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Corona: Abwarten, andere vorlassen – das sagen Impf-Skeptiker

ZEITjUNG-Logo ZEITjUNG 26.01.2021 Pauline Wörsdörfer

Ich spreche mit Menschen, die sich nicht impfen lassen möchten – denn zwischen Vorurteilen und begründeter Skepsis kann ein Weg gefunden werden. Hier kannst du dich informieren und austauschen, denn genau dieser Diskurs ist wichtig. Wann bin ich dran? Welche […]

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Ich spreche mit Menschen, die sich nicht impfen lassen möchten – denn zwischen Vorurteilen und begründeter Skepsis kann ein Weg gefunden werden. Hier kannst du dich informieren und austauschen, denn genau dieser Diskurs ist wichtig. Wann bin ich dran? Welche Nebenwirkungen können auftreten? Ist das beschleunigte Zulassungsverfahren sicher? Hinhören, selber nachschlagen und begründet für sich selbst entscheiden.

Ich frage mich immer öfter, warum Menschen gegen eine Impfung sind. Ein Jahr lang fieberten wir mit, bei einem weltweiten Wettrennen der großen Pharma-Unternehmen, darum, wer als erstes den Impfstoff gegen COVID-19 entwickelt. Jetzt ist er da und wir sind mit frischer Hoffnung ins Jahr 2021 gestartet – doch plötzlich gibt es immer mehr Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen. Ich möchte verstehen, warum und möglicherweise Irrtümer aufklären, denn es scheint so, als würden viele wichtige Informationen im Corona-Gewirr untergehen.  

Das Ziel ist die Herdenimmunität. Das heißt, dadurch, dass sich eine bestimmte Anzahl an Menschen impft, brechen Infektionsketten auch für nicht-Geimpfte frühzeitig ab und das Virus kann ausgerottet werden. Dieser Zustand wird aber nur dann eintreten, wenn sich ein bestimmter Anteil der Menschen impfen lässt. Nun ist die Frage, wer den Anfang macht. Denn es scheint eine große Anzahl an Menschen zu geben, die noch abwarten will und zunächst aus zweiter Reihe betrachten möchte, was eine Impfung anrichten könnte.  

Ann-Kathrin ist 28 und will zum jetzigen Zeitpunkt nicht geimpft werden. Grund dafür ist das kürzere, beschleunigte Zulassungsverfahren des Impfstoffes, das ihrer Meinung nach nicht wirklich ausreicht. Man solle nichts übers Knie brechen, sagt sie. Impfen lassen hat sie sich bereits für viele Reisen, die sie unternommen hat, gegen die Grippe jedoch nie. Ihr Freundeskreis soll da ähnlich eingestellt sein. Eine Impfung kommt für sie nur dann in Frage, wenn die Risikogruppen und das Pflegepersonal versorgt worden sind und sich ausschließen lässt, dass Geimpfte Schäden davontragen. Zu einem späteren Zeitpunkt ist es also möglich, dass auch Ann-Kathrin sich gegen das Coronavirus impfen lässt. Abgesehen davon beklagt sie allerdings auch eine fehlende Aufklärung über den Impfstoff und zu viel Werbung dafür.  

Reihenfolge bei der Impfung: Wann bin ich dran?

Die Reihenfolge für das Impfen ist bereits in Form von Prioritäten festgelegt worden. Im Dezember 2020 fiel der Startschuss, mit dem Beginn des neuen Jahres ging es richtig los: Laut Bundesregierung sollen im ersten Quartal 2021 11 bis 13 Millionen Dosen verimpft werden. Dennoch ist vielen nicht bewusst, wann genau sie die Möglichkeit erhalten, sich impfen zu lassen. Vergleich.org hat zu diesem Zweck eine Grafik erstellt.

