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Robert Lewandowski: Ich dachte früher, dass ich alle Probleme selbst verarbeiten kann und sie dann verschwinden

GQ-Logo GQ 22.04.2021 Christoph Landsgesell
gq-0221-robert-lewandowski-aufm.jpg © Markus Burke gq-0221-robert-lewandowski-aufm.jpg

Robert Lewandowski im GQ-Interview

Das Comeback ist in Sicht, endlich. Robert Lewandowski steigt beim FC Bayern wieder ins Training ein. Für das Spiel am Samstag gegen Mainz sei er “absolut eine Option”, sagte Trainer Hansi Flick bereits am Montag. Es dürfte kaum jemand in München geben, der diesen Moment nicht sehnlich erwartet. Rund einen Monat war Lewandowski wegen einer Bänderverletzung ausgefallen - und musste mit ansehen, wie sein Team ohne ihn aus der Champions League ausschied.

Denn ohne Lewandowski ist der FC Bayern nicht der FC Bayern. Er ist zurzeit der beste Fußballspieler der Welt, einer, der fünf Tore in neun Minuten schießen kann - schon jetzt ein Mann für die Geschichtsbücher, für die Fußball-Ewigkeit. Was vielleicht eine Erklärung dafür ist, dass sich Robert Lewandowski zwi­schen all den Statuen antiker Heroen in Münchens Glypto­thek wohlzufühlen scheint. Hier treffen wir ihn zum Foto­shoot und Interview für GQ. Ein Gespräch über seinen schwe­ren Weg nach ganz oben.

(Alle Bilder vom Fotoshoot mit Robert Lewandowski finden Sie übrigens auf 12 Seiten in der neuen GQ – einen Blick ins Heft gibt es hier. Und hier können Sie die Ausgabe bestellen.)

Robert Lewandowski: Der beste Fußballer der Welt im Interview mit GQ

GQ: Die Fotos für GQ sind in der Glyptothek in München entstanden, einem klassischen Museum – neben Statuen von Göttern, Berühmtheiten und Helden der Antike. Haben Sie selbst einen Helden oder eine Heldin, zu dem beziehungsweise zu der Sie aufschauen?

ROBERT LEWANDOWSKI: Als ich jung war, war mein Leben nicht so einfach. Mit 16 Jahren habe ich meinen Vater verloren. Das war eine der schwierigsten Phasen meines Lebens – in der Zeit, in der ich auch die ersten Schritte im professionellen Fußball ging, was mein Vater leider nicht mehr erlebte. Bis dahin hatte er mich in meiner Karriere immer begleitet. Dass er nicht mehr da war, war für meine Mutter eine sehr große Herausforderung. Sie musste alleine die ganze Familie zusammenhalten. Für mich sind meine Eltern meine Helden.

gq-0221-robert-lewandowski-logo-art-04.jpg © Markus Burke gq-0221-robert-lewandowski-logo-art-04.jpg

Wie hat Ihnen Ihre Mutter in dieser Zeit geholfen?

Für sie war es am wichtigsten, dass meine Schwester und ich nicht zu traurig sind. Sie hat versucht, uns auf dem richtigen Weg zu halten. Ich hatte damals noch keinen Führerschein, und sie hat mich oft zum Training und zum Spiel gefahren. Mit 16 war ich vielleicht noch ein bisschen zu jung dafür, aber einige Jahre später habe ich verstanden, was diese Situation meiner Mutter abverlangt hat. Es war eine Phase, in der ich mich entscheiden musste, wo mein Leben hingehen soll. Meinen Eltern werde ich immer dankbar sein. Sie wollten nie, dass ich unbedingt Profifußballer werde und viel Geld verdiene. Nur, dass ich Spaß habe, meinen Traum auf dem Feld leben und mein Bestes zeigen kann.

Sind Sie ein Held, ein Vorbild?

Ich fühle mich nicht wie ein Held, aber ich weiß, dass ich ein Vorbild bin und viele Menschen auf mich schauen: was ich mache, was ich sage. Ich komme aus Polen, als ich jung war und Profifußballer werden wollte, habe ich von den großen Stadien geträumt und davon, in der besten Mannschaft zu spielen. Ich weiß, dass an mich jetzt hohe Erwartungen gestellt werden, aber ich bin auch nur ein Mensch und nicht perfekt. Ich mache auch Fehler. Es gehört vieles dazu, ein Vorbild zu sein, aber ich tue nichts, weil ich es muss oder weil es jemand von mir erwartet, sondern nur das, was mir natürlich erscheint.

