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Urlaub 2021: Wie verändert Corona das Reisen?

DER SPIEGEL-Logo DER SPIEGEL 27.12.2020 Antje Blinda

Die Coronakrise hat die Welt nachhaltig verändert, auch unsere Art zu reisen. Wie werden wir künftig Urlaub machen und wie muss die Branche sich ändern? Acht Expertinnen und Experten blicken auf das kommende Jahr.

© Adrian Sava / Addictive Stock / imago images

Vor einem Jahr war eine weltweite Pandemie nur ein theoretisches Gedankenspiel. Wir diskutierten intensiv über die Klimakrise und fragten uns: Welchen Anteil hat das Reisen? All die Flüge und Kreuzfahrten?

Diese Fragen sind verblasst. Viel konkreter ist die Bedrohung durch das Coronavirus geworden, viele Grenzen sind geschlossen, für viele Länder gilt eine Reisewarnung, Flugzeuge bleiben am Boden.

Wenn die Welt irgendwann wieder aus der Schockstarre erwacht – werden wir wieder so reisen können wie vorher? Wollen wir das überhaupt? Oder könnte die Krise, die zurzeit Millionen Menschen im Tourismus ihre Existenz nimmt, eine Chance für eine nachhaltigere Entwicklung sein?

Hier erzählen acht Experten und Expertinnen, wie sie in die Zukunft sehen – darunter ein Backpacker, eine Geschäftsführerin des Reiseveranstalterverbands, ein Kreuzfahrt-Professor, eine Bürgermeisterin und ein Guide in Sri Lanka.

»Als würde man sich die Welt noch einmal neu erschließen«

Philipp Laage, Backpacker und Autor von »Vom Glück zu reisen«

»Meine Wertschätzung für das Reisen hat sich auf jeden Fall erhöht, meine Sehnsucht ist groß. Es wird sich ein wenig so anfühlen, als würde ich mir die Welt noch einmal neu erschließen, wenn die Pandemie endlich vorbei ist. Vielleicht fange ich im Allgäu oder in Norditalien an, dann geht es irgendwann nach Portugal oder nach Griechenland oder nach Istanbul. Und dann irgendwann: ein ganz anderer Kontinent! Das wird eine unglaubliche Genugtuung sein, wieder in wirklich ferne Länder aufzubrechen, die sich jetzt noch viel weiter weg anfühlen, und dort zum ersten Mal aus dem Zug oder Flugzeug zu steigen.

Ich glaube, wir werden feststellen, dass es etwas grundlegend anderes ist, ob man sich die Fremde digital ins Wohnzimmer holt oder sie wirklich am eigenen Leib spürt. Ich kann viel über ein Land lesen, aber einen richtigen Eindruck bekomme ich erst, wenn ich einmal da war. Das fehlt mir sehr. Ferne und Fremde sind hier natürlich immer relativ und haben nicht unbedingt etwas mit der geografischen Entfernung zu tun. Es geht um das Gefühl.

Zwar ist das Reisen ein Privileg, aber eben nicht nur ein spaßiges Hobby für Menschen, die sonst keine Probleme haben – sondern ein grundlegendes Bedürfnis: den Alltag vergessen, das Bekannte hinter sich lassen, mal in eine andere Rolle schlüpfen. Dafür muss man nicht wahnsinnig viel Geld ausgeben, dafür muss man nicht nach Bali oder Südafrika. Aber wir Menschen haben einfach den Drang, hin und wieder neue Orte aufzusuchen, um uns selbst und unser Leben auf eine andere Weise zu erfahren – und eine Pandemie ist da doch sehr hinderlich.

Meine naive Hoffnung ist außerdem, dass dieser Wettbewerb verschwinden wird: Wer ist am häufigsten weg? Wer macht die coolsten Trips? Wer hat schon wieder einen supergeheimen Geheimtipp? Die Bilderflut ist momentan etwas abgeebbt, das ist ganz angenehm. Wobei ich da langfristig eher pessimistisch bin.«

»Länder sollten beim Aufbau eines nachhaltigen Inlandstourismus gestärkt werden«

Antje Monshausen, Leiterin der Arbeitsstelle Tourism Watch von Brot für die Welt

»In Entwicklungsländern hat Corona 2020 aufgedeckt, wie fragil das exportorientierte Tourismusmodell mit seinen All-inclusive Ressorts ist. Sie mussten erleben, wie große Konzerne, die hierzulande mit Milliardenkrediten gestützt werden, nicht einmal stattgefundene Reisen vollständig bezahlten. Viele Millionen Menschen im Tourismussektor leiden zum Teil Hunger, denn selbst in besseren Zeiten reichen ihre Einnahmen nicht, um etwas anzusparen. Auch für Kurzarbeitergeld und Überbrückungshilfen waren keine Mittel vorhanden, denn viele Entwicklungsländer verzichten schon seit Jahren auf angemessene Steuereinnahmen aus dem Tourismus, um für Investoren und Konzerne attraktiv zu sein.

