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90 Jahre "Der Blaue Engel": Wie man den Nachlass von Marlene Dietrich online erforschen kann

Tagesspiegel-Logo Tagesspiegel 01.04.2020 Andreas Conrad

Am 1. April 1930 feierte der Film, mit dem die Dietrich berühmt werden sollte, in Berlin Premiere. Die Kinemathek präsentiert Fotos und Objekte im Web-Archiv.

Berühmte Pose. 1929 und 1930 wurde der Film mit Dietrich als "Lola Lola" in Neubabelsberg gedreht. © Foto: picture-alliance / dpa Berühmte Pose. 1929 und 1930 wurde der Film mit Dietrich als "Lola Lola" in Neubabelsberg gedreht.

Das Laster ist bisweilen leicht wie eine Feder. Gleich drei Fotokarten der verruchten Lola Lola, Star in der stadtbekannten Hafenkneipe „Der Blaue Engel“, hat Gymnasialprofessor Immanuel Rath bei seinem Klassenprimus konfisziert – erst entrüstet, dann zunehmend angetan von der darauf abgebildeten Frau.

Besonders eine Karte fesselt ihn: Für das Bühnenkostüm der Sängerin hat mancher Straußenvogel sein Leben lassen müssen, unten läuft es in einen dem Foto aufgeklebten Federschmuck aus, den nicht hoch zu pusten einer wie Professor Rath schon sehr standhaft sein müsste. Nun, er ist es nicht, blickt vorsichtig erst nach rechts, dann nach links, spitzt die Lippen, lässt die Luft ganz sanft hindurch strömen – das luftige Nichts hebt sich, zeigt wohlgeformte Schenkel, die Strumpfhalter gar. Der Mann ist verloren.

Zu Wochenbeginn hätte Josef von Sternbergs Film „Der Blaue Engel“ mit Marlene Dietrich und Emil Jannings, der erste Tonfilm der Ufa, im Arsenal laufen sollen, mit Blick auf diesen Mittwoch, den 90. Jahrestag der Premiere. Daraus wurde aus bekannten Gründen nichts, auch das Museum für Film und Fernsehen am Potsdamer Platz ist Coronavirus-bedingt dicht.

Die Möglichkeit, die handlungsauslösende, dort als Filmrequisit ausgestellte „Pustekarte“ selbst in Augenschein zu nehmen, gibt es bis auf weiteres nicht. Doch das gilt nur für die reale, nicht die virtuelle Karte, die als Teil der „Marlene Dietrich Collection Berlin“ digital aufbereitet und online zu bewundern ist, auch wenn Pusten da leider nichts bewirkt.

Seit 1993 befindet sich der Nachlass der Dietrich im Archiv der Deutschen Kinemathek. Dazu gehören über 300 000 Blatt private und berufliche Schriften, 16 500 Fotografien und über 3300 textile Objekte. Rund 1500 Objekte wurden 2017/18 digitalisiert, geben so einen Einblick in den Bestand.

Um zu der frivolen Fotokarte zu kommen, muss man sich nicht durch die immer noch schwer überschaubare Online-Kollektion klicken, sondern startet besser eine Datenbanksuche auf der Webseite der Deutschen Kinemathek, mit dem Namen „Marlene Dietrich“, dem Ortsnamen Berlin und dem Zeitraum 1929/30: Vom 4. November 1929 bis 22. Januar 1930 war der Film in den Ufa-Ateliers in Neubabelsberg gedreht worden, parallel auf Deutsch und Englisch. Am 1. April 1930 hatte er Weltpremiere im Gloria-Palast am Kurfürstendamm.

Man stößt bei der Suche vor allem auf Glamourfotos. Lola Lolas Kimono ist zu sehen, hergestellt von dem noch immer bestehenden Berliner Kostümausstatter Theaterkunst. Im Film hängt er nur in der Kneipengarderobe. Auch ein Schminkkoffer ist abgebildet, ein Geschenk Josef von Sternbergs. Er stammte von der Firma Albert Rosenhain, einem in der Leipziger Straße ansässigen Geschäft für Geschenke und Galanteriewaren. Dort hatte Marlene Dietrich auch zwei ebenfalls online zu bestaunende Schrankkoffer gekauft. Mit ihnen dürfte sie Berlin verlassen haben, als sie noch in der Premierennacht nach Bremerhaven fuhr, um auf der „Bremen“ gen Hollywood aufzubrechen.

