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Corona-Diaries, Teil vier: Egal, wie sehr ich mich bemühe — seit Corona bekomme ich keine Struktur mehr in mein Leben

Business Insider Deutschland-Logo Business Insider Deutschland 13.04.2020 Julia Beil
© Bereitgestellt von Business Insider Deutschland
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Seit vier Wochen führe ich ein persönliches Coronakrisen-Tagebuch. Hier lest ihr, was der Ausnahmezustand mit meiner Laune, meiner Arbeit, meinem Alltag, meinen Freundschaften, meinen Macken und meiner Partnerschaft macht.

Montag

7:29: Beim Frühstück, das wir im Stehen in der Küche einnehmen, sagt mein Freund: „Diese Arbeitswoche dauert nur vier Tage!” Hä?, denke ich. Wieso das denn? „Na, wegen Ostern”, sagt er. Ich bin verwirrt. Feiertag, Arbeitstag, Winter, Frühling, morgens, abends, — wer blickt da gerade überhaupt noch durch?

13:03: Das Kind ist wieder da. Zum Mittagessen mache ich uns Gnocchi mit Ketchup. Statt Njokki sage ich Gnotschi, was das Kind sehr lustig findet, und ich zugegebenermaßen auch. Man muss sich im Moment ja an den kleinen, primitiven Dingen des Lebens erfreuen.

13:04: Stelle erfreut fest, dass ich diese Woche jeden Tag eine Mittagspause werde machen müssen. Kinder können sich ihre Gnotschi nämlich nicht selbst kochen, da muss ich schon ran. Kein Essen mehr vor dem Laptop, sondern schön gesittet am Tisch. Das wird mir Struktur geben!

Dienstag

12:45: Das Telefon klingelt. Es ist ein Freund vom Kind, der fragt, ob sie skypen wollen. „Jaaaaaaa!”, ruft das Kind. So viel zu meiner regelmäßigen Mittagspausen-Routine. 

12:57: Schiebe dem Kind sein Essen vor den Computer und esse mein Butterbrot vor dem Laptop.

13:32: Ich kriege plötzlich Panik, weil mir wieder einfällt, dass am Wochenende Ostern ist. Verdammt! Wir müssen einkaufen! Für eine knappe Woche. Wie geht das?

19:39: Freund und Kind haben das erledigt und kommen mit bergeweise Lebensmitteln zurück. Erkenne die beiden kaum hinter lauter Riesenpizzen, Milchkartons, Getränkeflaschen und Tiefkühltüten. So viel Essen habe ich noch nie in unserer Wohnung gesehen. Und wir haben hier schon viele Partys gefeiert.

20:01: Weil er einige Dinge trotzdem nicht mehr bekommen hat, kommen mein Freund und ich auf eine, wie wir finden, geniale Idee: Im Rewe-Onlineshop bestellen. Wir können tatsächlich alles in den Warenkorb legen: Hefe, Badreiniger, sogar Mehl. Wir sind überwältigt. Und so naiv. Als wir auf „Bestellen” klicken, streckt uns die Webseite ihren Stinkefinger entgegen. Ausgebucht. Bis einschließlich 25. April kann man sich rein gar nichts mehr liefern lassen. 

Mittwoch

7:37: Mein Freund macht sich auf den Weg zum Supermarkt, um dem Ansturm, den es dort wahrscheinlich später geben wird, zu entgehen. Bin sehr dankbar, dass er das für mich übernimmt. Meinen Morgenkaffee trinke ich heute alleine.

13:32: Das Kind und ich machen Mittagspause. „Hast du dir eigentlich schon die Zähne geputzt?”, fragt es mich plötzlich. Ups. Bin wirklich ein klasse Vorbild.

19:06: Wir wollen einen Film bei Amazon Prime gucken, machen wir abends oft zusammen. Doch der Server ist überlastet. Wir sehen nur ein Rädchen, das sich immer im Kreis dreht. „Ach, einfach aus dem Fenster zu gucken, ist ja auch mal ganz schön", stellt das Kind philosophisch fest.

20:27: FaceTime mit einer Freundin. Beruhigender Weise hat sie dieselben Probleme wie ich. Ihr Alltag hat sogar noch weniger Struktur als meiner, weil sie im Moment nur wenig arbeitet. Ihr unbarmherziges Fazit über sich selbst lautet: „Ich bin eine fette Alkoholikerin geworden.”

Donnerstag

9:39: Als ich ihr eine Nachricht schicken will, fällt mir ein: Meine Kollegin ist heute „nicht da”. Sie hat Urlaub. Muss lachen, weil ich selbst bald ein paar freie Tage habe. Na, herzlichen Glückwunsch. Wahrscheinlich wird mir so langweilig sein, dass ich einfach trotzdem arbeite. Jemand muss mich dann davon abhalten. Sage schnell dem Kind Bescheid.

