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Keine Angst vor Blau, Weiß, Rot!

AD Magazin - Architectural Digest-Logo AD Magazin - Architectural Digest 19.06.2020 Dr. Simone Herrmann

Kunstkammer

© Sotheby's

„I carry my landscapes around with me“. Am Tag sammelte sie das Licht und die Farben. Dann trank sie bis die Welt verschwand. Bis sich das Fenster zu ihrer Imagination und ihren inneren Landschaften öffnete. Bis die Erinnerungen an Orte und Menschen sie überfluteten. Dann begann sie zu malen. Joan Mitchells Gemälde waren heftige Ausbrüche, Eruptionen. „Wenn ich nicht male, kann ich nicht atmen.“

Der rote Pinselstrich sitzt genau in der Mitte des Bilds. Karmesinrot und leuchtend. Ein Schmiss, ein klaffender Riss. Darüber irrlichtern blaue Pinselspuren und weisen über das Gewirr von rosa, zederngrünen, marineblauen, orange- und bronzefarbenen Pinselstrichen hinaus, an den unteren Bildrand, dorthin, wo sich Rot und Blau gegenüberstehen. Zwei breite, kurze Farbspuren. Wie zum Kampf stehen sie da. Rot und Blau vor weißem Fond. „Mit Blau beginnt jedes Bild“, sagte sie einmal. Es ist das Blau des Lake Michigan, des Sees ihrer Kindheit. Die große Weite. Rot ist Intensität und Weiß gibt den Rhythmus vor, steht für Angst, Depression. Es ist ein veränderliches Weiß, bläulich, gelblich, rosig schimmernd. rahmig, pastos, matt, seidig, sanfte weite Flächen, wie Milch in einer Schale, aber auch Zersplittertes, klirrendes Glas. Ein Hintergrund, vor dem sich in der Mitte des Bilds, unterhalb der roten Farbspur, eine Dreiecksform ausmachen lässt. Eine Art Farbverdichtung, ein Termitenhügel aus Pinselspuren, flirrend, wimmelnd, als sähe man in der Ferne einen Berg aufragen. Immer wieder in einem anderen Licht. Weit weg und doch nah. Als würde in Gedanken ein Bild entstehen, ein Berg, eine Landschaft. „Meine Malerei“, sagte sie einmal, „dreht sich um ein Gefühl, das von draußen zu mir kommt, aus der Landschaft.“

Detail: „Liens colorés“, Joan Mitchell (1925 – 1992) um1956; Signiert. Öl auf Leinwand, 141 x 190, 6 cm. Los 3 der Auktion:„The Ginny Williams Collection. Evening Sale“, 30. Juni 2020, Sotheby’s, NewYork. Schätzpreis: 5 bis 7Millionen USD. sothebys.com © Sotheby's Detail: „Liens colorés“, Joan Mitchell (1925 – 1992) um1956; Signiert. Öl auf Leinwand, 141 x 190, 6 cm. Los 3 der Auktion:„The Ginny Williams Collection. Evening Sale“, 30. Juni 2020, Sotheby’s, NewYork. Schätzpreis: 5 bis 7Millionen USD. sothebys.com

141 mal 190,6 Zentimeter misst die Leinwand. „Liens colorés“ hat Joan Mitchell ihr Bild genannt. Farb-Beziehungen, farbliche Verbindungen oder auch: Farbzusammenhänge. Die Übersetzung des französischen Titels ist vieldeutig. Mitchell, die fast 40 Jahre ihres Lebens in Frankreich verbracht hat, wusste das wohl. Alles liegt in der Nuance.

Mitchell gilt als Hauptfigur der New York School, als Vertreterin des Abstrakten Expressionismus der zweiten Generation nach Franz Kline, Willem de Kooning und Jackson Pollock, eine der bedeutendsten Malerinnen des Action Painting. Malerin, Künstlerin. Woman artist? Das Wort allein brachte sie in Rage. „I am an artist“. Punkt.

