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Umgang mit rassistischem Denken: "Rassismus ist ein bisschen wie Smog, den wir einatmen"

DER SPIEGEL-Logo DER SPIEGEL 14.06.2020 Sarah Wiedenhöft

Wir alle wurden rassistisch sozialisiert, sagt Tupoka Ogette. Im Interview erklärt sie, wie wir das verändern können - und warum es wichtig ist, schon mit Kindern über Rassismus zu sprechen.

© Claudio Furlan/ AP

SPIEGEL: Frau Ogette, das Video des sterbenden George Floyd hat Menschen mobilisiert – auch in Deutschland demonstrierten am Wochenende Zehntausende gegen Rassismus. Dabei gibt es Rassismus schon seit Jahrhunderten. Warum löst gerade dieses Video solche Reaktionen aus?

Ogette: Wie Will Smith richtig sagt: Rassismus ist nicht neu, er wird gefilmt. George Floyd ist nur die Spitze des Eisberges der Gewalt, die schwarze Menschen erfahren haben. Da war Christian Cooper, ein Vogelbeobachter, der Ende Mai eine weiße Frau im New Yorker Central Park gebeten hatte, ihren Hund anzuleinen. Sie rief daraufhin die Polizei und behauptete, von einem schwarzen Mann bedroht worden zu sein. Dann war da der schwarze Jogger, der im Februar erschossen wurde - tatverdächtig sind zwei weiße Männer, Vater und Sohn. Und zuletzt das mehr als achtminütige Video des sterbenden George Floyd, das Knie eines weißen Polizisten im Nacken, der seine Machtposition richtig zu genießen scheint. Das alles führt zu Protesten - auch vor dem Hintergrund der durch die Corona-Pandemie ohnehin schon angespannten Situation. Schwarze Menschen sind die Hauptstimmen in diesen Protesten, aber immer mehr weiße Menschen schließen sich uns an. Und das ist gut so.

SPIEGEL: Haben Sie das Video gesehen?

Ogette: Ich habe es gesehen und ich bereue es bis heute. Es ist eine ungeheure Retraumatisierung, das Leid dieses schwarzen Mannes zu sehen. Gerade auch als Mutter schwarzer Söhne. In der schwarzen Community gibt es deshalb Menschen, die sich bewusst dagegen entschieden haben, dieses Video anzuschauen. Doch für sie ist es fast unmöglich, ihm aus dem Weg zu gehen.

SPIEGEL: Warum?

Ogette: Es wurde hundertfach geteilt. Es ist wichtig, dies nicht voyeuristisch zu tun, sonst entsteht eine Art violence porn. Dafür gibt es auch berechtigte Kritik. Andererseits ist es wichtig, dass es dieses Video gibt. Die Gewalt, die schwarzen Menschen angetan wird, muss sichtbar gemacht und dokumentiert werden. Trotzdem bitte ich um einen sensiblen Umgang mit Videos dieser Art.

SPIEGEL: Wo beginnt Rassismus?

Ogette: Rassismus ist die Legitimierungsstrategie, die weiße Menschen brauchten, um ökonomische Ausbeutung zu Zeiten der Versklavung vor sich selbst rechtfertigen zu können. Es ist demnach ein System, das weiße Menschen privilegiert und schwarze Menschen negativ betrifft. Es ist wirksam in allen Bereichen der Gesellschaft.

SPIEGEL: Was heißt das konkret?

Ogette: Wir lernen von klein auf Rassismus als etwas Schlimmes kennen, das aus der rechten Ecke kommt. Rassisten sind Nazis. Es sind nur böse Menschen, die rassistisch handeln. Doch diese Haltung birgt eine große Gefahr. Denn wenn wir Rassismus nur mit Nazis in Verbindung bringen, schauen wir nicht auf uns selbst. Denn Rassismus steckt tief in unseren gesellschaftlichen Strukturen. Wir alle wurden rassistisch sozialisiert.

SPIEGEL: Was bedeutet das?

Ogette: Sozialisierung bedeutet, dass wir von klein auf in allen Bereichen des Alltags mit Rassismen konfrontiert werden. Er steckt in der Art und Weise, wie wir sprechen gelernt haben, in unseren Kinderbüchern, Schulbüchern, in der Werbung. Es gibt eigentlich keine Räume, in denen Rassismus nicht wirkt. Es ist ein bisschen wie Smog, den wir täglich einatmen. Rassismus ist quasi die Norm und nicht die Abweichung.

SPIEGEL: Was kann man tun, um das zu verändern?

Ogette: Zuallererst müssen wir den Diskurs um Rassismus verändern. Wir müssen rassismuskritisch denken lernen. Das bedeutet, auch unangenehme Gespräche zu führen. Über verinnerlichte Denkmuster, über die eigene Sprache über Stereotype, die ich verinnerlicht habe. Wir alle können und müssen im eigenen Alltag anfangen, die kleinen und großen Rassismen zu entlarven. Wenn ich zum Beispiel Lehrerin bin, kann ich die Bücher, mit denen ich arbeite, durchschauen und auf rassistische Stereotypisierungen achten. Ich kann meine eigene Sprache reflektieren.

