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VW-Abhöraffäre: Volkswagen hat im Machtkampf mit Prevent versucht, bei 217 Zulieferern Vorkaufsrechte oder eine „Informationspflicht“ einzuholen

Business Insider Deutschland-Logo Business Insider Deutschland 12.09.2020 Philip Kaleta

Zur Geheimoperation "Projekt 1" gibt es im VW-Konzern nicht viele Unterlagen. Zu groß ist die Angst gewesen, dass vertrauliche Informationen an den Gegner, den bosnischen Zulieferer Prevent gelangen. Wie aus heimlich mitgeschnittenen Sitzungen hervorgeht, wurden offenbar sensible Dokumente im Tresor des Vorstandsvorsitzenden verwahrt, darunter die frühe Anweisung Prevent aus dem Weg zu räumen.

"Den Beschluss gibt es nur einmal im Safe, den gibt es offiziell gar nicht", sagte der Leiter von "Projekt 1" Anfang 2018 in einer internen Runde. "Die wollen im Vorstand gar nichts festhalten dazu. Ich habe aber gesagt, 'Leute' irgendetwas muss ich dazu haben. Das Papier wurde von allen Vorständen unterschrieben und ging in den Safe. Da habe ich auch ein bisschen an mich gedacht."

Zu dieser heimlich mitgeschnittenen Sitzung von "Projekt 1" will sich VW nicht äußern. „Bitte haben Sie Verständnis, dass wir interne Abläufe, die vertrauliche Informationen und Prozesse betreffen, nicht öffentlich kommentieren", sagt ein Sprecher auf Anfrage. Mehr als ein Jahr arbeitete die Projektgruppe im Verborgenen an der sogenannten „Aussteuerung“ von Prevent. Eine Mission, bei der es oft um die Frage ging, wie weit der Konzern gehen darf, um sich eines unliebsamen Geschäftspartners zu entledigen. Fest stand nur: Nie wieder sollte der größte Autohersteller der Welt so hilflos sein. Nie wieder sollte Prevent mit Lieferstopps die Produktion tagelang lahmlegen können.

Wie aus den Tonaufnahmen hervorgeht, hat VW versucht, die Bosnier auf dem Automarkt zu isolieren, Kooperationen oder Übernahmen von anderen Lieferanten systematisch zu lokalisieren und zu verhindern. Exakt 217 Namen von Zulieferern finden sich auf einer vertraulichen Liste von "Projekt 1". Diese Firmen waren aus VW-Sicht von einer Einflussnahme durch Prevent bedroht. „Wir haben entsprechend die Lieferanten integriert, die potenziell für eine Übernahme infrage kommen und mit einem entsprechenden Drohpotential ausgezeichnet“, erklärt ein Manager laut VW-Tapes.

Die Wolfsburger haben die 217 Zulieferer in drei Kategorien unterteilt: Gruppe A waren die Zulieferer, die am ehesten von einer Übernahme bedroht waren. Es waren genau 44 Firmen, bei denen sich Volkswagen entweder eine sogenannte „Informationspflicht“ eingeholt hat – falls Prevent einmal anklopfen sollte – oder gleich das Vorkaufsrecht absichern wollte. 

© Bereitgestellt von Business Insider Deutschland

Eine der Firmen auf der Liste war Inter Groclin. Die polnische Firma lieferte jahrelang exklusiv die Bezüge für die VW-Modelle Arteon und T5 (Bus). „Eine Nähbude mit 50 Millionen Euro Umsatz durfte die Sitzbezüge für den T5 und Nutzfahrzeuge zuliefern, das war für uns wie ein Sechser im Lotto“, sagt ein hochrangiger Mitarbeiter des Unternehmens. Als VW aber erfuhr, dass Prevent sich bei der Firma einkaufen, sie gar übernehmen wollte, schrillten in Wolfsburg die Alarmglocken.

3,5 Millionen Euro für ein Vorkaufsrecht

Die Polen mussten für den Arteon enorme Produktionskapazitäten vorhalten, die Preise niedrig halten und die Produkte permanent zur Qualitätskontrolle nach Wolfsburg schicken. So wurde der Traumdeal zum Verlustgeschäft und Groclin geriet 2017 in Geldnöte. Um eine Übernahme durch Prevent zu verhindern, bot VW finanzielle Unterstützung an. „Er (Der Geschäftsführer von Inter Groclin, Anm. d. Red) hat ein Problem mit seinem Jahresabschluss 2016", erklärt der Leiter von "Projekt 1" in einer vertraulichen Sitzung im März 2017. "Da hängt seine ganze AG dran. Wenn er die 2 Millionen nicht kriegt, dann geht sein ganzes Geschäftsmodell flöten. Da haben wir den Kerl eigentlich in der Ecke. Der hat uns auch zugesagt, dass er das unterschreibt. (..) Diese Ecke müssen wir jetzt nutzen."

