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Wie gut Deutschlands Krankenhäuser wirklich auf eine zweite Corona-Welle vorbereitet sind

Business Insider Deutschland-Logo Business Insider Deutschland 19.10.2020 Julia Beil

Die Corona-Neuinfektionen in Deutschland steigen rapide. 4325 Neuinfizierte kamen offiziell von Sonntag auf Montag dazu; tatsächlich waren es wohl weit mehr, denn am Wochenende melden nicht alle Gesundheitsämter die Zahlen für ihren jeweiligen Landkreis. In der vergangenen Woche erreichte die Zahl der Neuinfizierten dreimal in Folge einen Rekordwert, zuletzt mit 7.830 am Samstag, dem 17. Oktober. Der „Welt“ zufolge ist knapp jede vierte deutsche Gemeinde aktuell ein Risikogebiet. Doch müssen wir uns hierzulande davor fürchten, dass unser Gesundheitssystem dem in absehbarer Zeit nicht mehr standhält?

Nein, sagen drei namhafte deutsche Experten. Krankenhäuser und Intensivstationen sind gut auf Herbst und Winter vorbereitet, hieß es von ihnen am Dienstagmittag unisono in einem Briefing zu der Leitfrage: „Wie gefährlich wird Covid-19 im Winter?” Die Dynamik der rasant ansteigenden Neuinfektionen müsse trotzdem gestoppt werden, die Bevölkerung dürfe nicht ihre Disziplin verlieren, was die Corona-Maßnahmen und Beschränkungen angehe. Die Gefahr, dass das System kollabiere, sei allerdings eine wenig realistische. 

Ihre Einschätzung zum Corona-Herbst und -Winter gaben in dem Briefing Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin DIVI und Chefarzt der Intensivmedizin am St.-Antonius-Hospital in Eschweiler; Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin an der München Klinik Schwabing und Leiter der dortigen Spezialeinheit für hochansteckende lebensbedrohliche Infektionen; und Reinhard Busse, Leiter des Fachgebiets Management im Gesundheitswesen an der TU Berlin und Co-Direktor des „European Observatory on Health Systems and Policies“ in Berlin.

Wie sie die verschiedenen Fragen zum weiteren Covid-19-Verlauf in Deutschland beantworten, haben wir für euch zusammengefasst.

Wie gut sind Krankenhäuser und Intensivstationen vorbereitet? 

„Wir schätzen aktuell, dass circa sechs Prozent der Covid-19-Patienten im Krankenhaus behandelt werden müssen“, sagt Intensivmediziner Janssens. Von diesen sechs Prozent müsse ein Drittel wiederum intensiv versorgt werden. Genug Betten — auch Intensivbetten — gibt es für eine Patientinnen- und Patientenanzahl dieser Dimension auf jeden Fall, da sind sich alle drei Experten einig. Auch an der nötigen medizinischen Ausrüstungen mangele es eher nicht mehr. Aber: „Es muss auch die Menschen hinter den Maschinen geben“, sagt Infektiologe Clemens Wendtner — und meint damit das mangelnde Personal, die fehlenden Pfleger, Krankenschwestern, Ärztinnen. 

Dieses „Kernproblem“, sagt Uwe Janssens, habe es schon vor Corona gegeben. Es müsse nun diskutiert werden. Es gebe nahezu 12.000 Reservebetten, die mit Covid-19-Patientinnen und -Patienten belegt werden könnten. „Aber wer soll die Patienten in diesen Betten betreuen?”

Einen Teil der Antwort auf diese Frage liefern die Experten selbst. „Wenn wir wieder zu wenig Personal haben, dann werden wir andere OPs wieder runterfahren und zum Beispiel Anästhesisten in die Intensivmedizin zur Hilfe holen“, erklärt Janssens. In der Charité in Berlin zum Beispiel sei Ersteres bereits geschehen. „Und alle großen Kliniken haben dafür Pläne in der Tasche.“ Elektive Eingriffe, erklärt Janssens weiter — also Operationen, die nicht akut sind — könne man rasch verschieben, um so Kapazitäten für Covid-19-Patientinnen oder -Patienten freizusetzen. Im Moment, betont er, sei das aber überhaupt nicht notwendig. 

Gesundheitsexperte Reinhard Busse fügt hinzu, dass man bereits bei der ersten Corona-Welle im Frühjahr erkennen konnte, dass insgesamt weniger Menschen ins Krankenhaus gingen — sicher habt auch ihr festgestellt, dass ihr euch doppelt überlegt habt, ob ihr euch bei kleineren Erkrankungen oder Verletzungen gleich medizinisch versorgen lassen wollt. Die Zahl der Krankenhauspatientinnen und -patienten sei zu dieser Zeit um etwa 30 Prozent zurückgegangen. Ähnliches könnte auch im Herbst und Winter wieder geschehen. „Die Personalreserve ist dann größer“, sagt Busse.

Müssen wir uns vor der Grippe fürchten?

Fürs Gesundheitssystem stellt die Grippe den Experten zufolge eine weitere Belastung dar, die es zu vermeiden gilt. Die Sterblichkeit liege bei Sars-CoV-2 etwa 20 Mal höher als bei Influenza, erklärt Clemens Wendtner. Es gelte auch deshalb dringend, im bevorstehenden Herbst und Winter eine „Doppelwelle“ aus Influenza und Coronavirus zu verhindern. Wendtner empfiehlt dringend, sich eine Grippeschutzimpfung geben zu lassen. Und diesen Rat richtet er explizit nicht nur an über 60-Jährige. Auch jüngere Menschen sollten sich ihm zufolge gegen Grippeviren impfen lassen, um mitzuhelfen, einer großflächigen Ansteckung vorzubeugen. 

Wie gut ist das Klinikpersonal geschützt?

In seinem Münchner Klinikum würden Mitarbeitende alle zwei Wochen getestet, berichtet Chefarzt Wendtner, bei Verdachtsmomenten sogar noch öfter. Deswegen gebe es nur wenig und selten Personalausfälle. Außerdem schule man dort auch Pflegekräfte aus anderen Bereichen für die Intensivmedizin — „sodass wir Personal innerhalb des Klinikums shiften können.“

„Wir haben enorm dazugelernt“, sagt auch Intensivmediziner Janssens. „Am Anfang haben wir echt gekämpft um die persönliche Schutzausrüstung [für das Pflegepersonal]. Das war eine große Achillesferse, wir wollten auf keinen Fall, dass das Personal sich infiziert.“ Die vielen Todesfälle beim medizinischen Personal, die es beispielsweise in Spanien und Italien zu beklagen gegeben hätte, habe man in Deutschland viel besser verhindern können. Auch momentan sind die Experten, was das angeht, zuversichtlich. 

Können Covid-19-Patientinnen und -Patienten deutschlandweit schnell verlegt werden? 

Ja, das können sie — und dafür gibt es Pläne, die immer weiter überarbeitet werden. Durch das Divi-Register, so Reinhard Busse, sehe man in Deutschland außerdem sehr gut, wo es regionale Ballungen gebe und wie man die betroffenen Patientinnen und Patienten dann verteilen könnte. Nicht in allen Bundesländern funktionierten diese Pläne gleich gut, sagt er. „Insgesamt ist das aber okay.“ 

Berlin und Hessen etwa, sagt Uwe Janssens, hätten sehr fein abgestimmte Pläne, nach denen dort die jeweiligen Covid-19-Patientinnen und -Patienten verlegt würden. „Überregional würden wir uns vom Divi eine etwas klarere Steuerung wünschen“, sagt er, „aber im Moment ist das ja noch gar nicht nötig.“

Wie lautet die allgemeine Prognose der Experten  — und gibt es Handlungsempfehlungen?

„Wir werden weiter die Patienten gut versorgen können, wenn wir die Bevölkerung mitnehmen“, sagt Wendtner. Dass das geschehe, sei allerdings essenziell. Er erlebe auch in seinem privaten Umfeld, dass eine „gewisse Müdigkeit“ herrsche, was die Bereitschaft angeht, sich weiter an die Corona-Regeln zu halten. Die optimistischen Prognosen der Experten gelten aber nur, wenn jeder und jede Einzelne sich dazu motiviere, die Maßnahmen weiter zu beherzigen. 

Auch Uwe Janssens sieht das so. Im Herbst und Winter, wenn wir alle wieder mehr in geschlossenen Räumen statt draußen seien, sei wieder mit mehr Infektionsketten zu rechnen  — gerade bei privaten Feiern. Sie gelte es unbedingt zu vermeiden. Er sei aber optimistisch, was die Disziplin der Bevölkerung in diesem Punkt angehe.

„Panik bringt an der Stelle überhaupt nichts“, sagt Janssens weiter. Nur wachsam sollte jeder und jede Einzelne sein. Er und seine Medizinerkollegen seien angesichts der kommenden kalten Jahreszeit angespannt. „Aber ich kenne keinen Kollegen, der sagt: ,Das wird eine Katastrophe werden.’“, sagt er. „Wir sind in der Lage, das zu schaffen.“

Wir müssen die Dynamik brechen, die gerade an Fahrt aufnimmt, betont Gesundheitsexperte Reinhard Busse — wir müssen die Zahl der Neuinfizierten wieder verringern, wie im Frühjahr, als die Devise lautete: „Flatten the Curve“. Die Kurve abzuflachen sei allerdings nicht in erster Linie notwendig, weil sonst das Gesundheitssystem kollabieren würde — sondern, weil sonst viele Menschen unnötig schwer krank würden. Und dann unter anderem auch mit den Langzeitfolgen von Covid-19 kämpfen müssten.

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GERMANY-HEALTH-VIRUS © Ronny Hartmann / Getty Images GERMANY-HEALTH-VIRUS
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