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Zwischen Lifestyle und Olympia: Die BMX-Szene in Berlin kämpft mit vielen Problemen

Tagesspiegel-Logo Tagesspiegel 10.06.2020 Felix Hackenbruch

BMX boomt, Freestyle wird erstmals olympisch. Eine junge Berlinerin hofft auf eine Medaille – doch in der Stadt fehlen gute Trainingsbedingungen.

Ein BMX-Fahrer in der Skaterhalle auf dem RAW Gelände. © Foto: Mike Wolff Ein BMX-Fahrer in der Skaterhalle auf dem RAW Gelände.

An einem verregneten Sonntagabend Punkt acht Uhr ist Schichtwechsel in der alten Fabrikhalle auf dem Berliner RAW-Gelände. Verschwitzte Jungs mit Hoodies, Sneakern und Caps treten hinaus in die Dunkelheit, ihre Skateboards unterm Arm.

Ihnen kommen andere gestylte Jungs entgegen, ebenfalls mit Hoodies, Sneakern und Caps, statt Skateboards schieben sie Miniräder neben sich her, einige Mädels sind auch dabei. Rund 150 kommen heute – es ist die versammelte Berliner BMX-Szene.

An diesem Abend kurz vor dem Ausbruch des Coronavirus gehört ihnen für die nächsten vier Stunden die 800 Quadratmeter große Skatehalle. Die Räder rutschen über Geländer und Kanten, „grinden“ heißt das im Fachjargon. Die BMX-Fahrer springen von Treppen und Rampen, einige fahren rückwärts, andere nur auf dem Vorderrad oder freihändig.

Mal wird der Lenker im Sprung mehrfach um die eigene Achse gedreht, mal das BMX auf dem Hinterrad balanciert. „Fetter Move“, jubeln ein paar Jugendliche, die auf der Tribüne am Rand sitzen und Sterni trinken.

BMX, kurz für Bicycle Motocross, das ist Sport auf 20-Zoll-Rädern mit hohem Lenker. Die Fahrer wetteifern in den Disziplinen Race, bei der sie wie Motocross-Fahrer abseits von Straßen über Hügel und Buckelpisten rasen, und Freestyle, bei der es um Tricks geht, das kunstvolle Springen und Drehen von Pirouetten.

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Genaue Zahlen zu aktiven BMX-Fahrern gibt es nicht, denn die wenigsten sind in Vereinen organisiert. Doch dass die Sportart, die Mitte der achtziger Jahre schon einmal eine Blütezeit erlebte, in Deutschland seit Jahren wieder boomt, das bestreitet niemand.

Wer BMX fährt, gilt als cool, kreativ und frei. Es geht um die außergewöhnlichsten Tricks, um Klamotten, Musik und Zusammenhalt. BMX ist ein Lebensgefühl. Und in kaum eine Stadt passt das so gut wie nach Berlin. Nirgends in Deutschland ist die Szene größer und diverser. Nirgends sind auch die Hoffnungen und Hoffnungsträger präsenter.

Lara Lessmann ist Deutschlands BMX-Medaillenhoffnung

Doch die Nischen, in denen sich der BMX-Sport entfalten kann, werden in der wachsenden Stadt kleiner und professionelle Strukturen gibt es kaum. Darunter leidet auch Lara Lessmann. Die 20-Jährige ist Deutschlands Medaillenhoffnung im BMX-Freestyle-Wettbewerb, der bei den Spielen in Tokio 2021 erstmals olympisch sein wird.

Mit schwarzer Kleidung, bunten Handschuhen, rotem BMX und kleiner Deutschlandflagge am Helm steht sie an diesem Abend in der RAW-Skatehalle als eine der wenigen Frauen zwischen den Männern, die sie allesamt überragen. „Vor drei Jahren hätte ich gesagt, dass es Gold wird. Jetzt muss ich froh sein, wenn es überhaupt eine Medaille wird“, sagt sie.

Ihr Problem? Die Trainingsbedingungen. Wegen der besseren Umstände ist sie bereits vor drei Jahren von Flensburg nach Berlin gezogen, aber auch hier gibt es keine Halle für BMX-Fahrer. Vor allem im Winter ist das ein Problem. Nur einmal im Monat finanziert ihr Sponsor, ein Berliner BMX-Geschäft, vier Stunden in der RAW-Skatehalle – die allerdings viel zu voll ist und keine richtigen Freestyle-Anlagen bietet.

