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Uniklinik-Vorstand: "Corona-Welle wird mit Influenza-Welle zusammenfallen"

SZ - Sächsische Zeitung-Logo SZ - Sächsische Zeitung 23.09.2022
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Uniklinik-Vorstand: "Corona-Welle wird mit Influenza-Welle zusammenfallen"

Dresden. Nach der kurzen, aber heftigen Corona-Sommerwelle sanken die Infektionszahlen wieder - bis jetzt. Aktuell steigt die Inzidenz für Dresden leicht. Während die Politik noch unschlüssig ist, wie die Corona-Schutzmaßnahmen im Herbst und Winter aussehen sollen, hat der Chef des Dresdner Uniklinikums klare Empfehlungen für die Bürger. Im Interview mit Sächsische.de erklärt Professor Michael Albrecht, wie die nächsten Wochen und Monate verlaufen könnten, wer sich wie schützen sollte, und ob wir die Maske noch brauchen.

Herr Professor Albrecht, der Herbst steht bevor. Rechnen Sie mit ähnlichen Zuständen wie im Herbst und Winter 2021 als Patienten in andere Bundesländer geflogen werden mussten?

Generell hat sich gezeigt, dass wir bei allen Omikron-Varianten mildere Erkrankungsverläufe beobachten, als wir sie von der Delta-Variante kennen. Es handelt sich also um eine andere Art der Erkrankung. Diese Realität muss man einmal aussprechen. Es wird immer so getan, als sei Corona seit drei Jahren das Gleiche. Das stimmt nicht. Und wir konnten nicht vorhersagen, wen es trifft: Wir hatten 16-Jährige, die drei Monate an einer Ecmo-Maschine hingen, genauso wie 80-jährige Patienten. Das hat zu der Belastungssituation mit 500, 600 beatmeten Intensivpatienten in Sachsen geführt. Wir standen an der Grenze unserer Belastungsfähigkeit.

Seit Vorherrschen der Omikron-Variante haben wir im Universitätsklinikum keinen einzigen Patienten gesehen, der diese schwere Immunreaktion hatte. Wenn ich mir die Literatur ansehe, fällt es mir auch schwer, Belege dafür zu finden. Natürlich gibt es auch mit Omikron schwere Lungeninfektionsverläufe. Aber das, was wir von den alten Corona-Wellen kennen, sehen wir nicht mehr. Das drückt sich in den Patientenzahlen aus. Wir haben aktuell keine Intensivstationsfälle, die aktiv mit Corona infiziert sind. In Dresden und ganz Ostachsen sind es elf. Dabei handelt es sich nahezu durchweg um Patienten, die zwar positiv, jedoch wegen einer anderen Vorerkrankung auf die Intensivstation gekommen sind.

Was heißt "andere Art von Erkrankung"?

2020 und 2021, zum Höhepunkt der Delta-Welle, haben wir das schlimme Phänomen gesehen, dass dieser Typ eine allgemeine Immunreaktion ausgelöst hat – mit massiven Gerinnungsstörungen und Multiorganversagen. Das hatte primär nichts mit der Lungeninfektion zu tun, es war eine Ganzkörper-Reaktion.

Was heißt das für den Herbst?

Wenn sich nichts am Virustyp ändert, erwarte ich, dass wir keine Patientenüberflutung der Krankenhäuser im Herbst und Winter erleben werden. Was nicht heißt, dass wir keine Infektionswelle bekommen werden. Die kommt durchaus, weil die Ansteckungsgefahr höher ist als bei den alten Varianten. Es wird sich aber nicht in stationär zu versorgenden Patientenzahlen niederschlagen, sondern in Personalausfällen und zwar nicht nur in den Krankenhäusern, sondern auch bei der Polizei, der Feuerwehr, der Gastronomie, überall.

Noch ein Punkt: Ich bin überzeugt, die Infektionswelle wird Ende des Jahres, spätestens im Januar mit einer Influenza-Welle zusammenfallen, die diesmal massiv ausfallen wird, viel massiver als sonst.

Warum?

Weil wir nahezu keinen Immunschutz mehr gegen Influenza haben. Durch die Corona-Maßnahmen sind die Infektionsketten so unterbrochen worden, dass wir keine Immunität in größerem Stil aufgebaut haben.

Wird das Uniklinikum dann nur eingeschränkt arbeiten können?

Wir haben schon jetzt eine hohe Ausfallgrundlast. Wir haben Tage, an denen 20 Prozent der Pflegekräfte nicht an Bord sind – zum Beispiel wegen Urlaub oder Kind-krank. Wenn an solchen Tagen die Infektionsquoten obendrauf kommen, dann wird es schwierig. Dann werden wir OP-Säle und Intensivbetten tageweise nicht betreiben können, weil es harte Vorschriften gibt, wie viel Personal vorzuhalten ist. Das führt dazu, dass unsere Leistung einbricht. Wir haben zwar einen Pool in der Pflege. Das sind Pflegekräfte, die einspringen, wenn irgendwo jemand fehlt. Aber der ist begrenzt. Ich kann nicht 20 Prozent Personalausfall kompensieren, ohne die Leistung einschränken zu müssen. Am Ende müssen wir solch eine Belastungssituation aushalten.

Sollten wir weiterhin Menschenansammlungen wie auf Weihnachtsmärkten meiden, Masken tragen, Umarmungen und Händeschütteln unterlassen?

Es ist politisch leicht dahingesagt, wir geben diese Entscheidung in die persönliche Verantwortung ab. Dafür müsste sich jeder auskennen. Das tun aber die wenigsten. Mein Rat ist vollkommen klar: Erst einmal muss man unterscheiden zwischen Jüngeren und Gesunden und zwischen sehr Alten und Vorerkrankten. Wenn ich ein hohes Alter habe, mit vorerkrankter Lunge, Tumorpatient oder immungeschwächt bin, sollte ich mich impfen lassen. Dadurch wird der Verlauf abgemildert. Wenn man jung und gesund ist, vielleicht schon drei Impfungen hinter sich hat und zusätzlich schon erkrankt war, reicht der Schutz meines Erachtens aus. Auf jeden Fall lasse ich mich gegen Influenza impfen, das rate ich allen. Hier müssen wir Immunität schaffen.

Und was ist mit Veranstaltungen und Maske tragen?

Wenn ich sehe, dass die Infektionszahlen und die Personalausfälle enorm zunehmen, muss ich nicht zur Faschingsveranstaltung gehen. Und wenn ich Menschenmengen nicht meiden kann, sollte ich mich schützen – Maske tragen, Abstand halten, Hygieneregeln einhalten. Da ist gesunder Menschenverstand gefragt.

Die Maske wird zum Dauerbegleiter in bestimmten Situationen?

Das sollte sie. Ich teile die Ansicht ausdrücklich nicht, dass eine Maske einen Eingriff in die persönliche Freiheit darstellt. Früher haben sich viele amüsiert, wenn eine Gruppe Japaner drei Tage auf Europatrip war und alle Maske getragen haben. Sie haben schon gewusst, warum. Weil sie es von großen Menschenansammlungen gewohnt waren, dass Ansteckungsgefahr besteht. Ich halte Masken für eine Einschränkung, die tolerabel ist.

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