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Mit der Light-Masche werden Lidl-Kunden doppelt ausgetrickst

WELT-Logo WELT 21.01.2019

Mogelpackung 2018 Dulcano Salami © Verbraucherzentrale Hamburg Mogelpackung 2018 Dulcano Salami

Weniger Inhalt zum gleichen Preis – das ist ein beliebter Trick bei Supermarkt-Produkten. Die Verbraucherzentrale Hamburg ließ nun über besonders dreiste Strategien abstimmen. Es zeigt sich: Die fünf "Preisträger" mogelten nicht nur beim Preis.

Weniger Chips, aber mehr Müll fürs Geld – so lässt sich die Strategie von "Chipsletten"-Hersteller Lorenz am besten beschreiben. Das Unternehmen änderte die Verpackung des Produkts und stieg dabei auf eine Pappdose um, die kaum kleiner ist als die alte, aber statt 170 nur noch 100 Gramm Chips enthält. Gefüllt wird die Packung stattdessen mit einem sogenannten Servier-Tray aus Plastik und Frischefolie. Die Verteuerung: bis zu 70 Prozent.

Dieser Trick kam bei der Netzgemeinde gar nicht gut an. Sie kürte das Produkt zur "Mogelpackung 2018". Beim von der Verbraucherzentrale Hamburg (VZHH) initiierten Negativpreis werden jedes Jahr fünf Produkte zur Wahl gestellt, bei denen durch eine Verringerung der Füllmenge der Preis versteckt erhöht wurde. "Noch nie war das Votum der Verbraucher so klar wie bei dieser Wahl der Mogelpackung des Jahres", sagt Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg.

Mehr als die Hälfte der fast 40.000 Teilnehmer hatte für das Produkt gestimmt. "Ein Denkzettel, den Hersteller Lorenz völlig zu Recht bekommen hat. Der versteckte Preisanstieg bei den Chipsletten ist besonders krass, dreist umgesetzt und nicht der erste dieser Art", sagt Valet. Auch bei anderen Produktmarken wie den Crunchips, Saltletts Brezeln, Naturals Chips und Erdnusslocken habe Lorenz in den vergangenen Jahren durch geringere Füllmengen versteckt die Preise erhöht.

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Vermeintlich gesündere Wurst bei Lidl 33 Prozent teurer

Auch Hersteller und Händler der vier anderen nominierten Mogel-Produkte waren kreativ – und zwar nicht nur bei der Größenanpassung. Beim Discounter Lidl packte man die "Truthahnsalami Light" der Eigenmarke Dulano direkt neben die normale Truthahnsalami desselben Herstellers. Der Preis der vermeintlich gesünderen Wurst war um 33 Prozent höher, denn es sind weniger Scheiben in der Packung.

Nun gut, mag sich der gutgläubige Käufer denken, was gut für die Gesundheit ist, darf ja ruhig etwas mehr kosten. Die ärgerliche Erkenntnis kommt beim Blick auf die Zutatenliste: Die Light-Wurst enthielt identische Zutaten wie die Alternative – allerdings mehr Fett und folglich auch mehr Kalorien. So wurde dem Kunden nicht nur mehr Geld abgeknöpft, sondern gleichzeitig auch noch der Diäterfolg torpediert.

Preisträger Nummer drei ist der Hersteller Bel. In die Netze, in denen die "Mini Babybel"-Käsekugeln verkauft wurden, wurde – bei gleichbleibendem Preis – einfach ein Laibchen weniger gepackt. Die versteckte Preiserhöhung beträgt bis zu 20 Prozent.

Eine ähnliche Strategie fuhr Nestlé: In der sogenannten Riesenrolle finden sich mittlerweile nur noch 130 statt 150 Gramm der Schokolinsen. Bei unverändertem Preis sind die Schokolinsen so über 15 Prozent teurer geworden. Nestlé ist Wiederholungstäter: Vor gut vier Jahren wurden die Smarties noch in 170-Gramm-Verpackungen verkauft.

Bei Kandidat Nummer fünf lässt sich die Veränderung immerhin am Namen erkennen: Der Fruchtaufstrich "Obstwiese Rheinisches Apfelkraut" vom Hersteller Grafschafter Krautfabrik wurde aus dem Sortiment genommen. Stattdessen wird jetzt die gleiche Rezeptur unter dem Namen "Apfelschmaus" verkauft; allerdings im 320- statt im 450-Gramm-Glas. Der Preis blieb bei vielen Händlern gleich, sodass der Aufstrich um bis zu 41 Prozent teurer wurde. 

Händler und Hersteller verteidigen sich

Die Verbraucherzentrale hat die betroffenen Unternehmen zu den Veränderungen befragt. Die Reaktionen sind unterschiedlich. Chips-Hersteller Lorenz schreibt, dass die Chips dank der neuen Verpackung "gut sortiert angerichtet" seien und "leichter serviert oder einzeln herausgenommen werden" könnten. "Außerdem haben wir das Chips-Rezept und das Herstellungsverfahren überarbeitet: Die neuen Chipsletten sind kleiner, mundgerechter und haben eine knusprigere Textur. Dabei nutzen wir auch ein optimiertes Paprikaaroma. Deshalb bieten die Chipsletten ein neues Geschmackserlebnis – sie schmecken anders."

Käsehersteller Bel verweist darauf, dass "ab Juli 2018 Mini Babybel mit dem anerkannten "Ohne Gentechnik"-Siegel des "Verband Lebensmittel ohne Gentechnik e.V." (VLOG) zertifiziert ist". Dies führe insgesamt zu höheren Produktionskosten.

Nestlé nennt die Vereinheitlichung von Produkten als Grund für den geringeren Inhalt der Smarties-Rolle. "Das Werk, das die in Deutschland erhältliche Smarties Riesenrolle produziert, stellt diese auch für andere Länder her. Um eine einheitliche Verpackung für alle Länder sicher zu stellen, ersetzt die 130 Gramm Rolle das bisher in Deutschland verkaufte Produkt", heißt es in der Stellungnahme.

Die Grafschafter Krautfabrik schreibt, die Änderung der Verpackungsgröße sei nötig gewesen, "da die Produkte nicht mehr den Marktbedingungen entsprachen und somit nicht mehr wettbewerbsfähig waren. Denn der Bedarf hat sich mehrheitlich zu Gunsten kleinerer Verbrauchseinheiten entwickelt."

Die H. Kempter GmbH & Co. KG, von der die Lidl-Salami stammt, sagte der Verbraucherzentrale, dass die Bewerbung mit "Light" zulässig sei, weil sie über 30 Prozent weniger Fett als eine "normale" Salami mit Schweinefleisch enthalte. Die Verbraucherzentrale meint dazu: "Das ist korrekt, aber dieser Vergleich ist für viele Verbraucher nicht nachvollziehbar. Im Kühlregal liegen Truthahnsalami Light und normale Truthahnsalami direkt nebeneinander."

Die öffentliche Anprangerung soll nun immerhin einen Effekt haben. Der Discounter Lidl sicherte der Verbraucherzentrale zu, die "aktuelle Ausstattung 'Dulano Truthahnsalami' auf 'Dulano Light Truthahnsalami'" umzustellen.

Rein rechtlich können Verbraucherschützer gegen den Weniger-drin-Preis-gleich-Trick kaum etwas unternehmen. Während die Hersteller die Füllmenge reduzieren, legen die Händler laut Kartellrecht die Preise fest. "Am Ende waschen beide ihre Hände in Unschuld, und der Verbraucher zahlt die Zeche", sagt Valet. Er fordert eine Online-Plattform, auf der veränderte Füllmengen für Konsumenten vorab verpflichtend veröffentlicht werden müssen.

"Die Politik muss endlich handeln, um die Situation für Verbraucher zu verbessern und die Müllflut, die mit dem stetig schrumpfenden Inhalt der Verpackungen einhergeht, zu stoppen. Seit Jahren tut sich nichts."

Rund 2000 Beschwerden erhielt die Verbraucherzentrale Hamburg im vergangenen Jahr zu versteckten Preiserhöhungen und Luftpackungen.

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