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Wegen Corona: Homeoffice mit drei Kindern - so klappt es

DER SPIEGEL-Logo DER SPIEGEL 23.03.2020 Jens Radü

Die zweite Woche Corona-Homeoffice mit drei Kindern hat begonnen. Aber es gibt Hoffnung: Die Lernkurve der ersten Woche war steil. Ein persönliches Protokoll des Scheiterns - und Zusammenwachsens.

© Phil Leo/ Michael Denora/ Stone RF/ Gett Images

Tag eins: Enkelverbot und Klopapiiiier

6.30 Uhr: Eigentlich springt jetzt der Radiowecker an. Deutschrap, viel zu laut, ich denke mir wie jeden Tag, dass ich unbedingt den Sender wechseln muss, schaff es aber nur, die Snoozetaste zu drücken. Eigentlich tapst dann zwei Minuten später Oliver ins Schlafzimmer, davon wird Elisa wach.

Aufstehen, Frühstück, Haferflocken und Marmeladentoasts für alle. Montagmorgen, my love. Also eigentlich. Aber jetzt? Die Schule geschlossen, Kita zu, ich habe folgerichtig beschlossen, den Radiowecker in Quarantäne zu setzen. Trotzdem steht Oliver um kurz vor sieben vor dem Bett. Aber hey, eine halbe Stunde länger, immerhin. Möge der Tag beginnen.

Die Lage: Drei Kinder, Elisa (wird morgen 2), Oliver (6) und Frederik (9) sind zu Hause, meine Frau und ich arbeiten im Corona-Homeoffice. So formuliert klingt es wie eine Feststellung. Aber es ist eher eine Versuchsanordnung - und ich weiß noch nicht mal, was meine Rolle dabei sein wird. Bin ich die weiße Maus? Oder der Laborleiter? Ich hab so eine Ahnung...

12.20 Uhr: Computer eingerichtet, Onlinebesprechung, Telefonanrufe, To-do-Liste für die Woche, läuft doch. Unser Arbeitszimmer ist etwas größer als eine Gefängniszelle, acht Quadratmeter, die Frühlingssonne scheint durch eine Dachluke, durch die Tür höre ich, wie Oliver durch das Wohnzimmer galoppiert, er hat sich als Ritter verkleidet. Eigentlich müsste ich jetzt dringend an einer Geschichte arbeiten. Es klingelt, ein Paketbote bringt das Geburtstagsgeschenk für Elisa, das ihre Oma ja jetzt nicht mehr persönlich vorbeibringen wird, Enkelverbot. Unterschreiben muss man mit dem Finger direkt auf dem Touchscreen. Wie viele Menschen haben den heute schon angefasst? Ich wasch mir die Hände.

14.35 Uhr: Ich telefoniere mit einer Kollegin, die noch von der Redaktion aus arbeitet. Elisa sitzt krähend auf meinem Schoß und spielt mit der Computermaus. Programme verrutschen, Browserfenster blinken. Bevor sie online einen neuen Toaster bestellt oder mit dem todsicheren Gespür eines Kleinkindes alles löscht, was ich die letzte Stunde gemacht habe, stöpsele ich die Maus aus. Die Kollegin fragt, wie es so läuft im Homeoffice, mehr home oder mehr office? Tja.

17.38 Uhr: Frederiks Lehrerin hat in der Klasse Unterrichtsmaterial ausgelegt, die Eltern sollen die Pakete abholen. Matheaufgaben, Deutsch, erst mal bis Ende März, so lange soll die Schule mindestens geschlossen bleiben. Wir stellen eine Eieruhr, zuerst eine halbe Stunde Rechnen, Schreiben. Die erste Aufgabe: Wörter mit langem i aus einer Wortwolke fischen. Mandariiine, Kiiilo, Apfelsiiiinen. Klingt wie die Einkaufsliste in Corona-Zeiten. Fehlt nur das unvermeidliche Klopapiiiier.

18.40 Uhr: Wann ist eigentlich Feierabend im Homeoffice? Die Geschichte, an der ich arbeiten sollte, muss diese Woche mit. Aber Elisa muss auch gewickelt werden. Und Jana muss dringend telefonieren. Und jemand muss Abendessen machen. Und einen Kuchen backen, schließlich hat Elisa morgen Geburtstag. In Albert Camus‘ Seuchen-Roman "Die Pest" gibt es auch einen Journalisten, Rambert. Er will die ganze Zeit etwas über die "arabische Frage" schreiben, kommt aber irgendwie nie dazu. Wahrscheinlich hat er auch Homeoffice gemacht.

