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Was ist eigentlich Tantra?

RP ONLINE-Logo RP ONLINE 05.06.2020 RP ONLINE

Wenn wir Tantra hören, denken wir meist an niemals endenden, sinnlichen Sex. Die volle Lust und die volle Hingabe. Sex und Erotik sind aber nur ein kleiner Teil der indischen Lebenslehre.

Das Wort Tantra ist auch ein Sammelbegriff für verschiedene Lehren des Tantrismus. Tantrische Lehren können sowohl buddhistische als auch hinduistische Ursprünge haben. Im Mittelpunkt des Tantra steht die Verbindung der Spiritualität mit der Sinnlichkeit. Es geht um Achtsamkeit und Meditation. Aber auch um Leidenschaft, Genuss und die Verehrung der Weiblichkeit.

Was bedeutet das Wort Tantra?

Tantra – bei diesem Wort denken wir an Tantra Sex, der viel intensiver ist als der Sex der „normal sterblichen“. Tatsächlich hat das Wort nicht direkt etwas mit Sex zu tun: „Tantra“ kommt aus dem Sanskrit und bedeutet „Gewebe“, „Kontinuum“ oder „Zusammenhang“.

Tantra lehnt weltliche Genüsse, unter anderem Leidenschaft, Erotik und Sex nicht ab. Mit dem Kamasutra, der indischen Kunst der Verführung, sollten Sie Tantra jedoch nicht verwechseln. Erotische Elemente wie die Tantra-Massage sind nur ein kleiner Teil der tantrischen Philosophie.

Viel mehr ist Tantra eine spirituelle Lehre, von der unterschiedliche Strömungen existieren. Hauptelemente des traditionellen Tantras sind sexuelle Symbole, Mandalas und Yantras, die Verehrung weiblicher indischer Göttinnen und die Arbeit mit Chakras, Mantras und Visualisation.

Und obgleich es nicht im Mittelpunkt der tantrischen Lehre steht: Im Westen wurden vor allem die sexuellen Aspekte der Lehre seit den 1970er Jahren populär und durch Schulen und Seminare verbreitet. Das sogenannte Neo-Tantra hat mit dem ursprünglichen tantrischen Weg nur noch wenig gemeinsam.

Woher kommt Tantra?

Die Ursprünge von Tantra reichen bis 1500 vor Christus zurück. Praktiziert die indische Lehre vor allem zwischen 300 bis 800 nach Christus. Im Westen wurden tantrische Praktiken ab den 1970ern populär, nachdem der indische Philosoph Osho eine modernere Form des Tantra verbreitete.

Bei dieser neuen Form des Tantra stand die Verbindung von Spiritualität und Sexualität im Vordergrund. Zwar bediente sich Tantra schon seit Jahrhunderten sexueller Symbolik, diese wies jedoch viel mehr auf die geistigen Prinzipien der Lehre hin.

Seit den 1990er Jahren wird das sogenannte Neo-Tantra verstärkt auch in deutschen Schulen und Seminaren gelehrt. Tantrische Ansätze sollen sexuelle Probleme und Trauma lösen können und Paaren zu einer engeren Verbindung auf sinnlicher Ebene verhelfen.

Wie funktioniert Tantra?

Nach der tantrischen Lehre treffen bei der sexuellen Verbindung zwischen Mann und Frau zwei polarisierende Kräfte aufeinander: die männliche Präsenz und die weibliche Liebe. In Indien wird die Männlichkeit durch den Gott Shiva dargestellt, die Weiblichkeit durch die Göttin Shakti.

Die Verbindung dieser Kräfte soll Praktizierende zu einer bewussten Sexualität auf einer höheren Ebene führen. Anstelle von Lust und Befriedigung tritt ein ganz neues Erleben von Sex. Wie diese höhere Ebene erreicht werden kann, lehren spirituelle Gurus in Seminaren und Schulen.

Tasten, schmecken, riechen, höhren und sehen – bei tantrischen Übungen werden alle Sinne aktiviert. Nicht nur bei erotischen Begegnungen, auch im Alltag. Im Gegensatz zu anderen Philosophien, wie beispielsweise dem Yoga, bei dem weltliche Genüsse und körperliches Begehren von dem Weg zur Erleuchtung ablenken, werden diese im Tantra zelebriert.