Deutlich besser erging es den Menschen in Gegenden, in denen der Tourismus nur ein wirtschaftliches Standbein unter vielen ist. Familien, die Übernachtungen auf ihren Bauernhöfen in Indien oder Kolumbien anbieten, konnten Verluste in diesem Jahr ausgleichen. In einigen Ländern nahm auch der Inlandstourismus zu und konnte einen Teil der Einbußen auffangen. Wie in Deutschland legten viele Länder des Globalen Südens 2020 umfangreiche Marketingprogramme für Reisende aus dem eigenen Land auf. 2020 war auch ein Jahr der Solidarität und Kreativität: Reiseveranstalter entwickelten neue tourismusnahe Angebote, um ihre Partner vor Ort zu unterstützen.

Es gilt nun, diese positiven Erfahrungen zu nutzen, damit der Tourismus nach der Pandemie krisenfester ist als vorher. Im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit sollten Länder beim Aufbau eines nachhaltigen Inlandstourismus gestärkt werden. Hierzulande sollten Konjunkturprogramme und Notkredite nicht das nicht nachhaltige Geschäftsmodell der Platzhirsche subventionieren, sondern den kleinen und mittelständischen Spezialreiseveranstaltern mit Nachhaltigkeitsprofil das wirtschaftliche Überleben sichern, damit sie auch in Zukunft gute Partner für Klein- und Kleinstunternehmen im globalen Süden sein können.

Am Ende profitieren übrigens auch wir als Urlauber von der Zunahme des Inlandstourismus und von mehr Qualität beim Reisen: Wir machen authentischere Erfahrungen jenseits vom Continental Breakfast. Ein Grund mehr, sich auf das Reisen zu freuen – wenn erst mal ausgeschlossen ist, dass man aus Versehen selbst das Virus mitbringt.«

»Wer überlebt hat, wird man erst erkennen, wenn wieder Gäste kommen«

Ruwan Jayasekera, Reiseleiter für Studienreisen in Sri Lanka

»Seit dem Ostersonntag-Anschlag im April 2019 habe ich keine Reisegruppen aus Deutschland mehr. Damals starben 253 Menschen bei Überfällen vor allem auf Christen, und der Tourismus brach ein. Unsere große Hoffnung war 2020 – doch statt der Besucher kam Corona. Am 16. März sollte eine erste Reisegruppe von Studiosus eintreffen, für die ich seit 2000 arbeite. Die Reise wurde drei Tage vorher abgesagt – eine gute Entscheidung. Zum einen wurden dann der Flughafen und Nationalparks geschlossen. Zum anderen war zu der Zeit die Stimmung gegenüber Ausländern feindselig, denn: Anfangs hatten viele Sri Lanker Angst, sie könnten das Virus von außen auf die Insel einschleppen.

So lange war ich noch nie am Stück zu Hause, seit meine Kinder da sind: Meine Tochter ist 17 und mein Sohn 13 Jahre alt. Ich lese viel, lerne klassische Gitarre mit meinem Sohn. Und ich helfe meiner Frau, die Bäckerin ist und online Bestellungen entgegennimmt. Die mit viel Sahne dekorierten Geburtstagskuchen muss man sehr vorsichtig transportieren.

Das gesparte Geld ist langsam aufgebraucht, Reiseleiter haben nur eine sehr geringe Unterstützung von der Regierung bekommen, einmalig und umgerechnet etwa 90 Euro. Daher versuche ich, ein zweites Standbein aufzubauen. Auch um unabhängiger von dem sehr fragilen Tourismusgeschäft zu sein. Wir bieten jetzt Gewürzpackungen und Marmeladen an. Seit Anfang Dezember dürfen wir endlich offiziell produzieren und auch exportieren. Ich habe schon Bestellungen von Freunden aus Deutschland, der Schweiz, England und Neuseeland.

In Sri Lanka haben wir jetzt jeden Tag 300 bis 400 Neuinfektionen und drei bis vier Tote wegen Corona. Seit Anfang Dezember haben meine Kinder Schulferien, sie sind an einer internationalen Schule mit Hauptsitz in Großbritannien und lernen überwiegend online. Die Hälfte der Schulen in Sri Lanka sind allerdings in Regionen, die keinen Handyempfang und kein Internet haben. Die Regierung plant, den internationalen Flughafen für Touristen wieder zu öffnen – als Pilotprojekt erst für Gäste aus Russland, Ukraine und Kasachstan.