Insgesamt bot Volkswagen 3,5 Millionen Euro an Hilfen – verlangte im Gegenzug aber Vorkaufsrecht. Eine entsprechende interne Vereinbarung unterschrieb laut VW-Tapes der heutige VW-Markenvorstand Ralf Brandstätter. Dabei war das Papier umstritten. „Wenn das hier jetzt Herr Brandstätter und (...) unterschreiben, wollen wir dann ernsthaft reinschreiben „Blockade eines Verkaufs an Prevent“?“, fragt ein Jurist in der Runde. Etwas später setzt er nach: „Wenn das aus rechtlicher Sicht unproblematisch ist, dann sag ich jetzt nichts mehr“.

Bei einigen Teilnehmern in der Runde kommt die Warnung an. „Es ist schon richtig. Das ist sehr hart. Das ist ein internes Dokument. Wir haben schon besprochen, dass es auch intern bleibt. Wir müssen uns überlegen, was passiert, wenn das an die Öffentlichkeit kommt, was da steht. Ich weiß nicht, ob man es nicht in der Endfassung rausnehmen könnte“, sagt ein Manager.

Auf Anfrage erklärt ein VW-Sprecher, dass es aufgrund der schlechten Erfahrungen mit Prevent eine "unternehmerische Verantwortung" gewesen sei, "insbesondere die Lieferbeziehung mit Prevent und deren Tochtergesellschaften (...) zu überprüfen und geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um die Versorgungssicherheit mit wichtigen Bauteilen zu gewährleisten". Verschiedene Gerichte hätten bestätigt, dass die Prevent-Gruppe sich gegenüber dem Volkswagen Konzern und betreffenden Marken über die Jahre wiederholt rechtswidrig und erpresserisch verhalten habe.

Groclin nahm schließlich das Geld aus Wolfsburg und lehnte das Angebot von Prevent ab. Ein Jahr später war die Zusammenarbeit von VW und Groclin aber beendet. Der Umsatz rutschte von 35 auf acht Millionen Euro ab. Mittlerweile geht es nur noch um die Zerschlagung des Unternehmens. Einen Fragenkatalog von Business Insider ließ Inter Groclin unbeantwortet.

Vor allem in den USA könnten die Vereinbarungen mit Zulieferern noch ein Nachspiel haben. Weil VW angeblich das Geschäft von Prevent in Amerika kaputt gemacht hat, klagen die Bosnier auf Schadensersatz. Absprachen zwischen Autobauern und großen Direktlieferanten sind in den USA strikt geregelt. Umso beachtlicher sind mitgeschnittene Gespräche bei "Projekt 1" über den sogenannten Tier-1-Zulieferer Adient. „Wir sind mit Adient in der Verhandlung", erklärte ein Manager Anfang 2017 den VW-Tapes zufolge. "Ich habe vergangenen Freitag sogar einen Letter bekommen, einen Formulierungsvorschlag."

Um sich von Prevent zu befreien, aber die Produktion nicht zu gefährden, verteilte VW die Lieferumfänge der Bosnier bereits frühzeitig auf andere Unternehmen – im Hintergrund. Dabei sollte "Adient" u.a. den Auftrag für Sitzbezüge übernehmen. Brisant: Adient ersetzte aber nicht nur Prevent bei VW, der Zulieferer beendete damals auch die jahrelange Kooperation mit der bosnischen Firmengruppe. Nach Ansicht von Prevent gehörte dies zur Absprache zwischen VW und Adient und war rechtswidrig.

Auf Nachfrage will sich Adient nicht zu dem Sachverhalt äußern. Ein VW-Sprecher sagt: "Die Volkswagen AG hält sich an gesetzliche sowie interne Vorgaben. Unser rechtstreues Verhalten umfasst etablierte und partnerschaftliche Prozesse in den Lieferantenbeziehungen ebenso wie die Beachtung der jeweils relevanten Compliance-Richtlinien des Unternehmens. Die verantwortlichen Mitarbeiter unterliegen dabei klaren Handlungsanweisungen und die jeweiligen Führungskräfte sind für deren Einhaltung verantwortlich. Vor dem Hintergrund der laufenden Verfahren in Deutschland und den USA äußern wir uns darüber hinaus nicht weiter."

VW Volkswagen © Ronny Hartmann, AFP via Getty Images VW Volkswagen
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