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Authentizität - das macht sie aus!

mylife-Logo mylife 21.04.2020 Adina Koch
Authentizität - das macht sie aus! © Kaylah Otto Authentizität - das macht sie aus!

„Ich bin halt so!“ Das ist ein Satz, den Egoisten verwenden. Menschen, die Authentizität leben, kämen niemals auf die Idee, ihr Gegenüber so vor den Kopf zu stoßen. Zudem stimmt die Aussage auch nicht, denn zum Glück können wir uns weiterentwickeln, verändern – und dennoch ganz wir selbst bleiben.

Immer man selbst sein, zu sich stehen und sein eigenes Ding machen - das ist Authentizität. Doch diese will gelernt sein.

Sei dir selbst treu. Klingt gut. Aber wie geht das? Denn wer einmal genauer darüber nachdenkt, bemerkt schnell, dass es im Alltag ziemlich viele Einflüsse gibt, die es jedem Einzelnen von uns unglaublich schwer machen, sich selbst treu zu sein. Ganz bei sich selbst zu bleiben. Dem Chef gerne die Meinung geigen wollen, den Einwand aber hinunterschlucken. Auf der Party einer Freundin auftauchen, obwohl die vielen Gäste für emotionales Unbehagen sorgen. Den dicken Pickel auf der Nase per Bildbearbeitung vom aktuellen Selfie tilgen. Ist doch alles nicht so schlimm? Ist es auch nicht. Aber ganz echt, ganz real, ganz authentisch ist es eben auch nicht.

Authentizität - steh zu dir selbst!

Professor Stephen Joseph, einer der bedeutendsten Vertreter der positiven Psychologie, beschreibt in seinem Buch „Authentizität – Die neue Wissenschaft vom geglückten Leben“ seine Glücksformel: „Erkenne dich selbst, steh zu dir selbst, sei ganz du selbst.“ Fehlt nur eines dieser drei Elemente, muss man sich selbst eingestehen, dass man kein authentisches Leben führt. Doch um genau so zu leben, braucht es Mut sowie die Bereitschaft, sich mit anderen Menschen auseinanderzusetzen. Denn dass es einfach werden wird, verspricht Joseph in seinem Buch nicht.

Und doch ist sich die Psychologie einig: Authentische Menschen haben es leichter im Leben. Sie bieten ihren Mitmenschen eine klare Linie. Sie geben keine Rätsel auf. Erfahren sie beispielsweise eine emotionale Verletzung, zeigen sie ihre Betroffenheit darüber offen. Das führt dazu, dass die Verletzung nicht nur weniger schmerzt. Ihr fehlt auch der fade Beigeschmack, den ein falsches Darüber-Lachen oder ein Ignorieren mit sich bringen würde. Sie tun sich niemals selbst weh.

Eine Erkenntnis, die Denise Linke, eine Journalistin mit Autismus, auf die harte Tour lernen musste. Neben den alltäglichen Einflüssen ist es die Entwicklungsstörung, die sie so anders sein lässt als alle um sie herum – und das schon seit Kindertagen. „Es ist vollkommen okay, wenn man bestimmte Dinge nicht mag. Das macht einen auch nicht uncool. Man mag es halt einfach nicht“, sagt sie, aber diese Einstellung erlaubt sie sich selbst erst heute. Zu dieser Einstellung gehört auch, auszusprechen, was einem Unbehagen bereitet – und daraus ein besseres Wohlgefühl zu ziehen.

Wie funktioniert Authentizität?

„Mache dir selbst zuerst klar, was du sein möchtest; und dann tue, was du zu tun hast“, das wusste schon der antike Philosoph Epiktet (50–138 n. Chr.). Das Thema Authentizität ist so alt wie die Menschheit. Doch was genau tun authentische Menschen?

Sie stehen zu sich. Das heißt, sie kennen auch ihre Schwächen und Fehler. Und behaupten niemals von sich, perfekt zu sein. Sie verstellen sich nicht, leben klare Werte im Hier und Jetzt. Und: Sie hören zu, werten nicht und schwatzen niemandem ihre Meinung auf. Denn authentisch zu sein, heißt nicht, egoistisch zu sein. Und so werden sie oft zu Unrecht in einem Atemzug mit Phrasen wie „die Maske fallen lassen“ oder „das wahre Gesicht zeigen“ genannt. Jemandem sein wahres Gesicht zu zeigen, impliziert (nicht selten auf eine gemeine Art), dass jemand Liebenswürdigkeit, Aufmerksamkeit oder Hilfsbereitschaft bisher nur vorgespielt hat. Hinter der freundlichen Fassade kommt plötzlich ein anderes, düsteres Wesen hervor. Etwas, das authentischen Menschen kaum fernerliegen könnte. Wer authentisch ist, ist es in jeder Lebenslage: in seinem Glück, in seiner Hilfsbereitschaft – und eben auch in seinem Ärger. Anderen etwas vorzuspielen, liegt nicht in der DNA authentischer Menschen.

