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Wie dieses Gründerpaar die Handtaschenbranche aufmischt

Business Insider Deutschland-Logo Business Insider Deutschland 07.04.2022 Julia Hackober

Es ist der erste frühlingshafte Tag in Berlin, die Sonne strahlt über den Großstadtdächern. In einer lichtdurchfluteten Dachgeschosswohnung in Prenzlauer Berg ist die Stimmung freudig-aufgekratzt: Lili Radu und ihr Mann Patrick Löwe gestikulieren in Richtung Fernsehturm. An der Kreuzung Torstraße/Prenzlauer Allee, direkt gegenüber vom Berliner Hipster-Hotel „Soho House“, wird heute eine große Plakatwand beklebt – mit Werbung für ihr Handtaschenlabel Vee Collective Berlin. „The handbag is dead“, wird darauf stehen, und weiter: „Long live the handbag“. Zwischen den Schriftzügen Fotos von bunten, gesteppten Nylon-Taschen. „Wir holen gleich unseren Sohn aus der Kita“, sagt Lili Radu, „das müssen wir uns als Familie aus der Nähe angucken. Das ist ein großer Moment für uns.“

Ihre Firma Vee Collective haben Radu und Löwe 2018 gegründet. Viel länger aber schon sind sie privat ein Paar – und ein Unternehmerduo. Vor zwölf Jahren gründete Radu ihr erstes, nach ihr selbst benanntes Handtaschenlabel, damals setzte sie noch auf Leder; wenig später stieg Löwe als Co-Geschäftsführer ein, inzwischen sind die beiden verheiratet, haben zwei kleine Kinder – und mit Vee Collective eine zweite Taschenlinie aufgebaut, die inzwischen so erfolgreich ist, dass sich Radu und Löwe hauptsächlich darauf konzentrieren. Mehrere Zehntausend Taschen im Jahr verkaufen sie, für 2022 streben die beiden einen Umsatz im oberen siebenstelligen Bereich an. Ihre Pläne klingen selbstbewusst: „Wir wollen den Handtaschenmarkt revolutionieren.“

Das ist nun so ein Satz, den man in der Modewelt recht häufig hört. Viele junge Marken wollen nicht nur verkaufen, ein Unternehmen wachsen lassen – sondern gleich eine „Revolution“ starten. Mit einem abgefahrenen Look, mit einer besonders nachhaltigen Produktionsweise oder einer superwoken Social-Media-Strategie. Irgendwie muss man ja auf sich aufmerksam machen.

Der Alltag als Inspirationsquelle

Der Wandel, den Lili Radu und Patrick Löwe im Handtaschenmarkt anzetteln wollen, verläuft stiller. Denn ihre Taschen zeichnet vor allem ein Attribut aus, das in der künstlerisch ambitionierten Fashionszene, in der es Saison für Saison nur um die jüngste It-Bag geht, eher selten für Begeisterungsstürme sorgt: Sie sind wahnsinnig praktisch. Leicht, wasser- und reißfest und mit genügend Platz und Innentaschen für sämtliche Utensilien, die man vom Kita-Run übers Businessmeeting bis zum Aperitif mit Freundinnen benötigen könnte. Je nach Saison wechseln die Farben, die zwei Grundformen der Shopper, eine etwas eleganter, die andere sportlicher, bleiben immer gleich. Die 41-jährige Radu lässt sich vom eigenen Alltag inspirieren: „Ich weiß um die Herausforderungen, die es mit sich bringt, zugleich Unternehmerin, Ehefrau und Mutter zu sein.“ Sie liefere eben die Taschen zum Lifestyle einer „modernen Frau“, wie sie sagt.

Fast skurril sei es, dass das Paar diese Nische gefunden habe. „Auf dem Handtaschenmarkt interessieren mittlerweile nur Luxusstücke“, erklärt Löwe, „weil die sich auf dem wachsenden Sekundärmarkt am besten weiterverkaufen lassen.“ Bezahlbare Handtaschen, die auch mit Laptop drin keine Rückenschmerzen verursachen und trotzdem einen gewissen modischen Anspruch erfüllten, seien hingegen weitestgehend Fehlanzeige: „Bis auf den Klassiker Le Pliage von Longchamp gibt es in diesem Segment praktisch nichts.“

Die erste Idee zu Vee Collective kam dem Paar 2016 im entspannten Los Angeles, auf einer Parkbank saßen sie. Von da an dauert es anderthalb Jahre, bis die beiden die Marke auf den Markt brachten. Die Taschen sollen nicht nur besonders alltagstauglich sein, auch in Sachen Nachhaltigkeit will die Marke vieles anders machen – zumindest wenn es ums Material geht: Alles wird aus recyceltem Nylon und veganem Leder gefertigt, das Verpackungsmaterial ist wasserlöslich. Aktuell arbeiten Radu und Löwe an biologisch abbaubaren Nylon-Materialien, da sei die Forschung aber noch nicht sehr weit.

