Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

"Das riecht so toll"

Süddeutsche Zeitung-Logo Süddeutsche Zeitung 03.11.2020 Von Karl Forster

Abenteuer Buch: Caroline Ditting, viele Jahre lang Lifestyle-Journalistin, hat sich ihren Lebenstraum erfüllt, einen Verlag zu gründen. Ihre erste Veröffentlichung heißt "Tartes"

"Bücher sind die Nahrung der Seele", sagte einst ein weiser Mann aus der arabischen Welt. Er könnte recht haben, vor allem für Caroline Ditting, deren Lebenstraum nun die Vollendung beschieden ist und gedruckt vor ihr liegt. Dieses Buch ist Nahrung nicht nur für die Seele. Denn es heißt "Tartes", verspricht also auch Köstliches für den Gaumen. Erschienen ist es im Elsa Verlag als dessen erstes Buch. Der Name lautet so, weil Caroline Dittings Dackel Elsa heißt.

Was vielleicht auf den ersten Blick ein bisschen wirr erscheint, wird zur logischen Geschichte, wenn man sich das Leben der heute 41 Jahre alten Wahlmünchnerin anschaut. Und es kann nicht schaden, wenn man dabei nebenher eine der 52 unterschiedlichsten Tartes aus dem Buch zu verfertigen versucht. Beides macht Spaß und Freude und bestärkt einen in dem Glauben, dass es sehr sinnvoll sein kann, sich einen Lebenstraum zu verwirklichen. Caroline Dittings Lebenstraum war es, Verlegerin zu werden. Auch in Zeiten wie diesen. Und während sie in dem gemütlichen, etwas altmodischen Wohnzimmer in Neuhausen mit heller, fast jugendlicher Stimme vom Traum und dessen Wahrwerdung erzählt, schaut sie immer wieder mit verstecktem Stolz auf diesen Stapel Bücher mit dem Titel "Tartes".

Sie habe, sagt sie, schon immer ein besonderes Verhältnis zu Büchern gehabt. Bevor sie in einem zu lesen begann, "steckte ich meine Nase ganz tief zwischen die Seiten. Das riecht so toll", sagt sie. Nach gutem Papier, nach Handwerk, nach Geheimnis. Deswegen wollte sie schon als Kind gebundene Bücher, dicke, schwere, mit festen Buchdeckeln und diesem Geruch. Und sie wurde den Gedanken nicht los, dass es spannend sein müsse, solche Bücher nicht nur zu lesen, sondern auch zu machen. Verlegerin, ja, das wäre was.

Sie wuchs in Rendsburg auf, am Nord-Ostsee-Kanal. "Ich bin ein Muschelschubser", sagt sie und aus den dunklen Augen schimmert etwas Spott. Der Weg nach München und letztendlich zu ihrem Elsa Verlag war recht verschlungen, weil sie oft ein wenig "verloren war zwischen meinen Interessen". Die drehten sich zwar immer ums geschriebene Wort, aber lange war ihr nicht klar, ob sie dieses Wort selbst schreiben sollte oder sie als von Fremden geschrieben in die Welt bringen sollte.

Aach dem Abitur zog sie von Schleswig-Holstein zunächst nach England, um die dortige Sprache zu vervollkommnen, das Studium Internationale Kommunikation und Geschichte absolvierte sie dann in Paris, allerdings auf der dortigen amerikanischen Universität und auf Englisch. Während der Verfertigung ihrer Bachelor-Arbeit über den Fall Barschel ("Ich hab' den ja als Kind mitgekriegt") wuchs die Sehnsucht "nach meiner deutschen Kultur"; sie bewarb sich bei diversen Zeitschriften und landete im Fach Edel-Hochglanz, beim Architectural Digest des Condé Nast Verlags und damit schon mal in München. Caroline Ditting arbeitete als Autorin, doch die "super nette" Chefredakteurin Margit Mayer beschied der recht effizient strukturierten Journalistin: "Frau Ditting soll lieber organisieren." Sie wurde Chefin vom Dienst.


