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Hyperemesis gravidarum: Das ist mehr als nur Morgenübelkeit

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 09.10.2021 Katharina Wecker

Übelkeit kennen viele Schwangere. Doch manche müssen pausenlos erbrechen. Hyperemesis gravidarum macht die Schwangerschaft zur Qual – weiß unsere Autorin aus Erfahrung.

Ist das noch normale Schwangerschaftsübelkeit? Wenn Frauen sich immerzu erbrechen müssen, brauchen sie besondere Hilfe. © Boy_Anupong/​Getty Images Ist das noch normale Schwangerschaftsübelkeit? Wenn Frauen sich immerzu erbrechen müssen, brauchen sie besondere Hilfe.

Eigentlich wollte ich nie wieder schwanger werden. Meine erste Schwangerschaft war – wie soll ich es beschreiben, ohne dramatisch zu klingen – der Horror! Ich litt an Hyperemesis gravidarum (HG), der extremen Form der Schwangerschaftsübelkeit. Eine bis dahin nie gekannte Übelkeit ergriff mich. Sie war völlig anders als bei einem Kater oder einer Magengrippe. Die Übelkeit schien meinen Körper zu durchdringen, sie ließ nie von mir ab. Erst übergab ich mich einmal die Stunde, dann zweimal, schließlich im Minutentakt. So ging das wochenlang. Damals schwor ich meinen Freund: "Das nächste Kind adoptieren wir!"

Etwa 80 Prozent aller Schwangeren leiden an Übelkeit, vor allem im ersten Trimester, aber nur bei 0,5 bis 2 Prozent kommt es zur Hyperemesis, dem unstillbaren Erbrechen (Geburtshilfe und Frauenheilkunde, Böer et al., 2011). Die berühmteste Leidensgenossin ist Kate Middleton. Die Herzogin von Cambridge litt in allen drei Schwangerschaften daran. Durch sie hat die Erkrankung mehr öffentliche Aufmerksamkeit bekommen, doch noch immer ist zu wenig darüber bekannt. Bislang weiß niemand genau, warum es zu dieser extremen Übelkeit kommt. 

Über die Ursachen gibt es verschiedene Hypothesen. So könnten etwa Hormone dafür verantwortlich sein, infrage kommt Forschern zufolge aber auch eine Magenschleimhaut-Entzündung durch Helicobacter-Bakterien oder eine Schilddrüsenüberfunktion (Nature Communications: Fejzo et al., 2018). Studien legen zudem genetische Gründe nahe: Frauen, deren Schwestern oder Mütter an HG litten, haben selbst ein dreifach erhöhtes Risiko dafür (Am J Obstet Gynecol: Zhang et al., 2011). Auch meine Schwester musste sich in ihrer Schwangerschaft täglich übergeben, aber so ausgeprägt wie bei mir war es längst nicht. 

Forscherinnen der University of California wollen sogar bestimmte Gene ausfindig gemacht haben, die eine Hyperemesis beeinflussen oder verursachen können (Nature Communications: Fejzo et al., 2018). Noch steht die Forschung dazu am Anfang, doch irgendwann, so die Hoffnung, könnten Gentests womöglich dabei helfen, die Diagnose früher zu stellen und so schwere Verläufe zu verhindern. Denn weil generell so viele Schwangere unter Übelkeit und Erbrechen leiden, werden diejenigen mit einer Hyperemesis nicht immer frühzeitig erkannt. 

"Hysterische Schwangere"

Marlena Fejzo möchte das ändern. Die Gynäkologin gehört zu den führenden Hyperemesis-Wissenschaftlerinnen der Welt – und offen gesagt zu den wenigen, die sich überhaupt mit dem Thema beschäftigen. Fejzo will mit Mythen aufräumen. Denn lange vermutete man hinter der extremen Übelkeit vor allem psychische Auslöser. Die Frauen seien noch nicht bereit für ein Baby, ihr Körper würde sich deswegen gegen die Schwangerschaft wehren, hieß es. Obwohl diese psychosomatische Hypothese wissenschaftlich nie belegt wurde, kursiert sie unter Ärzten noch heute. "Die Vorstellung, dass schwangere Frauen hysterisch und überemotional sind, hält sich hartnäckig", sagt Fejzo. "Und weil man nicht genau weiß, was die Ursachen sind, glaubt man, die Frauen seien selbst schuld."

Auch zu mir sagte eine Pflegerin im Krankenhaus, dass ich die Schwangerschaft vielleicht unterbewusst ablehne. Das Baby war zu dem Zeitpunkt zwar nicht geplant, aber absolut gewollt. Trotzdem verunsicherten mich ihre Worte. Plötzlich fragte ich mich: Will ich das Kind vielleicht doch nicht? Bin ich selbst schuld an dem Dauererbrechen?


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Ich war gerade acht Wochen schwanger, dehydriert vom vielen Erbrechen und lag zur Behandlung in der Frauenklinik auf der Wochenstation. Zwischen glücklichen Eltern mit ihren Neugeborenen drehte ich – leichenblass und ohne Babybauch – meine Runden auf dem Gang, um meinen Kreislauf in Schwung zu bringen. So fehl am Platz habe ich mich selten gefühlt. Mir taten die frischgebackenen Familien leid, die mein endloses Würgen mit anhören mussten.

In Selbsthilfegruppen auf Facebook berichten Schwangere, dass sie nicht einmal von ihren Gynäkologen ernst genommen werden. Sie sollten sich zusammenreißen, bekamen offenbar einige zu hören. Mein Frauenarzt sagte mir, manche Frauen treffe es halt schlimmer mit der Übelkeit als andere. Seine Urlaubsvertretung, zu der ich mich alle drei Tage für eine Infusion schleppte, wollte es mit Globuli probieren. Erst nachdem mich dort eine hochschwangere Leidensgenossin im Wartezimmer angesprochen hatte, die fast schon verschwörerisch meinte: "Hol dir die Hilfe, die du brauchst. Sonst bekommst du sie nicht", wies ich mich selbst ins Krankenhaus ein.

"Tatsächlich sind nicht wenige Betroffene untertherapiert", sagt Harald Abele, Stellvertretender Ärztlicher Direktor der Geburtshilfe an der Universitäts-Frauenklinik Tübingen. Das liege zum einen daran, dass die Grenze zwischen normaler und übersteigerter Schwangerschaftsübelkeit fließend sei. Abele und seine Kollegen nennen als diagnostische Kriterien der Hyperemesis gravidarum mehr als fünfmaliges Erbrechen pro Tag und einen Gewichtsverlust von mehr als fünf Prozent (Geburtshaus und Frauenheilkunde: Böer et al., 2011). Zum anderen liege es daran, dass die Symptome nicht immer einfach zu behandeln seien. Es gibt keinen allgemeingültigen Behandlungsplan.

Abele verordnet Ernährungsberatung, Flüssigkeitszufuhr, Vitamingabe und in schweren Fällen Medikamente. Es gibt derzeit allerdings nur ein Medikament, das zur Behandlung von Hyperemesis gravidarum zugelassen ist. Da es nicht bei allen Patientinnen anschlägt, werden Schwangere häufig auch mit anderen Medikamenten außerhalb der eigentlichen Zulassung behandelt, ein sogenannter Off-Label-Einsatz. "Das ist ein normaler Prozess", sagt Abele. "Man weiß, wie die Mittel wirken und wie man sie einsetzt." Trotzdem machten sich seine Patientinnen oft Sorgen um ihr ungeborenes Baby, wenn sie Medikamente nehmen müssten. Abele sagt, er wäge dann zusammen mit den Patientinnen ab. 

Für ihn sei es wichtig, dass die Betroffenen sich gut beraten und aufgehoben fühlen. Seine persönliche Motivation dabei: "Ich habe schon Frauen betreut, die den einzigen Ausweg in einem Schwangerschaftsabbruch gesehen haben. Das müssen wir verhindern", sagt der Gynäkologe. Laut einer Umfrage der University of California beendeten bis zu 15 Prozent der Betroffenen die bestehende Schwangerschaft (Contraception: Poursharif et al., 2007).

"Ich wollte im Koma liegen"

Es mag hart klingen, aber ich kann Frauen verstehen, die abtreiben. Wenn man sich monatelang fast ununterbrochen übergeben muss und keine Hilfe bekommt, kann ein Abbruch als einziger Weg erscheinen, um die Qual zu beenden. 

Ich selbst habe nie daran gedacht, das zu tun, aber an dem schlimmsten Tag, als ich mich alle fünf Minuten übergeben musste, habe ich meinen Freund gebeten, nur halb im Scherz, mich bewusstlos zu schlagen. Ich wollte im Koma liegen, bis das Ganze vorbei wäre. Einfach schlafen. Ich hing immer noch an Infusionen. Am Anfang hat mir die Flüssigkeitszufuhr geholfen, das Dauererbrechen zu stoppen, wenn auch nur für ein paar Stunden. Doch irgendwann half selbst das nicht mehr. Ich übergab mich so oft, dass ich das Gefühl hatte, mein Magen würde bald mit rauskommen. 

