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Krankenschwester schildert Personalmangel - „Der Mann war tot. Einfach weil er sich verschluckt hat und niemand da war“

FOCUS online-Logo FOCUS online 08.02.2023 rob
Krankenschwestern und Pfleger arbeiten schon lange am Limit (Symbolbild) Getty Images/iStockphoto © Getty Images/iStockphoto Krankenschwestern und Pfleger arbeiten schon lange am Limit (Symbolbild) Getty Images/iStockphoto

Die Kliniklage in Deutschland ist verheerend. Und das nicht erst seit der Pandemie. Die 35-jährige Krankenschwester Sofia P.* schildert eine unerträgliche Arbeitslast, bedrückende Überforderung und vermeidbare Todesfälle.

Ich bin Krankenschwester in einem großen Klinikkonzern in Berlin, habe in meiner Laufbahn aber schon viele Krankenhäuser und auch Pflegeheime gesehen. Was alle Einrichtungen gemeinsam haben ist – wie sonst auch überall – der Fachkräftemangel.

Die Situation in der Pflege war schon vor Beginn der Pandemie eine Katastrophe! In meiner Leasingzeit hatte ich oft Einsätze in Pflegeheimen. Sie glauben nicht, was dort teilweise für Zustände geherrscht haben.

Ein Beispiel: Ich musste zur Nachtschicht in ein Haus mit fünf Etagen – und ich war die einzige Fachkraft in dem gesamten Haus. Ich war für etwa 150 Bewohner alleine verantwortlich. Da überlegen Sie zweimal, ob Sie den Dienst wirklich antreten! In der besagten Nacht hatte eine Patientin auf einer anderen Station einen Schlaganfall – nur zufällig entdeckt durch einen Pflegehelfer. Er rief mich sofort, weil ich ja die einzige Fachkraft war, und ich konnte glücklicherweise helfen. Aber: Die Patientin hätte auch sterben können!

Auch war ich in einem Pflegeheim, wo ich alleine – und ich meine komplett alleine ohne Pflegehelfer – einen Frühdienst übernehmen musste. Mit 40 Patienten. Die müssen alle gewaschen, gefüttert werden, Medikamente müssen gestellt werden und gespritzt. Zwischendurch wieder saubermachen und mobilisieren, aus dem Bett raus und wieder zurück. Dann Mittagessen, der gleiche Ablauf nochmal und dann erst Übergabe. Solche Situationen hatte ich in vielen Heimen in Berlin.

„Ich habe zum Beispiel falsche Medikamente gegeben oder falsch Insulin gespritzt in der Hektik“

Ich fühlte mich oft überfordert und machte dann Fehler, die ich im Nachhinein entdeckte. Ich habe zum Beispiel falsche Medikamente gegeben oder falsch Insulin gespritzt in der Hektik. Auch werden Verbände in der Hektik unhygienisch gewechselt, Infusionen falsch zusammengestellt, oft noch mit Luft im Schlauch oder falschem Medikament.

Im Krankenhaus dasselbe Spiel, Nachtschichten alleine auf Station. Die Ärzte kommen nur auf Abruf – wenn überhaupt. Oft ist kein Personal im Aufwachraum, sodass Patienten nach einer OP zur Überwachung auf die Station kommen. Die liegen dann oft auf dem Flur, wo alle entlanglaufen können, und müssen so aus ihrem Delir erwachen. Und es gibt keine Überwachungsgeräte. Wenn was passiert und wir gerade bei den anderen Patienten sind, können wir das gar nicht mitbekommen. Das sind teilweise frisch operierte Personen. Tritt ein Notfall ein, ist keiner da. Und die Verantwortung übernehme dann wohl ich.

Ein besonders schlimmer Vorfall, an den ich mich noch immer erinnere: Ein älterer Mann verschluckte sich an seinem Frühstück. Da wir mal wieder unterbesetzt waren und viel zu tun hatten, konnten wir nicht bei ihm sein. Keine halbe Stunde und der Mann war tot. Einfach so, weil er sich verschluckt hatte. Das hätte verhindert werden können, wenn einer daneben gestanden wäre. Das ist einfach Wahnsinn und mit diesem Wahnsinn müssen ich und andere Krankenschwestern und Pfleger täglich umgehen!

„Wir gehen jeden Tag ein enormes Risiko ein und stehen quasi mit einem Bein im Knast“

Ich könnte Ihnen noch Hunderte solcher Beispiele nennen. Wir arbeiten täglich unter enormen Druck. Der Beruf, den wir einst mit Hingabe erlernt haben, wird immer mehr zum Albtraum. Die Frage ist, warum sieht die Politik dabei zu, wie wir unser Gesundheitssystem mit 200 km/h vor die Wand fahren?

Das Erschreckende ist, dass man irgendwann abstumpft und den Frust und die Wut gegen die Patienten richtet und das kann und ist gefährlich und sollte verhindert werden.

Gefährliche Pflege, wie ich sie hier beschrieben habe, findet täglich statt. Vor unseren Augen und keiner tut etwas dagegen. Im Gegenteil, es wird immer schlimmer. Das MENSCHEN-Leben verliert an Wert und ist nur ein Stück Ware, das über den OP-Tisch läuft. Auch die Kommunikation über Patienten – grauenvoll und würdelos. Alles ein Produkt der Frustration, die immer weiter ansteigt, solange sich an unserem System nichts ändert.

Was ich Herrn Lauterbach gerne sagen würde

Lieber Herr Lauterbach, sehr gerne würde ich sie auf ein vierwöchiges Praktikum bei uns auf Station einladen, damit sie einen kleinen Einblick in den Beruf bekommen. Dann sehen Sie, welche Abläufe in unserem System schieflaufen und was die Ärzte, Pfleger und MTAs hier täglich leisten müssen und wie sie über ihre Grenzen gehen.

Vielleicht spendieren Sie uns ein Paar orthopädische Arbeitsschuhe für die Kilometer, die wir hier rennen müssen und ein Exoskelett für unseren Rücken, für die vielen, teils schweren Patienten, die wir täglich, meistens ganz allein, bewegen müssen. Alles von unseren Steuergeldern versteht sich.

Gerne können Sie sich auch mit den ganzen Körperausscheidungen auseinandersetzen, morgens um sechs Uhr auf nüchternen Magen. Nicht zu vergessen die Todesfälle, die immer wieder zwischendurch auftauchen und lieblos in hübsche schwarze Säcke verpackt werden.

Schaffen Sie die Diagnosepauschalen ab und überdenken Sie das Personaluntergrenzen-Gesetz, das von Herrn Spahn, der nicht mal annähernd aus der Gesundheitsbranche kommt, erstellt wurde.

Ansonsten werden die Pflegekräfte diesen Beruf verlassen. Sie werden wechseln oder komplett umschulen. So wie ich, ich bin eine von vielen tausenden Pflegekräften, die diesen Beruf leider verlässt. Ich studiere aktuell nebenbei, um nach dem Studium endlich aus dem Pflegeberuf aussteigen zu können. Schade, eine hochqualifizierte Pflegekraft weniger in Deutschland.

Protokoll: FOCUS-online-Redakteurin Ronja Bauer

*Name von der Redaktion geändert

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