Tag zwei: Wann kommt der wütende Mob?

7.50 Uhr: "Heute kann es regnen, stürmen oder schnei´n...". Elisa wird zwei, wir singen, schief und laut. Oliver hat ihr eine Krone aus gelbem Papier gebastelt, Ersatz für die Plüschkrone, die die Geburtstagskinder in der Kita immer zum Frühstück tragen dürfen. Wir hatten auch eine Party geplant, vier Mädchen samt Eltern. Eine Mutter schickt ein bezauberndes Foto, "Küsschen für Elisa", Videocall mit Oma und Opa. Ich mach die Tür zu. 

11.23 Uhr: Meine Frau ist dran, ich dreh mit den Kindern eine Runde, Elisa auf dem Laufrad, die Jungs sind schon vorgefahren. Irgendwo lärmt eine Motorsäge. Die Gärtner machen kein Homeoffice, schon klar. Die Nachbarn lassen ihr gusseisernes Eingangstor reparieren. Ob sie sich wappnen wollen für den Tag, an dem der plündernde Mob ihr Anwesen stürmt? Leere Straßen, sind offenbar alle einkaufen. Am Waldrand entdecken wir drei Rehe, gefühlt zwitschern drei Milliarden Vögel. Ist es schon so weit? Holt sich die Natur langsam die Stadt zurück? Oder nennt man das einfach Frühling?

15.04 Uhr: Ach ja, die Geschichte. Ich bin schon ein bisschen weitergekommen, aber kaum ist die eine Telefonkonferenz vorbei, blinkt schon wieder der Bildschirm. Die Tür geht auf, Elisa wackelt ins Zimmer und klettert wieder auf meinen Schoß. Die Computermaus, klar, die hat es ihr angetan. Jetzt gibt es erst mal Geburtstagskuchen.

17.15 Uhr: Videocall mit den Kollegen. Es geht um ein Datenprojekt, an dem wir seit drei Monaten arbeiten, eigentlich wollten wir es bald veröffentlichen. Einer sitzt im Auto, sehr ordentlich mit Jackett, die übrigen im Homeoffice, Bücherwände und Vorgarten-Idyll im Hintergrund. Verstohlen gucke ich, wie eigentlich meine Videocall-Kulisse aussieht. Hm, vielleicht wäre es langsam an der Zeit, das Homer-Simpson-Bild aus der Studenten-WG einzumotten. Wer weiß, wie lange das alles noch dauert.

Tag drei: Gyros ohne Ouzo

7.30 Uhr: Wir machen Frühsport. Alle. Ich breche nach zwei Minuten Planke zusammen, Oliver hält doppelt so lange durch. Ich nutze Elisa als Sportgerät, um sie bei Laune zu halten. Die Kinder kriegen langsam einen Lagerkoller. Noch dürfen wir raus, aber Fußballtraining, Spielplätze, Turnhallen, alles geschlossen oder abgesagt. Total richtig. Aber wie erkläre ich das dem ausgehungerten motorischen Zentrum eines Sechsjährigen?   

12.20 Uhr: Telefoniere für eine Geschichte mit einer Freundin, sie singt auf Kreuzfahrtschiffen und sitzt gerade auf Barbados fest. Gestern Abend waren sie mit der Crew noch feiern in einer Bar, erzählt sie. Ausgangssperre? Nicht in der Karibik. Sie schickt mir ein Foto, das sie am Strand in der Hängematte zeigt, Palmen, Sonne. Eine Stunde später schickt sie mir eine Nachricht: Jetzt gibt es auch auf Barbados zwei Corona-Fälle. Und sie hat einen Platz im Flugzeug nach Deutschland bekommen. Ich will alles aufschreiben, aber erst muss Jana Elisas Mittagsschlaf zum Einkaufen nutzen. Und Oliver braucht Hilfe bei der Playmobil-Ritterburg. Wie gut, dass es die Aufbauanleitung auch im Internet gibt.    

