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Verhütung: Prof. Zitzmann, wann gibt es endlich die Pille für den Mann?

BARBARA-Logo BARBARA 03.08.2021 Julia Ballerstädt/Barbara
© Getty Images/Basak Gurbuz Derman

Prof. Michael Zitzmann ist Androloge und forscht an neuen Verhütungsmitteln für den Mann. Wie weit die Forschung ist, an welchen hormonellen Hürden man scheitert und warum die Pille für die Frau heute in ihrer Ursprungsform nicht mehr zugelassen werden würde, erklärt er im Interview. 

BARBARA: Hallo Herr Prof. Zitzmann. Sie sind Androloge. Die meisten von uns wissen zwar so ungefähr, was ein Urologe ist, aber Androloge ist vermutlich nicht so geläufig. Was machen Sie?

Prof. Zitzmann: Ein Androloge ist ein Männerarzt. Die Andrologie wird sozusagen auf die Ausbildung zum Urologen oder internistischen Endokrinologen draufgesattelt.

Endokrinologen schauen sich die Hormone an, richtig?

Ja genau. Ich bin Endokrinologe, also eigentlich Hormonarzt. Ich habe Schilddrüsenpatienten und Diabetespatienten behandelt. Und natürlich haben die Hoden auch etwas mit Hormonen zu tun. Daher ist mir das gar nicht so fremd, ich musste mir aber natürlich trotzdem noch urologisches Fachwissen aneignen.

Womit kommen die Patienten zu Ihnen?

Das kommt auf das Alter an: Jungs kommen zu mir, die Pubertätsprobleme haben. Es kommen junge Männer hierher, die Krebserkrankungen haben und ihre Spermien kryokonservieren möchten, es kommen Paare mit Kinderwunsch, ältere Männer mit sexuellen Problemen und auch transidente Personen. Daher ist der Beruf des Andrologen recht vielfältig. Einige sind auch in der Forschung tätig, dazu gehört auch die Forschung an der Pille für den Mann.

Wie ist da der aktuelle Forschungsstand?

Es gab 2009 die WHO-Studie zur Antibaby-Spritze für den Mann, die wir gemeinsam mit anderen Zentren auf der ganzen Welt durchgeführt haben. Die war ein Erfolg was die Wirksamkeit anging, aber kein Erfolg, was die Nebenwirkungen betraf und daher hat die WHO, also das Experten-Panel, die Studie gestoppt. Vielleicht auch aus gutem Grund, was die Männer anging. Im Vergleich zu den Frauen gibt es auch bei der Antibabypille 10 bis 15 Prozent Nebenwirkungen. Wenn man das dann in der Gesamtheit sieht, kann man sich fragen, warum das für Männer gestoppt wurde, die die gleiche Nebenwirkungsrate haben, wie die Frauen, während diese die ihr Präparat nach wie vor frei kaufen können.

Warum ist das so?

Das Dilemma kann ich auch nicht auflösen. Die WHO hat damals die Entscheidung gefällt – Gynäkologen waren das übrigens.

Aber würden Sie sagen, dass die Antibabypille für die Frau heute noch zugelassen werden würde?

Also die Pille für die Frau, so wie sie damals zugelassen wurde, bestimmt nicht. Es sind ja mittlerweile vielmehr Teilnehmer:innen nötig, um eine solche Studie durchführen zu können und viel mehr Sicherheitsparameter müssen erfüllt werden. Daher denke ich nicht, dass sie in der Form nochmal zugelassen werden würde. Aber die neuen Pillen satteln ja obendrauf. Die fangen ja nicht komplett als neues Medikament an. Man sieht ja schon, wie es mit dem Impfstoff von AstraZeneca und den damit in Verbindung stehenden Thrombosen gelaufen ist, die viel seltener sind, als bei der Pille für die Frau. Dabei geht es bei dem Impfstoff  darum, eine gefährliche Erkrankung zu verhindern. Eine Schwangerschaft ist ja erstmal keine Erkrankung…

Nein, könnte aber natürlich auch sehr existentiell werden…

Ja, das stimmt. Es kann genauso einschneidende Wirkungen für die Frau haben. Darum nehmen viele ja auch Verhütungsmittel. Und für Männer gilt das auch. Aber dennoch ist es kein Medikament, dass lebensbedrohliche Erkrankungen verhindern soll. Die Antibaby-Spritze nimmt ein gesunder Mann, um bei sich selbst etwas zu verhindern, damit jemand anderes nicht schwanger wird, was per se keine Erkrankung ist. Daher sollte ein solches Medikament nebenwirkungsfrei sein. Oder die Leute müssen genau darüber informiert werden, was dadurch passiert.


Video: Das passiert mit dem Impfstatus ohne Auffrischung (SAT.1)

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Aber ist Nebenwirkungsfreiheit überhaupt erreichbar, wenn man Hormone einsetzt?

Erreichbar ist es schon, wenn man nur mit Testosteron arbeiten würde, also der normalen Dosis, die ein Mann ohnehin herstellen würde. Dann würde die Spermienbildung auch unterbunden – aber eben nur in 75 Prozent aller Fälle. Und ein Verhütungsmittel, das zu Dreiviertel funktioniert, funktioniert gar nicht. Deshalb müssen Gestagene dazugegeben werde, die wiederum synthetisch sind und die ganzen Probleme bei den Männern verursachen – Stimmungsschwankungen, Libidoverlust usw. Das was man bei den Frauen von den Gestagenen eben auch kennt. Testosteron war bereits als Medikament zugelassen zur Behandlung von Testosteron-Mangel. Da gab es auch keine Nebenwirkungen, aber in Kombination mit Gestagen schon. Es war bekannt, dass da Probleme auftreten könnten.