Video: Ein Tag zum Vergessen (Kabel1)

Video wiedergeben

Man hat heute nicht den Eindruck, als hätte sie diese Beförderung je bereut. Zur Erweiterung des Horizonts, beruflich wie privat, verschlug es Ditting ein paar Jahre später nach Berlin zur Welt am Sonntag und dessen buntem Lifestyle-Magazin Icon. Also wieder was Schönes, zum Schreiben und zum Organisieren. Aber das war es noch nicht. Bunte Hefte haben teure Bilder, aber sie riechen nicht nach Buch. "Ich wollte was Wertiges machen", sagt Caroline Ditting. Die Suche danach führte sie zurück nach München. Denn da gibt es ja den Callwey Verlag, seit weit mehr als hundert Jahren dem Edlen, Guten und Schönen verschrieben und in der Branche bekannt für hochwertige Arbeit in Zeitschrift und Buch.

Die ideale Adresse für jemanden wie Caroline Ditting und letztlich auch die Antwort auf ihre Frage: "Wie schaffe ich es, in diese Buchmachgeschichte reinzukommen." Heute sagt die Jungverlegerin Ditting: "Es war eine schöne Zeit." Eine Zeit, in der sie zum Beispiel mit der Sommelière Paula Bosch für deren Buch "Wein genießen" arbeiten konnte, in der sie für "Stilikonen" so unterschiedliche Frauen wie Ute Lemper oder Gloria von Thurn und Taxis kennenlernte. Sie arbeitete mit Autoren und Fotografen aus der Lifestyle-Welt, woraus manche Freundschaft entstanden ist, die Dittings Zeit bei Callwey überdauerten. Denn nach ein paar Jahren war ihr klar: "Ich möchte so etwas gerne selber machen, ich möchte noch eine Schippe drauflegen." Und während sie das so sagt, spürt man die Konzentration, nur ja nichts so zu formulieren, dass der Verdacht entstünde, es hätte ihr irgendwie dort nicht mehr gefallen.

2015 verließ sie Callwey und hielt sich mit diversen Projekten über Wasser. Jobbte in einer Entwicklungsredaktion, redigierte hier, rubrizierte dort. "Und dann kam die Tarte."

Zuvor allerdings kam noch Elsa. Zunächst als Dackel, genauer gesagt als etwas groß geratener Zwerg-Rauhaardackel, der deswegen aussieht wie ein ganz normaler Rauhaardackel. Den Namen Elsa lieh sie sich aus Wagners Lohengrin. Und als es vor ein paar Jahren daran ging, den so lange ersehnten Verlag wirklich zu gründen, ignorierte sie zwar alle Mahnungen, es gebe doch ohnehin schon zu viele Verlage, zu viel Lifestyle, zu viele Kochbücher. Und außerdem stehe ohnehin alles im Netz. Caroline Ditting dachte da an ihre Kindheit, an die Lust am Abenteuer Buch. Einem Rat aber folgte sie und nannte ihren Verlag Elsa, was später dazu führen sollte, dass besagtes Buch über Tartes als Signet von Elsa Publishing einen Dackel zeigt. "Es war", sagt sie heute, "wie nach Hause kommen."

Die Tartes also. Der Fotograf Joerg Lehmann, ein Food-Spezialist, den sie aus Callwey-Zeiten kannte, schwärmte von einem Koch namens Norbert Krüger, der vormals in dem Berliner Restaurant Fischers Fritz als Chefpatissier wirkte, als der Laden noch zwei Sterne trug. Dieser Krüger sei ein wahrer Zauberer, was Tartes angehe, und er, Lehmann, würde solche Tartes gerne fotografieren. "Dann soll er Rezepte für 52 Tartes schreiben", sagte die Verlagschefin Ditting, "dann machen wir ein Buch mit einem Rezept für jede Woche." Jetzt hat sie nicht nur einen richtigen Verlag mit richtigem Namen, sondern auch ein erstes richtiges Buch in Arbeit mit dem Untertitel "Von Genuss und Gemeinschaft". Ein Buch für Leib und Seele.

Caroline Ditting nimmt eines vom "Tartes"-Stapel, entfernt die Klarsichtfolie, schlägt das Buch auf, steckt die Nase hinein, lächelt glücklich und sagt: "Riecht gut."

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von SZ

Süddeutsche Zeitung
Süddeutsche Zeitung
| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon