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Warum Yoga uns zu Kolonialherren macht

ZEITjUNG-Logo ZEITjUNG 05.04.2019 Elena Stenzel

Weiße, blonde Frauen prägen das heutige Bild von Yoga. Wenig hat es noch mit seinem Ursprung zu tun, sondern ist ein Phänomen von kultureller Aneignung.

© Pexels mit CCO Lizenz

In den USA tobt ein Kampf der Kulturen. Eine High School Schülerin hatte ein traditionell chinesisches Kleid zur Abschlussfeier getragen. Blöd nur, dass ihre Ethnie nicht dem großasiatischem Raum zugeordnet werden konnte. Der Designer Marc Jacobs schickte für seine Frühjahr-Sommer-Kollektion 2017 seine weißen Models mit Boxbraids über den Laufsteg, eine Frisur, wie sie erst von Angehörigen afrikanischer Stämme und dann von Sklavinnen auf den Baumwollplantagen in den USA getragen wurden. Models tragen auf dem Coachella-Festival Federschmuck im Haar, wie ihn Häuptlinge amerikanischer Ureinwohner-Stämme tragen. All diese Vorfälle riefen hitzige öffentliche Debatten hervor. Wer darf sich welcher Kultur bedienen? Darf Mode kulturelle Grenzen einfach so überschreiten? Und darf sich eine Mehrheit der Kultur einer Minderheit bedienen? Intellektuelle und weniger Intellektuelle Land auf und Land ab stritten sich was der Twitteraccount nur an Zeichen zuließ. Die „Cultural Appropriation Debate“ war geboren. Und Yoga, der Sport der Entspannung, ist ein zentraler Streitpunkt.

Mehr als Chakren und Lululemon

Denn Yoga ist eigentlich kein Sport, sondern weit mehr als die tägliche Praxis von Sonnengrüßen und Herabschauenden Hunden. Yoga ist als Teil der hinduistischen Lebensphilosophie schon vor Jahrtausenden entstanden. Yogapraxis und Meditation sind zwar damals auch schon Teil dieser gewesen, allerdings gehören wesentlich mehr Bestandteile zum traditionellen Yoga dazu: Asketisches Leben, ein strikter Verhaltenskodex oder auch die Studie von heiligen Schriften sind Pflichten eines Yogi. Zweimal die Woche ins Yoga-Studio gehen, die Lululemon-oder Alo-Yoga-Matte ausbreiten und ein paar Mal in den Bauch atmen? Für einen echten Yogi unvorstellbar. Wie konnte es also kommen, dass Yoga rund um den Globus von blonden, weißen Damen der Mittelschicht als Workout mit fast schon religiösem Charakter praktiziert wird und ganze Konzerne diese Lebensphilosophie der Reflexion und des Innehaltens in eine Maschinerie des Kapitalismus verwandeln konnten? Wie bei so vielem ist der Kolonialismus Schuld.

Als die Kolonialisten kamen, verschwand Yoga von der Bildfläche

Als den europäischen Kolonialmächten ihr eigener Kontinent nicht mehr ausreichte und sie über die Meere hinaus in die Welt strömten, hatte Indien das Pech um 1500 Opfer der portugiesischen Seefahrerflotten zu werden. Wie bei allen europäischen Kolonialmächten kam auch für sie nur eine lebenswerte Kultur in Frage: nämlich ihre eigene. Die indischen, hinduistisch geprägten Weltanschauungen hatten zu verschwinden und durch europäische, westliche ersetzt zu werden. Somit verschwand auch das Yoga von der Bildfläche. Als später die Briten die Hoheit über Indien erlangten, erging es Yoga nicht besser. Alles Nicht-Britische hatte in Indien unterdrückt und ersetzt zu werden. Erst durch englischsprechende Inder, die es als Grenzgänger schafften, in beiden Kulturen zu bestehen, kam das Yoga in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den Westen.

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Doch das Yoga, das von vielen heute im Westen mit Freuden praktiziert wird, hat mit seinem Ursprung nicht mehr viel gemein. Die überlieferten hinduistischen Lehren wurden ge-„whitewashed“, also kompatibel für die kapitalistisch und gewinnorientierte weiße Masse gemacht. Die weiße Mehrheit hatte sich die philosophische Lehre einer ehemals unterdrückten Minderheit gekrallt und sich somit kulturell angeeignet.

Kulturelle Aneignung was ist das?