Körper- und Sinnesübungen sowie Meditationen sind der Anfang, bewusste (nicht sexuelle) Kontakte wie beispielsweise leichte Berührungen der zweite Schritt. Durch diese Übungen sollen die Sinne geschärft werden. Fortgeschrittene können die sexuelle Verbindung dann als gemeinsame Meditation erleben. Der Orgasmus rückt in den Hintergrund, das gemeinsame, sinnliche Erleben in den Vordergrund.

Bei dem sexuellen Akt des Tantrismus gibt es kein gut oder schlecht, richtig oder falsch, keine Urteile und kein Schubladendenken. Es geht darum, sich hinzugeben, sich fallen zu lassen und gemeinsam das Erlebnis im Hier und Jetzt zu genießen.

Was ist das Ziel von Tantra?

Das moderne Tantra nach dem indischen Philosophen Bhagwan Shree Rajneesh, bekannt als Osho, ist der Weg der Liebe. Das Ziel ist, wie in anderen indischen Philosophien und Religionswegen, die Erleuchtung. Durch tantrische Praktiken soll der Mensch Erfüllung und inneren Frieden finden.

Wer erleuchtet wurde, fühlt kein Leid, keine Sehnsucht, keinen Schmerz, keine Abspaltung. Tantra misst dem menschlichen Körper eine große Rolle bei. Körperwahrnehmung, Präsenz, Achtsamkeit, Sinnlichkeit und die Akzeptanz von dem, was ist, begleiten den tantrischen, spirituellen Weg.

Auf dem Weg zur Erleuchtung hilft die Kundalini-Kraft. Den Lehren der tantrischen Tradition zur Folge sitzt diese Kraft am Ende der Wirbelsäule. Im untersten Energiezentrum, einem sogenannten Chakra, wird sie in der Tantra-Symbolik als zusammengerollte Schlange dargestellt. Durch Kundalini Yoga soll diese Kraft erweckt werden. Nur dann kann sie im Körper bis zum höchsten Chakra aufsteigen und den Menschen mit Glückseligkeit beschenken.

Weitere Ziele von Tantra sind die Auflösung sexueller Traumata oder Probleme oder die Verbesserung der Sexualität in einer Partnerschaft. Da Tantralehrer und Seminarleiter selten eine therapeutische Ausbildung mitbringen, ist die Behandlung insbesondere von Traumata kritisch zu sehen. Die therapeutische Wirkung tantrischer Ansätze konnte in der Wissenschaft nicht nachgewiesen werden.

Wo ist der Unterschied zwischen Kamasutra und Tantra?

Während das Kamasutra die „indische Kunst der Verführung“ ist, strebt Tantra nach einer Verbindung von Menschen auf einer spirituellen Ebene. Dabei kann es zum Geschlechtsakt kommen, muss es aber nicht.

Genaugenommen handelt es sich beim Kamasutra um ein Buch, das der Überlieferung nach etwa 200 bis 300 nach Christus verfasst wurde. Übersetzt bedeutet Kamasutra „Verse des Verlangens“. Das Buch ist ein Lehrwerk der Erotik und Liebe. Es werden akrobatische Stellungen abgebildet und beschrieben, wie man eine Frau verführt.

In einigen Aspekten überschneiden sich die Lehren des Kamasutra mit denen des Tantra. Es geht unter anderem auch um Sinnlichkeit, Vertrauen, sexuelle Energien und die Verbindung zum Partner. Während beim Kamasutra der sexuelle Akt jedoch in den Mittelpunkt rückt, ist das beim Tantra nicht der Fall.

Eine tantrische Verbindung zwischen Menschen kann auch ohne eine sexuelle Vereinigung entstehen. Kleine Berührungen, ein tiefer Blick in die Augen und sogar eine reine geistige Verbindung genügt. Nicht nur zum Partner, auch zu sich selbst.

Lust und Leidenschaft haben zwar auch in der tantrischen Lehre einen festen Platz, aber das tantrische Liebesspiel ist nicht von ausgefallenen Stellungen geprägt. Viel mehr geht es darum, das Liebesspiel gemeinsam auf einer höheren, liebenden Ebene zu erleben, das Bewusstsein zu erweitern und in eine fast endlose Ekstase zu verfallen. Tantrischer Sex ist innig, sehr innig und dauert lange, sehr lange. Das Ziel ist nicht der Orgasmus.

Welche Arten von Tantra gibt es?

Die ursprüngliche Tantra-Tradition besteht aus zwei Hauptrichtungen – dem hinduistischen Tantra und dem buddhistischen Tantra. Aus diesen beiden Strömen entwickelten sich viele weitere Richtungen. Das moderne Tantra wird in drei Arten unterteilt: das weiße Tantra, das rote Tantra und das schwarze Tantra.

Die hinduistische Tantra-Literatur umfasst Philosophien, die eng mit dem indischen Kastensystem und den indischen Göttern verbunden sind. Buddistische Tantra basieren auf buddhistischen Prinzipien mit dem Ziel der Bewusstseinserweiterung.

Diese drei Arten des Tantra sind im Westen bekannt:

  • Weißes Tantra: Praktiken des weißen Tantra sollen Körper und Geist reinigen und die Energien im Körper zum Fließen bringen. Die Reinigung geschieht durch Übungen und Rituale, zum Beispiel durch Kundalini Yoga. Beim Kundalini Yoga sitzen Praktizierende einer Partnerin oder einem Partner gegenüber und führen verschiedene Übungen aus, während sie sich auf ein Mantra konzentrieren. Eine Abfolge verschiedener Körper- und Meditationsübungen wird als Kriya bezeichnet. Ein Kriya dauert etwa 45 Minuten. Unterbewusste Gedankenströme, die den Energiefluss blockieren, werden so aufgelöst. Bei den Ritualen des weißen Tantra kommt es zu keinem sexuellen oder erotischen Kontakt zwischen Übungspartnern. Weißes Tantra wird auch als rechtshändiges Tantra bezeichnet.
  • Schwarzes Tantra: Bei den Praktiken des schwarzen Tantras geht es darum, Energien zu lenken, um andere Menschen zu manipulieren. Das schwarze Tantra wird oft mit schwarzer Magie verglichen.
  • Rotes Tantra: Das rote Tantra ist die im Westen bekannteste Art des Tantra. Beim roten Tantra geht es um erotische oder sexuelle Kontakte auf einer spirituellen, höheren Bewusstseinsebene. Der sexuelle Akt wird als Mittel zur Bewusstseinserweiterung genutzt. Die Polaritäten der Partner und deren sexuelle Vereinigung sollen beide auf eine neue Bewusstseinsebene bringen. Sexuelle Yogapraktiken, Rituale und Übungen werden dafür angewandt. Tantrischer Sex ist viel mehr als eine „schnelle Nummer“, die mit dem Höhepunkt eines oder beider Partner endet. Es geht um eine Vereinigung von zwei Körpern, die langsam und bewusst stattfindet und nicht unbedingt mit dem Orgasmus endet. Rotes Tantra wird auch als linkshändiges Tantra bezeichnet.

Wie kann man Tantra lernen?

Wer Tantra kennenlernen möchte, kann eine professionelle Tantra-Massage buchen. Wer die Techniken und Praktiken selbst erlernen und in seinem Alltag leben möchte, dem empfehlen Tantra-Experten den Besuch eines Seminars. Relevante Literatur und Video-Anleitungen bieten außerdem einen ersten Einblick in die Materie.

Ist es die Angst vor einem erotischen Kontakt mit einer fremden Person, der Sie von einer Tantra-Massage oder einem Tantra Seminar abschreckt, seien Sie unbesorgt: Jegliche Berührungen oder erotische Kontakte mit anderen Menschen während einer tantrischen Massage oder eines Seminars bedürfen immer dem vollen Einverständnis aller Beteiligten. Keine Übung und kein Ritual ist einer Erwartung oder einem Gruppenzwang unterworfen. Ein einfaches „Nein“ genügt.

Übungen für Anfänger

Für Anfänger eignen sich Rituale und Übungen des weißen Tantra. Diese Art des Tantra umfasst zwar Berührungen, aber keinerlei sexuelle oder erotische Kontakte. Lehrer des weißen Tantra konzentrieren sich auf Meditationen, Körperübungen und Yogastile wie das Kundalini Yoga oder das Hatha-Yoga. Durch die Praktiken des weißen Tantra soll der Körper energetisch gereinigt werden. Gefällt Ihnen das weiße Tantra, können Sie auch den Besuch eines Seminars mit Schwerpunkten des roten Tantra wagen.

