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US-Experte schlägt Alarm: Führt das Übergewicht der boomenden Elektro-SUV zu mehr tödlichen Verkehrsunfällen?

Business Insider Deutschland-Logo Business Insider Deutschland 12.04.2022 Elias Holdenried

Wenn es um das Thema Auto geht, handelt es sich bei den USA seit jeher um das Land der Giganten. Während von den Fünfziger- bis Siebzigerjahren vor allem Straßenkreuzer à la Cadillac Eldorado oder Lincoln Continental die Highways beherrschten, werden seit den 1980ern vor allem SUV immer beliebter.

Neben den uramerikanischen und betont praktisch veranlagten Pick-ups versteht sich, die in der Käufergunst der US-Bürger schon immer ganz weit oben standen. 2021 war die F-Baureihe aus dem Hause Ford zum 40. Mal in Folge das meistverkaufte Auto der USA. Die Pritschenwagen Dodge Ram und Chevrolet Silverado komplettierten im vergangenen Jahr das Podium.

"Bigger is Better" als Motto beim Autokauf

Beim Autokauf zeigt sich ein Großteil der Amerikaner von realen Problemen wie dem Klimawandel, Ressourcenknappheit oder dem Platzmangel in den Städten gänzlich unbeeindruckt. Während die Zulassungszahlen klassischer Limousinen und Kombis schon seit längerem zurückgehen, werden die Anteile von SUV und Pick-ups bei der Kundschaft immer größer. Vor allem letztere haben sich über die Zeit von reinen Nutzfahrzeugen zu Lifestyle- und Kult-Objekten entwickelt.

Eine Entwicklung, die dem US-Experten Michael Anderson schon vor mehr als zehn Jahren Bedenken bezüglich der Verkehrssicherheit machte. Der Professor an der University of California, der unter anderem auf dem Gebiet der Verkehrswirtschaft forscht, hatte 2011 eine Studie veröffentlicht, die sich explizit mit den Folgen immer schwerer werdender Autos befasste.

Gefahr für andere Verkehrsteilnehmer

Übersetzt trug die Arbeit den Titel "Pfunde, die töten: Die Fremdkosten des Fahrzeuggewichts" und kam zu dem Schluss, dass schwere Fahrzeuge wie SUV oder Pick-ups zwar bei der Sicherheit der Passagiere Vorteile bieten, für andere Verkehrsteilnehmer bei Unfällen aber eine große Gefahr darstellen können. Aufgrund des höheren Fahrzeuggewichts falle der Aufprall bei einer Kollision deutlich heftiger aus, was vor allem für Fahrer und Mitfahrer älterer sowie kompakter Autos fatale und mitunter auch tödliche Folgen habe. Von Fußgängern ganz zu schweigen.

Die Zahlen scheinen Anderson Recht zu geben. In den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres sind auf US-amerikanischen Straßen 31.720 Menschen ums Leben gekommen – zwölf Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Von 2011 bis 2017 war die Zahl der Verkehrstoten schrittweise von rund 32.000 auf 37.800 gestiegen. Fast schon parallel dazu nimmt auch das Durchschnittsgewicht der Fahrzeuge in den USA immer weiter zu.

Immer mehr Fußgänger sterben in den USA

Bei den im Straßenverkehr getöteten Fußgängerinnen und Fußgängern fällt der Zuwachs noch heftiger aus. 2020 sind in den Vereinigten Staaten 6519 Passanten gestorben – 59 Prozent mehr als elf Jahre zuvor. Das "Insurance Institute for Highway Safety" (IIHS) sieht auch hier einen Zusammenhang mit dem SUV- und Pick-up-Boom. Auch, wenn es nicht das Gewicht als Hauptproblem erkannt hat.

Laut einer Studie des Instituts kollidieren Fahrzeuge dieser beiden Gattungen deutlich öfter mit Personen, vor allem wenn sie links abbiegen. Pick-ups laut der Studie sogar 42 Prozentpunkte häufiger als kompaktere PKW. IIHS begründet dies mit der schlechteren Rundumsicht. Vor allem die dicken B-Säulen sowie die hohen Motorhauben schränkten die Sicht des Fahrers ein. Beides Eigenschaften, die sich Pick-ups mit SUV teilen.

Große Karosserien plus schwere Batterien

Die Autobauer möchten ihre Modellpaletten zukunftssicherer gestalten und dabei die zwei größten Trends der Branche miteinander kombinieren. Deshalb handelt es sich bei einer Vielzahl der neuen Elektromodelle, die aktuell auf den Markt kommen, um SUV oder Pick-ups. Allein in den USA kommen dieses Jahr Dutzende neue Fahrzeuge dieser Gattung auf den Markt.

Michael Anderson hat laut dem US-Medium "Bloomberg" angesichts dieser Entwicklung abermals vor den Risiken der immer schwerer werdenden Autos gewarnt. Aufgrund ihrer massiven Batterien bringen elektrisch angetriebene SUV und Pick-ups nochmals deutlich mehr auf die Waage als vergleichbare Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor. Die vom Insurance Institute for Highway Safety angeprangerten Problemzonen – B-Säule und hohe Motorhauben – bleiben trotz des Wechsels der Antriebsart natürlich ebenfalls weiterhin bestehen.

