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STICHWORT-Wirecard und seine Geschäftsbereiche - Was ist davon zu retten?

Reuters-Logo Reuters 02.07.2020

Frankfurt, 02. Jul (Reuters) - Bei dem pleite gegangenen Zahlungsabwickler Wirecard hat der Insolvenzverwalter Michael Jaffe das Ruder übernommen. Er versucht nun, für die Gläubiger möglichst viel Wert zu erhalten. Nach einer ersten Bestandsaufnahme erklärte Jaffe, es gebe bereits eine Vielzahl an Interessenten aus aller Welt für das Kerngeschäft von Wirecard sowie für einzelne Geschäftsbereiche. Doch was ist eigentlich das Kerngeschäft des Unternehmens aus Aschheim bei München, und was davon könnte noch werthaltig sein? Im Folgenden eine Übersicht über die öffentlich bekannten Tätigkeitsfelder des Zahlungsanbieters.

GRUNDLEGENDE DATEN UND FAKTEN

Wirecard wurde während der Hochphase der New-Economy-Zeit 1999 gegründet und war anfangs auf die Abwicklung von Zahlungen für Porno- und Glückspiel-Webseiten fokussiert. Seit September 2018 ist das Unternehmen Mitglied im Dax. Unklar ist, wie viele Mitarbeiter für den Konzern arbeiten - laut Website sind es rund 5800 an weltweit 26 Standorten. Einem Firmensprecher zufolge gab es zuletzt knapp 6200 Beschäftigte. Wirecard hat unzählige Tochtergesellschaften auf der ganzen Welt verteilt. Deren Auflistung nimmt im aktuellsten verfügbaren Geschäftsbericht für 2018 zwei DIN A4-Seiten ein.

PAYMENT PROCESSING & RISK MANAGEMENT

Die größte Sparte betreibt die klassische Zahlungsabwicklung in Online-Shops oder an Ladenkassen, für die Wirecard Gebühren kassiert. Im Geschäftsbericht 2018 weist Wirecard einen Umsatz von 1,5 Milliarden Euro aus, eine Steigerung um 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Zum Bilanzstichtag 31. Dezember 2018 seien 41.000 große und mittlere Geschäftskunden an die Wirecard-Plattform angebunden gewesen. Experten halten das Payment Processing für den womöglich werthaltigsten Geschäftsbereich. Für einen potenziellen Käufer könne es womöglich einfacher sein, die ganze Plattform zu übernehmen und nicht nur Kunden, da es technisch für Online-Shops leichter umzusetzen sei. Insider rechnen damit, dass sich Rivalen wie Adyen aus den Niederlanden und Worldline aus Frankreich dieses Geschäft näher anschauen werden.

ACQUIRING & ISSUING

In diesem Geschäftsbereich geht Wirecard für Händler ins Risiko. Der Konzern prüft bei Bestellvorgängen in Online-Shops, ob der Kunde vertrauenswürdig ist, nimmt den über Kreditkarten von Visa und Mastercard getätigten Kaufpreis an und leitet ihn mit Verzug und abzüglich einer Gebühr an den Händler weiter. Im Geschäftsbericht 2018 weist Wirecard für die Sparte einen Umsatz von 609 Millionen Euro aus, eine Steigerung um 25 Prozent zum Vorjahr. Wirecard hat in der Vergangenheit immer von mehreren hunderttausend Kunden gesprochen. Laut einem Bericht der "Financial Times", die sich auf interne Unterlagen bezog, war das Geschäft aber deutlich kleiner. Das Transaktionsvolumen soll 2017 demnach bei 18 Milliarden Euro gelegen haben, Wirecard selbst hatte 37,9 Milliarden Euro angegeben. Auch der Umsatz sei mit 292 Millionen Euro nur halb so hoch gewesen sein.

WIRECARD BANK

Über das Institut, das eine Vollbanklizenz hat und damit alle Bankdienstleistungen anbieten darf, wickelt Wirecard das europäische Acquiring-Geschäft ab. Laut dem im Bundesanzeiger veröffentlichten Geschäftsbericht 2018 der Wirecard Bank lag die Bilanzsumme bei 1,6 Milliarden Euro - damit ist sie so groß wie eine mittelgroße deutsche Sparkasse. Ende 2018 lagen demnach Spareinlagen von 1,4 knapp Milliarden Euro bei der Bank. Nach der Pleite der Wirecard AG setzte die Finanzaufsicht BaFin die Bundesbank als Sonderbeauftragten bei der Bank ein, damit von dort keine Gelder an die AG abließen. Kunden ziehen sich schon zurück: So stellte die Allianz ihre Kooperation ein, der Discounter Aldi Süd wickelt seine Kreditkartenzahlungen künftig über den Konkurrenten Payone ab. Die Solarisbank äußerte Interesse an der Übernahme von Kunden.

WIRECARD CARD SOLUTIONS

Über die britische Tochter bietet Wirecard unter anderem Kreditkarten für Privat- und Geschäftskunden an. Zudem werden über ihre Plattformen Processing- und Aquiringgeschäfte abgewickelt und sie arbeitet mit FinTechs zusammen, wie es auf der Website heißt. Die britische Aufsichtsbehörde FCA hatte der Card Solutions nach der Insolvenz der Mutter zwischenzeitlich den Geschäftsbetrieb untersagt. Kunden können aber inzwischen wieder auf ihr Geld zugreifen. Für Rivalen von Wirecard könnte die britische Tochter wegen ihrer Lizenzen interessant sein.

BOON PLANET

Die Wirecard Bank startete die App Boon Planet im Oktober 2019. Sie solle eine Art mobile Direktbank sein, die eine virtuelle Kreditkarte und ein Girokonto anbietet. Auch US-TEch-Konzerne wie Google und Apple bieten die App an. Boon wirbt bis heute mit einem Zins von 0,75 Prozent für Giro-Guthaben, während andere Institute selbst bei Festgeld kaum noch Zinsen zahlen oder sogar Strafgebühren verlangen. Insider rechnen damit, dass Boon demnächst eingestellt wird. Die App komme nicht an Angebote von Direktbanken wie N26 heran, sagt etwa Payment-Experte Markus Mosen.

WIRECARD NORTH AMERICA

Die US-Tochter - früher Citi Prepaid Card Services - stellte sich bereits selbst zum Verkauf. Die Gesellschaft sei eine separate rechtliche und geschäftliche Einheit, trage sich selbst und sei "im Wesentlichen unabhängig" von der Mutter. Laut einer Präsentation auf der Wirecard-Website wurde die Tochter im März 2017 erstmals voll konsolidiert und lieferte in dem Jahr einen Umsatz von 109 Millionen Euro und einen operativen Gewinn von 21 Millionen Euro.

ASIEN

In dieser Region gründete Wirecard in den vergangenen Jahren zahlreiche Tochtergesellschaften oder übernahm Firmen unter anderem in Indien. Die in der Wirecard-Bilanz verschwundenen 1,9 Milliarden Euro sollten eigentlich bei zwei Banken auf den Philippinen liegen - dort sind sie aber nicht zu finden. Wie viel von dem Geschäft in Asien werthaltig ist, was dort tatsächlich gemacht wurde und wie viel Vermögen dort existiert, ist völlig unklar und dürfte nicht nur die Strafverfolger noch lange beschäftigten. (zusammengestellt von Patricia Uhlig, redigiert von Olaf Brenner Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an die Redaktionsleitung unter den Telefonnummern 069-7565 1236 oder 030-2888 5168)

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