Wäre das Museum jetzt geöffnet, könnte man auch einen Blick aufs Drehbuch und ein Setmodell der Hafenkneipe werfen. Eine Reproduktion des Filmplakats ist ausgestellt und in Dauerschleife läuft ein Filmchen, das im Oktober 1929 entstand: Marlene Dietrich beim Casting, als sie singend zeigen sollte, ob sie als Lola Lola geeignet war. Und wie sie es war! Der Pianist, wahrscheinlich Peter Kreuder, griff bei „You’re the Cream in my Coffee“ daneben und wurde von ihr vor laufender Kamera zusammengefaltet.

Und ihr Englisch war so gut, wie man es für die parallele Fassung eben brauchte. Den Film hat Marlene Dietrich nie selbst gesehen. Das Lied aber gehörte später fest zu ihrem Repertoire, als „the song which brought me into pictures“. Man findet ihren Zornesausbruch auch auf Youtube, dazu den Trailer und einzelne Filmszenen, so etwa Professor Rath beim Pusten, den ganzen Film allerdings nur italienisch synchronisiert.

Will man darüber hinaus die Spuren Dietrichs, für die „Der Blaue Engel“ der Start zur Weltkarriere war, quer durch Berlin verfolgen, so kann man in besseren Zeiten als den jetzigen in der Schöneberger Leberstraße 65 beginnen, wo sie am 27. Dezember 1901 geboren wurde und eine „Berliner Gedenktafel“ an sie erinnert. Einen Marlene-Dietrich-Platz gibt es vor dem Berlinale-Palast.

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Enden könnte solch eine Tour auf dem Friedhof in der Friedenauer Stubenrauchstraße, wo sie nach ihrem Tod am 6. Mai 1992 in Paris ein Berliner Ehrengrab erhielt. An der Wilmersdorfer Victoria-Luisen-Schule, dem heutigen Goethe-Gymnasium, war sie 1917/18 zur Schule gegangen, im Steglitzer Schlossparktheater stand sie am 20. Januar 1922 in „Der große Bariton“ erstmals auf der Bühne.

Ihr berühmtester Berlin-Auftritt fand am 3. Mai 1960 im Steglitzer Titania-Palast statt, unter unschönen Umständen: Es gab Proteste gegen sie, die Deutschland 1930 verlassen hatte und mit ihren Mitteln gegen Hitler gekämpft hatte – für manche eine „Vaterlandsverräterin“.

"Ungezählte Vorhänge für Dietrich und Jannings"

Wie anders war da doch der Abend des 1. April 1930 verlaufen. 300 Privatkarossen zählte der „B.Z.“-Reporter vor dem Kino, gleich 20 Schupos seien eingesetzt gewesen. Die führenden Köpfe der Filmwirtschaft waren gekommen, um der Premiere des neuen Mediums beizuwohnen. Und der Abend wurde ein Riesenerfolg: „Zum Schluss ungezählte Vorhänge für Marlene Dietrich und Emil Jannings“, resümierte der „Film-Kurier“.

Zugleich war aber deutlich geworden, dass Filmkünstler wie Zuschauer den Tonfilm noch nicht ganz beherrschten. Der erfordert schließlich, wie der „Film-Kurier“ hinterher feststellte, „stärkste Aufmerksamkeit des Ohres“. Es habe sich aber erwiesen, „dass die vorausschauend bei besonders guten Stellen des Films eingesetzten Beifallspausen, in denen der Film stumm weiterläuft, zu klein sind. Das Klatschen donnert in die nächsten Szenen über und wird wegen des Notwendigkeit des Zuhörens abgewürgt“. Dem „Blauen Engel“ hat dieser Mangel nicht geschadet.

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