Lessmann ist neben dem Sport, auch noch ein Mensch

In den Wintermonaten fliegt Lessmann deshalb regelmäßig nach Barcelona oder Zürich, wo es große BMX-Hallen mit Schaumstoffmatten zum Üben gibt. Trotzdem will sie dauerhaft in Berlin bleiben, schon jetzt hat sie auf jeder Reise Heimweh. „Ich bin neben dem Sport ja auch noch ein Mensch.“

In der RAW-Skatehalle fühlt sie sich zu Hause. Fast jeder begrüßt sie mit Ghettofaust, sie lacht viel. „Das Besondere am BMX ist die Gemeinschaft. Mit jedem hier verbindet mich eine kleine Freundschaft“, sagt Lessmann. Seit sie neun ist, trainiert sie fast ausschließlich mit Jungs.

„Ich würde mir aber wünschen, dass mehr Mädels fahren.“ Sie steht am Rande einer Bowl, einer Wanne, deren Wände fünf Meter tief steil abfallen. Ein Jugendlicher ruft seinem Kumpel zu: „Boah, da würde ich mich nicht mal trauen reinzufahren.“ Während sie nur mal schauen, stürzen sich ein paar Fahrer halsbrecherisch hinab – und lassen sich auf der anderen Seite wieder hochkatapultieren.

Sie hat noch viel vor

Teilweise meterhoch. Ein paar ganz Verrückte schrauben sich in die Luft, wirbeln ihr Rad unter dem Körper durch, überschlagen sich. So schnell, dass man es mit bloßem Auge kaum nachvollziehen kann. Lessmann fährt heute vorsichtiger. Bloß nicht stürzen! Sie hat noch viel vor.

Einer, der seit Jahrzehnten die Bedingungen für die Berliner BMX-Szene verbessern will, ist Max Tuchtenhagen. Der 46-Jährige war selbst mal ganz passabler Skateboarder, die Szenen überschneiden sich. Heute ist das Knie kaputt und er sitzt in einem beheizten Schiffscontainer an seinem Laptop, alle paar Minuten klingelt das Telefon.

Tuchtenhagen gilt als Stimme der Szene, moderiert Wettkämpfe und leitet mit einer kleinen Gruppe das Skate- und BMX-Gelände „Mellowpark“ in Köpenick. Tuchtenhagen, mit großer Hipster-Brille und Schlabberpulli, berlinert stark und spricht wie ein Jugendlicher. Alles ist wahlweise „cool“, „mega“, „lässig“ oder „fett“. In der Ecke stehen zwei Kochplatten und eine Kaffeemaschine – der einzige Luxus im Mellowpark.

Seit 20 Jahren kämpf der Mellowpark ums Überleben

Zwar gilt das Areal als größter Skateboard- und BMX-Park Europas. Auf 60.000 Quadratmetern stehen Rampen, Bowls, Geländer und es gibt eine große Rennstrecke. Doch die Bedingungen sind prekär. „Wir kämpfen hier seit 20 Jahren ums Überleben“, sagt Tuchtenhagen. Mit viel Überzeugungskraft habe er vom Bezirk einen Mietvertrag bis 2035 erhalten.

Selbst Union Berlin, deren Stadion direkt gegenüberliegt, stachen sie aus. Bloß: Eine überdachte Halfpipe oder eine Halle gibt es auch hier nicht. „Lara steht im Winter an der Rampe und versucht sie mit dem Bunsenbrenner zu trocknen“, sagt Tuchtenhagen. Er beschäftigt sie offiziell als Praktikantin. Ihr Job? „Die beste Freestylerin der Welt zu werden.“

Doch im Mellowpark ist das quasi unmöglich. Zwar bezuschussen Bund, Land und Bezirk die Sportanlage, trotzdem fehlt den Organisatoren das Geld. Weil der Park eine 750 Meter lange Grenze zur Straße habe, müsse man allein der BSR eine fünfstellige Summe jährlich überweisen. „Wir machen hier Workshops, um die Straßenreinigung zu finanzieren“, sagt Tuchtenhagen.

