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Corona-Diaries, Teil 7: "Jetzt nervt’s nur noch" — was die Pandemie mit einer schlechten Beziehung gemeinsam hat

Business Insider Deutschland-Logo Business Insider Deutschland 04.05.2020 Julia Beil
© Bereitgestellt von Business Insider Deutschland
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Seit sieben Wochen führe ich ein persönliches Corona-Krisen-Tagebuch. Das Thema dieser Woche: Kann man mit einem Virus Schluss machen?

Montag

13:46: Meine Freundin G. schreibt mir, sie sei Ende der Woche in der Stadt. Ob ich Lust hätte, mit ihr einen "Kaffee auf Abstand" zu trinken? Ich erschrecke mich über mich selbst, als ich merke: Ich will nicht. 

13:47: Ich grüble. Wir sehen uns so selten. Normalerweise sage ich für G. sofort alles ab. Warum will ich sie jetzt nicht treffen?

13:48: Stelle fest: Meine Freundschaft mit G. ist meine einzige Freundschaft, die von sehr vielen körperlichen Gesten geprägt ist. Wir umarmen uns oft und fest, wir halten uns an den Händen, wir massieren uns sogar manchmal den Nacken. Kann mir nicht vorstellen, wie G. und ich miteinander umgehen, wenn das alles verboten ist. Wird unsere Verbindung dann genauso eng sein wie immer? Oder wird ein dicker, fetter "Social Distancing"-Elefant zwischen uns stehen?

14:00: Jetzt reicht’s, sage ich mir. Ich muss das wenigstens testen. "Unbedingt treffen", antworte ich G.

Dienstag

13:23: Die Folge "Modern Family", die ich gerade geschaut habe, ist zu Ende. Ich warte, dass Netflix wie gewohnt zur nächsten übergeht. Problem: Ich habe die Serie soeben durchgeschaut. Jetzt schlägt mir Netflix etwas Neues vor. ICH WILL ABER NICHTS NEUES!

13:24: "Manno", rufe ich wie ein Kindergartenkind und haue mit der Fernbedienung aufs Sofakissen. Diese Serie war der letzte Rest von Kontinuität in meinem Leben. Durch 210 Folgen und neun Staffeln habe ich mich gearbeitet. Und jetzt soll ich einfach etwas anderes schauen? 

13:25: Ganz bestimmt nicht. Alle Alternativen, von denen Netflix offenbar denkt, dass ich sie mögen würde, finde ich blöd. Und zwar aus Prinzip. Genauso wie jedes einzelne der ungelesenen Bücher, die in meiner Wohnung herumstehen: blöd. Und die vielen Vorschläge, die einem der Freundeskreis, das Internet im Allgemeinen und Pamela Reif im Speziellen jetzt machen: blöd. Ich will keine Hefe züchten. Ich will kein Dance-Workout für einen flachen Bauch machen. Ich will keinen Freund anrufen, mit dem ich seit Jahren nicht gesprochen habe, weil "man dazu ja jetzt endlich mal die Zeit hat." Ich will einfach nur die Serie gucken, die ich immer gucke. Verdammt noch mal.

Mittwoch

21:45: Mein Freund und ich liegen auf dem Sofa. Lustlos suchen wir nach einer neuen Netflix-Serie, aber finden natürlich alles: blöd.

21:59: Mein Freund drückt auf den Aus-Knopf und sagt: "Der Zauber ist irgendwie vorbei." Erschrecke kurz, aber er meint nicht unsere Beziehung. Sondern die Corona-Zeit. Am Anfang, vor sieben Wochen, da sei zwar auch schon alles Mist gewesen (dauernd zu Hause hocken, Job-Schwierigkeiten, unbetreutes Kind, nie Klopapier oder Tomatensauce im Rewe). Aber: Der Mist war neu. Und extrem. Und was neu ist und extrem, das ist immer auch ein bisschen faszinierend. "Jetzt ist es aber nicht mehr faszinierend", sagt er. "Jetzt nervt’s nur noch."

23:22: Ich kann nicht schlafen. Mein Freund hat recht, denke ich. Corona ist ein bisschen wie eine Beziehung mit einem total gut aussehenden Typen, der aber leider Narzisst/ drogensüchtig/ Mitglied in einem Wanderzirkus ist. Man weiß eigentlich, das sollte man besser lassen. Das wird anstrengend. Aber es ist natürlich auch unbekannt und aufregend und sexy und, ja: faszinierend. Deswegen macht man es dann trotzdem. Nach ein paar Wochen merkt man: Puh. Anstrengend. Man hätte sich doch besser für was Langweiligeres, weniger Faszinierendes entschieden.

Der Unterschied zu Corona ist leider: Mit einer Pandemie kann man nicht Schluss machen.

Donnerstag

13:09: Im Moment bringt mich wirklich alles auf die Palme. Aktuell das hier: Wir haben kein Brot mehr. Ich habe aber jetzt Mittagspause und ich will ein Brot zu Mittag. Ich bin so sauer, dass man denken könnte, ich hätte ein wirkliches, echtes Problem. Nicht eins, das mit Brot zu tun hat.

