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Depression: Wenn Menschen krank werden, die heilen wollen, läuft etwas schief

Berliner Zeitung-Logo Berliner Zeitung 23.09.2022 Christian Schwager
© Bereitgestellt von Berliner Zeitung

Der Staat hat nicht das Recht, Menschen am Suizid zu hindern. Das jedenfalls ist die Auffassung des Deutschen Ethikrats, der allerdings ebenso festhält: Der Staat muss Prävention betreiben. Auch indem er etwas gegen Missstände unternimmt, die in den Selbstmord treiben können. Die Altersarmut zum Beispiel oder der Pflegenotstand.

Rund 9000 Menschen nehmen sich in Deutschland pro Jahr das Leben, darunter relativ viele ältere alleinstehende Männer. Die Zahl der Suizidversuche dürfte um ein Vielfaches höher sein. Die Verantwortung des Staates dokumentiert eine andere Statistik. In einer Umfrage des Robert-Koch-Instituts von 2021 gab jeder siebte Beschäftigte im Rettungsdienst an, während der zurückliegenden zwölf Monate an einer Depression gelitten zu haben.

Das sind im Durchschnitt doppelt so viele Betroffene wie in der Allgemeinbevölkerung. Auch im Rettungsdienst sind Männer überproportional stark repräsentiert, sie leiden dreimal häufiger unter Depressionen. Sie haben Angst, als schwach dazustehen, fürchten um ihre Karriere, das ergaben Untersuchungen im medizinischen Dienst. Hilfsangebote werden deshalb nicht wahrgenommen.

Depressionen und ihre lebensbedrohlichen, mitunter tödlichen Folgen spielen in der öffentlichen Wahrnehmung eine untergeordnete Rolle. Das muss sich ändern. Ändern müssen sich aber auch die Umstände, die seelische Krisen provozieren. Wenn zum Beispiel Menschen krank werden, weil sie anderen dabei helfen wollen, wieder gesund zu werden, läuft etwas schief.

You’ll never walk alone – das hat Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) angesichts der Energiekrise den Bürgern versprochen: Niemand wird alleingelassen. Eine Therapie gegen akute gesellschaftliche Beschwerden. Sie sollte zum Grundsatz werden, der ein vorherrschendes Prinzip ablöst: Jeder ist seines Glückes Schmied. Denn nicht jeder ist dafür stark genug.

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