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Die Reise durch mein Zimmer

AD Magazin - Architectural Digest-Logo AD Magazin - Architectural Digest 05.04.2020 Uta Seeburg

#theeyehastotravel

© Illustration: Jackie Diedam

Xavier de Maistre, ein Autor, den heute nur noch ein kleiner Kreis von Liebhabern obskurer Lesestücke kennt, veröffentlichte im Jahre 1794 eine Novelle, die davon erzählt, wie er sechs Wochen lang zu Hause blieb. Er wanderte im Zickzack zwischen Lehnstuhl und Bett umher, ließ den Geist am Kaminfeuer wandern, genoss das behagliche Eremitendasein. Auch wir reisen dieser Tage durch unsere Zimmer, wenn auch aus deutlich ungemütlicheren Gründen.

Vor genau einem Jahr kletterten mein Mann und ich mit unserer kleinen Tochter im Arm durch die Tempelanlagen von Angkor Wat, schleppten das Kind über die Märkte von Bangkok, wo es überall wie eine Prinzessin gefeiert wurde. Aßen auf den wackligen Stühlen einer Garküche ein Curry, das unsere Münder verbrannte, während das Kind seinen aus Deutschland mitgebrachten Brei löffelte. Jetzt bereisen wir die Welt auf den ungefährlichen Pappschwingen ihrer Bilderbücher, eine Welt, wie sie da draußen niemals so schön, so unverdächtig, sein wird: Wälder mit riesigen leuchtenden Fliegenpilzen; auf einem kunterbunten Markt werfen eine Katze und ein Hund sich Zitronen zu; ein ernst blickender Hase reicht eine Tüte, die kann man aufklappen, darin tiefrote Erdbeeren. Bis zur Ermüdung sehen wir uns diese Bücher an. Wir hangeln uns von Tag zu Tag, sagt der Virologe im Radio.

Unsere vier Zimmer liegen auf dem 48. nördlichen Breiten- und dem 11. östlichen Längengrad dieser Welt, aus der wir herausgefallen sind, bis auf die wenigen Landgänge in Park und Supermarkt, wo ich argwöhnisch die anderen beobachte, ob sie auch meinen Schutzraum von anderthalb Metern einhalten. War de Maistres Zimmerreise ein exzentrisches Selbstexperiment einer einzelnen Person, sind wir, die wir jetzt wie im Traum hinter Schutzmasken durch die Gefahrenzone am Kühlregal gleiten, zur kollektiven Einsamkeit verdammt. Jeder Tag überflutet mich mit Videos, Memes und Bildern, die sich der Quarantäne widmen. Sie zwingen mir auf, mein eigenes Empfinden mit dem der anderen abzugleichen, während ich mich gleichzeitig immer mehr in meine behagliche Höhle zurückziehe, den Ort, an dem wir sicher sind.

Unser Kind ist professionelle Zimmerreisende. Es erkundet das Land unserer Wohnung in intuitiven Streifzügen, öffnet Schränke, lugt in Spalten, verlangt herrisch, ihm den Kühlschrank zu öffnen, versenkt sich in ein fremdes Ding aus der Küchenschublade, rennt mit fliegenden Händen den Flur entlang, wickelt sich quietschend in die schweren Vorhänge im Schlafzimmer. Danach stellt es sich vor den mannshohen Spiegel im Flur, kaut ein Brot und schneidet sich selbst Grimassen. Ich stelle mich daneben und mache mit. Die Leute im Haus gegenüber machen auf dem mit leuchtenden geometrischen Formen bedruckten Teppich Yoga. Pandemie, dringt es aus dem Radio.

Um von der Eingangstür bis zur am weitesten entfernten Ecke im Wohnzimmer zu reisen, benötige ich vierunddreißig lockere Schritte durch einen langen Korridor, der gleichzeitig Bibliothek ist, in dem bemitleidenswerte Regale unter ihrer Last wie Atlas unter dem Gewicht der Welt ächzen. Diese stringente Gerade kann ich allerdings nur in den Abendstunden nehmen, wenn die 80 Zentimeter kleine Naturgewalt im Bett liegt und mir keine bizarr geformten und zuweilen schrill singende Plastikteile in den Weg legt, die sich schmerzhaft in den Fuß bohren.

Bad und Schlafzimmer streifend, gerät man in die Küche. Nördlich der Küchenzeile liegt das Kinderzimmer, ein lichter Ort voller Waldtiere und papierner Insekten an den Wänden. Vom Herd aus blickt man auf ein Tipi, in dem ein Plüschhund namens „Wawa“ wohnt. Dahinter verbergen sich unter einem leuchtenden Regenbogen diverse Sitzkissen, auf die das Kind sehr nachdrücklich zeigen und mit finsterstem Gesichtsausdruck „sitz!“ schnarren kann. Einmal Platz genommen, kommt man in den Genuss hölzerner Kekse und Tee aus Luft, alles in einem zierlichen Teeservice gereicht, das auf einem winzigen Tisch arrangiert ist.