Ich hoffe, dass der Tourismus als drittwichtigste Einnahme der Insel bald wieder starten kann. Direkt und indirekt sind weit über eine Million Menschen arbeitslos – Angestellte von Reisebüros, Fluggesellschaften, Hotels und Restaurants, Souvenirläden, Reiseleiter wie ich, aber auch Bauern, Fischer und Metzger, die die Hotels beliefern. Wer überlebt hat, wird man erst erkennen, wenn wieder Gäste kommen.«

Für Sri Lanka besteht keine Reisewarnung. Das Land war bisher weniger von Covid-19 betroffen, seit Anfang Oktober steigen die Zahlen - bisher starben etwa 180 Menschen. Ausländer dürfen allerdings bisher nicht einreisen.

»Fliegen wird eher die Ausnahme als der Normalfall«

Daniel Rieger, Leiter Verkehrspolitik beim Naturschutzbund (Nabu)

»Ein Zurück zum Vorkrisen-Niveau wird es nicht geben, das ist schon heute absehbar. Unabhängig davon, wann wir das Coronavirus soweit unter Kontrolle gebracht haben, dass auch Reisen in ferne Länder wieder möglich sein wird. Als Umwelt- und Klimaschützer beobachte ich diesen erzwungenen Neustart der Reisebranche mit Spannung und Neugier. Denn die Selbstverständlichkeit, mit der der wohlhabende Teil der Weltbevölkerung in den vergangenen Jahren zu Schnäppchenpreisen das Flugzeug bestiegen hat, hatte ein Maß an Dekadenz erreicht, das alle Erkenntnisse über den Klimawandel beiseiteschob.

Heute stehen viele Terminals verwaist, Airlines werden mit staatlichen Hilfsprogrammen gestützt. Das wird nicht ewig so weitergehen, weshalb sich die Zahl der Flughäfen, Fluggesellschaften und –verbindungen weltweit deutlich reduzieren wird. Das und der sukzessive Umstieg auf klimaneutral erzeugtes Kerosin werden zu einem deutlichen Anstieg der Ticketpreise führen – und damit einem reduzierten Passagieraufkommen. Fliegen wird eher die Ausnahme als der Normalfall.

Die Bahn könnte als Gewinner aus der Krise hervorgehen. Schließlich stiegen die Fahrgastzahlen vor Corona zuletzt deutlich und die zusätzlichen Investitionen in das Schienennetz, Züge und Personal werden das Angebot verbessern. Kreuzfahrten waren in den vergangenen Jahren sehr beliebt – die Pandemie hat die Verletzlichkeit dieser Reiseform offenbart: Die vereinzelten Versuche, hier einen Neustart zu organisieren, haben gezeigt, wie schwierig es werden dürfte, die alte Unbeschwertheit wieder herzustellen. Die Konsequenz? Eine drastische Reduktion der Passagierzahl sowie höhere Ticketpreisen.

Blieben noch das Auto, das Wohnmobil und das Fahrrad: Für alle drei individuellen Reiseformen erwarte ich eine deutliche Zunahme in den kommenden Jahren. Gleichzeitig gehe ich davon aus, dass der Trend zu innerdeutschen Reisen anhalten wird, der sich dieses Jahr erheblich verstärkt hat.«

»Der Andrang am Strand ist auch jetzt sehr hoch«

Bettina Schäfer, Bürgermeisterin der Gemeinde Scharbeutz an der Ostsee

»Der vergangene Sommer war für uns alle ein Lerneffekt und mit vergleichsweise niedrigen Inzidenzzahlen aus heutiger Sicht noch einfach. Dennoch: Corona hat bei uns viel verändert – und der Prozess ist lange noch nicht abgeschlossen. Im Frühjahr hatten wir den ersten Shutdown und durften im Mai wieder loslegen, nachdem wir mit vielen Tourismusunternehmen in Scharbeutz für ganz Schleswig-Holstein ein Wiedereröffnungskonzept erarbeitet hatten.

Der Sommer war dann sehr sportlich für uns: Viele sind aufgrund der Corona-Pandemie nicht ins Ausland gefahren, sondern haben Urlaub im eigenen Land gemacht. Dementsprechend war es sehr voll, wir mussten uns rechtzeitig Gedanken für eine Besucherlenkung am Strand machen. Ich habe daher frühzeitig eine Strandampel angestoßen, die anzeigt, wie voll es zwischen Scharbeutz und Rettin ist – und die im Zweifel auch auf geschlossene Strände hinweist.