15.55 Uhr: "Einen Ouzo?" Hole Essen beim Griechen, vorher angerufen, noch ist er nicht geschlossen. Gyros braucht noch ein bisschen, sonst ist alles da. Kein Tisch ist besetzt. "Gib mir fünf Minuten", sagt der Koch. Er arbeitet in Kurzarbeit, vier statt acht Stunden. Und die Hilfsanträge von der Stadt? "Die Miete bezahlen die nicht, Strom, Wasser auch nicht. Ist ja auch okay, aber nächste Woche müssen wir wohl dichtmachen." Ein paar alte Leute hätten gefragt, ob sie auch ausliefern. Als ich mich zum Warten hinsetze, schaltet er den griechischen Radiokanal ein, Sirtaki in Dauerschleife. Vielleicht doch einen Ouzo?

20.24 Uhr: Immerhin, die Geschichte ist endlich fertig. Und die Kinder im Bett. Jetzt wird es gemütlich. Vielleicht ein bisschen Handarbeit? Was für ein Biedermeier. Zwischen 1815 und 1848, nachdem Napoleon über Europa hinweggezogen war, verkrochen sich die Deutschen zu Hause, Scherenschnitte, Porzellan bemalen, Hausmusik. Ich hab heute schon zweimal Klavier gespielt.

Tag vier: Raus hier oder ich rechne!

10.00 Uhr: Die Kita meiner Patentochter in Stuttgart macht jetzt Morgenkreis. Per Videochat. Hausaufgaben haben sie auch auf: Alle Schleichtiere baden und abtrocknen. Oliver ist enttäuscht, die Vorschule hat kein Notprogramm vorbereitet. Dafür telefoniert er jetzt mit Oma, die ihm ein paar Rechenaufgaben stellt. Sie telefonieren eine Stunde.

12.32 Uhr: Meine Frau spricht mit der Betriebsärztin. Bis vergangene Woche waren wir auf Teneriffa, ist das ein Problem, wenn sie nächsten Montag zur Arbeit fahren würde? In Spanien ist bisher nur Madrid Hochrisikozone, sagt das RKI. Der Urlaub ist gefühlt Jahre her. Ich arbeite an einem Interview, das seit drei Wochen liegt, zäh. Immer wieder platzen Elisa oder Oliver rein, irgendwas ist ja immer. Ich versuch es mit Kopfhörern, Keith Jarrett, Berliner Jazztage 1973. Damals war Ölkrise, autofreie Sonntage, meine Eltern haben mir erzählt, wie sie damals mit meinem Bruder im Kinderwagen über die Autobahn im Ruhrgebiet spaziert sind. Das klang immer ziemlich surreal, wie aus einer anderen Welt. Tja.

16.20 Uhr: Wir müssen raus, unbedingt. Auf den Waldwegen ist es so voll wie selten, alle 50 Meter treffen wir Bekannte, winken aus der Ferne, angedeutete Verbeugungen, bloß nicht Händeschütteln. Immer dasselbe Smalltalk-Muster: Ja, die Kinder mussten echt mal raus. Nein, auch noch keine Symptome. Vielleicht ja mal telefonieren. Wir drehen wieder um, zu viel los. Ich frag Frederik, wie sich das alles gerade für ihn anfühlt. Wie Sommerferien nur mit schlechterem Wetter? "Nee", meint er. "In den Sommerferien müsste ich ja nicht Mathe machen."

19.25 Uhr: Kurz vorm Schlafengehen schaut Elisa noch mal kurz nach mir, klettert auf den Drehstuhl, steckt sich meinen Kopfhörer erst ins Ohr, dann in den Mund und singt "Iss arbeite, iss arbeite". Immerhin lässt sie diesmal die Computermaus in Ruhe.

Tag fünf: Bilanz im Pyjama

7.32 Uhr: Aufgestanden, Frühstück für die Kinder gemacht und an den Computer gesetzt. Diesen Text geschrieben. Gleich wieder Videocall, vorher bitte noch duschen und anziehen. Also: mehr home als office? Oder umgekehrt?

Ich habe jedenfalls viel gelernt. To-do-Listen sind sinnvoll. Aber bei drei Kindern ist es wohl besser, sich Wochenaufgaben zu setzen als Tagesaufgaben. Man sollte mit fragmentierter Arbeitszeit klarkommen, Windelwechseln, Hausaufgaben, Einkaufen, all das zerhackt so einen Tag am Computer. In kleinen Schritten denken. Und merke: Nicht die Kinder nehmen Rücksicht auf Arbeitszeiten. Die Arbeitszeiten sollten Rücksicht auf die Kinder nehmen. Also auch mal mit Laptop im Bett. Ob das so gut ist? Und halten wir das durch, über Monate?

Was weiß denn ich. Ich bin hier schließlich nur die weiße Maus.    

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