13:13: Maximal wütend auf die Welt und die Person in meinem Haushalt, die kein Brot gekauft hat (mich), radle ich zum Bäcker. Dabei schimpfe ich in meinen Mundschutz-Ersatz-Schal. Schade, dass diese ****** Autofahrer mit ihren **** SUVs mich durch den Stoff in meinem Gesicht nicht hören können, diese rücksichtlosen *****.

13:19: Noch immer ziemlich verärgert will ich mein Brot bezahlen. Ich gebe ins Kartenlesegerät etwas ein, was ich für meine Pin-Nummer halte. Das Gerät piept. „Falsche PIN”, leuchtet es mir vom Display entgegen. Ich tippe noch mal. „Piiiiep.” Ein drittes Mal. „Piiiep.” Es hat keinen Sinn. Ich habe meine Pin vergessen.

13:20: Wuttränen drängeln sich in meine Augen. Eilig verlasse ich den Laden. Jetzt hat mir das ganze Corona-Chaos auch noch mein Gedächtnis geraubt! Dieses Virus und alles, was es mit mir anstellt, ist wirklich nicht mehr faszinierend. Oder sexy. Aufregend vielleicht. Aber nur im negativen Sinne.

Freitag

12:13: Heute treffe ich G. und ich werde sie nicht umarmen dürfen. Bevor ich wieder wütend auf Corona werde (das Mist-Virus, dem ich das zu verdanken habe), backe ich schnell einen Kuchen. Meine aller älteste Strategie, um mit Stress umzugehen. 

13:04: Darf G. meinen Kuchen überhaupt essen? Muss ich mir die Hände desinfizieren, bevor ich ihr ein Stück gebe? Ist das irgendwo geregelt? Schreibt mir das nervige Virus in dieser Hinsicht irgendwas vor?

17:45: Zusammenfassung meines Treffens mit G.: Habe recherchiert und keine Verbote in Bezug auf Kuchen gefunden. Sie hat den Kuchen gegessen. Ich habe den Kuchen gegessen. Statt Umarmung haben wir uns ein Fuß-High-Five gegeben. Kein „Social Distancing“-Elefant stand zwischen uns. Die Situation war genauso merkwürdig, wie im Moment das ganze Leben ist. Meine Freundin zu sehen war genauso schön, wie es immer ist.

Samstag

14:24: Stehe an der Supermarktkasse. Mein erster Einkauf seit dem Pin-Desaster beim Bäcker. Mit jedem Produkt, das der Kassierer über den Scanner zieht, tropft ein wenig neuer Angstschweiß in meine Jacke. Luft bekomme ich auch fast keine. Der Schal, der drei Viertel meines Gesichts bedeckt, saugt sie ein, bevor ich das kann. Habe das Gefühl, dass ich hier vielleicht gleich kollabiere. Ob sie mir den Einkauf dann aus Mitleidsgründen einfach so mitgeben? 

Immer noch 14:24: „44,79 Euro, bitte!”, zwitschert der Verkäufer durch seinen Mundschutz. So fröhlich kann auch nur jemand sein, der noch atmen kann.

Immer noch 14:24: Ich tippe röchelnd vier Ziffern in das Kartenlesegerät des fröhlichen Verkäufers ein. Dabei fühle ich mich, als bediente ich gerade den Zünder einer Atombombe. Jetzt bloß keinen Fehler machen. Ich drücke auf die letzte Taste: "Bestätigen". Nichts explodiert. "Zahlung akzeptiert", sagt das Gerät. "Supi, danke", sagt der fröhliche Verkäufer. "Hallo, ich bin wieder da", sagt meine Selbstachtung.

Sonntag

22:27: Glaubt es oder nicht, aber heute ist nichts Blödes passiert. Heute haben der Mann und ich nur schöne Sachen gemacht, Sachen, die Spaß machen. Ein bisschen Fitness (aber nicht zu viel), Klavier und Gitarre gespielt, Eis gegessen, morgens Kaffee und abends Wein getrunken. Und weder er noch ich haben dabei besonders viel an unseren aufdringlichen, neuen, toxischen Beziehungspartner gedacht: Corona.

Ich werde dich vielleicht (noch) nicht für immer los, liebes Virus. Aber weißt du was: Zumindest zeitweise kann ich mich trennen. An faulen Sonntagen oder beim Kuchenessen mit meiner Freundin oder wenn mir eine Pin-Nummer wieder einfällt. In solchen Situationen blende ich dich aus. Da mache ich kurz Schluss mit dir, Virus.

Und weißt du was: Es liegt an dir, nicht an mir.

Das Leben besteht aus Beziehungen: zu Kollegen, zu Eltern, zum Partner, zum Drogendealer. Einfach sind sie selten, aber meistens spannend. In ihrer Kolumne „Unter anderen“ beschäftigt sich Julia Beil deswegen einmal die Woche mit allem, was zwischenmenschlich ist. 

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