Allerdings müssen Sie nicht unbedingt ein Seminar besuchen, um Tantra im Alltag zu leben: Tantra-Massagen, Rituale oder kleine Übungen können auch nach Anleitung selbst durchgeführt werden. Es gibt Anleitungsbücher, Artikel und Lehrvideos, mit denen Tantra in seinen Grundzügen erlernt werden kann.

Was ist eine Tantra-Massage?

Eine Tantra-Massage ist eine intime, erotische Massage. Eine solche Massage zu genießen erfordert viel Offenheit und Vertrauen. Sowohl der Partner als auch ein Masseur können die Massage durchführen. In einem Massagestudio werden bei einer Tantra-Massage Hilfsmitteln wie Federn und warme Tücher verwendet.

Die Tantra-Massage ist ein sinnliches Erlebnis des ganzen Körpers. Der Masseur sollte die Massage geben, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Am besten erlernt werden kann die Tantra-Massage unter professioneller Anleitung. Gerade Paare, die schon viele Jahre zusammen sind, kann diese erotische Massage wieder näher zusammenbringen.

In einem professionellen Massagestudio können auch Singles die Tantra-Massage kennenlernen. Die Kosten für eine ein- bis zweistündige Massage beginnen bei 140 Euro. Die Massage kann den Intimbereich in einer sogenannten Yoni-Massage (weiblich) oder Lingam-Massage (männlich) umfassen, muss es aber nicht.

Was passiert bei einem Tantra-Seminar?

Bei einem Tantra-Seminar können Sie Tantra erlernen. Nicht nur erotische Aspekte der Lehre, auch Übungen und Rituale, die Ihren Alltag bereichern. Tantra-Seminare gibt es für Paare, Singles, Frauen und gemischte Gruppen. Je fortgeschrittener das Seminar, desto ungezwungener die Atmosphäre.

Das bei einem Tantra-Seminar allerdings eine Atmosphäre wie im Swingerclub herrscht, ist ein Vorurteil. Die Teilnehmer solcher Seminare wirken meist überraschend normal. Offen und neugierig, aber normal. Tantra-Seminare haben wenig mit der Swingerszene gemeinsam.

Es geht auch nicht um Sex, auch wenn das durchaus ein Teil eines Tantra-Seminars sein kann, sondern um Körperwahrnehmung, Akzeptanz, Bewusstsein, die Verbindung zur eigenen Weiblichkeit oder Männlichkeit und das Fühlen im Hier und Jetzt. Beginnen kann ein mehrtägiges Seminar mit einfachen Begegnungsübungen. Teilnehmer berühren sich, umarmen sich oder wenden sich voneinander ab. Nichts ist einem Zwang oder sozialen Normen unterworfen.

Es gilt darum herauszufinden, welche Bedürfnisse und Wünsche man selbst hat. Ohne Angst verurteilt zu werden. Aber auch ohne Angst, eine andere Person zu verletzen, wenn man sie oder ihn abweist. Auf Rollenspiele folgen Rituale, Tänze, Meditationen und Gesprächsrunden, in denen die Probleme und Ängste der Teilnehmer einen Raum finden.

Offene Atmosphäre ohne Tabus

Was bei Tantra-Seminaren anders als bei anderen Selbsterfahrungsseminaren ist: Es gibt keine Tabus. Es ist also möglich, dass sich Teilnehmer nackt zeigen oder vor anderen Teilnehmern sexuelle Handlungen ausführen. Einen festen Ablauf gibt es auch nicht immer. Oft hängt der Ablauf von den Gruppenteilnehmern, der Gruppendynamik und den Vorstellungen und Wünschen des Einzelnen ab.

Aber Achtung: In der Tantraszene gibt es schwarze Schafe und Lehrer oder Teilnehmer, die aus egoistischen Gründen ein Seminar besuchen. Berührungen oder sexuelle Handlungen, die sich nicht gut anfühlen, sind kein Teil eines seriösen Tantra-Seminars, einer Tantra-Massage oder eines Workshops.

Hier erhalten Sie alle Informationen zu Sexualität und Liebe.

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