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Daniel Brühl über sein Poesie-Projekt bei Instagram: „Lyrik durchflutet den Kopf mit Bildern“

Tagesspiegel-Logo Tagesspiegel 05.05.2020

Der Schauspieler Daniel Brühl hat ein digitales Poesie-Projekt gestartet. Ein Gespräch über Kiezläden und die Bedeutung von Gedichten zu Pandemiezeiten.

Der in Berlin lebende Schauspieler Daniel Brühl hält mit Poesie ein Gegengewicht zur Pandemie. © Foto: picture alliance/dpa Der in Berlin lebende Schauspieler Daniel Brühl hält mit Poesie ein Gegengewicht zur Pandemie.

Herr Brühl, in ihrem Lyrikprojekt „Poetry for Locals“ teilen Sie auf Instagram Aufnahmen von berühmten und nicht berühmten Menschen, die Gedichte vorlesen. Das Ziel: Den Einschränkungen durch die Corona-Pandemie etwas Poesie entgegenzusetzen. Was kann die Lyrik, was die Prosa gerade nicht kann?

Lyrik vermag es in Kürze Gewaltiges auszulösen, sie wirkt unmittelbar. Der Kopf wird durchgeflutet und gesprengt mit Bildern. Das passt auch zum Rahmen, den ich gewählt habe, bei Instagram fängt man jetzt nicht an, sich Dostojewski vorzulesen. Einige Menschen haben Berührungsängste damit, die ich nehmen möchte: Sich einfach mal darauf einlassen. Das sage ich im Übrigen auch meinen Freunden oder den Menschen, die ich bitte was zu schicken, die sich komisch dabei vorkommen, Lyrik laut in die Kamera vorzulesen. Es kann auch ein Standbild mit Sprache sein oder auch ein Songtext, so streng bin ich da nicht. Als begeisterter Leser jeglicher Gattungen stehen Lyrik und Prosa in keiner Konkurrenz für mich.

Ihr Account scheint Ihnen Recht zu geben, mehr als 4600 Follower hat er bereits, sind Sie selbst überrascht?

Als ich vor ein paar Wochen damit angefangen habe, hatte ich keine große Ambitionen. Ich wollte eigentlich meine Buchhandlung die „Buchbox“ in der Greifswalder Straße in Berlin unterstützen. Vor deren Laden stand ein Schild, dass sie sich darüber freuen würden, also habe ich das kurzerhand einfach mit dem Projekt gemacht. Die wussten auch gar nichts davon, freuen sich dafür umso mehr. Mir ist es wichtig, andere Menschen darauf aufmerksam zu machen, dass sie nicht nur bei den großen Konzernen Bücher bestellen, sondern gerade jetzt die kleinen lokalen Buchhandlungen unterstützen sollen, damit diese auch mit und nach Corona existieren können. Wir möchten doch alle unsere Viertel am Leben erhalten, damit es, wenn der Spuk vorbei ist, noch so ist wie vorher. Mit all den Geschäften, die wir so gerne mögen, die den Kiez zu dem machen, was er ist. Deshalb müssen es auf unserer Plattform auch nicht explizit Buchläden sein, die man unterstützt. Bedenken hatte ich allerdings, dass Leute mir unterstellen, dass ich jetzt Aufmerksamkeit möchte und sie nerve mit der Aktion. Bisher ist das nicht eingetreten. Im Gegenteil ganz tolle Beiträge habe ich bisher bekommen wie von dem Schriftsteller Benedict Wells oder den Jungs von Tocotronic. Benedict Wells hat auch in München so etwas ähnliches jetzt gemacht und natürlich ist es toll, wenn so eine Idee wächst. Vor allem freue ich mich sehr darüber, dass Menschen aus der ganzen Welt in verschiedenen Sprachen mir die Beiträge schicken. Jeden Abend bin ich ganz glücklich, wenn ich sehe, was für Einsendungen ich erhalten habe.

Sie sind bilingual mit Deutsch und Spanisch aufgewachsen – wie wichtig ist Ihnen der globale Aspekt Ihres Projektes?

Diese Krise verbindet uns alle, es ist eben eine internationale, die jeden betrifft. Das Projekt ist für mich eine Form, den Leuten etwas zu bieten, Inspiration, interessante Gedanken oder Trost zu spenden, den Impuls geben, mal wieder zum Bücherregal zu gehen und sich ein Gedichtband zu nehmen, und darüber hinaus die lokalen Buchhandlungen eben zu unterstützen. Diese Impulse werden gut aufgenommen, es gibt den Menschen etwas, sich mit Literatur auseinanderzusetzen, sich zu überlegen, was sie vorlesen möchten und dies dann tun.

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Sie versammeln neben bekannten literarischen Stimmen wie eben Benedict Wells oder Daniel Kehlmann, auch gut ausgebildete Schauspieler wie Sabin Tambrea, Clemens Schick oder Vicky Krieps...

Wenn ein Gedicht gut gelesen ist, dann zieht es in den Bann, und das begeistert natürlich auch die Zuschauer. Wenn ich mir überlege, wie einige Leute Quarantäne-Posts aus dem Infinitypool oder der Yacht vom Mittelmeer teilen, dann schaudert es mich etwas. So veröffentliche ich etwas Kleines in unsere Zeit hinein, das Freude macht und im besten Falle eben die Buchläden und die Literatur selbst unterstützt.

Wie sind Sie denn mit Literatur in Berührung gekommen?

Bei uns zu Hause spielte sie und vor allem Lyrik eine große Rolle, es wurde viel gelesen und meine Eltern haben mir tolle Bücher geschenkt. Ich bin sehr froh darüber, dass sie so darauf gepocht haben, auch zur Lyrik zu greifen. Das ist für mich immer wieder ein großartiges Erlebnis.

Gibt es das eine Gedicht, das Ihnen besonders viel bedeutet?

Kein konkretes Gedicht. Als ich überlegt habe, welche ich lesen könnte, bin ich an mein Bücherregal gegangen und habe wunderbare Bücher gefunden, die mein Vater mir geschenkt hat, aus denen ich dann ein Gedicht von Else Lasker-Schüler, T.S. Eliot und Federico García Lorca ausgewählt habe. Es gibt natürlich viele weitere tolle Dichter wie Gottfried Benn oder Paul Celan. Ein Buch, das ich nur empfehlen kann, auch gerne für einen Beitrag für den Instagram-Account, ist „Museum der modernen Poesie“ von Enzensberger. Darin sind Gedichte aus der ganzen Welt versammelt in ihren Originalsprachen mit der deutschen Übersetzung. Einfach eine fantastische Kollektion moderner Poesie.

Lesen passt natürlich auch wunderbar in die jetzige Zeit, in der wir auf uns selbst zurückgeworfen sind. Worauf freuen Sie sich denn am meisten, wenn Corona überstanden ist?

Eine Umarmung mit Menschen, die man mag, oder sich auch mal wieder die Hand zu geben zur Begrüßung. Als Gastronom natürlich das gemeinsame Essen abends mit Freunden im Restaurant und in meinem Fall das Reisen. Teile meiner Familie leben bin Spanien, ich kann meine Mutter gerade nicht sehen. Sie bedenkenlos zu besuchen , ist mit das Wichtigste für mich. Wir sind gerade noch in der Zeit, wo wir uns zurecht finden müssen, auch mit einem kleinen Kind zu Hause. Weshalb ich froh darüber bin, in Berlin zu leben. Man kann mit dem Fahrrad mal eine Runde durch die Stadt fahren oder raus in den Wald. Das war andernorts wie in Spanien bis vor Kurzem nicht möglich.

Das Gespräch führte Lara Sielmann.

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