Was ist also dieses Phänomen der kulturellen Aneignung genau? Es beschreibt die Ausbeutung unterdrückter Kulturen zum eigenen Vorteil für den Stärkeren. Oder wie es die Autorin Maisha Z. Johnson von Every day feminsim auf den Punkt gebracht hat: „Cultural appropriation is a process that takes a traditional practice from a maginalized group and turns it into something that benefits the dominant group – ultimately erasing its origin and meaning“. Kulturelle Aneignung beschreibt also eine erneute kolonialistische Ermächtigung von ehemals Mächtigen über ehemals Schwache. Überträgt man dies auf Yoga wird die recht abstrakte Debatte anschaulicher. Der Vorwurf: Yoga entstammt postkolonialer Zeit. Wofür indische Einwohner verachtet wurden, werden Weiße heutzutage gepriesen – etwas, das sie für sich ermächtigten. Die ehemaligen Unterdrücker (der Westen beziehungsweise die ehemaligen Kolonialmächte) eignen sich einen „Sport“ an, den sie einst (wenn auch nicht persönlich als Individuuen) unterdrückten. Sie reißen ihn aus seinem Kontext, eignen ihn sich in einer Form an, die für sie persönlich am besten passt und entfremden ihn von seinem Ursprung. Yoga ist somit keine Lebensphilosophie mehr, sondern ein Sport, der zum Symbol von westlichem Wohlstand geworden ist. Ein Paradebeispiel der kulturellen Aneignung, nebst Indianer- oder Chinesenverkleidung an Fasching oder Box Braids an Nicht-Schwarzen.

Der Grat, was noch als Inspiration gilt und was schon kulturelle Aneignung ist, ist schmal und nicht immer eindeutig zu klären. Gerade in der Modewelt, in der jeder bei jedem kopiert und jeder sich von jedem inspirieren lässt, verschwimmen die Grenzen zunehmend. Doch was ist die Alternative? Kulturen als abgegrenzte Bereiche zu betrachten, die auf keinen Fall vermischt werden dürfen, wie es die Neue Rechte immer wieder so gerne verlauten lässt? Sollen wir Yoga einfach sein lassen? Das ist nicht die Lösung.

Dürfen wir noch Yoga machen?

Eine Universität in Toronto sah sich durch die ganze Debatte zu einem strikten Schritt veranlasst: Sie strichen alle Yogastunden aus ihrem Kursangebot. So sehr war die Sensibilität des ganzen Themas schon durch gedrungen. Die Yogalehrerin bot dann auch noch an, den Kurs einfach in „mindful stretching“ umzunennen und gab damit leider das beste Beispiel für kulturelle Aneignung ab.

Wie können wir aber Yoga praktizieren ohne selbst zu Kolonialherren zu werden? Es ist eigentlich recht einfach. Ronja Haberfelner ist freie Yogalehrerin, sie versucht dem Fitnesstrend im Yoga entgegenzuwirken: „Es beginnt mit einem grundsätzlich bewussten Lebensstil. Mit einer gewissen Offenheit an die Yogapraxis heranzugehen und verschiedene Ansätze im Yoga auszuprobieren“.  Statt mit dem Strom zu schwimmen und Yoga als freizeitkompatibles Workout zu praktizieren, können auch westliche Lehrerinnen gegen die kulturelle Aneignung ankämpfen. Denn, dass weiße und/oder westliche Yogis Yoga praktizieren, ist an sich überhaupt nicht falsch. Aber: Yoga muss zu seinem Ursprung zurück geführt werden. „Yoga ist kein Konsum. Im Gegenteil: Yoga ist ein bewusster Lebensstil, der alle Bereiche des Lebens umfasst. Yoga erlaubt es uns, unser eigenes Leben nach dieser Lehre zu gestalten und deshalb ist es so wichtig, ihm wieder die Anerkennung, die über die Körperübungen hinausgeht, zurück zu geben“, sagt Ronja Haberfelner. Konkret bedeutet dies: Sich über Yoga schlau machen, Inspiration in seiner ursprünglichen Form finden, diese anerkennen und darüber aufklären.

Natürlich macht es uns nicht zu Kolonialherren Yoga grundsätzlich zu praktizieren oder Box Braids zu tragen. Doch ein unüberlegter Umgang sorgt dafür, dass wir koloniale Strukturen unterstützen, beziehungsweise ihr Vermächtnis an zukünftige Generationen weitervererben. Es kann Geschehenes in Vergessenes umwandeln und den Stolz, den Kulturen in ihren Traditionen tragen, unterminieren. Ein respektvoller Umgang mit Kulturen ist nicht nur besser als die strikte Aneignung dieser Kulturen, er ist dringend notwendig. Die Ted-Talk-Youth-Sprecherin Aaliyah Jihad spricht in ihrem Vortrag „Cultural Appropriation: Why your Pocahontas costume isn’t okay“ über die, ihrer Meinung nach, aktuell einzige Lösung des Problems der Kulturellen Aneignung: Der kulturelle Austausch. Der Unterschied zu kultureller Aneignung sei dabei die Gegenseitigkeit. Während kulturelle Aneignung „ein Akt von Privilegien“ sei, basiere kultureller Austausch hingegen „auf Gegenseitigkeit und einer Einladung“ an der anderen Kultur teilzuhaben. So können, laut Aaliyah Jihad, andere Kulturen genossen werden, ohne jene vor den Kopf zu stoßen, die dieser angehören. Ronja Haberfelner kann ihr nur zu stimmen: „Der Austausch mit anderen Yogis ist im Yoga wirklich wichtig. So bekommen wir Einblick in andere Ansichten und nur so kann ich mir als Yogalehrerin auch klar darüber werden, wie ich einen Unterschied machen kann.“

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