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Wirecard-Bilanzskandal: Der verschwundene Treuhänder

DER SPIEGEL-Logo DER SPIEGEL 22.06.2020 Tim Bartz

Im Wirecard-Bilanzskandal sind viele Fragen offen. Der Mann, der sie beantworten könnte, heißt Mark Tolentino, er verwaltete nach SPIEGEL-Informationen jene 1,9 Milliarden Euro, die auf den Philippinen verschwunden sind - so wie er selbst.

© Bloomberg/ Bloomberg via Getty Images

Das Rätsel um die verschwundenen Milliarden des Dax-Konzerns Wirecard wird immer mysteriöser, und der Mann, der es aufklären könnte, geht in Deckung: Mark Tolentino, Anwalt mit Kanzlei im philippinischen Finanzzentrum Makati City, ist nach SPIEGEL-Informationen der Treuhänder jener 1,9 Milliarden Euro, auf die Wirecard angeblich Anspruch hat und die der Bilanzprüfer EY bislang vergeblich sucht.

Das Geld entspricht rund einem Viertel der Bilanzsumme des Aschheimer Zahlungsverkehrs-Dienstleisters. Weil es fehlt, verweigert EY (vormals Ernst & Young) das Prüfsiegel für die Wirecard-Bilanz des Jahres 2019. Und das wiederum hat den Konzern, der eigentlich am Donnerstag seine Bilanz vorstellen wollte, in die Existenzkrise gestürzt. Der Aktienkurs ist kollabiert, Vorstandschef Markus Braun zurückgetreten, sein Intimus Jan Marsalek geschasst.

Ob das Unternehmen eine Zukunft hat, hängt am Wohlwollen seiner kreditgebenden Banken, die derzeit unter Hochdruck darüber verhandeln, ob sie die Ende Juni ablaufende Kreditlinie für Wirecard verlängern. Andernfalls könnten für das Unternehmen die Lichter ausgehen - ein Fall von historischem Ausmaß in der Wirtschaftsgeschichte.

Als Treuhänder käme Tolentino bei der Aufklärung der bizarren, mutmaßlich kriminellen Umstände eine Schlüsselrolle zu; in Wirecard-Kreisen jedenfalls heißt es, dass der Mann exakt diese Funktion inne habe. Telefonisch oder per E-Mail ist er derzeit nicht erreichbar.

Ein Streitschlichter aus dem Radio

Auf der Website seiner Kanzlei wird Tolentino als "jung, dynamisch und aggressiv" beschrieben. Seinen Kunden stehe er als erfahrener Streitschlichter zur Seite, vor allem als Experte in Familienrecht. Überdies kenne er sich generell im Geschäftsleben ("Business") sowie mit Immigrationsgesetzen und Krypto-Währungen aus. Ein bunter Strauß juristischer Kompetenzen also, die er Rechtssuchenden in persönlichem Kontakt, aber auch diversen Radiosendungen vermittelt; die entsprechenden Sendefrequenzen liefert er im Netz gleich mit.

Dieser Tolentino soll, so heißt es in Wirecard-Kreisen, treuhänderisch Geld für Wirecard verwaltet haben, das der Konzern für sein asiatisches Geschäft benötigt, aktuell etwa 1,9 Milliarden Euro. Geschäft heißt in dem Zusammenhang: Wirecard schaltet sich zwischen den Endkunden, der zum Beispiel ein Paar Turnschuhe kauft, und den Händler, der die Sneaker verkauft. Verlässt der Kunden nach dem Kauf das Geschäft, hat er zwar neue Schuhe, der Händler aber noch nicht sein Geld. Wirecard schießt dem Händler den Betrag vor; auch die Risikoeinschätzung des Kunden übernimmt die Firma, die gerade so viele Schlagzeilen macht.

Für diese Dienstleistung braucht es viel Cash. Da Wirecard in Asien, anders als in Europa, keine Lizenzen hält, um Geschäfte abzuwickeln, braucht der Konzern in Fernost sogenannte Drittpartner, die ihm Provisionen für die Zahlungsabwicklung zahlen. Dieses Geschäft nennt sich Third Party Acquiring (TPA).

Tolentino wiederum ist seit 2019 als Treuhänder für Wirecard unterwegs, nachdem der Vorgänger wegen der vielen Ungereimtheiten rund um das Unternehmen sein Mandat aufgegeben hatte. 1,9 Milliarden Euro soll er in diesem Auftrag bei den philippinischen Großbanken BDO Unibank und Bank of the Philippine Islands (BPI) deponiert haben. Die Institute indes haben nach eigenen Angaben keine Kenntnis von dem Geld. "Wirecard ist kein Kunde von uns", teilten sie mit. Dokumente, die externe Prüfer von Wirecard vorgelegt hätten, seien gefälscht; Papiere, die ein Konto von Wirecard bestätigen sollten, trügen gefälschte Unterschriften von Bankenvertretern. Auch die Zentralbank der Philippinen ist ratlos.

Ob das Geld jemals existiert hat, ist unklar

Dass man beim Treuhänder nicht darauf gedrängt habe, das Geld bei einer internationalen Großbank wie etwa der sino-britischen HSBC zu parken, wird im Wirecard-Umfeld damit begründet, dass die asiatischen Händler das Geld gern bei einem der lokalen Kreditinstitute untergebracht sehen wollten. BDO und BPI seien renommierte Institute. Und das Geld selbst zu verwalten, sei wegen der fehlenden Lizenzen in Asien nicht möglich.

Wo das Geld ist, ob es jemals existiert hat oder Teil eines gigantischen Bilanzbetrugs ist, ist unklar – Wirecards Kritiker vermuten letzteres. Das Unternehmen selbst dagegen glaubt, betrogen worden zu sein und hat Anzeige gegen Unbekannt gestellt. In Konzernkreisen verweist man auf die Stellungnahme der beiden philippinischen Banken, die praktisch eingeräumt hätten, selbst betrogen worden zu sein.

Haben also Bankangestellte, womöglich zusammen mit dem Anwalt Tolentino das Geld beiseitegebracht? Ist es nur falsch verbucht worden und taucht bald wieder auf? Und haben Wirecard-Mitarbeiter bei einem möglichen Coup konspiriert? Keine dieser Fragen kann derzeit hinreichend geklärt werden.

Das Third-Party-Geschäft stand bereits im Zentrum eines Sondergutachtens, das die Wirtschaftsprüfungsfirma KPMG zu Ende April verfertigt hat und das ebenfalls eine Schockwelle durch den Konzern jagte. Denn eigentlich hatte sich Wirecard-Chef Braun von dem Gutachten versprochen, sämtliche Vorwürfe, die gegen ihn und sein Unternehmen seit Jahren kursieren, widerlegen und neu durchstarten zu können.

Allein, es kam anders. Zwar fand KPMG keine stichhaltigen Belege für den vielfach vermuteten Bilanzbetrug. Aber zugleich skizzierten die Prüfer ein desaströses Bild der internen Kontrollmechanismen und auch, dass das Wirecard-Management an echter Aufklärung kaum Interesse habe. Für Zahlungen auf Treuhandkonten im Umfang von 1 Milliarde Euro etwa lägen keine hinreichenden Nachweise vor.

Kredite gegen härtere Konditionen

Geld – sogar fast 2 Milliarden Euro – vermisst auch Bilanzprüfer EY. Und weil die Bilanz für 2019 bis spätestens Freitag hätte vorliegen müssen, EY aber den Stempel verweigerte, hängt nun Wirecards Zukunft am seidenen Faden. Denn ohne testierte Bilanz läuft per 30. Juni eine Kreditlinie über insgesamt 2 Milliarden Euro, die mit 1,75 Milliarden Euro nahezu ausgeschöpft ist, aus – verlängern die Banken die Linie nicht, könnte Wirecards Schicksal besiegelt sein. Institute wie Commerzbank, ABN Amro und ING gehören zum Kreditkonsortium, auch die Deutsche Bank und österreichische Banken – Braun und Marsalek stammen aus Wien – sind dabei.