Für alle offen, außer für Nazis

Das Gelände ist für ihn mehr als nur Skate- und BMX-Park. „Wir wollen Wegbegleiter sein.“ Die Besucher können den Basketballplatz nutzen, an Graffitiwettbewerben teilnehmen und Lagerfeuer machen. Im Pavillon werden Snacks und Getränke verkauft, im Sommer soll am Spreesteg Stand-up-Paddling angeboten werden. „Wir sind für alle offen. Außer für Nazis.“

Ein Ort, der Jugendlichen Raum zur Entfaltung gibt – ohne Aufsicht von Eltern oder anderen Erwachsenen. „Hier muss man sich den Respekt erarbeiten. An der Rampe fahren die am häufigsten, die die dicksten Eier haben.“ Und manchmal sind das eben die Mädels. Eine Schule fürs Leben, glaubt Tuchtenhagen. Er selbst wurde so geschult.

Ende der Achtziger, als Berlin noch geteilt war und wenig mit BMX, Skatern und solchen Dingen zu tun hatte. Als er aus Köpenick an den Alexanderplatz fuhr, um ein paar „coole, ältere Jungs“ auf ihren Boards zu bewundern. Anfangs, so erzählt er, stand er nur daneben, übte erst, wenn alle weg waren. Doch er kam jeden Tag, wurde irgendwann angesprochen und bald in den Kreis aufgenommen. „Das war das Größte“, sagt er. Heute funktioniere das genauso. An der Rampe sind alle gleich – Skater wie BMX-Fahrer.

„Wir brauchen Olympia nicht, aber Olympia braucht uns“

Die Berliner BMX-Szene ist inzwischen erwachsen geworden. „Und das Herz liegt in Köpenick“, ergänzt Tuchtenhagen stolz. Die alten Fahrer von früher kommen gemeinsam mit ihren Kindern in den Mellowpark. Allein in Sachen Olympia ist die Szene sich uneins. Die Jungen finden die neue Entwicklung super, die Alten lehnen das enge Regelkorsett ab. Weniger Kreativität, weniger Coolness, weniger Lifestyle.

„Wir brauchen Olympia nicht, aber Olympia braucht uns“, sagt Tuchtenhagen, schließlich wollten die Olympia-Funktionäre vom jugendlichen Glanz der BMX-Szene profitieren. Trotz seiner Abneigung sieht er sich als Brückenbauer. Deshalb unterstützt er Lessmanns Ambitionen und versucht, die Trainingsbedingungen zu verbessern. Auf Youtube haben er und seine Mitstreiter ihre „Mellowpark Vision 2024“ veröffentlicht, ein Promo-Video.

Darin zu sehen: ein skatebares Parkhaus, ein neues Jugendzentrum, ein Superpark für BMX-Freestyle und eine ausgebaute Race-Strecke mit Haupttribüne für 2000 Menschen. Im Zentrum steht ein BMX-Freestyle-Leistungszentrum mit Sportlerunterkünften, Fitnessräumen und einem Indoorpark. „Mit dem Mellowpark 2024 wächst die Sportmetropole Berlin weiter und wird BMX-Hauptstadt Europas“, heißt es in dem Video selbstbewusst.

Im Herbst soll eine große Halfpipe fertig werden

Die Realität vor Tuchtenhagens Schiffscontainer sieht derweil anders aus. An einem trüben Frühjahrstag verschrauben in einer Halfpipe zwei Bauarbeiter neue Bodenplatten, aus einer Box dröhnt Hip-Hop-Musik, ansonsten ist nichts los im Mellowpark. Wenige Tage später ist sogar noch weniger los. Zur Eindämmung des Coronavirus musste der Mellowpark für mehrere Wochen schließen.

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Doch mittlerweile rollen, rutschen und springen sie wieder mit ihren Mini-Rädern. Stundenweise kann man die Anlagen nun online buchen und zu zweit oder als Familie nutzen. Abstand und Hygiene auch an der Rampe.

Im Herbst soll dann eine große Halfpipe fertig werden, überdachte Rampen könnten folgen. Lara Lessmann wird sich dann besser auf Olympia vorbereiten können. Und auch, wenn es in Tokio nichts wird: Die Olympischen Sommerspiele 2024 finden in Paris statt. Lessmann ist dann 24 Jahre. Kein Alter. Auch nicht für eine BMX-Fahrerin.

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