SPIEGEL: Das klingt erst einmal einfach.

Ogette: Das ist es und gleichzeitig eben auch nicht. Denn es ist ein schwieriger Prozess, die eigene Sozialisierung verstehen zu lernen. Das tut auch weh und löst nicht selten Abwehr, Ohnmachtsgefühle und Verunsicherung aus. Die Erkenntnis "Ich bin rassistisch sozialisiert und reproduziere Rassismus" steht am Anfang dieses Prozesses.

SPIEGEL: Und dann? Was sind die nächsten Schritte?

Ogette: Vor diesem Hintergrund beurteilen die Menschen gewohnte Strukturen ganz anders. Auch Kinderbücher können jetzt zum Beispiel ganz anders gelesen werden. Die Erkenntnis "Mein Kindheitsbuch, das ich schon immer meiner Tochter vorlesen wollte, ist tatsächlich rassistisch und damit ungeeignet" tut zwar weh, sie ist aber notwendig, um Rassismus endlich nicht weiter zu reproduzieren.

SPIEGEL: Manch einer wünscht sich eine Liste mit Wörtern, die er verwenden oder eben streichen sollte. Manch einer sehnt sich nach einfachen, allgemeingültigen Handlungsanweisungen: "Tue das, dann bist du kein Rassist." Ist es so einfach?

Ogette: Vorsicht. Es ist wirklich ein Unterschied, ob wir von einem Rassisten sprechen oder von einer rassistisch sozialisierten Person. Natürlich gibt es Begriffe, die ich - wenn ich Rassismus nicht reproduzieren möchte - nicht mehr nutzen sollte. Und für Institutionen kann es auch sinnvoll sein, Regeln im Umgang mit Rassismus aufzustellen. Auch in der Politik braucht es klare Regelungen. Aber für Individuen ist rassismuskritisch denken lernen eben ein Prozess, der mit kontinuierlicher Selbstreflexion einhergeht, der keinem bestimmten Regelwerk folgt. Als Einstieg hilft Lektüre oder auch ein Workshop.

SPIEGEL: Viele weiße Eltern wollen es anders machen, sie sind aber - wie Sie selbst sagen - rassistisch sozialisiert. Sie werden also immer wieder, auch unbewusst, Rassismus reproduzieren. Wie können sie dem begegnen?

Ogette: Wichtig ist, diese Tatsache zu reflektieren. Sich bewusst machen, dass Rassismus kein "Nazi-Problem" ist, sondern überall vorkommt. Und dann immer wieder zu überlegen: Ist das, was ich gerade tue, rassistisch? Mit diesem Blick liest man zum Beispiel auch Kinderbücher aus einem anderen Blickwinkel.

SPIEGEL: Kann ich schon mit Dreijährigen darüber sprechen?

Ogette: Ja, das geht. Sozialisierung beginnt schon sehr früh in der Kindheit. Daher ist es sogar wichtig schon mit kleinen Kindern über gesellschaftliche Ungerechtigkeiten zu sprechen. Schon kleine Kinder haben ein großes Ungerechtigkeitsverständnis. Daran kann man gut anknüpfen.

SPIEGEL: Bei Pubertierenden führt ja leider der Hinweis, etwas bitte zu tun oder nicht zu tun, mitunter zum genauen Gegenteil.

Ogette: Das kann ich so gar nicht bestätigen. Aus Kindern, die gelernt haben, kritisch zu denken und gesellschaftliche Ungerechtigkeiten zu erkennen und zu benennen, werden auch Jugendliche, die sich aktiv und mit viel Kraft und Energie gegen Rassismus einsetzen und diese Themen sehr ernst nehmen. Ich erlebe Abwehr und Trotz eher bei Erwachsenen, die schon viele Jahre rassistisch sozialisiert sind und selbst noch nie institutionelle Diskriminierung erlebt haben. Da ist das Unverständnis oft groß.

SPIEGEL: Was wünschen Sie sich?

Ogette: Ich wünsche mir nicht mehr, ich erwarte. Seit Jahrhunderten bringen Schwarze immer wieder Beweise, erzählen von ihren Erlebnissen, teilen ihre traumatisierenden Erfahrungen. Es gibt Listen mit Forderungen, Kataloge, beispielsweise von der ISD, der Initiative Schwarze Deutsche. Es braucht endlich einen Aktionsplan, historische Aufarbeitung und Forschung an Hochschulen und noch viel mehr Bildung zum Thema Rassismus. Ich erwarte, dass weiße Menschen nicht mehr wegschauen und sich auf die mühsame aber auch lohnende Reise machen, rassismuskritisch denken zu lernen. Die Uhr zeigt schließlich 20 nach 12.

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