Im Schnitt mehrere hundert Kilo schwerer

Der neue Hummer EV kann getrost als Extrembeispiel in Sachen automobiler Fettleibigkeit genannt werden. Die zivile Neuauflage des ehemaligen Militärvehikels ist fünfeinhalb Meter lang, über zwei Meter hoch und mehr als vier Tonnen schwer. Zum Vergleich: Der mit einem konventionellen V8-Motor ausgerüstete und bis 2010 angebotene Hummer H2 war mehr als eine Tonne leichter.

Doch auch bei bodenständigeren Elektromodellen fällt das Übergewicht beträchtlich aus, weshalb die Thematik nicht nur in den USA, sondern auch hierzulande relevant ist. Der Audi e-tron ist mit seinen knapp 2,6 Tonnen nochmals rund eine halbe Tonne schwerer als der größere Markenbruder Q7. Volkswagens elektrischer Hoffnungsträger, der ID.4, bringt je nach Version im Schnitt zwei Tonnen auf die Waage, während auf dem Datenblatt des herkömmlich angetriebenen Tiguan circa 1,6 Tonnen stehen.

Nach der Ansicht von Michael Anderson ist aber nicht das Durchschnittsgewicht das große Problem, sondern dass irgendwann deutlich zu viele Fahrzeuge dieser schwergewichtigen Gattung die Straßen bevölkern. "Es könnte ein zeitliches Fenster geben, in dem es ziemlich unsicher werden könnte, ein kleineres Auto mit Verbrennungsmotor zu fahren und damit in Unfälle mit mehreren Fahrzeugen zu geraten", sagt der Universitätsprofessor zu "Bloomberg".

Der Rivian R1T wiegt 2,7 Tonnen und kombiniert zwei Trends in sich. © Bereitgestellt von Business Insider Deutschland Der Rivian R1T wiegt 2,7 Tonnen und kombiniert zwei Trends in sich.

ADAC-Experte sieht keine erhöhte Gefahr

Burkhard Böttcher vom ADAC entkräftet Andersons Befürchtungen auf Anfrage von Business Insider. Die Verkehrssicherheit von E-Fahrzeugen stehe der von Verbrennern in nichts nach. "Entscheidend ist nicht in erster Linie das Gewicht eines Fahrzeugs, sondern seine Ausstattung mit Fahrsicherheitssystemen, allen voran mit Notbremsassistenten, die Auffahrunfälle und Unfälle mit Fußgängern und Radfahrern verhindern oder zumindest deren Schwere verringern können", meint Böttcher.

Da die meisten Elektromodelle meist noch recht frisch auf dem Markt und in höherpreisigen Segmenten positioniert sind, fällt deren Sicherheitsausstattung in den meisten Fällen üppig aus. Die Bremswerte der E-Autos stehen denen konventionell angetriebener Modelle zumeist in nichts nach. Einige Stromer haben in dieser Disziplin trotz des höheren Fahrzeuggewichts sogar die Nase vorn und kommen früher zum Stillstand.

Hier macht sich neben den verstärkten Bremsanlagen auch die Rekuperation positiv bemerkbar, da sie die Geschwindigkeit des Autos zusätzlich reduziert. Da ihre Stromspeicher meist zwischen den Achsen im Unterboden positioniert sind, verfügen viele E-Autos über eine nahezu ideale Gewichtsverteilung, was im Idealfall zu einem sicheren Fahrverhalten und einem einfachen Handling führt.

Selbst wenn ein übergewichtiges E-SUV in eine Kollision verwickelt wäre, seien die Folgen nicht fataler als bei einem Verbrenner: "Beim Kompatibilitäts-Test des Euro NCAP wird betrachtet, wie stark das mit Versatz gegen die rollende Barriere crashende Fahrzeug das Deformationselement prägt. Der Abdruck gibt Hinweise darauf, wie tief in den Unfallgegner eingedrungen würde. Ab 2020 wurden das Gewicht und die Geschwindigkeit des seitlich eindringenden Barrierewagens erhöht", sagt Böttcher. Die Tests seien an die aktuellen Entwicklungen bei den Fahrzeugen angepasst worden.

Die Akkus dürften leichter werden

Selbst wenn es keinerlei schwerwiegende Auswirkungen auf die Verkehrssicherheit hätte, sollte das Gewicht der Elektrofahrzeuge in Zukunft sinken. Es beeinträchtigt nämlich die Effizienz der Fahrzeuge und sorgt so für einen höheren Stromverbrauch.

Maximilian Fichtner, der stellvertretende Direktor des Ulmer Helmholtz-Instituts, ist jedoch der Meinung, dass sich das Problem der schweren Batterien in einigen Jahren erledigt haben werde. Sowohl die aktuell dominierenden Lithium-Ionen-Batterien als auch die heiß erwartete Feststoffbatterie verfügen laut dem Forscher mittelfristig über das Potenzial, bei einem niedrigeren Gewicht einen deutlich höheren Energiegehalt zu bieten.

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