Verlässt man dieses gastfreundliche Land wieder, so gelangt der Reisende in einen Länderbund aus Wohn- und Esszimmer, die beiden Zimmer betrachten einander durch eine breite Flügeltür. Im Esszimmer steht ein zweites Haus, eine riesige Vitrine, die im 19. Jahrhundert das gesamte Angebot eines Krämerladens präsentierte, jetzt versammelt es unser Geschirr und lauter kuriose Gegenstände, die über die Jahre an die breiten Strände unseres sammelwütigen Lebens gespült wurden. Sie wecken bei dem kleinsten Bewohner regelmäßig Begehrlichkeiten und eine deutlich autoritäre Attitüde: „Haben!“ ruft sie, jeglichen Interpretationsspielraum außen vor lassend. Zudem interessiert sie sich sehr für den angrenzenden Balkon und vor allem die kleine Gießkanne. Sie wässert die Blumen und ihre Füße mit einem Ausdruck auf ihrem kleinen Gesicht, der der ernsthaften Konzentration eines Neurochirurgen bei der Öffnung einer Schädeldecke in nichts nachsteht. Unser Balkon ist nicht die Loge zum Weltgeschehen, sondern zur Weltabkehr, er blickt in eine der Stadt abgewandten Baumkrone, in der Vögel und Eichhörnchen leben. Letztere verstecken gern ihre Nüsse in unseren Blumentöpfen, wobei Standort und Sichtbarkeit ihrer Verstecke auf eine nicht eben hohe Intelligenz ihrer Spezies hindeuten. Normalerweise tönen aus der Küche des vietnamesischen Restaurants, die zum Hof hin liegt, sentimentale Liebeslieder, aber diese sind nun verstummt. Die Äste des Baums vor unserem Balkon sind noch kahl, wir beobachten jeden Morgen sehr genau, wo neue Knospen auftauchen, in ungeduldiger Erwartung der Tage, in denen wir hinter einem grünen rauschenden Vorhang vollends verschwinden werden.

Guten Morgen, grinst es aus dem Kissen neben mir. Seit fünf Uhr dämmere ich im Zehnminutentakt seines Snooze-Alarms, eigentlich wollte dieser zerzauste Teilnehmer unserer Drei-Mann-Expedition schon längst die Vorhut ins Wohnzimmer gebildet haben. Jeden Abend schwärmt er mir vor, wie schön es wäre, ganz in Ruhe, während das Kind und ich noch schlafen, am Esstisch zu sitzen und im Schein der aufgehenden Sonne seine Verträge zu prüfen – und bleibt dann doch immer liegen. Das heißt nicht, dass er nicht arbeiten würde, im Gegenteil, er arbeitet die ganze Zeit, ständig reißt uns der Klingelton seines Handys aus unserer Zimmerwelt, eine schrille Melodie, zu der das Kind lachend tanzt. Auch den Leuten in unseren Laptops winkt es mittlerweile liebenswürdig zu, der kleine, nicht mal zwei Jahre alte Digital Native, nachdem es die ersten Tage unseres Humanexperiments noch wütend auf diesen ständig flackernden Bildschirm war, wie auf ein ununterbrochen plärrendes Geschwisterchen.

Xavier de Maistre kleines Buch stand ganz am Anfang einer kulturhistorischen Entwicklung, die sich nun seltsam nach innen stülpt: Trennte sich im 19. Jahrhundert erstmals der öffentliche vom privaten Menschen, zelebrierte man den Gegensatz von Kontor und Zuhause, so sickert die Arbeit jetzt immer mehr in unsere Häuslichkeit. Dauernd hängen wir in Videokonferenzen, das eine Wohnzimmer durchdringt das andere, jeder hockt in seiner digitalen Kachel, wir winken uns von unseren Inseln zu, lugen in die vier Wände der anderen. Eine Kollegin sitzt vor einem Paravent, durchscheinend wie eine Stickerei, dahinter öffnet sich plötzlich eine Tür und ein Mann tritt ein. Sie verzieht keine Miene, hört sie ihn nicht? Muss ich sie warnen? Jetzt läuft er um den Paravent herum, an ihr vorbei, aus meinem Blickfeld. Die Kachel zum Hof. Zwischen den Konferenzen schreibe ich wie ein gejagtes Tier, die Geräusche aus dem Babyphone zählen meinen Countdown herunter. Mach die Augen zu, flüstere ich, woraufhin das Kind gehorsam die Augen schließt. Um dann, den tieferen Sinn meiner Anweisung nicht begreifend, diese sofort wieder zu öffnen. Was soll aus dieser wankenden Welt, in die es mit so wachen Augen blickt, nur werden?

In unserem Esszimmer, gegenüber der haushohen Vitrine, hinter einem großen Tisch, stößt man auf eine lange, knarzende Bank. Ein Geschenk meiner Schwiegermutter, die früher Richterin war. Jahrelang stand sie in den Fluren eines Berliner Gerichts, unzählige Delinquenten rutschten auf ihr hin und her, angstvoll auf ihre Verhandlung wartend. Wir dagegen saßen auf ihr, während wir unsere Hochzeit planten, unsere Eltern nahmen hier zum Weihnachtsessen Platz, unsere Tochter klettert gern auf ihr herum. Das ist doch der Grund, warum wir aufatmen, wenn wir abends nach Hause kommen und die Tür hinter uns schließen; dass die Dinge, gehören sie erst einmal in unsere private Sphäre, unsere Verbündeten sind. Und vielleicht ist es genau diese Praxis der Aneignung, die aus den Überlegungen, die wir während dieser surrealen Lehnstuhlreise wider Willen anstellen, doch etwas Vertrautes aufsteigen lässt. Denn jede Unsicherheit, die von außen hereintritt, wickeln wir fest ein in unseren häuslichen Kokon, pulverisieren den letzten Rest beim Glas Rotwein auf der Couch.

Und wenn wir jetzt in die Zukunft sehen, drehen sich viel mehr Ideen um diese heimische Schutzzone. Und wir fragen uns staunend, wohin die Reise uns führen wird.

Xavier de Maistre © Jackie Diedam, Illustration Xavier de Maistre
  • Illustration: Jackie Diedam
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