Das Wort authentisch stammt übrigens vom griechischen Adjektiv „authentikós“, was schlicht als „echt“ übersetzt wird und schon von Aristoteles, Platon und Sokrates diskutiert wurde. Es bedeutet, nichts vorzugeben, was nicht den Tatsachen entspricht. Doch lassen sich Menschen nicht wie Dinge oder Speisen überprüfen. Ein Artefakt kann von einem Experten als echt zertifiziert werden. Ein griechischer Bauernsalat ohne Schafskäse? Den kann man essen, aber als authentisch würde ihn wohl selbst Platon nicht beschreiben.

Menschen sind individuell

Doch Menschen lassen sich – zum Glück – nicht so leicht in Kategorien einteilen. Jeder ist anders. Und dabei ganz sicher ein echter Mensch. Aber eben nicht automatisch ein authentischer. Woran das liegt? Stephen Joseph weiß, der „Mensch ist ein Geschichtenerzähler.“ Wir alle haben das Bedürfnis, eine positive Geschichte über uns und unser Leben zu schreiben. Ein Konflikt zwischen dem Bedürfnis dazuzugehören und dem Bedürfnis nach Autonomie: Schon Kinder lernen, was sie zu tun haben, um anderen zu gefallen. Dabei sind wir nicht von der Geburt an bis ins Grab gleich. Wir entwickeln uns. Wir lernen neu und dazu. Wir haben die Möglichkeit, uns Meinungen zu bilden – und diese wieder zu verwerfen. Manchmal geschieht das automatisch, beispielsweise beim Eintritt ins Berufsleben oder bei der Gründung einer Familie.

Neurobiologen wissen heute auch, dass, sobald ein Mensch aus gewohnten Handlungsmustern ausbricht, sich seine Gehirnstruktur verändert. Ein Prozess, den man selbst anstoßen kann: Besonders eindrücklich gelang das Menschen, die ins Ausland gingen und dort neue kulturelle Erfahrungen sammelten.

Die US-amerikanischen Forscher Jamie O’Boyle und Margaret King fanden zudem heraus, dass sich unsere Identität etwa alle 20 Jahre ändert. Ein Freund war immer ein Hip-Hop-Fan und hört plötzlich Slow Jazz? Ist das ein authentischer Wandel seiner Vorliebe? Oder will er sich nur der neuen Kollegengruppe anpassen? Ein Dilemma. Oder einfach eine wunderbar positive Aussicht: Unsere Persönlichkeit ist nicht in Stein gemeißelt.

Es besteht eine realistische Chance, ein authentischer Mensch zu werden – oder diesem Ideal zumindest näher zu kommen. Das lohnt sich. Ein authentisches Leben macht laut psychologischen Studien wirklich glücklicher. Es sorgt für eine größere mentale Stärke und mehr Entspanntheit in allen Lebenslagen. Und es macht erfolgreich.

Auch Denise Linke hat mit der Selbstfindung das Glück entdeckt. „Ich glaube, ich war noch nie in meinem Leben so glücklich, wie ich das jetzt bin. Einfach rundum zufrieden. Ich habe nichts, um mich darüber zu beschweren. Dass ich es schaffe, mit dem, was ich liebe, nämlich mit Büchern und Journalismus, zu überleben. Das ist ein ganz großes Geschenk“, sagt sie. Ein Geschenk, dass wir auch weitergeben können.

Eine liebevolle Beziehung zu unserem Kind stärkt zum Beispiel früh dessen Selbstbewusstsein und mentale Stärke. Das ist der erste Schritt auf dem Weg zu einem authentischen Menschen.

Authentische Frauen

Seid doch, wie ihr sein wollt!

Iris Apfel

97 Jahre alt und eine Mode-Ikone. Bis heute lebt die New Yorkerin ihren ganz eigenen Stil aus Muster-, Stoff- und Farbmix, der sie aus- und authentisch macht.

Sawsan Chebli

Die SPD-Politikerin trug auf einem Foto eine Rolex und löste einen Shitstorm aus. Sie könnte ihre Uhr ans Parteibuch anpassen, oder sie bleibt sich selbst einfach treu...

