahmen aus Kapitalvermögen nur 25 Prozent Abgeltungsteuer zuzüglich Solidaritätszuschlag und gegebenenfalls Kirchensteuer an. Wenn Steuerzahler hier einen Fehler machen, kann dem Fiskus also viel Geld entgehen.

Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung

Ähnlich wie Gewerbetreibende müssen auch Vermieter glaubhaft machen, dass sie mit ihrer Immobilie tatsächlich Einkünfte erzielen wollen. Mit Ausgaben für Kauf und Renovierung der Wohnung oder des Hauses senken sie ihre Steuerlast. Das akzeptiert der Fiskus aber nur, wenn irgendwann auch Einnahmen folgen. Um das zu beweisen, sind aussagekräftige Belege nötig: eine Gewinnprognose oder Zeitungsinserate, die zeigen, dass man sich um die Vermietung bemüht. „Andernfalls könnte das Finanzamt annehmen, dass eine Wohnung für private Zwecke hergerichtet wurde und eine Vermietung nie beabsichtigt war“, warnt Expertin Klocke.

Einkünfte aus Kapitalvermögen

Die Finanzämter könnten mehrere Gründe haben, sich die Erklärung von Kapitaleinkünften in diesem Jahr genauer anzuschauen. So gelten seit dem Jahr 2018 neue Regeln für die Besteuerung von Investmentfonds. Nun werden inländische und ausländische Fonds gleichbehandelt und depotführende Banken berechnen für alle Fonds eine sogenannte Vorabpauschale. In der Folge müssen Anleger ausländischer thesaurierender Fonds – die Erträge gleich wieder anlegen und nicht ausschütten – keine sogenannten ausschüttungsgleichen Erträge mehr in der Steuererklärung angeben.

Beim Verkauf der Fondsanteile werden die bereits versteuerten ausschüttungsgleichen Erträge allerdings wieder relevant. Dann behält die Depotbank auf den Gewinn und auf die aufgelaufenen Erträge pauschal die Abgeltungsteuer ein. Um eine Doppelbesteuerung zu verhindern, müssen Steuerzahler belegen, dass sie die ausschüttungsgleichen Erträge bereits versteuert haben.

Neu ist seit 2019 zudem die Anlage KAP-INV. Darin müssen Steuerzahler ihre Erträge aus Investmentfonds erklären, die bei einer Bank im Ausland verwahrt werden. Das gilt für laufende Erträge und Gewinne oder Verluste aus einer Veräußerung des Fonds. Hintergrund: Ausländische Banken führen nicht automatisch Abgeltungsteuer an den deutschen Fiskus ab.

Auch Bürger, die seit 2005 eine Lebensversicherung abgeschlossen haben, müssen sich womöglich mit der Anlage KAP beschäftigen. In der Vergangenheit waren solche Erträge komplett steuerfrei. Bei den Neuverträgen bleibt aber nur noch die Hälfte steuerfrei – sofern die Auszahlung frühestens nach zwölf Jahren Laufzeit und nach dem 60. Lebensjahr des Versicherungsnehmers erfolgt – bei Vertragsschluss ab 2012 nach dem 62. Lebensjahr.

Abweichungen und Neues

Hinweise darauf, was Finanzämter grundsätzlich genauer prüfen und welche Belege sie anfordern, lassen sich auch aus den Empfehlungen zur Belegvorlage der Steuerverwaltungen in Bayern, Thüringen und Sachsen-Anhalt ableiten. Demnach ist ein steuerlicher Sachverhalt besonders bedeutend, wenn er neu beziehungsweise erstmalig oder einmalig ist. „Das kann etwa der Beginn einer doppelten Haushaltsführung sein, ein neues häusliches Arbeitszimmer oder neue Unterhaltszahlungen“, erklärt Nöll. Auch außergewöhnliche (Geschäfts-)Vorfälle alarmieren das Finanzamt – etwa die Veräußerung eines Betriebes.

Für Nachfragen sorgen zudem erhebliche Abweichungen gegenüber dem Vorjahr, etwa deutlich höhere haushaltsnahe Dienstleistungen, Änderungen bei den Fahrtkosten oder ein plötzlicher Anstieg der Spendensumme. Alles, was „eine spürbare steuerliche Auswirkung“ nach sich zieht, ist häufig Anlass zur Prüfung – sofern es die Steuerlast senkt. Nöll empfiehlt in solchen Fällen, sofort die Belege mitzuschicken, denn es sei sehr wahrscheinlich, dass das Finanzamt diese später anfordert.

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