Zunächst wurden wir belächelt, NDR 1 hat sich darüber sogar mit einem Cartoon lustig gemacht. Schnell haben dann aber auch die Nachbarkommunen gemerkt, dass das nötig wird. Wir mussten an zwei Wochenenden sogar Scharbeutz und Haffkrug für Tagestouristen dicht machen und den Verkehr nur noch durchleiten. Für eine Gemeinde, die weitestgehend vom Tourismus lebt, heißt das, Mut und Rückgrat zu beweisen. Unsere Bürgerinnen und Bürger sowie unsere Gäste haben es uns aber sehr gedankt.

Inzwischen haben wir zwei Preise für innovatives Denken und Planen erhalten. Das System wurde weiterentwickelt und zeigt jetzt auch die Parkplatzkapazitäten an, 2021 auch ein Badeverbot bei starken Ostwinden. Der nächste Sommer wird mindestens eine so große Herausforderung, denn immer noch werden viele Urlaub im eigenen Land machen. In diesem Jahr hat die freiwillige Feuerwehr gemeinsam mit dem Bauhof die Verkehrslenkung übernommen, im nächsten werden wir wesentlich mehr Unterstützung durch die Polizei brauchen. Im Moment bereiten wir die kommenden Feiertage vor – bei gutem Wetter ist auch jetzt noch der Besucherandrang am Strand sehr hoch. Aber auch das schaffen wir.«

»Kreuzfahrten werden teurer«

Alexis Papathanassis, Professor für Cruise Tourism Management an der Hochschule Bremerhaven

»Kreuzfahrt wird es weiterhin geben – sie wird sich aber verändern. Inwiefern? Die Coronakrise hat einige zuvor schon erkennbare Trends noch mal beschleunigt. Erstens: Wir werden viele neue Prozesse, Hygieneprotokolle und Technologien – vor allem Smart Technologien – an Bord sehen, Digitalisierung und Automatisierung sind hier hochrelevant. Kreuzfahrtschiffe werden weiterhin größer, aber auch smarter!

Die Reederei können zum Beispiel per Handy-Apps die Kapazitätsauslastung der gemeinschaftlich genutzten Orte auf dem Schiff kontrollieren und optimieren und Krisen wie eventuelle Virusausbrüche managen. Und sie ermöglicht dem Personal, mit den zusätzlichen Aufgaben der Hygieneprotokolle zurechtzukommen – wenn etwa Info-Touchscreens auf den Fluren und Roboter an Rezeptionen eingesetzt werden. Zweitens: Das Buchungsverfahren wird flexibler werden, stornieren und umbuchen einfacher. Auch hier wird künstliche Intelligenz helfen.

Drittens wird der geschützte und kontrollierbare Raum, die »Cruise Bubble«, den ein Schiff darstellt, nach und nach wieder erweitert. Mit ausgewählten Partner wie Häfen oder Attraktionen an Land. Die Reedereien werden zunächst, kürzere Routen in der Nähe des Heimathafens bevorzugen. Die Tendenz zu größeren Schiffen wird sich dabei verstärken – die Gäste bleiben mehr an Bord und in ihrer Kabine.

Die Flotte wird durch diese Krise modernisiert, die Gesamtumweltbilanz der Branche verbessert: Viele ältere Schiffe werden nun ausgemustert beziehungsweise verschrottet, die jüngeren Schiffe haben neue Technologien, die Energiekosten sparen und damit umweltfreundlicher sind. Ich gehe daher auch davon aus, dass Kreuzfahrten teurer werden. Denn die Kapazitäten werden geringer sein, sowohl der ganzen Branche als auch die eines Schiffes. Zugleich müssen die Reedereien investieren, um diesen Wandel umzusetzen.

Die Prozeduren und Protokolle an Bord werden wohl auch nach Corona bleiben, um auf die nächste Pandemie vorbereitet zu sein – ähnlich wie im Flugverkehr nach 9/11. Die Tourismusbranche und damit die Kreuzfahrt wird erneut die schwere Aufgabe vor sich haben, das Gleichgewicht zu halten: zum einen für genügend Sicherheit und zum anderen für ein entspanntes Urlaubsgefühl, für Unterhaltung und Spaß zu sorgen.»

»Nachhaltig als das neue Normal im Reisen«

Petra Thomas, Geschäftsführerin des Reiseveranstalterverbands forum anders reisen e.V.