© Bereitgestellt von ZEITjUNG

Sabine, 41, arbeitet im Einzelhandel, der im Lockdown geschlossen bleibt. Sie stammt aus einer Ärztefamilie und war dem Impfen gegenüber schon immer skeptisch eingestellt. Ein bisschen zu übertrieben scheinen ihr alle Maßnahmen, und auch die Zahlen seien ihrer Meinung nach fragwürdig. Für sich selbst hält Sabine die Corona-Impfung für nicht notwendig, sie sieht sie eher als eine Art „vorgezogenen Massentest“, der herausstelle, was passiert. Allerdings hat sie große Angst vor Sonderrechten für Geimpfte, die dafür sorgen würden, dass sie beispielsweise nicht verreisen kann – denn wie wir alle wünscht sich Sabine ihre Freiheiten zurück. Auf die Frage nach einer Alternative zur Impfung, die diese Freiheiten ebenso ermöglichen würde, beruft sie sich auf einen Bericht, der aussagt, dass die meisten Menschen nicht an COVID-19, sondern an Krebs sterben würden. Genau so sei es eher die Umweltbelastung, die den Menschen das Genick breche, nicht aber Corona. Außerdem meint Sabine, dass Impfen reine Gewohnheit sei. Es werde zu viel geimpft, um Geld zu machen, notwendig sei das nicht.  

Aktuelle Corona-Zahlen und der Impfstand 

Laut dem Robert-Koch-Institut sollte man sich gegen COVID-19 impfen lassen – zum eigenen Schutz und zur Eindämmung der Pandemie. Der Krankheitsverlauf bei COVID-19 ist unterschiedlich: Bei manchen Patient*innen treten schwerwiegende Symptome auf, bei anderen verläuft die Krankheit symptomfrei. Bis Anfang Januar 2021 haben sich weltweit ca. 85 Millionen Menschen mit dem Virus infiziert, 1,8 Millionen sind infolgedessen gestorben. Die Corona-Fallzahlen hängen davon ab, wieviel getestet wird, zudem gibt es eine hohe Grauziffer, da viele Menschen bei entsprechenden Symptomen an Grippe statt Corona denken. Hier geht es zu den aktuellen Fallzahlen und dem jeweiligen Impfstand in Deutschland. RKI-Präsident Lothar Wiehler betont in einer Pressekonferenz vom 14. Januar: „Vielerorts arbeitet das intensivmedizinische Personal seit Wochen in Schichten, die fast keinen Schlaf erlauben. Und das Durchschnittsalter der Patienten auf Intensiv liegt teilweise unter 60 Jahren. Wegen der hohen Infektionszahlen sind eben auch immer mehr Jüngere betroffen.“ Er fügt hinzu: „Tatsächlich sind die Kapazitäten auf den Intensivstationen vielerorts ausgeschöpft.“  

Erschöpfte Ärztin in Pesaro, Italien. Foto: © Alberto Giuliani / Wikimedia Commons © Bereitgestellt von ZEITjUNG Erschöpfte Ärztin in Pesaro, Italien. Foto: © Alberto Giuliani / Wikimedia Commons

Bernhard ist 28 und bereits ein Jahr lang im Homeoffice. Vor der Pandemie hat er in Österreich gearbeitet, das Pendeln ist durch die ständigen Kontrollen nun schon seit März 2020 nicht mehr möglich. Obwohl er dem Impfen sonst vertraut, ist er beim Corona-Impfstoff unsicher: Bernhard will sich erst dann impfen lassen, wenn er durch sein Ehrenamt dazu verpflichtet ist oder genug Zeit verstrichen ist, um Langzeitschäden oder Nebenwirkungen bei anderen Patient*innen auszuschließen. Dann zeigt er sich ziemlich zuversichtlich, dass auch er sich den Impfstoff verabreichen lassen wird. Auf die Frage, ob die Corona-Impfung eine moralische Pflicht darstelle, antwortet Bernhard, dass er sich an alle Hygiene- und Abstandsregeln halte und jede*r selbst entscheiden dürfe, ob und wann er*sie sich impfen lässt. Trotz alledem räumt er ein, dass jeder Mensch selbst die Verantwortung trage, wenn er*sie durch eine fehlende Impfung nicht am öffentlichen oder sozialen Leben teilnehmen kann. Denn: Es könnten in der Tat Sonderregelungen anfallen, die Geimpften mehr Freiheiten gewähren. So machte sich Außenminister Heiko Maas jüngst dafür stark: „Geimpfte sollten wieder ihre Grundrechte ausüben dürfen“. Mehr dazu findet ihr hier.  