Jetzt sind Sie der beste Fußballspieler der Welt – wie fühlt sich das an für Sie?

Das, was ich und wir gemeinsam geschafft und gewonnen haben, freut mich und macht mich sehr stolz – die sechs Titel in einer Saison, dass ich in der Liga, der Champions League und dem DFB-Pokal Torschützenkönig und am Ende auch noch Weltfußballer wurde. Ich weiß aber auch, wie hart ich dafür seit Jahren gearbeitet habe. Aber ganz an die Spitze zu kommen ist die eine Sache, dort zu bleiben eine andere.

Wenn dir schon mit 18 ständig der rote Teppich ausgerollt wird, dann hast du keine Zeit, eine entsprechende Mentalität aufzubauen

Was war auf Ihrem Weg zum besten Fußballer der Welt wichtiger: Fleiß und Training – oder Talent und Begabung?

Immer der Fleiß. Talent hat jeder, der eine mehr, der andere weniger. Aber ohne wirklich harte Arbeit geht gar nichts. Wenn du wirklich Profi werden willst, ist auch das Mentale sehr wichtig. Wenn dir schon mit 16 oder 18 ständig der rote Teppich ausgerollt wird, alles super läuft, dann hast du keine Zeit, eine entsprechende Mentalität aufzubauen. Dann überlegst du nicht, was du noch verbessern kannst, woran du noch härter arbeiten kannst, welche Skills dir noch fehlen. Meine Karriere war schwierig im Alter zwischen 16 und 21, 22 Jahren. Ich musste damals wirklich hart arbeiten und zeigen, dass ich besser als meine Konkurrenten bin.

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Also kann es schädlich sein, wenn eine Fußballer-Karriere anfangs zu glatt und perfekt läuft?

Wenn du am Anfang nicht nur als Fußballer, sondern auch als Mensch keine Probleme hast, dann ist die Frage, ob du mit Problemen richtig umgehen kannst, wenn du sie einmal bekommst. Denn wenn du älter bist und du schon etwas gewonnen und ein bisschen Geld verdient hast, dann ist es schwerer, diese Mentalität aufzubauen und zu verbessern. Es ist nicht so leicht, als Fußballer über zehn Jahre auf Top-Level zu spielen. Der Kopf ist wichtig, Talent ist auch wichtig, dazu systematisches, hartes Training. Alles zusammen muss passen.

Weil Sie die Mentalität ansprechen: Wie trainieren Sie Ihr Gehirn?

Das passiert im Training oder im Spiel – und auch außerhalb, wenn man Momente hat, in denen es nicht gut läuft, und man damit umgehen muss. Oder wenn alles gut läuft. Dann ist es wichtig, wach zu bleiben. Als Fußballer habe ich auch Probleme wie alle anderen. Es geht dann darum, das auf dem Platz auszublenden, sich auf den Job zu fokussieren. Bei Fußballprofis sehen viele Menschen nur die erste Seite des Buches. Aber wenn man sich damit intensiver befasst, stellt man fest: Am Ende sind wir alle Menschen und haben die gleichen Probleme. Das, was im Kopf passiert, hat einen großen Anteil an der Leistung. (Lesen Sie hier: Bayern-Profi Serge Gnabry im GQ-Interview über den Umgang mit Niederlagen)

Sind Sie gut darin, Probleme auszublenden?

Ich habe das gelernt. Klar, ich kann nicht zu 100 Prozent alles wegdrücken, das hängt auch davon ab, wie groß das Problem ist, wie wichtig es für mich persönlich ist. Ich versuche, diese Sachen für die Zeit des Spiels außen vor zu lassen. Wenn das nicht gelingt, merkt und sieht man das auch im Spiel. Wobei das auch immer eine Frage der Position ist.

Können Sie das erklären?

Laufen kann man immer, auch das Passen ist keine so schwere Aufgabe, wenn man das lange trainiert hat. Aber am Ende das Tor zu treffen, wenn dir der Keeper und die Innenverteidiger gegenüberstehen, in diesem Moment die richtige Entscheidung zu treffen, das sind Millisekunden. Und manchmal, wenn du Probleme hast, dann fehlt dir die Zeit, um die perfekte Entscheidung zu treffen. Deshalb ist es gerade für Stürmer wichtig, einen freien Kopf zu haben.

Ich dachte früher, dass ich alle Probleme selbst verarbeiten kann und sie dann verschwinden

Sie wirken immer sehr rational, sehr konzentriert und fokussiert. Wie lassen Sie Ihre Emotionen, Ihren Frust raus?