Auf einer Fotografie aus dem Jahr 1956 sitzt sie mitten in ihren Werken. An den Wänden hängen große Leinwände, und auch auf dem Boden liegen sie. Der ganze Raum ist damit ausgefüllt. Auf ihren Bildern wird Farbe zur Geste, pathetisch und überbordend, läuft aus, versickert, flammt auf, regnet im Stakkato auf die Leinwand nieder, tropft, fließt, klatscht auf die Leinwand, gräbt sich ein, tief und schmerzhaft wie ein Hieb, oder sie schwebt ins Weite, gestrichelt, verwischt, liquide, leicht und traumverloren.

Mitchell sitzt vor „Liens colorés“, das Bild liegt hinter ihr; es ist im selben Jahr entstanden wie das Foto, 1956. Da pendelt sie noch zwischen New York und Paris. Dort hat sie, die kurz und schmerzlos mit dem legendären „Grove Press“-Verleger Barney Rosset, dann mit dem jungen Alan Greenspan verheiratet war, 1955 den Maler Jean-Paul Riopelle kennengelernt. Auch der Kanadier gehört zur Gruppe der abstrakten Expressiven, malt mit dem Spachtel, modelliert mit Farbe. Seine Bilder sind Reliefs. Pastos und doch leuchtend, flirrend wie Glasfenster. Sie bereichern sich, Mitchell und Riopelle, aber diese Liebe, die wild ist und zart, tumultuös, gewalttätig, zehrt sie auch aus. Als sie sich trennen, 1979, sind beide am Ende ihrer Kräfte, krank, ausgehöhlt. Sie haben weite Gefühlslandschaften durchmessen, zerklüftetes Gelände, zueinander hin und voneinander weg. Sie tun sich weh, aber bis zuletzt, bis zu Joan Mitchells Krebstod 1992 bleiben sie sich zärtlich verbunden. In ihrer Kunst befeuern sie sich, stacheln sich gegenseitig an. Es ist ein Wettkampf. Rot und Blau stehen sich gegenüber. Der Fond ist weiß.

Detail: „Liens colorés“, Joan Mitchell (1925 – 1992) um 1956; Signiert. Öl auf Leinwand, 141 x 190, 6 cm. Los 3 der Auktion: „The Ginny Williams Collection. Evening Sale“, 30. Juni 2020, Sotheby’s, New York. Schätzpreis: 5 bis 7 Millionen USD. sothebys.com © Sotheby's Detail: „Liens colorés“, Joan Mitchell (1925 – 1992) um 1956; Signiert. Öl auf Leinwand, 141 x 190, 6 cm. Los 3 der Auktion: „The Ginny Williams Collection. Evening Sale“, 30. Juni 2020, Sotheby’s, New York. Schätzpreis: 5 bis 7 Millionen USD. sothebys.com

Mitchell ist Teil des Boys Club, stellt mit Arshile Gorky, Willem de Kooning „und den anderen Jungs“ in der „9th Street Show“ aus. Keiner wagt es vor ihren Bildern das F-Wort zu sagen. Feminin? Vielleicht sehen die Kritiker 1952 bei ihrer ersten Solo-Show in der „New Gallery“ deshalb „Kataklysmen agressiver Farb-Linien“ in ihren Bildern. Denn so etwas wie Mitchell sind sie nicht gewohnt. Sie macht ihnen Angst. Die Frau ist ein Systemsprenger.

Joan Mitchell wird 1925 in Chicago geboren. Der Vater ist Arzt, die Mutter, Marion Strobel-Mitchell, Mitherausgeberin des Magazins „Poetry“. Gedichte und Malerei. Das Art Institute in Chicago ist ihr von klein auf vertraut. Es beherbergt eine der weltweit berühmtesten Sammlungen des französischen (Post)-Impressionismus. Manet, Monet, vor allem aber: Cézanne und Van Gogh. In diesen Bildern lernt sie - Sehen. Die Welt, aber auch sich selbst. Sie studiert an der Schule des Art Institute, geht dann nach New York. Das Kunststudium ist eine Flucht. Sie sucht einen Ort, an dem sie „alles aussprechen“ kann. In der Schule hatte man ihr das immer vorgeworfen. Wenn Joan nur nicht so barsch wäre, so verletzend ehrlich. Quartalsmäßig werden ihre Eltern einbestellt. Sie passt nicht zu den anderen. Nicht zur Konvention. Man will sie von der Schule werfen. Mehrmals sogar. Dabei ist sie schüchtern, tief wie ein tiefer Brunnen. Ein Schacht in dem vieles wiederhallt.

Die erste Welle des Abstrakten Expressionismus ist bereits in die New Yorker Kunstszene gebrandet, als sie Kline, de Kooning, Pollock kennenlernt. Das Wilde, Gestische, die Rage – es ist ihre Form des Ausdrucks. Den ganzen Körper einsetzen, alle Energie. Sich verausgaben. Vor einer Leinwand stehen wie zum Duell, aber auch davor knien, wie vor etwas, das man über alles liebt. Ganz zarte Töne anschlagen, perlend, flüchtig wie ein Blütenhauch, weiß, rosa, wassergrün. Pathos und eine Zartheit, die umso berührender ist, weil sie von dieser Macho-Frau kommt.

Da sitzt sie also, 1956, in ihrem Atelier in der Pariser Rue Daguerre. Und ein drohender Unterton liegt wie eine Grundierung auf ihrem Gesicht. Als hätte jemand „Cheese“ gerufen, und sie wäre kurz davor, ihm die Zigarette ins Gesicht zu werfen. Unter ihren Augen sind tiefe Ränder, wie zum Hohn sitzt Lippenstiftrot auf ihrem Mund. Auf einem anderen Foto aus demselben Jahr ist alle Schminke weg, auch die amerikanische Frisur, der brave Scheitel. Sie ist mager, nackt unter ihrem Hemd. Auch im Gesicht. Dieser Blick, so abschätzig unter den schweren Lidern, und dabei so wachsam. So arrogant und so verletzlich. Gleich quillt ihr der Rauch aus der Nase. Ein Jünglingsporträt mit Silberarmband und Zigarette. Nouvelle Vague. Sie geht nach Frankreich, weil sie muss. Schon 1948/49 war sie mit einem 2000 Dollar-Stipendium ein Jahr in Paris und in der Provence. Es war wie ein Heimkommen in diese Bilder. Diese Landschaften. Diese Harmonien.

„Liens colorés“, Joan Mitchell (1925 – 1992) um 1956; Signiert. Öl auf Leinwand, 141 x 190, 6 cm. Los 3 der Auktion: „The Ginny Williams Collection. Evening Sale“, 30. Juni 2020, Sotheby’s, New York. Schätzpreis: 5 bis 7 Millionen USD. sothebys.com © Sotheby's „Liens colorés“, Joan Mitchell (1925 – 1992) um 1956; Signiert. Öl auf Leinwand, 141 x 190, 6 cm. Los 3 der Auktion: „The Ginny Williams Collection. Evening Sale“, 30. Juni 2020, Sotheby’s, New York. Schätzpreis: 5 bis 7 Millionen USD. sothebys.com

„Liens colorés“ kommt am 30. Juni 2020 als eines der herausragendsten Werke der Sammlung Ginny Williams bei Sotheby‘s New York zum Aufruf. Jener Fotografin und Sammlerin aus Denver, die sich über Jahrzehnte um das Werk der Malerinnen des Abstrakten Expressionismus verdient gemacht hat. Lee Krasner, Helen Frankenthaler, Giorgia O‘Keeffe sind in ihrer Sammlung vertreten. Joan Mitchell ist gleich mit drei eminenten Gemälden dabei. Neben „Liens colorés“ werden auch „Garden Party“ (1961-62) und „Straw“ aus dem Jahr 1976 angeboten. Es ist wie eine kleine Retrospektive durch Mitchells Oeuvre. Und durch die vielfältigen Beziehungen, die sie an Frankreich knüpfen.

„Garden Party“, 1961-62. Öl auf Leinwand, 164,5x 130,2 cm; Los 7 der Auktion: „The Ginny Williams Collection. Evening Sale“, Sotheby’s,New York. 30. Juni 2020, Schätzpreis: 4 – 6 Millionen USD. sothebys.com © Sotheby's „Garden Party“, 1961-62. Öl auf Leinwand, 164,5x 130,2 cm; Los 7 der Auktion: „The Ginny Williams Collection. Evening Sale“, Sotheby’s,New York. 30. Juni 2020, Schätzpreis: 4 – 6 Millionen USD. sothebys.com

