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Strategiepapier der Krankenhausgesellschaft: Diese fünf Fragen können künftig die Corona-Politik bestimmen

Tagesspiegel-Logo Tagesspiegel 01.08.2021 Christopher Stolz

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft fordert einen Indikatorenmix statt nur der Inzidenz und unterstützt damit Jens Spahn. Welche Strategie steckt dahinter?

Die Zahlen der hospitalisierten Patienten sind mittlerweile sehr detailliert. Auch deshalb fordert die Krankenhausgesellschaft eine Abkehr von der Sieben-Tage-Inzidenz. © Foto: Kay Nietfeld/dpa Die Zahlen der hospitalisierten Patienten sind mittlerweile sehr detailliert. Auch deshalb fordert die Krankenhausgesellschaft eine Abkehr von der Sieben-Tage-Inzidenz.

Die Testpflicht für Reiserückkehrer ist gerade erst in Kraft getreten, da tut sich eine andere Baustelle für Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zum wiederholten Male auf: die Forderung nach einer Abkehr von der Sieben-Tage-Inzidenz. Nun geäußert von der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG).

„Es ist völlig klar, dass die neue Testpflicht zu steigenden Inzidenzen führen wird“, sagte der Vorstandsvorsitzende Gerald Gaß dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Deshalb sei es jetzt dringend nötig, auf mehrere Indikatoren zu setzen. 

Minister Spahn hatte die Debatte um die Inzidenz als Hauptrichtwert in der Pandemie überhaupt erst angestoßen, als er Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), widersprach. „Mit steigender Impfrate verliert die Inzidenz an Aussagekraft“, sagte Spahn der „Bild“ in den vergangenen Tagen. Wieler hatte zuvor auf der Inzidenz als Leitindikator beharrt.

Spahn und DKG-Chef Gaß unterstützt seit Sonntag auch der FDP-Vorsitzende Christian Lindner. „Wir brauchen eine Art Corona-Index: Er sollte sich aus Inzidenz, aber insbesondere aus der Quote der Hospitalisierung ergeben“, sagte er der „Welt am Sonntag“. Letztlich decken sich seine Vorstellungen mit der Strategie der Krankenhausgesellschaft.

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Die Vorstellungen des DKG sind nur deutlich umfassender. Die Gesellschaft fordert in einem Strategiepapier, das dem Tagesspiegel vorliegt, einen Mix aus insgesamt zwölf Indikatoren. Damit soll sowohl die Gefahr einer Überlastung des Gesundheitssystems besser beurteilt als auch politische Maßnahmen geplant und festgelegt werden können.

„Allein die Inzidenz noch als Maßgabe dafür zu nehmen, wann Beschränkungen von Grundrechten im Herbst erfolgen könnten, ist absolut nicht mehr ausreichend“, sagt Gaß. Es sei zwingend erforderlich, die Kennzahlen transparent und öffentlich darzustellen, um die notwendige Akzeptanz für bevorstehende politische Entscheidungen zu erreichen.

Mix aus zwölf Indikatoren soll fünf Fragen beantworten

Die Kennzahlen liegen vor, das ist bereits bekannt. Das RKI erhält neben Fallzahlen und Impfquoten über die Gesundheitsämter auch alle Daten zu Neuaufnahmen von den Krankenhäusern – nicht nur die Zahl, sondern auch Alter und Impfstatus der Covid-Patienten. Noch werden sie aber nicht veröffentlicht.

Die zwölf Indikatoren im Strategiepapier der DKG lassen sich in drei zentrale Bereiche einteilen: Infektionslage inklusive Testungen, Impfungen und Hospitalisierung.

Drei der zwölf Indikatoren lassen sich in den Bereich Infektionslage einordnen:

  • Sieben-Tage-Inzidenz insgesamt
  • Dynamik der Sieben-Tage-Inzidenz (Wochenvergleich)
  • Positivrate (Anteil der positiven Tests an Gesamtzahl)

Video: Statt Inzidenz: Krankenhausgesellschaft will Indikatoren-Mix (dpa)

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Zwei der zwölf Indikatoren lassen sich in den Bereich Impfungen einordnen:

  • Anzahl der vollständig Geimpften
  • Dynamik der Impfungen (Wochenvergleich)

Sieben der zwölf Indikatoren lassen sich in den Bereich Hospitalisierung einordnen:

  • Belegung der Klinikbetten auf der Normalstation
  • Covid-19-Patienten mit vollständigem Impfschutz
  • Tägliche Klinikeinweisungen
  • Dynamik der Klinikeinweisungen (Wochenvergleich)
  • Belegung der Klinikbetten auf der Intensivstation
  • Covid-19-Intensivpatienten mit vollständigem Impfschutz
  • Dynamik der Intensivbettenbelegung (Wochenvergleich)

Mit den Kennzahlen, die sich aus der Abfrage der Indikatoren ergeben, können fünf Fragen beantwortet werden. Die DKG formuliert insgesamt sogar acht Fragen, die sich zu diesen zusammenfassen lassen. Die Antworten auf diese Fragen sollen Grundlage für politische Entscheidungen sein – und sie für die Bevölkerung transparenter und verständlicher machen:

1. Wie verläuft das Infektionsgeschehen insgesamt und innerhalb der verschiedenen Altersgruppen?

Die Antwort auf diese Frage ist bisher die einzige Grundlage für politische Entscheidungen der Bundesregierung. Denn die Entwicklung des Infektionsgeschehens lässt sich am besten anhand der Sieben-Tage-Inzidenz ablesen. So lässt sich auch jetzt schon mit der Inzidenz und der Test-Sequenzierung beantworten, ob durch Ereignisse wie Schulöffnungen oder neue Varianten, wie Delta, die Fallzahlen steigen.

2. Haben sich ändernde Teststrategien Einfluss auf die Sieben-Tage-Inzidenz?

Diese Frage ist gerade vor dem Hintergrund der am Sonntag geänderten Teststrategie interessant. Denn, so schreibt es die DKG in ihrem Strategiepapier: „Kommt es zum Beispiel zu einem deutlich stärkeren Testgeschehen im Zusammenhang mit Reiserückkehrern oder Schulöffnungen, könnte die Sieben-Tage-Inzidenz ansteigen, obwohl sich das Infektionsgeschehen tatsächlich nicht verändert.“ Dies lasse sich dann anhand der Positivrate differenziert nach Altersgruppen erkennen.

3. Wie wirken sich die Corona-Maßnahmen und auch Varianten auf schwere Verläufe bei infizierten Personen aus?

Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) erfasst schon seit mehr als einem Jahr in einem Tagesreport die Entwicklung der Covid-19-Intensivpatienten – ob beatmet oder nicht. Seit Ende Juli veröffentlicht das RKI nun ebenfalls täglich die Entwicklung bei hospitalisierten Patienten auf der Normalstation. Zuvor gab es diese Daten nur wöchentlich. Aufgrund der Daten zur Verteilung der Varianten, die durch die Sequenzierung der Tests bekannt ist, lässt sich auch sagen, welchen Einfluss diese Varianten auf die Hospitalisierung haben. Der direkte Einfluss von hohen Inzidenzen auf Hospitalisierungen ist durch die Impfungen hingegen gebrochen.

[Mehr zum Thema: Tests, Masken, Impfungen: Wie Berlin ins neue Schuljahr startet – und wie groß das Risiko ist (T+)]

4. Wie wirken sich die unterschiedlichen Impfquoten auf die Entwicklung schwerer Verläufe bei infizierten Personen aus?

Dass sich auch vollständig geimpfte Personen noch infizieren können, ist mittlerweile klar. Allerdings ist die Hoffnung von Medizinern, dass das Fortschreiten der Impfkampagne die Zahl der hospitalisierten Patienten verringert. Viele der Menschen, die jetzt auf den Intensivstationen liegen, werden schon seit Monaten beatmet. Sie waren also noch nicht geimpft. Ob sich das verändert, lässt sich mit den Zahlen überprüfen.

5. Benötigen wir eine dritte Impfung bei älteren Personen, die schon vor längerer Zeit geimpft worden sind?

Sollte die Zahl der hospitalisierten Patienten, die vollständig geimpft eingewiesen werden, steigen, könnte dies ein Hinweis darauf sein, dass eine Auffrischungsimpfung sinnvoll ist. Da die Daten zum Impfstatus jedes einzelnen Patienten verfügbar sind, könnten diese ein wichtiger Baustein sein, wenn die Impfkampagne weiter fortgeschritten ist.

So erklärt die DKG die Auswahl der Kennzahlen

Die Krankenhausgesellschaft erklärt die Auswahl damit, dass mit diesen sowohl der aktuelle Stand in den zentralen Bereichen als auch der Trend erkennbar sei. Gerade, weil alle zwölf Indikatoren auch nach Altersgruppen gestaffelt werden können, helfen sie bei der Lagebeurteilung.

In einem weiteren Schritt könnten die Kennzahlen „mit wissenschaftlich fundierten und politisch festzulegenden Schwellenwerten verbunden werden“, heißt es in dem DKG-Papier. Damit würde es dann auf ein „Ampelsystem“ hinauslaufen – so wie es in Berlin schon zur Anwendung kommt.

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