Früher dachte ich, dass ich das alles in mir halte. Ich war sicher, dass ich es selbst verarbeiten kann und dann die Probleme verschwinden. Für einen kurzen Moment mag das gelingen, aber langfristig bleibt immer etwas zurück. Ich versuche mittlerweile, immer über die Dinge zu sprechen, die mir auf dem Herzen liegen. Wenn ich Sachen ausspreche, komme ich manchmal von ganz alleine auf die Lösung. Mit meiner Frau klappt das gut. Sie ist Trainerin, war Karate- Weltmeisterin und versteht oft ganz genau, was ich meine oder sagen will. Manchmal muss sie auch einfach nur zuhören – und mich korrigieren, wenn ich falschliege. Gemeinsam finden wir den besten Weg.

Ihre Frau ist auch Ernährungsberaterin. Gönnen Sie sich mal etwas Ungesundes? Eine fettige Pizza, Burger mit Pommes? Oder hätten Sie dabei ein zu schlechtes Gewissen?

Burger mag ich nicht. Pizza ja, ab und zu. Aber glutenfrei, ohne Weizenmehl. Ich versuche, möglichst auf Weizenmehl zu verzichten. Früher konnte ich eine Menge Süßigkeiten essen, eine komplette Tafel weiße Schokolade. Jetzt esse ich dunkle Schokolade mit 80 Prozent Kakaoanteil, das schmeckt mir sehr gut. Aber ich habe auch gar keine Lust auf normale Schokolade. Das ist ein Automatismus. Wenn du jeden Tag Cola trinkst, dann rebelliert dein Körper, wenn du sie nicht mehr trinkst: Hey, wo ist meine Cola, die ich seit Wochen jeden Tag trinke? Das ist ein Schock für den Körper.

Was haben Sie noch an Ihrer Ernährung verändert?

Ich vertrage keine normale Milch mehr. Meine Frau meinte, dass ich mal ein paar Wochen auf Süßigkeiten und Milch verzichten soll und schauen, wie ich darauf reagiere. Ich habe dann gemerkt, dass ich mich morgens viel besser fühle und nicht mehr so müde bin. Manchmal stellt man aber auch etwas an der Ernährung um und merkt den Unterschied nicht direkt nach ein paar Stunden oder Tagen. Aber wenn ich 35 werde, kann ich vielleicht sagen, dass ich mich wie 32 fühle. Und dass das, was ich früher getan habe, sich später positiv auswirkt.

gq-0221-robert-lewandowski-logo-art-03.jpg © Markus Burke gq-0221-robert-lewandowski-logo-art-03.jpg

Haben Sie sich für die vielen Erfolge der vergangenen Monate belohnt?

Ich bin kein materieller Mensch. Klar, ich bin Fan von Autos, das ist mein Hobby, und ich fahre gerne schnell. Nicht auf der Straße, sondern auf der Rennstrecke. Nach dem Sieg im Finale der Champions League hat mich ein Bekannter gefragt, ob ich mir für diesen Titel nicht eine spezielle Uhr kaufen möchte. Und ich dachte mir: Ja, das ist wahrscheinlich nicht schlecht – und habe das gemacht. Aber es war nicht so, dass ich mir das vorgenommen hätte.

Beim Shooting hatten Sie Begleiter dabei, die Sie offensichtlich sehr gut kennen. Wie wichtig sind Ihnen die Freunde Ihrer Kindheit und Jugend?

Wir kennen uns seit Jahren, damals habe ich noch in der Zweiten Liga in Polen gespielt, seitdem sind sie immer mit dabei. Meine besten Freunde habe ich, seitdem ich zehn Jahre alt bin, wir haben zusammen Fußball gespielt und halten immer Kontakt. Meine Freunde sind mir sehr wichtig, denn egal wo ich bin und spiele, sie reisen mir immer hinterher. Früher schon, als ich bei Znicz Pruszków in der Zweiten Liga in Polen war und maximal 2 000 Leute zusahen – bei einem guten Spiel. Jetzt begleiten sie mich in der Champions League, sind normalerweise in den größten Stadien der Welt dabei – wegen der Corona-Pandemie ist das gerade natürlich kompliziert. Meine Freunde stehen immer hinter mir, das bedeutet mir sehr, sehr viel.