Die Impfstoff-Zulassung  

Ein Impfstoff gilt nur dann als zugelassen, wenn er von der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) geprüft und bestätigt wird. Pharma-Unternehmen wie BioNTech müssen also einen Zulassungsantrag stellen, der dann von Expert*innen geprüft wird. Der Ausschuss gibt anschließend eine positive oder negative Empfehlung an die Europäische Kommission ab, diese kann im positiven Fall die Zulassung für alle EU-Mitgliedsstaaten erteilen. Normalerweise dauert das Zulassungsverfahren 210 Tage und schließt verschiedene Testphasen mit ein. Beim Corona-Impfstoff wurden bei den einzelnen Ländern sogenannte Notfallzulassungen beantragt, durch diese konnte beispielsweise in den USA die Testphase drei verkürzt werden.  

Impfung in Straßburg. Foto: © Claude Truong-Ngoc / Wikimedia Commons © Bereitgestellt von ZEITjUNG Impfung in Straßburg. Foto: © Claude Truong-Ngoc / Wikimedia Commons

Durch Notfallzulassungen können Impfstoffe auch dann auf den Markt gelangen, wenn Langzeitstudien zur Sicherheit und Wirkung noch fehlen. Trotz der Verkürzung des Verfahrens wurden jedoch in Testphase drei des Impfstoffes von BioNTech und Pfizer allein in den USA 44.000 Proband*innen beobachtet. Dabei stellte sich heraus, dass die Wahrscheinlichkeit, an COVID-19 zu erkranken, bei den Geimpften um 95% geringer ausfiel als bei den Placebo-Teilnehmer*innen. Mit diesem Ergebnis konnte der Impfstoff dann, durch das beschleunigte Verfahren, im Dezember in der EU zugelassen werden. Laut dem RKI ist noch nicht bekannt, inwieweit die Erregerübertragung durch die Impfung verringert wird, auch Nebenwirkungen können, ebenso wie bei Standardimpfungen, durchaus auftreten. Die Ständige Impfkommission (STIKO) hat für die Corona-Impfung eine Reihe an möglichen Nebenwirkungen aufgelistet, die ihr hier, unter dem Reiter „Warum sollte ich mich gegen COVID-19 impfen lassen“, einsehen könnt. Diese unterscheiden sich nicht von denen, die länger zugelassene Impfstoffe mit sich bringen. Klar ist also: Die Impfung bietet einen ausgesprochen guten Schutz vor der Erkrankung.  

Katrin, 36, schwebt in der Luft: Zwar geriet sie durch Corona in die Kurzarbeit, dennoch will sie sich als bekennende Skeptikerin nicht gegen das Virus impfen lassen. Vor der Pandemie hatte sie noch nie über das Thema Impfen nachgedacht, jetzt ist es jedoch anders: Es sei nicht genug getestet worden und man könne Langzeitfolgen nicht ausschließen, so Katrin. Sollten tatsächlich Vorteile für Geimpfte kommen, könnte sie sich allerdings vorstellen, dass sie ihre Meinung erneut überdenkt, obwohl sie die Bevorzugung von Geimpften als eine ziemlich harte Konsequenz ansieht. In ihrem Umfeld gibt es die unterschiedlichsten Meinungen, im Allgemeinen ist die Impfung aber nicht wirklich ein Thema. In Zeiten von Corona ist Katrin mehr mit sich beschäftigt, ist nachdenklicher und freut sich auf die Zeit nach der Pandemie – auch wenn sie denkt, dass es lange dauern wird, bis sich die gewohnte Normalität wieder einstellt.  

Meine letzte Gesprächspartnerin an diesem langen Tag ist die 41-jährige Natascha, die noch in ihrem Büro arbeiten kann (oder muss?). Sie spricht positiv über das Impfen und meint, es wäre grundsätzlich eine wichtige Maßnahme. Vor jeder Impfung stellt sie sich die Frage, ob die Spritze wirklich wichtig für sie sei – kann sie diese mit ja beantworten, lässt Natascha sich auch impfen. Den Corona-Impfstoff sieht sie allerdings genauso kritisch wie ihre Vorgänger. Der Corona-Ausbruch liegt gerade einmal ein Dreivierteljahr zurück, nur sechs Monate wurde am Impfstoff geforscht – zu kurz, meint Natascha. Impfen sei für sie keine moralische Pflicht, sie hat Sorge, dass man im kommenden Jahr gebrandmarkt wird, wenn man sich nicht impfen lässt. Zwar heißt es, es gäbe keinen Impfzwang – dennoch würde man sehen, wie immer mehr Restaurants oder Unternehmen interne Beschlüsse erlassen. Für Natascha kommt dieses Vorgehen einer Impfpflicht nahezu gleich.

COVID-19 Impfzentrum in Köln; © Raimond Spekking / Wikimedia Commons © Bereitgestellt von ZEITjUNG COVID-19 Impfzentrum in Köln; © Raimond Spekking / Wikimedia Commons

Am Ende des Tages…

Alle Menschen, mit denen ich gesprochen habe, sind sich in einem Punkt einig: Sie wünschen sich das Ende der Pandemie herbei. Die einen sind dabei rationaler, wollen mehr Informationen über den Impfstoff oder sind skeptisch aufgrund des beschleunigten Verfahrens. Sie möchten erst einmal abwarten, wie sich die Lage entwickelt, beobachten, wie es den Geimpften ergeht. Die anderen sind unsicher, folgen eher ihrem Bauchgefühl, das ihnen sagt: „Meine Bekannten wollen sich nicht impfen lassen, also sollte ich das auch nicht“, oder „irgendetwas erscheint mir krumm!“. Doch wenn die sehnlichst erwünschten Informationen dann schließlich vor ihrer Nase liegen, scheint es mir so, als wenn doch viel mehr Menschen bereit wären, sich impfen zu lassen oder zumindest alle Regelungen einzuhalten. Wer sich über das Virus und die Impfung noch weiter informieren möchte, sollte immer auf die Quellen achten und vermehrt auf Wissenschaftler*innen hören. Die Chemikerin und Journalistin Mai Thi Nguyen-Kim erklärt in ihrem Video, worauf man beim Quellencheck unbedingt Rücksicht nehmen sollte – denn auch Wissenschaftler*innen können irren und verwirren.

Mein Fazit aus den Interviews und der Impfdebatte: Skepsis ist legitim, denn Corona ist etwas nie Dagewesenes. Blind vertrauen, das fordert keiner, aber ohne Grund misstrauisch zu sein, ist auch nicht der richtige Weg. In diesen wirren Zeiten arbeiten Tag und Nacht Menschen daran, dass sie endlich eintritt, die Herdenimmunität – doch ein Schaf muss den ersten Schritt wagen. Und in diesem Fall lassen die jüngeren Schafe gerne den älteren den Vortritt.  

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Bildquelle: Vergleich.org; Lisa Fernando, Alberto Giuliani, Claude Truong-Ngoc, Raimond Spekking / Wikimedia Commons; CCO-Lizenz


Video: Expertin klärt auf: Darum ist eine Corona-Zweitinfektion so gefährlich (SAT.1)

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