„Garden Party“ ist in Vétheuil entstanden, in jenem Ort im Norden von Paris, an dem Claude Monet eine Weile lebte. Und an dem sie fast ihr ganzes Künstlerleben verbrachte. Dort malte sie, vom Nachmittag bis in den frühen Morgen. Landschaftseindrücke, eine Lichtstimmung, Rot und Grün, Bäume und Menschen, Gesprächsfetzen, Gläserklingen, aber vor allem einen Garten. Jeder Betrachter sieht einen andern darin, manche Kunsthistoriker wollten den von Monet darin sehen. Mitchell hat sich immer dagegen verwahrt, sie habe sich im Wesentlichen am Spätwerk Monets inspiriert, an seinen Bildern aus Giverny: Seerosen, Glyzinien, Weiden, Wasserspiegelungen, die zu atemberaubenden, abstrakten Kompositionen wurden. Wenn schon, dann seien es Cézanne und Van Gogh gewesen, sagte Mitchell. Wie bei „Straw“. Eine große Leinwand, 280 mal 200 Zentimeter, die sie 1976 gemalt hat. „Stroh“ heißt es und sofort sieht man den kleinen, rührenden Strohstuhl auf Van Goghs Bildern in Arles vor sich. Wie hingezaubert. Seine funkelnde Farbe: Gelb, Orange, Türkis, Dunkelgrün. In den nebeneinandergesetzten Pinselstrichen, den Schraffuren, dem Stakkato ist das Material, sind die Strohhalme zur Farbe geworden. Und die Farbe zur Atmosphäre – zu einer ganzen Welt.

„Straw“, 1976. Öl auf Leinwand, 280 x200 cm; Los 12 der Auktion: „The Ginny Williams Collection. Evening Sale“, Sotheby’s,New York. 30. Juni 2020, Schätzpreis: 5 – 7Millionen USD. sothebys.com © Sotheby's „Straw“, 1976. Öl auf Leinwand, 280 x200 cm; Los 12 der Auktion: „The Ginny Williams Collection. Evening Sale“, Sotheby’s,New York. 30. Juni 2020, Schätzpreis: 5 – 7Millionen USD. sothebys.com

„Liens colorés“ bildet den Auftakt zu dieser Mini-Retrospektive. Es ist ein zartfühlendes Bild, vertraut mit dem Kolorit Edouard Manets, seinen Spargel- und Blumenstilleben, seinen Fliederstäußen, seinen Tischdecken. Glimmendes Weiß, in dem ein zärtliches Rosa spielt, kühles Eisblau und Partien, die wie weißer Damast sind; bereits 1955 malt sie dieses Weiß in „City Landscape“. Eines ihrer schönsten, innigsten Gemälde, das heute im Art Institute von Chicago hängt. Back home. Ein malerisches Juwel, es wirkt, als habe sich „Liens colorés“ aus dieser komprimierten Komposition entfaltet, als sei es weiter geworden.

So weit wie die Weizenfelder in Illinois, flirrend wie die Straßen, die Dynamik von New York. Und doch so nah wie die Landschaft um Véthieul. Rhythmisch, leuchtend und transluzent. Die „Montaigne Sainte Victoire“ (Philadelphia Museum of Art) schimmert darin wieder auf, Paul Cézannes magischer Berg, vom Weiß, dem bläulichen Zederngrün, bis hin zu seinen Pfirsichtönen.

Und es ist ein stürmisches Bild, so exzessiv wie ihre Liebe zu Jean-Paul Riopelle, die 1956 ihren Anfang nimmt. Die Farben brauchen einander, flirten, wetteifern, stehen sich gegenüber. Rot und Blau vor Weiß. Mitchell selbst ist darin. In eine andere Lebendigkeit transponiert. Mit ihren Bildern wolle sie „das Gefühl einer sterbenden Sonnenblume vermitteln“, andere wiederum „treten mir so schamhaft gegenüber wie junge Mädchen... Sie sind sehr lebendig... Ein Organismus, der im Raum atmet.“

„Liens colorés“ steht am Beginn ihres Lebens in der Malerei, über das sie am Ende sagte: „Ich werde selbst zur Sonnenblume, zum See, zum Baum, zum Berg. Ich existiere nicht länger.“

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