Und finden Sie leicht neue Freunde? Sie können ja nicht einfach in eine Bar gehen und sagen: „Hey, ich bin Robert, und wer bist du?“

Das ist eine der negativen Seiten, wenn man bekannt ist. Ich habe auf meinem Weg viele Menschen kennengelernt, die mich nur ausnutzen wollten, die nicht korrekt zu mir waren. Solange ich keine Kinder hatte, war ich auch privat sehr verschlossen. Als meine Kinder auf die Welt kamen, habe ich verstanden, was es bedeutet, Vater zu sein, und was wichtig ist im Leben. Am wichtigsten ist die Familie. Auch nach Niederlagen oder schlechten Momenten werde ich, wenn ich nach Hause komme, mit einem großen Lachen und Freude empfangen. Das hat mich auch zu einem offeneren, kontaktfreudigeren Menschen gemacht. Dafür bin ich meinen Kindern dankbar. Aber ich muss trotzdem aufpassen – wenn ich jemand Neues kennenlerne, starte ich erst einmal zurückhaltend und beobachte, wie derjenige auf mich reagiert. Manche Dinge sind einfacher, wenn du ein bekannter Fußballspieler bist, manche Sachen eben schwieriger, und das muss man akzeptieren. (Lesen Sie hier: So lebt Bayerns David Alaba privat in Wien)

Ich wünsche mir manchmal, ein No-Name zu sein – und zum Beispiel anonym spazieren zu gehen

Was vermissen Sie?

Einfach spazieren gehen mit der Familie – ohne dieses Gefühl, ständig beobachtet zu werden. Bitte nicht falsch verstehen, die meisten Menschen sind sehr nett zu mir. Wenn mir jemand zu einem guten Spiel gratuliert, freue ich mich darüber natürlich. Ich weiß auch, was das den Leuten bedeutet. Ich wünsche mir aber manchmal, ein No-Name zu sein – und zum Beispiel anonym spazieren zu gehen.

Für ein Foto dieses Shoots sind Sie auf einem Baukran mehrere Meter in die Höhe gefahren, ohne zu zögern. Sind Sie ein risikofreudiger Mensch?

Ich mag Adrenalin und extremere Sachen: Wakeboarden, Jetski, da habe ich großen Spaß. Ich hatte noch nie Probleme, etwas Neues zu probieren oder eine neue Sportart zu trainieren.

Gibt es Dinge, vor denen auch Sie Angst haben?

(überlegt lange) Ich weiß nicht, ob ich so etwas habe.

Das ist ja auch gut.

Angst habe ich nur um Gesundheit. Nicht um meine, aber um die Menschen um mich herum. Gerade in Zeiten von Corona, wenn man sieht, was da in den Krankenhäusern passiert. Wobei: Bungeespringen – da hätte ich Angst um meine Beine. Das ist das Einzige, was ich nicht machen würde.

Als Sie sich zwischen den Aufnahmen umgezogen haben, haben Sie die Kleidung fein säuberlich wieder auf die Bügel gehängt. Wie wichtig ist Ihnen Ordnung, dass alles in Ihrer Umgebung einen festen Platz hat?

Ich bin schon der etwas korrektere Typ, eine gewisse Ord­nung muss sein. Aber auch nicht total übertrieben. Als ich 16 war, habe ich alleine mit meiner Schwester in einer Wohnung gelebt, musste kochen, die Wäsche waschen und Ordnung in den Zimmern halten. Das war die alte Wohnung meines Opas, sie hatte etwa 45 Quadratmeter, es war perfekt für uns. In einem Zimmer lebte ich, in dem anderen meine Schwester.

Also kein Vergleich zu Ihrem Leben heute.

Damals waren wir damit sehr zufrieden. In dieser Phase habe ich auch meine Frau kennengelernt, wir haben zusammen studiert. Aus dieser Zeit bin ich es gewohnt, mich alleine um Dinge zu kümmern, deshalb gibt es das bei mir nicht, dass ein Socken in der einen Ecke des Zimmers liegt und der an­dere in der anderen. Und auch wegen der Trainingslager: Die Trainer haben immer darauf geachtet, dass wir zum Beispiel unser Bett immer selbst machen. Als Junge habe ich regel­mäßig das Auto meiner Eltern gewaschen – und wenn ich dabei ein paar Złoty fand, durfte ich sie behalten, um auf neue Fußballschuhe zu sparen.

Hat sich durch die Corona-Pandemie etwas für Sie privat geändert?