14:47: Das Kind will Eis essen gehen, ich erkläre ihm, dass das nicht geht, weil ich arbeiten muss. „Aber es sind doch Ferien”, sagt es. „Ach ja”, sage ich. „Warum hast du denn keine Ferien? Du hast doch wegen Corona viel mehr gearbeitet als sonst”, sagt es. Ich muss das Kind unbedingt mal meinem Chef vorstellen.

Freitag

8:31: Ich schlurfe zum Schreibtisch und klappe meinen Laptop auf. Es ist niemand online. Brauche eine Minute, um zu realisieren: Habe zum zweiten Mal in dieser Woche Ostern vergessen.

8:33: Juhu, ich habe frei! Ich kann machen, was ich will. Oder, naja: Ich kann machen, was ich noch darf. Ist ja im Moment nicht so viel. Wann sollte eigentlich noch mal diese Ansprache von Steinmeier im Fernsehen laufen?

8:45: Steinmeier spricht morgen erst. Schade. Muss ich mir wohl eine andere Beschäftigung suchen.

18:03: Auf dem Sofa liegend versuche ich knapp zehn Stunden später, mir vor Augen zu führen, was ich an meinem freien Tag heute gemacht habe. Es ist alles verschwommen. Vor meinem inneren Auge flimmern Erinnerungen an Szenen aus "Modern Family" und "Gilmore Girls", außerdem weiß ich, dass ich mir sehr oft Kaffee gemacht habe.

18:04: Apropos Kaffee, es ist ja schon spät genug, um auf Wein umzusteigen! Die Richtuhrzeit dafür ist 18 Uhr. Ab dann geht Alkoholkonsum vollkommen klar. Die Gesellschaft stempelt einen dann nämlich nicht mehr als verlottert ab. Endlich eine Regel, an die ich mich halten kann. Gieße mir ein Glas Riesling ein und wünsche mir selbst frohe Ostern.

Samstag

19:03: Habe die Steinmeier-Rede verpasst. I had one job.

19:12: Damit ich nicht, so wie meine Freundin, auch bald von mir sagen muss, dass ich wegen Corona eine fette Alkoholikerin geworden bin, mache ich ein Home-Workout. Eigentlich habe ich Menschen, die zu Hause auf Gummimatten herum hopsen, noch nie so richtig ernst genommen. Heute können sie natürlich mit Recht auf Menschen wie mich herabblicken.

19:28: Auf mich herabblicken tut jetzt auch das Kind, während ich Sit-Ups mache und vor Schmerzen brülle. Jedes mal, wenn ich meinen Oberkörper hochhieve, sehe ich sein gnadenloses Gesicht. „Das machen wir jetzt jeden Abend”, sagt es begeistert, als wir fertig sind. „Jaaaaa", sage ich und denke: „Ganz bestimmt nicht”. 

Sonntag

12:47: Beim Joggen sehe ich von Weitem, dass mir drei Männer entgegenkommen. Sie joggen ebenfalls, und zwar ohne T-Shirt. Als wir aneinander vorbeilaufen, blicken sie mich erwartungsvoll an. Überlege kurz, was sie wohl möchten. Brauchen sie von mir ein anerkennendes Nicken, nach dem Motto: "Klasse Bauchmuskeln, Glückwunsch!" Oder sollte ich vielleicht pfeifen? Da unsere Begegnung nur Millisekunden dauert, komme ich dann zu nichts von beidem. Frage mich, ob es sich bei den Dreien um Singles handelt, die sich die Anerkennung für ihre Bäuche normalerweise bei Dates, in Clubs oder One-Night-Stands holen. Wenn ja, hat Corona ihnen das versaut.

13:39: Niemand in meiner Kernfamilie hat heute Lust, zu kochen. Zum Mittagessen gibt es deshalb Pflaumenkuchen. Nein, besonders strukturiert und geplant ist mein Leben gerade wirklich nicht. Auch wenn ich es immer wieder versuche. Trotzdem sind wir alle glücklich, während wir in der Sonne unseren Kuchen essen. Vielleicht ist das für den Moment genug.

Das Leben besteht aus Beziehungen: zu Kollegen, zu Eltern, zum Partner, zum Drogendealer. Einfach sind sie selten, aber meistens spannend. In ihrer Kolumne „Unter anderen“ beschäftigt sich Julia Beil deswegen einmal die Woche mit allem, was zwischenmenschlich ist. 

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