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Wirecard: 1,9 Milliarden Euro, dringend gesucht

DER SPIEGEL-Logo DER SPIEGEL 18.06.2020 Tim Bartz

Der Wirecard-Skandal spitzt sich dramatisch zu. Der Finanzkonzern vermisst eine Milliarden-Summe - und erstattet Anzeige gegen unbekannt. Investoren fordern den Rauswurf von Firmenchef Braun.

© Lino Mirgeler/ dpa

Die Sache entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Im vergangenen Spätherbst, als der Zahlungsdienstleister Wirecard schon schwer unter Beschuss stand und sich mit Bilanzfälschungsvorwürfen konfrontiert sah, sagte Vorstandschef Markus Braun dem SPIEGEL: "Wir sind jetzt schon das transparenteste Unternehmen in unserem Sektor." Der Mann aus Wien verwahrte sich gegen Betrugsvorwürfe. An diesem Donnerstag nun muss Braun einräumen, dass er selbst nicht volle Transparenz über die Geldflüsse und das Zahlenwerk des Konzerns hat, der ihm zu rund sieben Prozent gehört.

Die Abschlussprüfer der Firma EY hätten Wirecard informiert, dass über die Existenz von Bankguthaben "in Höhe von insgesamt 1,9 Milliarden Euro noch keine ausreichenden Prüfungsnachweise zu erlangen waren", teilte Wirecard am Morgen mit. Es gebe Hinweise, dass EY falsche Bankbelege vorgelegt worden seien. Ob das Geld je auf dem Wirecard-Konto war oder es womöglich in dunklen Kanälen verschwunden ist, das weiß man in Aschheim bei München, wo Wirecard seinen Konzernsitz hat, offenbar nicht. Kurz darauf teilte Wirecard mit, man habe Anzeige gegen Unbekannt erstattet, wegen Betrugsverdacht.

Es ist ein weiterer Höhepunkt in einer an spektakulären Wendungen nicht armen Firmengeschichte. Der Österreicher Braun hatte Wirecard seit den frühen Nullerjahren aus den Ruinen eines strauchelnden Zahlungsabwicklers aufgebaut. In den ersten Jahren verdiente das Unternehmen sein Geld vor allem mit der Abwicklung von Zahlungen im Online-Porno und -Glücksspielgeschäft. Dort gab es die größten Gewinnmargen. Wirecard wuchs Jahr für Jahr mit beeindruckender Konstanz, expandierte in atemberaubenden Tempo vor allem in Schwellenländern rund um den Erdball - wo wiederum die Renditen etwas üppiger waren, als das normalerweise in diesem vergleichsweise standardisierten Geschäft der Fall ist - und wo die Geschäftspartner mitunter weniger seriös und die Kontrollen laxer sind.

Schon bald kamen die ersten Vorwürfe wegen Bilanzfälschung. Zunächst erhoben von vermeintlichen Aktionärsschützern in Deutschland, von denen sich herausstellte, dass sie Insiderhandel betrieben hatten. Ein Fehlalarm also, so schien es. Doch das Misstrauen gegenüber Wirecards Bilanzerung blieb. 2016 erhob eine anonyme Internet-Seite namens Zatarra ähnliche Vorwürfe wie Jahre zuvor die Aktionärschützer – die Hintermänner der Plattform wurden ermittelt und wegen Marktmanipulation verfolgt, vor wenigen Wochen wurde das letzte Verfahren gegen Geldauflage eingestellt.

Seit Anfang 2019 erhob dann die britische "Financial Times" in einer Reihe von kritischen Geschichten sehr viel konkretere Vorwürfe gegen Wirecard. Die Firma soll Umsätze durch fiktive Kundenbeziehungen erhöht haben, im Geschäft mit Zahlungen, die Wirecard über externe Partnergesellschaften abwickelt. Erlöse daraus sollen über Wirecard-Gesellschaften in Dubai und Irland geflossen sein. Über Kreislaufbuchungen und Rückdatierung von Aufträgen soll Wirecard in Singapur Umsätze zu hoch ausgewiesen haben, in Indien bei der Übernahme eines Zahlungsabwicklers einen überhöhten Kaufpreis gezahlt haben.

Wirecard wies alle Vorwürfe zurück - und tut das bis heute. Die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen gegen Journalisten der "Financial Times" und mehrere Investoren auf, gegen Wirecard ermittelten die Staatsanwälte zunächst nicht. Die Aktie fährt seit eineinhalb Jahren Achterbahn, je nachdem, ob gerade die Wirecard-Fans die Oberhand hatten, die an eine Verschwörung von Journalisten und Spekulanten glaubten, oder eben jene sogenannten Shortseller, die mit raffinierten Börsengeschäften von fallenden Kursen zu profitieren versuchen.

Konzernchef Braun wollte die Vorwürfe loswerden: Ein Sondergutachten der Wirtschaftsprüfer von KPMG (ein Konkurrent von EY) sollte alle Verdächtigungen entkräften. Doch als KPMG seinen Bericht kürzlich nach mehrmaliger Verzögerung vorlegte, glich dieser einem Dokument des Grauens. Die Wirtschaftsprüfer konnten zwar den Vorwurf der Bilanzmanipulation nicht erhärten, prangerten aber erhebliche Mängel in den Rechnungslegungs- und Kontrollsystemen des Unternehmens an. Außerdem fehlten den Prüfern Belege für einen erheblichen Anteil der Zahlungsströme: Darunter jene 1,9 Milliarden Euro, die nun auch EY vermisst.

Beispielloser Vertrauensentzug

Es geht nicht gerade um Peanuts - der fehlende Betrag entspricht in etwa einem Viertel der Konzernbilanzsumme. Und die Prüfer von EY, die der Wirecard-Bilanz zuvor Jahr für Jahr ihren Segen gegeben hatten, verweigern nun also bis auf Weiteres ihr Testat für den Jahresabschluss 2019. Ein beispielloser Vertrauensentzug.

Unklar ist bis heute, ob Wirecard-Manager Täter oder Opfer sind. Ob die Firma von Dritten betrogen wurde, ob Mitarbeiter der Firma mit Externen gemeinsame Sache machten oder gar die Führung des Konzerns involviert war, was sie bestreitet. Es ist noch nicht einmal völlig ausgeschlossen, dass Wirecard lediglich den Überblick über das eigene Zahlenwerk verloren hat, ohne vorsätzlich zu täuschen.

An solch eher entlastende Versionen der Geschichte aber mögen offenbar immer weniger Investoren glauben: Der Aktienkurs stürzte am Donnerstag zeitweise um mehr als 60 Prozent ab. Die Rechtsanwaltskanzlei Tilp, die bereits vor einigen Wochen eine Sammelklage gegen Wirecard eingereicht hatte, kündigte nun an, die Klage auszuweiten. Man sehe "weitere erhebliche Verstöße gegen das Kapitalmarktrecht" erklärte die Kanzlei. Die Fondsgesellschaft DWS, eine Tochter der Deutschen Bank, teilte mit, mal halte zwar keine Wirecard-Aktien in den eigenen, aktiv gemanagten Fonds mehr, prüfe aber dennoch die Einleitung rechtlicher Schritte.

Die Fondsgesellschaft Deka, einer der Großinvestoren des Konzerns, erneuerte ihre Forderung nach einem Rücktritt von Konzernchef Braun. "Wir sind fassungslos", sagte Ingo Speich, Leiter des Bereichs Corporate Governance bei der Deka der Nachrichtenagentur Reuters. "Ein personeller Neuanfang ist dringender denn je."

Die Verträge aller Vorstandsmitglieder laufen zum Ende des Jahres aus, zuletzt war erwartet worden, dass Aufsichtsratschef Thomas Eichelmann mittelfristig eine Nachfolgeregelung für Braun anstrebt. Angesichts der neuen Entwicklung könnte es nun auch schneller gehen.

Galgenfrist bis Freitag

Der britische Hedgefonds-Manager Christopher Hohn sieht düstere Zeiten auf Wirecard zukommen. Er wäre überrascht, sagte Hohn dem SPIEGEL, "wenn Visa und Mastercard weiterhin Geschäfte über Wirecard abwickeln würden, angesichts der erhöhten Insolvenzgefahr". Wirecard selbst hatte in seiner Mitteilung vom Donnerstag darauf hingewiesen, dass "Kredite der Wirecard AG in Höhe von ca. 2 Milliarden Euro gekündigt werden" könnten, "wenn ein testierter Jahres- und Konzernabschluss nicht bis zum 19. Juni 2020 vorgelegt wird". Bis zum Freitag also. Ein Tag Galgenfrist.

Hedgefonds-Manager Hohn erneuerte seine Kritik an den deutschen Aufsichtsbehörden. "Im Lichte der heutigen Mitteilung von Wirecard wäre es schockierend, wenn die deutsche Finanzaufsicht nicht sofort handelt, um die deutschen Einlagen bei der Wirecard Bank zu schützen, sowie die Steuerzahler, die womöglich für die Sicherung der Einlagen geradestehen müssen", sagte er.

Hohn ist in der ganzen Sache kein Unbeteiligter. Sein Hedgefonds TCI hatte im April begonnen, über so genannte Leerverkäufe auf einen Kursverfall von Wirecard zu wetten. Mitte Mai erstattete TCI Strafanzeige gegen das Wirecard-Management, wegen Untreue und Marktmanipulation. Anfang Juni erstattete auch die Finanzaufsicht BaFin Strafanzeige wegen des Verdachts der Marktmanipulation bei der Staatsanwaltschaft München und durchsuchte die Konzernzentrale. Ermittelt wird gegen den gesamten Vorstand des Zahlungsabwicklers, er soll die Öffentlichkeit über die Ergebnisse der KPMG-Untersuchung in die Irre geführt haben. Noch vor Veröffentlichung des Prüfberichts hatte Wirecard zwei Mal erklärt, die Untersuchung werde positiv für das Unternehmen ausgehen. Wirecard weist die Vorwürfe zurück.

Die Bafin erklärte am Donnerstag, selbstverständlich fließe "der aktuelle Sachverhalt in unsere noch laufende Marktmanipulationsuntersuchung ein". Die Münchner Staatsanwaltschaft äußerte sich zu der Mitteilung von Wirecard nicht inhaltlich. Man stehe in Kontakt mit dem Unternehmen und prüfe auch diesen Vorgang.

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