Aber ist das Interesse bei den Männern an alternativen Verhütungsmitteln trotzdem groß?

Ja, das ist immer mal wieder hoch, dann geht’s wieder runter. Viele sagen auch, dass sie das nicht nehmen wollen. Aber insgesamt ist das Interesse groß und damals – die Spritze für den Mann ist ja auch schon über 10 Jahre her – haben sich sehr viele, vor allem Paare gemeldet.

Die Spritze wurde nicht zugelassen, aber woran forscht man denn aktuell?

Aktuell wird ein Gel entwickelt, das auf die Schultern aufgetragen wird. Es enthält Testosteron und ein neues Gestagen, das zumindest bisher keine Nebenwirkungen gezeigt hat, also ziemlich neutral wirkt. Beide sollen ja in der Hirnanhangsdrüse die Produktion der Hormone LH und FSH unterbinden, so dass die Hoden nicht stimuliert werden, Spermien und Testosteron zu bilden. Und dieses Gel, das in den USA gerade getestet wird, scheint sehr gut wirksam zu sein und keine Probleme zu machen.

Das liegt einfach daran, dass Gestagen kein körpereigenes Hormon ist, das der Mann bildet?

Ja, genau. Eine Pille für den Mann steht noch ganz am Anfang. Es gibt eine synthetische Substanz (DMAU) die kann man schlucken und die bindet sowohl an den androgenen Rezeptor, also da, wo das Testosteron gebunden wird als auch an den Gestagen-Rezeptor, sodass dann auch keine Gonadotropine (also LH und FSH) freigesetzt werden, aber das hat man bisher nur in Phase 1 Studien getestet, das ist also noch lange nicht so weit.

Die Wirkweise ist aber bei allen die Gleiche: Die Produktion der Spermien soll gehemmt werden, richtig?

Genau, in dem man der Hirnanhangsdrüse sagt, dass genug Testosteron da ist und die Hoden kein Testosteron mehr herstellen müssen, werden die Steuerhormone LH und FSH nicht mehr ausgeschüttet. FSH ist aber für die Bildung von Spermien zuständig und die werden dann dementsprechend auch nicht mehr produziert. Im Grunde wirkt es wie die Pille für die Frau auch, sie hat dann eben keinen Eisprung mehr.

Bis auf das Gel gibt es aktuell aber für den Mann nur die Alternative Vasektomie, also die Durchtrennung der Samenleiter…

…Ja, wobei man die Vasektomie eventuell auch rückgängig machen kann. Aber da weiß man auch nicht so genau, sobald man am Samenleiter operiert, ob dabei nicht Antikörper gegen Spermien entstehen.

Vor allem durch die Debatte, die aktuell durch die Thrombose-Fälle durch den AstraZeneca Impfstoff entstanden ist, haben viele Frauen in dem Zusammenhang auch auf die Nebenwirkungen der Pille aufmerksam gemacht. Die Anti-Baby-Pille ist bereits 60 Jahre alt und bis auf das Kondom gibt es für den Mann nach wie vor kein Äquivalent, aber auch sonst wenige Alternativen an Verhütungsmitteln. Hängt das mit mangelndem pharmazeutischem Interesse zusammen?

Genau, die Pille funktioniert ja. Aktuell gibt es da nicht so großes Interesse daran, an Alternativen zu forschen. Das war früher mal anders. Ende der 90er Jahre gab es Treffen mit der WHO und Pharma-Herstellern, die auch immer mal wieder Studien dazu gemacht haben und die Idee für die große WHO-Studie war da schon geboren. Damals war das Interesse da. Aber als die kleinen von den ganz großen Konzernen gekauft wurden, war das kein Thema mehr. Für die ist das nur so ein ganz kleines Ding am Rand, womit man vielleicht Geld verdienen kann, vielleicht aber auch nicht. Vielleicht macht das den Markt für die Pille für die Frau kaputt. Warum soll man da was stören, was eigentlich ganz gut läuft? Darum haben die sich dann sehr schnell zurückgezogen.

Aber wäre es nicht die beste Option, etwas zu finden, das nicht mit Hormonen arbeitet?

Ja, das wäre natürlich gut, aber wenn man überlegt, was das sein könnte, landet man auch bei synthetischen Substanzen, die die Spermienbeweglichkeit oder -bildung einschränken. Da gibt es zwar auch Ideen zu, aber da hat sich bisher immer gezeigt, dass diese Medikamente ziemlich toxisch sind. An dieser Stelle ist man nie weitergekommen. Außer mit Barrieremethoden. Es gibt beispielsweise ein Ventil, das man in den Samenleiter einsetzen kann. Der muss dafür aber aufgeschnitten werden und dann kommt automatisch das Immunsystem ins Spiel, das die Spermien erkennt und Antikörper bildet. Da stellt sich dann wieder die Frage, ob dieses Ventil, dass kontrazeptiv wirkt, am Ende auch wieder reversibel ist oder ob das so bleibt.

Das bedeutet, dass das Ventil ähnlich wie eine Vasektomie wirkt und dann nur noch eine künstliche Befruchtung in Frage kommt, wenn man einen Kinderwunsch hat?

Das könnte tatsächlich so sein, niemand hat bisher untersucht, ob der Mann wieder befruchtungsfähig ist, wenn das Ventil wieder aufgemacht wird.

 Prof. Dr. Michael Zitzmann ist Facharzt für Innere Medizin, Endokrinologie und Andrologie, Diabetologie und Sexualmedizin am Centrum für Reproduktionsmedizin und Andrologie am Universitätsklinikum Münster. 2009 gehörte er zum Forschungsteam der WHO-Studie rund um die Spritze für den Mann.

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