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Volkswagen alarmiert: Größter Autobauer der Welt gerät mitten in erbitterten Machtkampf zweier Riesenstaaten

Business Insider Deutschland-Logo Business Insider Deutschland 07.09.2020 Andreas Baumer
Vorstellung des VW Tiguan Anfang 2020 im indischen Mumbai. © Bereitgestellt von Business Insider Deutschland Vorstellung des VW Tiguan Anfang 2020 im indischen Mumbai. Himanshu Bhatt, NurPhoto

Sie sind die bevölkerungsreichsten Länder der Erde, stellen zusammen jeden dritten Einwohner auf dem Globus, grenzen im höchsten Gebirge der Welt, im Himalaya, aneinander — und stehen sich in diesen Tagen feindselig wie selten gegenüber.

Die Spannungen zwischen den aufstrebenden Riesenstaaten China und Indien sind inzwischen so groß, dass kein Geringerer als Volkswagen, der größte Autobauer der Welt, Alarm schlägt. Und Indien, den scheinbar Schwächeren der beiden asiatischen Schwergewichte, in die Schranken weist. Mit der gar nicht so versteckten Botschaft: Übertreibt es nicht im Konflikt mit China!

Es sei nicht einfach, Geschäfte in Indien zu machen, zitiert die Zeitung "Times of India" Volkswagens obersten Indien-Vertreter Gurpratap S. Boparai. Importeinschränkungen für Teile aus China seien rückwärtsgewandt und ein "altes sozialistisches Modell". Derlei Pläne würden Indiens Wettbewerbsfähigkeit schaden und Exportaussichten eintrüben. "Jede reflexhafte Reaktion kann uns weiter wehtun."

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China ist für Volkswagen wichtigster Markt weltweit

Seit 19 Jahren ist Volkswagen in Indien, einem Riesenland mit mehr als 1,3 Milliarden Einwohnern, aktiv. Inzwischen verkauft der Konzern dort Autos seiner Kernmarke genauso wie Skodas, Audis, Porsches und Lamborghinis.

Volkswagen betreibt nach eigenen Angaben in Chakan (Pune) und Shendra (Aurangabad) zwei Werke. In der Vergangenheit wurden dort etwa 200.000 Fahrzeuge jährlich produziert. Indien gilt zudem als Markt der Zukunft, wuchs bereits in den vergangenen Jahren um durchschnittlich mehr als drei Prozent. Heißt für Volkswagen: Das Land dürfte in Zukunft noch an Bedeutung gewinnen — gleichermaßen als Produktionsstätte und Absatzmarkt.

Bis zur Wirtschaftsmacht China ist es für Indien allerdings noch ein weiter Weg. Kein Land der Welt war für Volkswagen in den vergangenen Jahren wichtiger als die Volksrepublik. Eine rasant wachsende, autohungrige Mittelschicht im 1,4-Milliarden-Einwohnerland bescherte dem Wolfsburger Autobauer Rekordumsätze.

Inzwischen sind alle VW-Marken in China vertreten, betreibt der Konzern nach eigenen Angaben 33 chinesische Werke. Allein 2019 lieferte Volkswagen mit seinen Joint-Venture-Partnern 4,2 Millionen Fahrzeuge auf dem chinesischen Festland und in Hongkong aus. Damit stellt China den restlichen asiatisch-pazifischen Markt (insgesamt 0,3 Millionen), darunter Indien, klar in den Schatten.

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China ist auch für Volkswagen als Zulieferland wichtig

China ist für Volkswagen aber auch als Zulieferland immens wichtig — und wird wegen seiner Vormachtstellung in der E-Mobilität immer wichtiger. Muss sich Volkswagen also zwischen China und Indien entscheiden, dürfte die Wahl klar pro China ausfallen.

Erst Mitte Juni waren chinesische und indische Truppen an der Grenze aneinandergeraten. Das Ergebnis: mindestens 20 getötete indische Soldaten und massive Anti-China-Proteste in Indiens Großstädten. China vermied es, eigene Opferzahlen zu veröffentlichen, um die Lage nicht noch weiter eskalieren zu lassen. Es war der schlimmste Grenzzwischenfall zwischen den beiden Ländern seit Jahrzehnten.

Anschließend gab es Gespräche von Militärvertretern der beiden Atommächte. Laut den indischen Regierungskreisen entfernten chinesische Truppen Zelte und Strukturen in der Nähe des Tals, wo der Zwischenfall stattgefunden hatte. Vom chinesischen Außenamt hieß es dazu: "Es gab Fortschritte beim Ergreifen von effektiven Maßnahmen zum Rückzug und zur Beruhigung der Spannungen durch Fronttruppen."

Die Gefahr einer militärischen Eskalation scheint damit gebannt, die Gefahr eines Handelskrieges aber noch lange nicht. Indiens nationalistischer Premierminister Narendra Modi will sein Land zunehmend aus der Abhängigkeit des großen Nachbarn befreien. Auch deshalb lässt seine Regierung prüfen, ob Indien wichtige Güter wie Solarpanels, aber auch Autoteile künftig nicht anderweitig beziehen kann oder gar selbst herstellt.

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VW-Chef in Indien: "Wir sind in einer globalisierten Welt"

Bemerkenswert ist zudem, dass Indien in jüngster Zeit verstärkt die Nähe zu den USA, Chinas großem globalen Konkurrenten, sucht. Das Misstrauen in Peking gegenüber Neu-Delhi ist jedenfalls deutlich gewachsen. Schon jetzt sieht sich China in der eigenen Region von US-Verbündeten umzingelt.

Mit Volkswagen scheint China aber einen mächtigen Verbündeten im Kampf gegen indische Protektionismus-Pläne zu haben. Globale Konzerne wie der Wolfsburger Autobauer verabscheuen Handelsbarrieren. Sie benötigen offene Märkte, damit ihre globalen Lieferketten möglichst effizient und effektiv funktionieren.

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Daran erinnerte nicht zuletzt Volkswagens Indien-Geschäftsführer Boparai im Gespräch mit der "Times of India": "Wir sind in einer globalisierten Welt", zitiert ihn die Zeitung. "Wenn wir ein Exporteur sein wollen, brauchen wir auch Importe." Wer wolle, dass einem andere Märkte zugänglich blieben, müsse auch seinen eigenen Markt offen halten.

Volkswagen Indien China © Himanshu Bhatt, NurPhoto Volkswagen Indien China
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