»Die Coronakrise hat die Branche dazu gebracht, ihre Geschäftsmodelle infrage zu stellen: Sei es die schon lang diskutierte Beratungsgebühr bei den Reisebüros, die nun im Eiltempo etabliert wurde. Sei es die Einschränkung bei Inlandsflügen durch die Airlines – die Lufthansa hat zu Beginn der Krise zuallererst die innerdeutschen Flüge ausgesetzt. Sei es die Erkenntnis zur Bedeutung der Bahn als Transportmittel in Europa – die EU strebt mehr innereuropäischen Zugverbindungen an.

Plötzlich ist vieles möglich, was vorher undenkbar war. Die Covid-19-Pandemie wirkt als Katalysator.

Die Menschen erleben einen Bruch mit den selbstverständlich gewordenen Reisegewohnheiten - und viele können daher Reisen wieder als etwas Besonderes wahrnehmen. Die Wertschätzung steigt und damit auch der Anspruch an seine Qualität. Dafür müssen wir in der Branche aber auch die Weichen stellen: neue Angebote gestalten, Qualität statt Quantität, und das zu einem fairen Preis für alle Beteiligten. Hygiene- und Infektionsschutzkonzepte hat die Branche bereits umgesetzt.

Das Ausbleiben des Tourismus hat wie unter einem Brennglas gezeigt, welche Wirkung die Reisen auf die Destinationen, ihre Menschen und die Natur hat. Und dies im Positiven wie im Negativen: An Thailands Stränden beispielsweise hat sich die Natur erholt, in Venedigs Kanälen die Fischwelt, in Afrikas Nationalparks ist dagegen die Wilderei gewachsen. Auch wie stark touristische Angebote sich wirtschaftlich und sozial auf die Menschen auswirken, wird deutlich: Besonders vulnerable Gruppen, darunter Frauen und Kinder, leiden unter den Folgen der fehlenden Einnahmen.

Das bietet eine Chance: Nämlich den Wiederaufbau des Tourismus so zu gestalten, dass die Angebote den größtmöglichen Nutzen für Mensch und Natur bringen. Nachhaltige Reisegestaltung, die mit den Menschen der Region gemeinsam entwickelt wird, ist das Zukunftsthema im Tourismus. Nachhaltig als das neue Normal im Reisen.«

»Wir werden nicht zurückkommen – das ist klar, oder?«

Claudia Brözel, Professorin für Tourismuswirtschaft an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde

»Was Corona uns gelehrt hat, ist die Reise nach innen. Die Rückschau auf uns selbst – wie ist mein Körper, wie mein Geist? Die Themen waren schon immer in der Gesellschaft vorhanden, sind aber im Moment verstärkt. Eine Studentin von mir schreibt zum Beispiel gerade eine Masterarbeit über Retreats, da sie festgestellt hat, dass viele in ihrem Umfeld solche Rückzüge vom Alltag jetzt machen.

Eine totale Verunsicherung nehme ich in der Tourismusbranche wahr, die sich auf Massentourismus spezialisiert hat. Durch Corona findet eine starke Marktbereinigung statt. Mir tut es wahnsinnig leid für alle, die untergehen. Das ist vielleicht ein Gastronom auf dem Land, der nicht in Digitalisierung investiert hat, oder viele Reisebüros. Dabei müssen die Unternehmen nicht sterben, egal, wo sie in der touristischen Wertschöpfungskette sitzen, wenn sie innovativ sind, Ideen haben und bereit sind, über den Tellerrand hinauszugucken. Das ist das Einzige, was im Moment wirklich alle nach vorne bringt.

Jetzt werden viele Angebote entstehen, die eher die ökologische oder die soziale Komponente im Blick haben. Wir alle sitzen ja jetzt im Lockdown drinnen und wollen im Frühling wieder raus – dann haben all diese Start-ups ihre Chance, die etwa Tiny Houses, Cabins oder Zelte vermieten oder etwas mit Campen zu tun haben. Auch viele Destinationen haben die Zeit genutzt. Darunter Venedig, das seit März die Stadt mit Beacons ausgerüstet hat. Die Touristen werden an einer Brücke mit ihren Smartphones getrackt und die Besucherbewegungen auf einem riesigen Dashboard angezeigt. Übers Handy erhält man dann Tipps, wo gerade weniger los ist.

Normalität – also Verhältnisse, wie wir es aus den Jahren 2018 oder 2019 kennen – wird 2021 nicht stattfinden. Die Frage wird sein, wie gehen wir mit den Folgen von Corona um. Und nicht, wann das Ganze zu Ende ist, nicht, wann wir wieder zurückkehren zu 2019. Wir werden nicht zurückkehren – das ist klar, oder?«

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