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Die Corona-Spaltung am Beispiel Köln: „Der Fehler ist doch: Man hätte nicht jahrzehntelang zündeln dürfen“

Tagesspiegel-Logo Tagesspiegel 04.05.2021 Georg Ismar

Im Villenviertel Köln-Hahnwald lag die Inzidenz zeitweise bei 0, im armen Köln-Chorweiler bei 543. Ein Armutsforscher fürchtet durch Corona noch tiefere Gräben.

Chorweiler in Köln, hier kletterte die Corona-Inzidenz auf über 500. © Foto: imago stock&people Chorweiler in Köln, hier kletterte die Corona-Inzidenz auf über 500.

Christoph Butterwegge sollte den Besserbetuchten einmal etwas über Armut erzählen. Vor Corona. In Hahnwald, einem vornehmen Kölner Villenviertel haben sich Unternehmer, Entertainer und Fußballtrainer wie Christoph Daum niedergelassen. Butterwegge hielt bei der Charity-Veranstaltung einen Vortrag über Kinderarmut, als er fertig war, sagte die Hausherrin: „So, jetzt gehen wir aber mal raus in den Garten.“

Butterwegge staunte: Der Garten war ein Park, die Garage so groß wie ein Zweifamilienhaus. „Da können Sie sich nur mit Corona anstecken, wenn der Gärtner es ins Haus trägt.“

Auch hier engagieren sich viele Menschen zum Wohle der Gesellschaft, spenden viel Geld - aber Hahnwald muss in diesen Tagen bundesweit herhalten zur Illustration dramatischer Pandemieunterschiede in Köln: In Hahnwald gab es tagelang keine Neuninfektionen, die Inzidenz lag bei 0 – während im Norden der Rheinmetropole, im Stadtteil Chorweiler, die 7-Tage-Inzidenz auf bis zu 543 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner kletterte. 

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Butterwegge hat 2017 für die Linke für das Amt des Bundespräsidenten kandidiert, er ist einer der bekanntesten Armutsforscher Deutschlands, jahrzehntelang hat er an der Universität Köln gelehrt. Gerade hat der 70-Jährige sein neuestes Buchmanuskript („Kinder der Ungleichheit“) finalisiert.

Seit einigen Tagen hat auch die Bundespolitik dieses Thema entdeckt, das seit Monaten schwelt: Zum einen das weit höhere Corona-Risiko in ärmeren und migrantisch geprägten Stadtteilen und noch tiefere Gräben durch die Pandemie. Und zum anderen rückt das Thema verstärktes Impfen in diesen Stadtteilen in den Fokus, weil die Lage die Inzidenz in einer gesamten Stadt und Lockdownmaßnahmen beeinflusst, immerhin ist die Inzidenz für die Gesamtstadt Köln inzwischen auf unter 200 gesunken.  

Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident und CDU-Chef Armin Laschet hat nun einer Bitte von Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker stattgegeben, dass der Impfstoff dort ab sofort stärker, unter Aufhebung der bisherigen Reihenfolge eingesetzt werden darf. Im Prinzip könnte ein Verfahren wie schon in Grenzregionen mit hohen Inzidenzen angewendet werden, ein gezieltes Durchimpfen, um dort die Welle zu brechen.

„Wenn in einer Stadt Viertel, in denen Menschen in beengten Wohnverhältnissen leben, zu Hotspots werden, während andere Stadtteile coronafrei sind, müssen wir handeln", betont Laschet. Ein Problem ist jedoch eine Impfskepsis bei vielen Einwohnern hier, im Rathaus wird auch Stimmungsmache türkischer Medien gegen die eingesetzten Impfstoffe kritisiert. In der Bundesregierung wird dies auch als Problem gesehen, vor allem bei Teilen der Russlanddeutschen und bei Migranten aus der Türkei und arabischen Ländern sieht man bisher eine Zurückhaltung. Letztlich ist es die von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) beschworene Gemeinschaftsaufgabe, um die Pandemie zu besiegen, und das geht nur mit einer ausreichend großen Herdenimmunität.

Auch Intensivmediziner für mobile Impfteams

Intensivmediziner begrüßen den Einsatz mobiler Impfteams in sozialen Brennpunkten. „Auf den Intensivstationen liegen überdurchschnittlich viele Menschen aus ärmeren Bevölkerungsschichten, Menschen mit Migrationshintergrund und sozial Benachteiligte“, sagte der wissenschaftliche Leiter des Intensivbettenregisters (Divi) , Christian Karagiannidis, der „Rheinischen Post“. Die Stadt Köln impft nun seit einigen Tagen verstärkt und ohne feste Priorisierung in Stadtteilen wie Chorweiler - und lange Warteschlangen zeigen, dass das Angebot angenommen wird.

„Die Impfreihenfolge aufzuheben ist im Grundsatz falsch“, meint der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Aber in dem Fall könne das sinnvoll sein. Weil dies die Gesamtmenge an Impfstoff, die dort ankommt, erhöhe.