Sie dürften nach Lage der Dinge die Kreditlinie offen-, Wirecard also vorerst am Leben halten, allerdings zu verschärften Konditionen: höhere Kreditzinsen etwa, mehr Sicherheiten oder konkretere Rückzahlungsziele. Das wäre das übliche Vorgehen, wenn Banken nicht sofort Kredite fällig stellen, obwohl der Darlehenspartner den Vertrag gebrochen hat - weil er etwa wie Wirecard keine testierte Bilanz vorlegen kann.

Denn wenn die Geldhäuser unmittelbar auf Rückzahlung drängen, und der Kreditpartner dann umfällt, gehen die Banken womöglich ganz leer aus. Also ist eine Verlängerung zu härteren Konditionen oftmals das geringere Übel. So jedenfalls das Kalkül von Wirecard. Die Entscheidung dürfte kommende Woche fallen.

Hilfe hat sich das Unternehmen einstweilen bei der Investmentbank Houlihan Lokey geholt, ein Spezialist für schwierige Restrukturierungen und Insolvenzfälle, bei dem ab Juli Ex-Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret als Berater anfangen wird.

Wirecard selbst will, so ist zu hören, versuchen, sich das Geld notfalls von den beiden Banken auf den Philippinen zurückholen. Deren Führung habe ja eingeräumt, selbst hinters Licht geführt worden zu sein, weshalb die Haftung bei den beiden Instituten läge. Das freilich setzt voraus, dass das Geld überhaupt jemals existierte.

Ex-Chef Braun sei "zutiefst geschockt"

Außerdem gibt es Quellen, die darauf hinweisen, dass Wirecard auch dann überleben könnte, wenn die 1,9 Milliarden Euro verschwunden blieben; schließlich verfüge der Konzern über etwa 3,8 Milliarden Euro Eigenkapital. Doch das ist eine unscharfe Rechnung. Ausweislich der Zahlen für die ersten neun Monate des Geschäftsjahres 2019 – die Daten für das Gesamtjahr fehlen bekanntlich – kam Wirecard auf 2,3 Milliarden Euro Eigenkapital.

Auf rund 3,8 Milliarden Euro kommt nur, wer die Einnahme aus der jüngsten Anleiheemission über 500 Millionen Euro hinzuzählt sowie jene 900 Millionen, die Investoren rund um den japanischen Softbank-Konzern in Wirecard gepumpt haben, allerdings als Wandelanleihe. Anleihen zählen aber, sofern sie noch nicht in Aktien gewandelt werden, in der Bilanz zum Fremd- und nicht zum Eigenkapital. Insofern ist die bei Wirecard kursierende Eigenkapital-Rechnung schief. 

Bei der internen Suche nach einem Hauptschuldigen für das Drama ist man in Aschheim inzwischen bei Marsalek angekommen, dem geschassten Ex-Vorstand für das Tagesgeschäft und Verbindungmann zu den Drittpartnern in Asien. Ex-CEO Braun dagegen sei dagegen weniger vorzuwerfen; er sei "zutiefst geschockt" über das Ausmaß des Skandals und freiwillig zurückgetreten. Braun sei zu der Erkenntnis gekommen, zur Belastung für den Konzern geworden zu sein, heißt es.

Das kann, muss man aber nicht zwingend glauben angesichts der Umstände. Braun ist seit Jahrzehnten bei Wirecard an Bord und eine kleine Ewigkeit Chef. Und er ist, neben Marsalek, im Prinzip der einzige, der den vollen Überblick über den Konzern und seine Geschäfte hat.

Dass ihn all das, was jetzt bekannt geworden ist, überrascht haben soll, ist schwer zu glauben. Sicher ist dagegen, dass auch er ein Interesse daran haben dürfte, dass es bald wieder aufwärts geht mit Wirecard: Mit rund 7 Prozent der Aktien ist Braun einer der größten Anteilseigner seines Konzerns. Durch den Kurssturz der Aktie hat er also ein Vermögen verloren, wenn auch bislang nur auf dem Papier.

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