Celeste Barber

Über fünf Millionen folgen auf Instagram der Australierin, die die irren Fotos von Celebrities ganz ohne Glamour kopiert und so zeigt: Andere nachzumachen, ist einfach albern.

"Endlich war klar, wer ich bin." - Interview mit der autistischen Journalistin Denise Linke

Die Journalistin Denise Linke dachte lange, sie sei ein Alien - eine frühe Autismus-Diagnose hätte ihr viel Leid ersparen können. Heute unterstützt sie andere Betroffene. Wir haben mit ihr gesprochen.

Liebe Frau Linke, Sie waren schon als Kind anders als andere. Wie drückte sich das aus?

Im Kindergarten mussten wir eine Sonne malen. Da schaut man natürlich, was die anderen Kinder machen. Und die haben alle eine Sonne mit Gesicht gemalt. Als die kleine Besserwisserin, die ich war, habe ich dann eben verlauten lassen, dass die Sonne doch gar kein Gesicht hat.

Das kam nicht so gut an, oder?

Ein Kind hat mir gesagt, es möchte seine Sonne aber mit Gesicht malen. Da habe ich ihm geantwortet, dass das dumm ist. Für mich war das keine Beleidigung, sondern eine Feststellung.

Was macht Sie sonst besonders?

Als Autist hat man im Regelfall Spezialinteressen, mit denen man sich besonders auseinandersetzt. Manche haben so ein Spezialinteresse von der Kindheit bis zum Tod. Und es gibt Menschen wie mich: Ich beschäftige mich unfassbar intensiv mit einer Sache und dann hört es plötzlich auf. Als sei es nie dagewesen.

Wie gehen Sie mit negativen Gefühlen um?

Schon immer habe ich große Probleme damit, über meine Gefühle zu sprechen. Ich kann sie gut aufschreiben, aber darüber sprechen, ist extrem schwierig. Früher habe ich mich in einen Kleiderschrank oder unter einen Tisch gesetzt, bis ich mit meinem Gefühl selber klargekommen bin. Aber ich habe wirklich mit niemandem gesprochen. Und auch heute spreche ich fast gar nicht darüber.

Gibt es Momente, in denen Ihnen dieses Alles-mit-sich-selbst-Ausmachen zu viel wurde?

Irgendwann kam ich von der Schule und hatte einen Zusammenbruch. Irgendwann passt nicht mehr Leid in einen Menschen hinein. Ich habe geweint und geweint und geweint. Ich konnte nicht mehr aufhören. Für meine Eltern war das ein großer Schock. Und da ich ja nicht über meine Gefühle sprechen kann, blieb ich stumm.

In den USA, wo Sie eine Zeit lang gelebt haben, hat schließlich ein Mitbewohner Ihren Autismus erkannt. Wie kam es dazu?

Ich stand mit dem Großteil der Mitbewohner in unserem Wohnzimmer. Alle unterhielten sich durcheinander. Was sowieso anstrengend genug ist. Der eine Mitbewohner stand neben mir. Dann fuhr draußen ein Krankenwagen vorbei. Und wir beide hielten uns die Ohren zu. Wir waren im ersten Stock, die Türen zu – und trotzdem fanden wir beide diesen Krankenwagen so laut, dass wir uns die Ohren zuhalten mussten.

Hat er sie darauf angesprochen?

Er hatte mein Verhalten schon vorher beobachtet. Er nutzte diesen Moment, um mich nach meinem Autismus zu fragen. Aber ich wusste gar nicht, was Autismus ist. Danach googelte ich ‚Autismus‘. Und sah sofort, dass das alles passte. Und dass das endlich erklärte, wer ich bin, wie ich mich verhalte.

Der Autismus wurde später auch vom Arzt diagnostiziert, zudem ADHS. Wie ging es Ihnen danach?

Für mich war das eine große Befreiung. Ich konnte jetzt sagen: „Das möchte ich aber nicht machen.“ Beispielsweise wenn Freunde von mir in einen Club zum Tanzen gehen möchten. Dann muss ich da nicht mit, es jede Sekunde hassen und mir wünschen, ich wäre tot. Ich kann einfach sagen: „Nein, das ist nichts für mich.“

Was ist Ihr Tipp für Betroffene?

Sich hinzusetzen und für sich selbst Wege zu finden, mit dem Autismus umzugehen. Das Schlimmste ist, sich darauf auszuruhen, dass es schlimm und schwer ist, weil es davon nicht besser wird.

Frau Linke, vielen Dank für das Interview.

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