Das Bundesgesundheitsministerium von Jens Spahn (CDU) kümmert sich parallel darum, dass die Impf-Hotline (116117) mehrsprachiger wird und für die Kampagne „Ärmel hoch für die Corona-Schutzimpfung“ werden bilinguale Motive mit „Impfvorbildern“ der jeweiligen Migrantengruppen ausgespielt. In Zusammenarbeit mit dem Ethno-Medizinischen Zentrum wurden zudem Corona-Informationsflyer in 12 Sprachen erstellt, um die Skepsis zu mindern. 

„Jahrzehntelang wurde gezündelt“

Armutsforscher Butterwegge vermisst aber die Debatte dahinter. Egal ob Köln oder Berlin, sagt er: „Städtebaulich ist das ja eine Katastrophe. Da sind Leute, die haben große Villengrundstücke. Und auf der anderen Seite ballen sich die Leute immer mehr in abgehängten Hochhaus-Stadtteilen. Dass sie jetzt mit mobilen Impfteams den Brand löschen wollen, sei ja zur Rettung von Leben richtig. „Aber der Fehler ist doch: Man hätte nicht jahrzehntelang zündeln dürfen.“

Die Pest im Mittelalter habe eher für mehr Gleichheit gesorgt, sagt Butterwegge. „Diese Pandemie schafft mehr Ungleichheit. Und zwar aufgrund der Arbeits- und Wohnbedingungen der Menschen.“ Das hätten die Massenausbrüche in der Fleischindustrie gezeigt. „Und mehr schwere Verläufe haben die dann auch noch, weil sie sozial benachteiligt sind, weil sie Vorerkrankungen haben wie Adipositas, Asthma oder Diabetes.“

Butterwegge kritisiert, es gebe jetzt für Hartz-IV Empfänger eine Einmalzahlung von 150 Euro. Aber das reiche nicht: „Die Tafeln waren mal geschlossen, Desinfektionsmittel mussten gekauft werden, Masken mussten gekauft werden.“ Keiner habe so richtig an die Hartz-IV-Bezieher gedacht, die in den Vierteln wohnen, wo die Hochhäuser mit engen Aufzügen ihre Infektionsgefahr erheblich erhöhen. „Aber an die Lufthansa und an TUI schon. Und an Galeria Karstadt-Kaufhof auch.“

Corona verschärfe drei Schieflagen gefährlich

Es gebe im Prinzip drei Schieflagen, die sich verschärfen: Erstens: Die gesundheitliche, zumal viele hier keinen Hausarzt haben, der sie impfen kann. Zweitens: Die ökonomische durch schlecht bezahlte Jobs, die sich zudem nicht in das Homeoffice verlagern lassen. Und dann drittens: die soziale, dass durch die Folgen der Krise am Ende wieder bei den Ärmsten gespart werden könnte.

„Man schickt jetzt die Feuerwehr in diese Stadtviertel wie bei Ihnen Marzahn-Hellersdorf und hier nach Köln-Chorweiler. Aber die eigentlichen Ursachen geraten überhaupt nicht in den Blickpunkt“, kritisiert Butterwegge. „Man hätte nämlich nicht die Spaltung der Städte so vorantreiben dürfen, sondern dafür sorgen müssen, dass der soziale Wohnungsbau nicht völlig gegen die Wand fährt und dass Stadtviertel durch eine vernünftige Stadtentwicklungspolitik nicht so abgehängt werden.“

Die Stadt Köln setzt auf gezieltes Durchimpfen

Harald Rau, Gesundheits- und Sozialdezernent der Stadt Köln, fürchtet auch eine zunehmende soziale Spaltung, aber als erstes sei es wichtig, jetzt schnell dort die Corona-Lage in den Griff zu bekommen. „Wenn wir Stadtteile mit besonders starkem Infektionsgeschehen haben, dann ergreift das von dort aus natürlich auch die gesamte Stadt.“ Am Anfang der ersten Welle sei es so gewesen, dass eher die sozioökonomisch stärkeren Stadtteile betroffen waren, dann sei die Welle quasi über von links- nach rechtsrheinisch räumlich gewandert.

Es sei ein 1,7 Millionen-Euro-Programm aufgelegt worden, um mit örtlichen Organisationen die Ansprache über Coronaregeln und die Impfkampagne zu verbessern, auch Moscheevereine versucht man einzubinden. Mit Informationen in mindestens sieben Sprachen. Impfen könne man theoretisch auch in Bürgerhäusern, Bussen oder Zelten. „Also im Prinzip ist da alles denkbar“, sagt Rau. Insofern ist das Vorgehen gerade auch ein Corona-Modellprojekt. In Köln ist die Gesamtinzidenz inzwischen deutlich unter 200 gefallen.

Die große Frage: Was kommt nach der Löschaktion?

Aber Professor Butterwegge fürchtet, dass nach der Löschaktion alles so bleibt, wie es ist. „Nur löschen reicht nicht.“ Dass also die Wohnungleichheit zunimmt, auch durch die hohen Mieten, „da man im Grunde den Investoren das Bauen überlassen hat“.

Butterwegge sieht Wien als Vorbild, mehr als die Hälfte der Mietwohnungen müssten der Stadt gehören oder Genossenschaften, öffentlich gefördert sein. „Ich nenne das eine US-Amerikanisierung der Stadtentwicklung. Wir haben auch in Deutschland mehr und mehr ein Auseinanderfallen der Städte.“

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