Im ersten Lockdown war ich drei oder vier Wochen lang zu Hause. In München war super Wetter. Es war das erste Mal seit ungefähr zwölf Jahren, dass ich nur daheim war und nicht daran denken musste, dass wir drei Tage später ein Spiel ha­ben oder ich morgen ins Training muss. Wir haben zwar je­den Tag trainiert, aber jeder für sich daheim. Ich konnte ein­fach die Zeit mit der Familie genießen – auch mal ein ganzes Wochenende. Ich habe gespürt, wie es sich anfühlt, wenn man kein Fußballprofi ist.

gq-0221-robert-lewandowski-logo-art-01.jpg © Markus Burke gq-0221-robert-lewandowski-logo-art-01.jpg

Wie waren die vergangenen Monate?

Das war wohl für uns alle eine schwere Zeit. Ich bin sehr dankbar, dass wir spielen und trainieren können und den Menschen, die daheim unsere Spiele verfolgen, die Emotio­nen bringen können. Gleichzeitig vermisse ich den Impuls von außen. Wir sind am Flughafen, im Hotel, fahren zum Stadion, es ist immer der gleiche Ablauf, auch bei Auswärts­ spielen. Keine Fans, die einen pushen – oder auch die An­hänger des Gegners, die einen auspfeifen, auch das kann motivieren.

Wie haben Sie sich an die Spiele in den leeren Stadien gewöhnt?

Die ersten drei, vier Partien waren extrem schwer. Dann habe ich mir gesagt: Ich muss diese Situation jetzt akzeptieren, wie sie ist. Jetzt kann ich mich auch ohne Zuschauer total fokus­sieren, aber der Impuls von außen fehlt trotzdem. Ich träume davon, wieder vor Zuschauern zu spielen. In der Pandemie ist das leider unmöglich.

Durch Corona bekommen die Mannschaften, die vor allem auf Kredit leben, wahrscheinlich mehr Probleme

Denken Sie, dass sich durch Corona der Fußball mit seinen vielen Reisen langfristig verändern wird?

Wir reisen sowieso abgetrennt, das war vorher auch schon so. Aber ich glaube, dass sich viele erst jetzt Gedanken gemacht haben, was im Leben wirklich wichtig ist. Die sind vor Corona nur nach vorne gelaufen und haben nicht ge­sehen, was links und rechts von ihnen passiert. Das hat sich in der Corona-­Zeit neu sortiert – und die Dinge, von denen man früher gedacht hat, sie seien wichtig, sind gar nicht so wichtig.

Glauben Sie, dass die Europameisterschaft wie geplant stattfinden wird?

Ich hoffe ja. Mit Zuschauern wäre das sicher schwieriger zu organisieren. Aber ohne Fans – so wie heute – muss das funk­tionieren.

Wie wird sich der Fußball 2021 entwickeln?

Ich glaube, dass manche Mannschaften vor der Krise Trans­fersummen bezahlt haben, die teilweise keine Grenzen kann­ten, und Spieler viel höher gehandelt wurden, als es eigent­lich angebracht gewesen wäre. Aber man kann am Ende nicht die ganze Zeit auf Kredit leben. Durch Corona bekommen die Mannschaften, die vor allem auf Kredit leben, wahr­scheinlich mehr Probleme. Die Transfersummen werden bestimmt erst einmal nach unten gehen. Die Frage ist, wie es sich entwickelt, wenn die Zuschauer wieder da sind. Aber Fußball bleibt immer ein Sport, den man mit seinen Emotio­nen und der Show, die die Spieler auf dem Rasen liefern, nur live erleben und nicht kaufen kann – und das ist es, was die Menschen lieben. Dass man nicht weiß, was auf dem Feld passiert. Das ist das Wertvollste am Fußball. (Lesen Sie hier: FC-Bayern-Vorstand Oliver Kahn im GQ-Interview)

Helden gehen oft auf Reisen, Sie kamen aus Polen über Dortmund nach München. Endet Ihre Reise hier? Oder ziehen Sie weiter?

Im Moment bin ich in München, spiele in der besten Mann­schaft der Welt, habe Spaß mit meinen Teamkollegen und fühle mich hier sehr gut. Ich will noch länger auf Top­-Niveau Fußball spielen. Mein Vertrag beim FC Bayern läuft noch zwei Jahre, aber ich glaube, das kann man weiterdenken. Was in drei oder vier Jahren passiert, darüber habe ich mir noch keine genauen Gedanken gemacht. Aber ich will noch mindestens fünf Jahre spielen. Vielleicht länger, wenn es geht.

Die aktuelle GQ

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