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Die Panikmache ums Klima stumpft die Gesellschaft ab, löst bei vielen nur noch Gähnen aus: Bruno Latour schreibt, wie die Trägheit zu überwinden wäre

Neue Zürcher Zeitung Deutschland-Logo Neue Zürcher Zeitung Deutschland 23.11.2022 Claudia Mäder
Bruno Latour (1947–2022) in seinem Pariser Zuhause, Mai 2020. ; Benoit Tessier / Reuters © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Deutschland Bruno Latour (1947–2022) in seinem Pariser Zuhause, Mai 2020. ; Benoit Tessier / Reuters

Die Buchhändler hatten es nicht leicht mit ihm, das war Bruno Latour klar. Oft wisse das Personal in den Läden nicht recht, in welches Regal es seine Bücher stellen solle, sagte er im Frühling in einem Interview. Philosophie? Soziologie? Geschichte? Naturwissenschaft? Auf all diesen Feldern war der französische Denker tätig. Im Oktober ist er gestorben. Gerade ist sein allerletztes Buch in die Läden gekommen und dürfte dort für die üblichen Probleme sorgen. «Zur Entstehung einer ökologischen Klasse», laut Buchumschlag ein «Memorandum», fällt wieder zwischen die Sparten und bündelt etliche Themen, die Latour in den letzten Jahren umtrieben.

Ausgangspunkt des Textes – Latour hat ihn zusammen mit dem dänischen Soziologen Nikolaj Schultz verfasst – ist ein gesellschaftspolitischer Gegenwartsbefund. Obwohl inzwischen die ganze Welt wisse, dass mit Blick aufs Klima dringend gehandelt werden müsste, sei nirgends eine «allgemeine Mobilisierung» zu sehen, schreiben die Autoren. Zwar würden dauernd die kommenden Katastrophen beschworen, doch führe das höchstens zu Abstumpfung: «Bislang besteht der Erfolg der politischen Ökologie darin, die Menschen in Panik zu versetzen und diese gleichzeitig aus Langeweile zum Gähnen zu bringen.» Was es brauchen würde, um diese Trägheit zu überwinden: Darüber denken Latour und Schultz in der Folge in 76 Punkten nach.

Mit mehr Angst und Moralismus, so viel ist klar, ist nichts zu gewinnen. Eine «strafende Ökologie», die den Menschen wegen ihres schändlichen Umgangs mit der Natur ein Verzichtsregime auferlegt – eine solche Ökologie kann in den Augen der Autoren kein breites Engagement bewirken. Stattdessen skizzieren Latour und Schultz eine positiv konnotierte Ökologie: ein umweltbewusstes Denken, das die Menschen mit Stolz ausstattet und ihnen Werte anbietet, für die sie bestenfalls mit Begeisterung einstehen wollen.

Rationaler als die Alten

Um dieses Konzept ein wenig zu konkretisieren, wenden sich die beiden Männer der Geschichte zu, ja, sie greifen direkt und ziemlich tief in die historische Mottenkiste. Das könnte man jedenfalls meinen, wenn sie die Klassenkampfrhetorik auspacken und sich wünschen, dass eine neue «ökologische Klasse» entstehe, ihr eigenes Bewusstsein entwickle und gegen die «führende Klasse» antrete.

Doch mit dem alten Marx ist der Planet genauso wenig zu retten wie mit Moral und Panik, daran lassen Latour und Schultz keinen Zweifel. Nicht anders als der Liberalismus, so die Autoren, habe sich nämlich auch der Sozialismus nie um dasjenige Problem gekümmert, das heute zuoberst stehen müsste: die «Bewohnbarkeit» der Erde.

Für den «Ökologismus» und die ihn propagierende «ökologische Klasse» dagegen sei dies das zentrale Thema. Fragen rund um die Produktion und die Verteilung von Gütern, welche die «alten Klassen» (sprich: Sozialisten und Liberale) bis heute hauptsächlich beschäftigten, rutschten auf der Prioritätenliste der Ökologisten nach unten. Sie achten gemäss den Autoren zuallererst darauf, die Welt, in der und von der wir alle leben, nicht zu zerstören. Denn wo die «Bewohnbarkeit» des Planeten nicht mehr gegeben wäre, würde letztlich auch die Wirtschaft zusammenbrechen.

So zu denken, und das ist ein Clou dieser Schrift, ist für die Autoren ein Ausweis reinster Rationalität: Da die im Entstehen begriffene «ökologische Klasse» vorausdenkt und essenzielle Zusammenhänge berücksichtigt, kann sie laut Latour und Schultz stolz für sich in Anspruch nehmen, vernünftiger als alle anderen zu handeln und die Zivilisation in die Zukunft zu führen.

Die Arbeit beginnt erst

In der Logik der Autoren würde die «ökologische Klasse» somit einen ähnlichen Weg gehen wie einst das liberale Bürgertum. Dieses positionierte sich im 19. Jahrhundert als vorwärtsschauende, rationale Kraft und löste den überkommenen Adel als gesellschaftliche Führungsschicht ab. Im 21. Jahrhundert nun hätte diese Rolle an die «ökologische Klasse» überzugehen (wobei sich in diesem Segment unabhängig von ihrem ökonomischen Status all jene Menschen vereinen würden, die der «Frage der Bewohnbarkeit» Priorität einräumen).

Und gleich wie damals gälte es heute, neu über die Werte und Ideen nachzudenken, die das Menschsein auszeichnen. Hier geht es ans Eingemachte: Freiheit, Autonomie, Emanzipation – mit solchen Konzepten konnte das Bürgertum die Menschen begeistern. Was hat der «Ökologismus» in diesem Bereich zu bieten? Was könnten Autonomie und Emanzipation bedeuten in einem Denken, das die Welt als grossen Organismus versteht und darauf pocht, dass alles mit allem zusammenhängt? Was ist Freiheit, wenn den Menschen ihre Abhängigkeit von anderen Lebewesen und ganzen Ökosystemen immer stärker ins Bewusstsein dringt?

Die Autoren stellen Fragen und notieren Gedanken, Antworten geben sie keine: Vielleicht sollte man ihr Memorandum am Schluss also doch in der Rubrik «Philosophie» ablegen. In jedem Fall kommt viel zusammen auf den wenigen Seiten dieses Buches. Die titelgebende Klassen-Idee ist zwar wenig überzeugend, doch mit ihrer Suche nach einer positiven Ökologie treffen die Autoren einen wichtigen Punkt, und etliche ihrer Einwürfe enthalten Bedenkenswertes. Ausgereift ist freilich noch nichts. «Tout est à travailler», sagte Latour, als das Buch Anfang Jahr auf Französisch erschien. Er selber wird die Arbeit nicht mehr weiterführen. Aber jeder, der seine Notate liest, kann mit eigenen Gedanken beginnen.

Bruno Latour, Nikolaj Schultz: Zur Entstehung einer ökologischen Klasse. Ein Memorandum. Aus dem Französischen von Bernd Schwibs. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2022. 94 S., Fr. 23.90.

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