Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

„Einen Durchbruch wird es mit diesem Impfstoff nicht mehr geben“

WELT-Logo WELT 17.06.2021 Michael Brendler
Es war neben Biontech die zweite deutsche Impfstoffhoffnung: Curevac aus Tübingen. 250 Millionen Euro steckte der Bund in die Forschung. Das börsennotierte Unternehmen musste jetzt eine Zwischenanalyse veröffentlichen – das Ergebnis ist enttäuschend. Quelle: WELT © WELT Es war neben Biontech die zweite deutsche Impfstoffhoffnung: Curevac aus Tübingen. 250 Millionen Euro steckte der Bund in die Forschung. Das börsennotierte Unternehmen musste jetzt eine Zwischenanalyse veröffentlichen – das Ergebnis ist enttäuschend. Quelle: WELT

Nur 47 Prozent, musste die Tübinger Biopharmafirma Curevac am späten Mittwochabend einräumen, wirkt der eigene mRNA-Impfstoff gegen das Coronavirus. Das ist das Ergebnis einer Zwischenanalyse der Zulassungsstudie. Im Vergleich zu den Konkurrenzprodukten von Moderna und Biontech ist das erschreckend wenig. Muss man den Hoffnungsträger nun abschreiben? Und was sind die Gründe für dieses enttäuschende Ergebnis. Ein Interview mit dem Leiter der Zulassungsstudie, Professor Peter Kremsner, dem Direktor des Instituts für Tropenmedizin an der Universität Tübingen.

Der Curevac-Impfstoff birgt offenbar ein höheres Risiko von Nebenwirkungen © Getty Images/Guido Mieth Der Curevac-Impfstoff birgt offenbar ein höheres Risiko von Nebenwirkungen

WELT: Herr Professor Kremsner, mit 47 Prozent Wirksamkeit schützt der Curevac-Impfstoff laut dem Zwischenergebnis ihrer Untersuchung gerade mal rund halb so gut wie alle anderen mRNA-Impfstoffe gegen das Coronavirus. Wie erklären Sie sich diese riesigen Unterschiede, schließlich setzen sowohl Curevac, Biontech und Moderna auf eine mehr oder weniger identische Technik?

Peter Kremsner: Das ist die Frage, die wir uns natürlich alle selbst stellen. Ich vermute, dass die Ursache die unterschiedliche Dosierung ist. Bei Curevac sind in der Spritze nur zwölf Mikrogramm enthalten, bei Biontech sind es 30, bei Moderna sogar 100 Mikrogramm.

WELT: Und warum sind die Dosen so viel kleiner ausgefallen?

Kremsner: Wir konnten keine größeren Dosierungen verwenden, weil in den Versuchen mit den ersten Probanden zu starke Nebenwirkungen beobachtet wurden. Das waren zwar dieselben, die wir auch von den anderen Corona-Impfstoffen kennen: Symptome wie Kopfschmerzen, Fieber, Müdigkeit, Schmerzen an der Einstichstelle zum Beispiel; alles Symptome, die zwar nicht gefährlich, aber sehr unangenehm sein können.

Im Vergleich zu den Konkurrenzprodukten sind sie bei Curevac allerdings deutlich häufiger aufgetreten – fast bei 100 Prozent der Versuchspersonen. Somit waren höhere Dosierungen nicht möglich.

WELT: Haben Sie eine Idee, was dahinterstecken könnte?

Kremsner: Eigentlich sind die mRNA-Sequenzen, die die Informationen für die Virusproteine enthalten, mehr oder weniger dieselben. Auch die Verpackung, mit der sie in die Zellen transportiert werden, ist sich sehr ähnlich. Aber es gibt einen kleinen und, so wie es aussieht, entscheidenden Unterschied: Während bei den Moderna- und Biontech-Impfstoffen die mRNA leicht modifiziert wurde, hat Curevac darauf verzichtet.


Video: Gegen Geld: YouTuber sollten offenbar Impfstoff verunglimpfen (glomex)

Video wiedergeben

Biontech und Moderna wollten durch diese kleinen chemischen Veränderungen eine bessere Verträglichkeit ihres Produkts garantieren. Curevac hat darauf gebaut, einen möglichst natürlichen mRNA-Impfstoff herzustellen. Eigentlich ein guter Ansatz – jetzt muss man nur leider sagen: Es hat halt nicht funktioniert.

WELT: Allerdings kann man Ihnen zugutehalten: Sie hatten deutlich schlechtere Ausgangsbedingungen. Zu dem Zeitpunkt, als Sie mit Ihrer Impfstoffstudie begonnen haben, gab es deutlich mehr Virusvarianten und Mutationen. Biontech und Moderna mussten sich vor allem mit dem Originalerreger auseinandersetzen. Könnte auch das eine Rolle gespielt haben?

Kremsner: Darüber kann man natürlich nachdenken. Als Biontech seine Studienergebnisse präsentiert hat, gab es tatsächlich deutlich weniger Virusvarianten, die zirkulierten. In den zehn Ländern, in denen unsere Studie durchgeführt wurde, haben wir dagegen mehr als zehn gefunden – vor allem in Südamerika. Auf der anderen Seite ist der Biontech-Wirkstoff auch exzellent wirksam gegen die britische Alpha-Variante, der von Curevac nur zu weniger als 50 Prozent. Das kann man nicht wegdiskutieren. Für mich ist deshalb wohl die unterschiedliche Dosis der entscheidende Nachteil gewesen.

WELT: Bislang handelt es sich ja nur um ein Zwischenergebnis. Besteht noch Hoffnung, dass das Endresultat positiver ausfallen könnte?

Kremsner: Ich denke nicht. Wir haben inzwischen die Daten von 134 Fällen für die Wirksamkeitsanalyse ausgewertet. Demnächst und final werden wir etwa 200 Fälle zusammenbringen. Da sind keine großen Veränderungen mehr zu erwarten. Auch wenn man mit Glück noch eine etwas bessere Wirksamkeit hinkriegt, sie wird nie auch nur annähernd an die der anderen mRNA-Impfstoffe heranreichen. Einen Durchbruch wird es mit diesem Impfstoff nicht mehr geben.

WELT: Sie waren ja der Leiter dieser internationalen Studie. Ist das auch für Sie eine persönliche Enttäuschung?

Kremsner: Wir haben mit Herz und Blut an der Studie teilgenommen und haben sehr viel Kraft und Energie investiert. Ich habe auch am Design der Untersuchung mitgearbeitet. Natürlich ist das eine Enttäuschung, auch wenn ich weder zu den Mitbesitzern noch zu den Mitarbeitern von Curevac gehöre.

WELT: Inzwischen werden ja auch bei den anderen mRNA-Impfstoffen neue und stärkere Nebenwirkungen diskutiert. Dinge wie Herzmuskelentzündungen oder Anzeichen für kurzfristige und punktuelle Immunschwächen nach den Spritzen wie Gürtelrose. Was sagen Sie: Ist das ein Grund, sich Sorgen zu machen?

Kremsner: Nein, bisher lässt sich all das nicht wirklich dingfest machen. Meiner Meinung nach spricht weiterhin alles dafür, dass die zugelassenen mRNA-Impfstoffe sehr gut verträglich sind und eine sehr hohe Wirksamkeit haben.

Hat die CureVac-Spritzen selbst getestet: Peter Kremsner Quelle: picture-alliance/dpa/Christoph Schmidt, picture-alliance/dpa/Bernd Weißbrod © picture-alliance/dpa/Christoph Schmidt, picture-alliance/dpa/Bernd Weißbrod Hat die CureVac-Spritzen selbst getestet: Peter Kremsner Quelle: picture-alliance/dpa/Christoph Schmidt, picture-alliance/dpa/Bernd Weißbrod

Zur Person

Der Österreicher Peter Gottfried Kremsner, 60, ist Professor für Tropenmedizin, Reisemedizin und Parasitologie an der Universität Tübingen sowie Ärztlicher Direktor der Abteilung VII der Medizinischen Klinik und des Instituts für Tropenmedizin. Zu seinen wissenschaftlichen Schwerpunkten gehört die Impfstoffforschung. Er forscht unter anderem an Malaria-Vakzinen und leitet die aktuelle Curevac-Zulassungsstudie.

| Anzeige
| Anzeige

Die Welt

| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon