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Warum eine neue Impfreihenfolge Leben retten könnte

WELT-Logo WELT 25.01.2021 Laurin Meyer
Quelle: Foto: dpa; Montage: Infografik WELT © Foto: dpa; Montage: Infografik WELT Quelle: Foto: dpa; Montage: Infografik WELT

Erst die über 80-Jährigen, dann Menschen mit Demenz, und anschließend Personen mit Lebererkrankungen oder HIV: Die geltende Impfverordnung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) soll klare Vorgaben machen, wann Betroffene mit welcher Krankheit auf ihre Corona-Impfung hoffen können.

Doch in der Realität dürfte die Rechnung deutlich komplexer sein: Vor allem ältere Menschen leiden oft nicht nur unter einer, sondern unter gleich mehreren Vorerkrankungen. Daten der Krankenkasse Barmer zeigen nun, welche Kombinationen zu einem drastisch höheren Risiko für schwere oder tödliche Covid-19-Verläufe führen.

Für WELT hat das Barmer-Institut für Gesundheitssystemforschung (BIFG) die Einzeldaten kombiniert. Demnach hat ein Corona-Infizierter mit hämatologischen Neubildungen (oft bösartige Tumore) und gleichzeitiger Demenz ein 16-fach erhöhtes Risiko, im Vergleich zu Gleichaltrigen desselben Geschlechts an der Covid-Erkrankung zu sterben. Die Wahrscheinlichkeit, im Krankenhaus behandelt werden zu müssen, ist um das 3,6-Fache erhöht.

Psychische Vorerkrankungen unterschätzt

Bei Menschen mit psychischer Erkrankung und zusätzlich Aids ist das Risiko eines Corona-Todes immerhin knapp 7,5-mal so hoch. Außerdem muss deren Corona-Erkrankung durchschnittlich zweieinhalb Mal häufiger im Krankenhaus behandelt werden.

Und wer gleichzeitig an Demenz sowie Lungenmetastasen und Leberversagen leidet, hat den Daten zufolge ein fast 50-fach erhöhtes Risiko, an Corona zu versterben als Gleichaltrige desselben Geschlechts.

Quelle: Infografik WELT © Infografik WELT Quelle: Infografik WELT

Insgesamt hat die Barmer 66 einzelne Vorerkrankungen identifiziert, die einen Covid-19-Verlauf erschweren könnten. Am stärksten erhöht Trisomie das Risiko für einen schweren oder tödlichen Verlauf bei einer Corona-Erkrankung, gefolgt von Demenz und Lungenmetastasen. Doch auch psychische Erkrankungen, Aids oder eine Infektion mit multiresistenten Keimen zählen zu den kritischsten zehn Vorerkrankungen.

Im Dezember hatte das Bundesgesundheitsministerium per Verordnung festgelegt, welche Bevölkerungsgruppen zuerst Zugang zur Impfung erhalten sollen. Sie orientiert sich an einem Vorschlag der Ständigen Impfkommission (Stiko), dem Ethikrat und der Leopoldina.

Optimiertes Modell

Höchste Priorität haben demnach alle über 80 Jahre, Menschen in stationären Pflege- und Krankeneinrichtungen sowie Personen in medizinischen Einrichtungen, die einem besonders hohen Risiko ausgesetzt sind, etwa auf Intensivstationen.

In einer zweiten Gruppe (hohe Priorität) folgen Menschen über 70 Jahre sowie mit Vorerkrankungen wie Trisomie, Demenz oder Menschen mit einer geistigen Behinderung sowie Personen nach Organtransplantationen. Als drittes (erhöhte Priorität) folgen Personen mit chronischen Nieren- oder Lebererkrankungen, Krebs, HIV oder COPD.

In der vergangenen Woche schlug das kasseneigene Institut auf Basis der Versichertendaten jedoch eine optimierte Impfreihenfolge vor. In einem Bericht plädiert es für eine deutlich ausführlichere Priorisierung innerhalb der großen Gruppe von Menschen mit Vorerkrankungen. Dazu zählen schätzungsweise 10 bis 15 Millionen Menschen in Deutschland – zu viele, um alle gleichzeitig impfen zu können.

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Laut der Krankenkasse sollten jene Personen bevorzugten Zugang bekommen, bei denen Patientendaten zeigen, dass sie häufiger schwer an Covid-19 erkranken oder versterben könnten. „Menschenleben können gerettet und das Risiko einer Überlastung des Versorgungssystems kann verringert werden“, sagt Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer. „Krankenkassen haben genau diese wichtigen Daten.“

Bliebe es bei der bisherigen Priorisierung, würde die Zahl der Todesfälle nach 100 Impftagen zwar um 73 geringer ausfallen als ohne eine Priorisierung. Die Zahlen der Barmer lesen sich jedoch deutlich vielversprechender: Mit dem optimierten Modell sei eine Reduzierung um ganze 90 möglich, heißt es in dem Bericht.

Einen ähnlichen Effekt erwartet die Barmer bei der Zahl der stationär behandelten Corona-Infizierten, sollte ihr Modell angewendet werden. Nach dreieinhalb Wochen würden die Einlieferungen in die Krankenhäuser um 25 Prozent zurückgehen. Nach der aktuell geltenden Priorisierung würde das doppelt so lange dauern.

Für die Berechnungen nimmt das Institut der Krankenkasse jedoch an, dass pro Tag 140.000 Menschen (280.000 Dosen) geimpft werden. Davon ist Deutschland weit entfernt. Am bisherigen Rekordtag, dem vergangenen Mittwoch, wurden insgesamt nur rund 118.000 Dosen verabreicht.

Mit ihrem Vorschlag greift die Barmer einen Makel bei der bisherigen Impfreihenfolge auf. Dort flossen demzufolge keine konkreten Daten von Patienten zu Vorerkrankungen und Krankheitsstadien oder bisherigen Therapien ein. Zwar hat die Stiko zahlreiche wissenschaftliche Studien beim Zusammenhang zwischen Vorerkrankungen und Covid-19-Verläufen systematisch untersucht. Einiges blieb jedoch unklar, betont die Barmer.

So etwa, in welchem Maße ältere Vorerkrankte stärker gefährdet sind als Jüngere. Oder aber, wie sich mehrere Krankheiten gleichzeitig auswirken. „Ohne diese Informationen kann die Wirkung von Vorerkrankungen auf das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufes, Intensiv-Beatmungspflicht und Tod nur ungenau beziehungsweise gar nicht geschätzt werden“, sagt Straub.

Manche Risiken bei Vorerkrankungen stuften die Stiko und das Bundesgesundheitsministerium offenbar auch deutlich höher ein, als es Zahlen der Barmer ausweisen. Die geltende Impfverordnung zählt Menschen nach Organtransplantationen zur zweithöchsten Prioritätsgruppe, unmittelbar nach den über 80-Jährigen sowie den Bewohnern und Mitarbeitern in Pflegeheimen. In der Liste der Barmer zu erhöhten Corona-Risiken rangiert die Organtransplantation aber gerade einmal auf dem zwanzigsten Platz.

Außerdem werden Menschen mit psychischen Erkrankungen gar nicht in der geltenden Impfverordnung berücksichtigt. Dabei haben laut Barmer jene Betroffenen ein fast 2,9-fach erhöhtes Risiko gegenüber Gleichaltrigen desselben Geschlechts, an oder mit Corona zu versterben.

Das Bundesgesundheitsministerium verweist auf Nachfrage auf die Aussagen von Minister Jens Spahn (CDU). „Wir schauen uns an, welche Erkenntnisse man daraus ziehen kann“, hatte dieser am Freitag mit Verweis auf das Modell der Barmer erklärt. Spahn habe die Stiko bereits gebeten, die Vorschläge zu prüfen.

Einfach so übertragen ließe sich das Modell allerdings nicht, erklärt Spahn nach Rücksprache mit den Experten. Schließlich seien auch bei den Krankenkassen nur bestimmte Daten vorhanden.

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