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Thailand: Niemand unter Palmen

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 16.04.2021 Mathias Peer

Der Tourismus in Thailand liegt am Boden. Auf Phuket soll mit einer Impfkampagne ein Neustart forciert werden. Doch nun steigt im Land die Zahl der Infektionen stark an.

Strand in Phuket: Eine der Regionen Thailands, die stark von ausländischen Touristen abhängt. © Sumit Chinchane/​unsplash.com Strand in Phuket: Eine der Regionen Thailands, die stark von ausländischen Touristen abhängt.

Eine grüne Stoffplane ist rund um das Restaurant gewickelt wie um eine gefährliche Baustelle, die man besser nicht betreten sollte. Nebenan hat der Schneider seine Schaufenster mit Handtüchern abgehangen. Die Souvenirläden verstecken sich hinter heruntergelassenen Jalousien. Die Strandstraße in der thailändischen Küstenregion Khao Lak war einst ein Ort, wo man vor allem von dem Geld lebte, dass Pauschaltouristen aus Europa hier ließen. Im Jahr zwei der Corona-Krise ist die frühere Boomgegend zur strukturschwachen Region geworden.

Mehr als zwölf Monate ist es her, dass Thailand seine Grenzen für Touristeninnen für mehrere Monate schloss, um so die Pandemie einzudämmen. Die Bundesregierung schickte damals Sonderflüge nach Bangkok, um Tausende gestrandete Urlauber zurück in die Heimat zu holen. Sie waren die vorerst letzten Überreste eines Massentourismus, der in Thailand in den Jahren zuvor immer mehr Raum eingenommen hatte. 2019 besuchte eine Rekordzahl von 40 Millionen Menschen das südostasiatische Land.

Thailands Wirtschaft, die zu großen Teilen von den Touristenströmen abhängig ist, befindet sich im Ausnahmezustand. Im Januar – einem der Hauptreisemonate in Thailand – lag die Zahl der ausländischen Touristen 99,8 Prozent unter dem Wert des Vorjahrs. Millionen Menschen in der Branche haben ihren Job verloren. Nun hat die Regierung in Bangkok ein Konzept für einen Neustart des Reisegeschäfts vorgelegt. Doch die schleppende Impfkampagne und eine neue Infektionswelle wecken Zweifel an dem Vorhaben: Bislang war das südostasiatische Land mit seinen 70 Millionen Einwohnern vergleichsweise glimpflich durch die Krise gekommen. Insgesamt wurden rund 35.900 Fälle vermeldet, 97 Menschen starben in Verbindung mit Covid-19. Am Mittwoch teilte der Ministerpräsident Prayut Chan-o-cha jedoch mit, es seien innerhalb von 24 Stunden 1.335 neue Fälle registriert worden, so viele wie noch nie seit Beginn der Pandemie. In Dutzenden Provinzen wurden Reisebeschränkungen verhängt. Noch hält man aber an dem Plan fest, geimpften Touristinnen und Touristen ab 1. Juli einen quarantänefreien Urlaub zu erlauben, zunächst auf der Insel Phuket.

Touristen dürfen rein – theoretisch


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In Khao Lak, knapp 60 Kilometer nördlich von Phuket gelegen, braucht man inzwischen technische Hilfsmittel, um zu sehen, was die Feriendestination einst ausmachte: Wer die Straßen neben den kilometerlangen Stränden auf Google Street View betrachtet, bekommt Badehosenverkäufer, Wechselstuben, Ansichtskartenstände und mobile Getränkestände zu sehen, die am Gehsteig Eistee und Kaffee anbieten. In der Realität sind an vielen Hausfassaden inzwischen nur noch die Schemen der alten Firmenschilder zu erkennen. An den Fenstern kleben Zettel mit der Aufschrift "Zu verkaufen".

Henrik Aagaard betreibt einen der wenigen Läden, der noch geöffnet hat. Der 60 Jahre alte Däne lebt seit 15 Jahren in Khao Lak. Er verkauft Wein und Spirituosen an Restaurants und Bars sowie an Laufkundschaft. Im Vergleich zu der Zeit vor der Corona-Krise seien seine Umsätze um 90 Prozent eingebrochen, sagt er. Sein Geschäft habe nur überlebt, weil er kaum laufende Kosten habe. Die früher belebte Zufahrtsstraße zum Bang-Niang-Strand, an der sein Verkaufsraum liegt, sei seit Monaten wie ausgestorben. "Die meisten Lokale sind geschlossen", sagt er. "Es gibt einfach keine Kundschaft."

Theoretisch dürfen Touristinnen und Touristen zwar bereits wieder nach Thailand reisen – allerdings müssen sie sich nach der Ankunft zunächst auf eigene Kosten in einem Quarantänehotel isolieren. Bis vor Kurzem waren dafür zwei Wochen verpflichtend. Seit Anfang April sind die Vorschriften etwas milder: Jetzt reichen für die meisten Reisenden zehn Tage. Wer bereits geimpft ist, muss sich nur eine Woche lang absondern.

Mit solchen strikten Maßnahmen ist es Thailand lange gelungen, die Pandemie an seinen Grenzen weitgehend aufzuhalten. Die insgesamt 35.900 Infektionsfälle bei einer Bevölkerung von 70 Millionen entsprechen dem, was in Deutschland mit 83 Millionen Menschen mitunter an einem einzigen Tag verzeichnet wurde. Bislang gelten die Quarantäneregeln, doch sie sind fast gleichbedeutend mit einem Einreiseverbot. Kaum ein Tourist ist bereit, sich darauf einzulassen. Wer nur ein paar Wochen Urlaub hat, will sich schließlich nicht die halbe Zeit einschließen müssen. "Urlaub und Quarantäne passen einfach nicht zusammen", erklärte Bhummikitti Ruktaengam, der Chef des örtlichen Tourismusverbandes auf Phuket.

Um die Gesundheitsrisiken der lokalen Bevölkerung durch den Tourismusneustart zu begrenzen, fokussiert Thailand nun seine Impfkampagne auf Phuket. Bis Juli soll die Insel genug Impfstoff für rund 70 Prozent der Bevölkerung erhalten – benötigt werden mehr als 900.000 Impfdosen. Doch ob das Ziel erreicht wird, ist noch fraglich. Das Land hat sich bisher erst geringe Impfstoffmengen sichern können und Nachschub trifft nur spärlich ein. Bisher erhielt erst ein halbes Prozent der Thailänder eine Erstimpfung.

Die Thailänder bringen ihr Essen selbst mit

Zu den ersten Geimpften auf Phuket gehört eine junge Köchin, die sich nur mit ihrem Spitznamen Wan vorstellt. Die Thailänderin mit kurz geschorenen Haaren arbeitet seit sieben Jahren in einem Strandrestaurant am Banana Beach, einer kleinen, palmengesäumten Bucht im Norden der Insel. Hier serviert sie gegrillten Fisch und gekühltes Bier. "Früher hatte ich hier fast nur Gäste aus Europa", sagt sie. "Jetzt kommen hauptsächlich Thailänder an den Strand – aber von denen bringen die meisten ihr Essen selber mit." Dass sie nun ihre erste Impfdosis erhalten habe, sei für sie beruhigend, sagt Wan. Sie glaube aber nicht daran, dass die Öffnungspläne der Regierung zu einer baldigen Rückkehr des Massentourismus führen. "Es wird noch lange dauern, bis wir hier wieder so viele Gäste haben wie früher."

Auch die Behörden geben sich mit Blick auf das Phuket-Experiment nur vorsichtig optimistisch. Sie beziffern ihre Schätzung der ausländischen Gäste für die ersten drei Monate des Pilotversuchs mit "mindestens 100.000". Wenn es gut läuft und die Einreisehürden auch in anderen Regionen fallen, seien landesweit 6,5 Millionen Gäste bis Jahresende möglich. Im Vergleich zum Rekordjahr 2019 wären das etwa 16 Prozent.

Doch die neue Infektionswelle führt den Thailändern derzeit die Unberechenbarkeit der Pandemie vor Augen: Auf Phuket feierten am ersten Aprilwochenende 3.000 Menschen eng aneinander gedrängt auf einer der ersten großen Strandpartys seit Beginn der Krise. Wenige Tage später versuchten die Behörden alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Party ausfindig zu machen – wegen eines Corona-Falls unter den Gästen. Dieser steht offenbar in Verbindung mit einem Cluster, der sich seit Tagen im Nachtleben ausbreitet. Die Behörden beschlossen daraufhin, Bars und Clubs im Großteil des Landes vorerst zu schließen. Und plötzlich scheint die Rückkehr zur touristischen Normalität in Thailand wieder weit entfernt.

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