Unbehandelt kann die schwere Hyperemesis lebensbedrohlich sein (Nature, Frejzo et al., 2018). Bevor es Infusionen zur Flüssigkeitszufuhr gab, starben etwa in Großbritannien 159 Frauen pro einer Million Geburten (Human Reproduction Update, Verberg et al., 2005). Dank der intravenösen Therapie kommt es in Deutschland und anderen Industrieländern heute nicht mehr zu Todesfällen (Geburtshilfe und Frauenheilkunde, Böer et al., 2011). 

Die häufigsten Auswirkungen einer Hyperemesis sind Dehydration, Stoffwechsel- und Elektrolytstörungen. In schweren Fällen kann es zu einer Präeklampsie, einer Schwangerschaftsvergiftung, kommen. Verliert die Mutter durch das Erbrechen viel Gewicht, kann dies auch zu einem geringeren Geburtsgewicht des Babys führen. Der Hyperemesis werden allerdings auch schützende Wirkungen zugeschrieben: Einzelne Studien deuten darauf hin, dass Frauen mit HG seltener Fehlgeburten haben (für einen Überblick: Human Reproduction Update, Verberg et al., 2005). Das sagte mir auch eine Ärztin im Krankenhaus, und an diesen Strohhalm klammerte ich mich. 

Doch ich war unsicher, ob ich Medikamente nehmen sollte, und fragte mich, ob das meinem Baby schaden würde. Mein Freund und ich recherchierten damals auf Embryotox, einem Beratungsportal der Charité Universitätsmedizin für Arzneimittel in der Schwangerschaft. Es wertet internationale Studien zur Anwendung von Medikamenten bei Schwangeren aus und empfiehlt Arzneimittel, die als unbedenklich für das Ungeborene gelten. Zur Behandlung einer Hyperemesis gravidarum werden vor allem Antihistaminika, die den Brechreiz mindern, angewendet. 

Ich war am Ende meiner Kräfte, verzweifelt und wollte einfach nur, dass das Dauererbrechen aufhört. Ich bettelte meinen Arzt schon fast an, mir ein Rezept für das von Embryotox empfohlene Mittel auszustellen (European Journal of Epidemiology, Källén & Mottet, 2003). Das war noch, bevor ich ins Krankenhaus kam. Allerdings gab es damals, Ende 2018, noch kein Medikament, das in Deutschland zugelassen war. Das Mittel der Wahl war deshalb nur über Auslandsapotheken erhältlich, in anderen EU-Ländern aber frei käuflich. Wir bestellten es in Belgien. 

Die Tabletten kamen an, als ich schon für einige Tage in der Klinik lag und dort begann ich auch damit, sie einzunehmen. Das Erbrechen hörte schlagartig auf. Was blieb, war eine starke Übelkeit und lähmende Müdigkeit. Ende des fünften Monats ging es mir dann endlich besser. Die zweite Hälfte meiner Schwangerschaft verlief komplikationslos. Ich brachte einen gesunden Jungen zur Welt und vergaß die Strapazen. 

Doch jetzt, zwei Jahre später, bin ich wieder schwanger. Als ich den positiven Test in der Hand hielt, kamen mir Tränen. Freudentränen, klar. Aber es waren auch Tränen der Angst. Angst vor dem, was mir bevorstehen würde. 

Und tatsächlich: Ich litt wieder an der extremen Form des Schwangerschaftserbrechens. Aber ich habe eine neue Frauenärztin, die sich damit auskennt und mir sofort beim Auftreten der ersten Übelkeit ein Medikament verschrieb, das 2019 in Deutschland auf den Markt kam. Ein Antihistaminikum, das zur Behandlung von Schlafstörungen zugelassen ist, aber auch gegen Übelkeit und Erbrechen bei Schwangeren eingesetzt werden darf.

In den ersten fünf Monaten war mir trotzdem ununterbrochen übel und abends musste ich mich häufig übergeben. Aber ein Krankenhausaufenthalt blieb mir diesmal erspart. Es ging also etwas besser. Jetzt im siebten Monat fühle ich mich gut und kann die Schwangerschaft genießen. Trotzdem sage ich auch diesmal wieder: Danach möchte ich nie mehr schwanger werden.

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