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Coronavirus: Schlechter Rat vom Präsidenten

SZ.de-Logo SZ.de 06.04.2020 Von Werner Bartens
© REUTERS

• Donald Trump empfiehlt das Mittel Hydroxychloroquin gegen Covid-19.

• Das Mittel hat viele Nebenwirkungen.

• Ob es gegen das Corona-Virus hilft, ist völlig unklar.

Schlechter Rat vom Präsidenten

Von Donald Trump war bisher nicht bekannt, dass er sich besonders für Viren und medizinische Fragen interessieren würde. Die Corona-Pandemie hat er zunächst ignoriert, dann bagatellisiert. Inzwischen, da die USA das Land mit den weltweit meisten bestätigten Fällen sind, fällt der Präsident - freundlich ausgedrückt - vor allem mit unberechenbaren und medizinisch fragwürdigen Äußerungen auf. Das Krisenmanagement haben längst die Gouverneure und Bürgermeister übernommen. Obwohl ihm mit Anthony Fauci ein weltweit renommierter Immunologe beratend zur Seite steht, verbreitet Trump in beschwörendem Ton seine halbgaren medizinische Ratschläge.

Am Sonntag hat der Präsident eindringlich ein Medikament empfohlen, das er in Zeiten von Corona wie ein neues Wundermittel anpries. "Take it" und "Try it", rief Trump mehrmals aus - "What do you have to lose?", was also hätte man zu verlieren, es sei "eine gute Möglichkeit". Das Mittel, von dem der Mann im Weißen Haus so hingerissen ist, heißt Hydroxychloroquin. Es ist ebenso wie das chemisch ähnliche Chloroquin ein Klassiker im Arzneischrank. In den 1950er-Jahren wurde das Medikament bereits zugelassen und ist seitdem zur Prophylaxe gegen Malaria und in der Behandlung diverser rheumatischer Erkrankungen im Einsatz. Bisher bekommen es vor allem Patienten mit der "Schmetterlingskrankheit" Lupus erythematodes und Rheumatoider Arthritis.

Das Mittel verändert den pH-Wert in den Zellen. Das könnte helfen. Wohlgemerkt: könnte

Die Liste der möglichen Nebenwirkungen von Hydroxychloroquin ist lang, besonders gefürchtet sind Erkrankungen der Netzhaut rund um den Punkt des schärfsten Sehens sowie Störungen der Herzfrequenz und andere Einschränkungen des Pumporgans. So kann Hydroxychloroquin das QT-Intervall verlängern. Diese Phase bezeichnet im EKG die Zeitspanne, in der die Herzkammern elektrisch erregt werden und sich zusammenziehen. Dauert sie zu lange, kann es zu bedrohlichen Rhythmusstörungen bis hin zum Herzversagen kommen. Aber auch Leber, Niere und andere Organe können in Mitleidenschaft gezogen werden, zudem sind Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, etwa für Diabetiker und Herzkranke, nachgewiesen worden.

Was die Behandlung von Patienten mit dem neuartigen Coronavirus und Trumps Empfehlung angeht, muss derzeit betont werden: Ein klinischer Nutzen des Medikaments für mit Sars-CoV-2 Infizierte, an Covid-19 Erkrankte oder auch zur Vorbeugung ist bisher nicht seriös belegt. Verschiedene klinische Studien sind erst kürzlich begonnen worden, die bisher vorliegenden Hinweise durchwachsen.

Dass Hydroxychloroquin und Chloroquin überhaupt zu den Kandidaten zählen, die als therapeutische Antwort auf die Bedrohung durch das neuartige Coronavirus gehandelt werden, liegt neben Trumps voreiligen Anpreisungen an seiner Wirkung auf Zellen. Das Mittel verändert den intrazellulären pH-Wert (Säuregrad), und dieser unspezifische Effekt könnte das Virus dabei beeinträchtigen, sich zu vermehren. Könnte, muss man betonen. Zudem haben chinesische Forscher in einem Brief an das Fachmagazin Nature im Februar erwähnt, dass die Bindung der Viren an die Zelle durch Chloroquin behindert werden könnte. Die Untersuchung fand allerdings in Zellkulturen statt, ist also nicht ohne Weiteres auf die klinische Situation übertragbar. Auch hier gilt also der Konjunktiv.

Eine Studie aus Marseille bezeichnen manche Forscher als Lüge

Eine weitere Studie mit der geringen Anzahl von 20 behandelten Patienten aus Marseille kommt zwar zu dem Schluss, dass Hydroxychloroquin zusammen mit Azithromycin die Virenmenge im Rachen vermindert und deshalb eine Option sei. Allerdings steht die Studie massiv in der Kritik, von manchen Forschern werden die Autoren gar der Lüge bezichtigt. So wurden ursprünglich 26 Patienten mit der Kombinationstherapie behandelt, von denen sechs die Studie nicht beendeten - davon drei, weil sie trotz der Medikamentengabe auf die Intensivstation mussten. Ein anderer starb an der Erkrankung, einer verließ das Krankenhaus ohnehin, und ein weiterer hatte so heftige Nebenwirkungen, dass er die Mittel absetzen musste. Aus derart schwachen Daten Empfehlungen abzuleiten, wäre schlicht verantwortungslos.

So wünschenswert eine baldige Therapie gegen Covid-19 auch ist - allein aus Zellkulturen, Tierversuchen und ungenügend validierten Studien lässt sich kein Wundermittel herbeizaubern. Dass der US-Präsident trotzdem seinen Therapie-Tipp vor einem Millionenpublikum verbreitet, erzürnt denn auch Ärzte und Wissenschaftler rund um den Globus. In den sozialen Netzwerken ist eine heftige Debatte um das Für und Wider dieser Behandlungsoption entbrannt. Die Auseinandersetzung verläuft kaum noch entlang wissenschaftlicher Argumentationslinien, sondern trennt Trump-Gegner und dessen Befürworter.

Experten auf der ganzen Welt entzürnt Trumps Empfehlung

Dem denkwürdigen Fernsehauftritt Trumps ging offenbar eine erhitzte Diskussion im Beraterstab des Weißen Hauses voraus, wie amerikanische Nachrichtenportale berichten. Demnach hatte Peter Navarro, einer von Trumps wirtschaftspolitischen Einflüsterern, einen Stapel Unterlagen dabei, die seiner Meinung nach wissenschaftlich beweisen, dass Hydroxychloroquin "ganz klar therapeutisch wirksam" sei. Der weltweit anerkannte Infektionsexperte Anthony Fauci entgegnete, dass es sich bei den bisherigen Studien allenfalls um "anekdotische Evidenz" handele, weshalb die Belege längst nicht für eine Empfehlung ausreichen.

Was Trump kurz darauf der Welt an therapeutischen Weisheiten verkündete, ist bekannt. Ärzte, die Rheumakranke behandeln, fürchten unterdessen, dass die Medikamente knapp werden, die einige ihrer Patienten tatsächlich benötigen.

Alle aktuellen Informationen und Empfehlungen des Gesundheitsministeriums finden Sie hier.

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