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Weibliche Lust: Was die Sexhormone weckt: Unsere Lust, euer Problem?

BARBARA-Logo BARBARA 30.06.2020
© Getty Images

Frauen sind unnötig kompliziert. Unergründlich, mysteriös. Jedenfalls klingt es so, wenn Sexualitätsforschung sich aufteilt in „Wunderwerk Erektionen, wer sie sind, was sie tun“ und „Weibliche Sexualität, oder warum sie nicht funktioniert“. Ist da was dran?

Was stimmt ist: Sex ist kompliziert. Ein Wunschkonzert aus verschiedensten Stimmen: Hirn und Herzklopfen, Entspannung und Gänsehaut, Östrogen und ein Schuss Testosteron. Je mehr Körperteile wir einbeziehen, desto besser. Streicheleinheiten setzen überall Endorphine frei, erreichen über Klitoris und Schamlippen unterschiedliche Teile des Nervensystems und wecken an den Brüsten Oxytocin. Das intensiviert den Höhepunkt, lang bevor wir ihn erreichen. Unser Gehirn ermöglicht diese Erregung oder bremst sie aus – allerdings nicht gänzlich, weil Feuchtigkeit vor Verletzung schützt. Alles sehr komplex und…universell. Über das Geschlechterspektrum hinweg. Auch Männer mögen Nippelspiel und einen Schuss Östrogen. Auch ihre Erregung schwankt - mit Tag, Jahr, und Familienstand - oder produziert ganz ohne Kopfkino Morgenerektionen. Da beschwert sich auch keiner.

In Fahrt kommen: Ein Frauenproblem?

Spannender ist der Auftakt der Erregung. Denn, wo es bei Männern anscheinend reicht Aktfotos vage in ihre Richtung zu wedeln, gelten Frauen im Experiment als unberechenbar bis erotisch blind. Zugegebenermaßen zeigen sie sich, von erotischen Filmen durchweg weniger begeistert. Allerdings steigt die Begeisterung, sobald Frauen die Filme aussuchen. Und wer weiß, wo sie stände, wenn die Filme mehrheitlich von Frauen produziert würden. Oder, was ihnen daran besser gefällt, wo die Länge des Vorspiels doch die gleiche war. Zum Glück kann man ja fragen (von wegen unergründlich). Dann lernt man, dass Erregung bei Frauen weniger von einem Potpourri aus Attraktivität und Co vorhergesagt wird als von einer Frage (von wegen kompliziert): Kann ich mich hineinversetzen? Erregung entsteht durch kognitives Engagement. Perspektivübernahme. Auch bei Bildern. Und Abwechslung, anders als bei Männern, durch Wechsel im Geschehen anstatt neuer Darsteller. Entsprechend beschreibt Männerliteratur „ihre Brüste“ und Frauenliteratur „ihr Verlangen“ - und männliche Hauptdarsteller, können sich zurecht vernachlässigt fühlen.

Vielleicht passt das zu den Sexhormonen

Wo Testosteron uns ohne Umschweife aufregungsbereit und ein bisschen präfrontal umnebelt macht, wirkt Östrogen in umgedrehten U-Kurven. Erst unterstützt es den präfrontalen Kortex und sein Arbeitsgedächtnis, dann überfordert es ihn und spendiert uns waghalsige Impulsivität – und den Eizellen gefällt das. So ein hellwaches sozial-emotionales Netzwerk will beschäftigt werden. Frauen grübeln mehr und vielleicht spannen sie deshalb beim Sex die Gedanken lieber gleich für erotische Fantasien ein –bevor die abschweifen und sich der Steuererklärung zuwenden. Wenn diese Fantasien dann noch abenteuerlich bis fesselnd sind, schärft das Fokus und erotisches Körperempfinden. Kein Wunder, denn Nervenkitzel weckt genauso wie Testosteron die Amygdala und die kann Tunnelblick. Zur Freude der Männer, deren Amygdala grundsätzlich stärker auf Pornographie reagiert. Trotzdem hat der Umweg übers Hineindenken Vorteile: Wenn Frauen den Blick schweifen lassen, gewinnen sie alten Filmen neue Erregung ab. Frauen mit Pille nutzen die gleiche Strategie für Erregung trotz unterdrückter Sexhormone. Auch beim Geschlecht der erotisch Abgebildeten sind Frauen flexibel, solange was passiert. Überhaupt, bei der sexuellen Orientierung: Frauen bezeichnen sich öfter als Bi- oder als „hetero, bis ich mich in diese Frau verknallt habe“.

Jedes Geschlecht bietet Spielräume.

Und Sex könnte so viel schöner sein, wenn wir es sportlich sehen: Als Teamwork. Als Buddy-Movie in dem wir uns zusammenraufen. Anstatt Männer als Maßstab und Frauen als Problem zu sehen und dafür am besten noch eine unsägliche 80er Jahre Studie zu zitieren, die ~50 % von ihnen sexuell dysfunktional nennt. Dabei übersehen wir nicht nur wissenschaftlichen Pfusch und einen Pharma-Interessenkonflikt, sondern auch den mindestens genauso logischen Gegenschluss „Sex mit Männern weniger beliebt als letzte Staffel Game of Thrones“. Und das 150 Jahre nachdem die Psychologie lieber den Vibrator erfand, als Männern zu erklären, was eine Klitoris ist. Fortschritt geht anders. Lust auch.

 Dr. Franca Parianen, Jahrgang 1989, arbeitete am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig. Die letzten Jahre erforschte sie am Helmholtz Institut der Utrecht University den Ursprung und Aufbau des menschlichen Zusammenlebens auf der Ebene der Neuronen und Hormone. Seit 2014 ist die Wahlberlinerin als Science-Slammerin aktiv und slamt u.a. auf medizinischen Kongressen, in Theatern und auf Messen.

In ihrem neusten Buch schreibt die Bestseller-Autorin über ein Thema, das uns alle angeht: Hormone! Sie sind die wichtigsten Botschafter zwischen Körper und Gehirn. Was passiert mit uns, wenn wir durch Zeitzonen jetten, Kinder zeugen, am Handy daddeln und im Kino weinen? Warum sind uns hormonelle Schwankungen suspekter als hormonelle Wirkstoffe? Und wo bleibt eigentlich die Pille für den Mann? Franca Parianen berichtet kenntnisreich, rasant und kurzweilig von der Schnittstelle zwischen Herz und Hirn, Gesundheit und Gedanken. Erschienen ist "Hormongesteuert ist immerhin selbstbestimmt" im Rowohlt Verlag.

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