„Das Thema Nachhaltigkeit ist noch überhaupt nicht zu Ende gedacht“, sagt Löwe. Dazu gehört auch, dass eine nachhaltige Produktion nicht mit den verwendeten Materialien endet; die Produktionsstätten von Vee Collective liegen in Vietnam, die Taschen müssen also von dort aus in die europäischen Märkte transportiert werden. Das passiert zwar auf dem Seeweg, was einen vergleichsweise geringen CO2-Abdruck ermöglicht; klar ist aber auch, dass die Produktionskosten in Europa sehr viel höher wären und die Taschenpreise zwischen 100 und 200 Euro unmöglich machen würden. Das Unternehmerpaar geht den Widerspruch zwischen den Realitäten der Konsumgüterproduktion und dem eigenen Anspruch an Nachhaltigkeit pragmatisch an. „Wer ein Produkt herstellt, belastet die Umwelt immer“, sagt Löwe. „Das muss einem klar sein. Aber man kann versuchen, die Prozesse so vernünftig wie möglich zu gestalten, immer wieder neu zu überdenken. Das treibt uns an.“

Berlin als Zusatz im Markennamen

Es geht immer noch mehr, man muss es nur machen, das scheint überhaupt die Devise von Radu und Löwe zu sein. Die beiden personifizieren die Idee eines modernen Familienunternehmens, wie der schönsten Linkedin-Wunschvorstellung nachempfunden: Die Aufgaben sind gleichberechtigt aufgeteilt, jeder bringt sich nach seinen Talenten ein, er als Mann fürs Geschäft, sie als kreative Strategin. Ja, manchmal sei es nicht einfach, zwischen Familienleben und Unternehmen die Balance zu finden. „Die Firma ist natürlich immer Thema“, sagt Radu. Doch zum Glück liegen ihre Privatwohnung und ihr Büro in Berlin nur wenige Meter auseinander. „Wenn die Nanny ausfällt, arbeitet einer von uns eben von zu Hause aus.“

Berlin als Stadt habe es in dieser Flexibilität sehr geprägt, da ist sich das Paar einig. Nicht von ungefähr habe man sich für die Ortsangabe als Zusatz im Markennamen entschieden. „Viele meiner Freundinnen in Berlin sind Gründerinnen“, sagt Radu. „Wir unterstützen uns gegenseitig sehr.“ Ihr starkes Netzwerk im privaten Umfeld sei typisch Berlin – und essenziell, um in der Branche bestehen zu können. Das private Netzwerken müsse schließlich auch ausgleichen, dass Berlin als Modestadt nach wie vor schlecht organisiert sei, dass man trotz all der kreativen Power, die hier zu finden sei, ums internationale Renommee ringe.

„Die Fashion Week als Institution hat wenig Strahlkraft“, sagt Löwe, „dabei ist die Energie, die Lifestyle-Unternehmen hier aufsaugen könnten, eigentlich unvergleichlich.“ Dass in dieser Stadt trotzdem so viele kurzfristig gehypte Labels so schnell wieder in der Versenkung verschwinden, beschäftigt auch das Paar. Ihre Plakatwerbung im modischen Herzen Berlins, wo vom 13. bis 15. März die Fashion Week nach einem zunächst geplanten Umzug nach Frankfurt nun doch wieder stattfinden soll, wirkt da fast ein bisschen wie ein spitzbübischer Gruß an eine Branche, die in Deutschland seit Jahren zu kämpfen hat und in der so viele große und kleine Unternehmen permanent an der Insolvenz entlangschrammen: Liebe Mode-Kollegen, schaut mal, es kann funktionieren!

Konkret heißt das für Vee Collective: Die Expansionspläne für den Schweizer und US-amerikanischen Markt stehen, momentan werden die Taschen bereits über Wholesale-Stationen in Mailand, Paris, Hongkong und New York vertrieben. Dass eine internationale Ausrichtung in Produktion und Vertrieb gerade für ein eigenfinanziertes Unternehmen Risiken birgt, ist spätestens seit der Corona-Krise klar: In den ersten Monaten der Pandemie war die Lieferkette lahmgelegt. „Zum Glück sind wir schlank aufgestellt. Wir haben durchgehalten, waren uns sicher: Es kommen andere Zeiten“, sagt Löwe.

Das Durchhalten wurde belohnt: Mitten im zweiten Corona-Sommer 2021 eröffneten Radu und Löwe den ersten eigenen Laden in der Berliner Auguststraße – zu einem Zeitpunkt, als der Einzelhandel für so gut wie tot erklärt wurde.

So ganz will die Geschichte von Vee Collective nicht ins gegenwärtige Modebusiness passen, in dem sonst nichts ohne digitale Strategien und die nächste virale Idee zu gehen scheint. Ein bisschen lustig ist das schon: Ausgerechnet eine Berliner Marke, deren Taschen die Gründer selbst mit einem weißen T-Shirt vergleichen, also einem absoluten Garderoben-Basic, entwickelt internationales Potenzial. Mit dem crazy, sexy Selbstverständnis der Modestadt Berlin hat das wenig zu tun. Ist der Erfolg von Vee Collective also doch auch wieder als Sieg des so oft belächelten deutschen Modepragmatismus zu verstehen? „Wir amüsieren uns schon ein bisschen“, erzählt Lili Radu augenzwinkernd, „wenn Influencerinnen, denen wir erst ein wenig zu uncool waren, plötzlich doch mit einer unserer Taschen unterwegs sind, weil sie im Alltag eben doch nicht mit ihrer 2000-Euro-Designerbag unterwegs sein wollen.“

Dieser Text erschien zuerst in der Welt am Sonntag.

honorarpflichtig-WS-St-VEE-Collectiv-5 © Katrin Streicher honorarpflichtig-WS-St-VEE-Collectiv-5
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