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Marktgeschichten: So besticht die Stachelbeere als Tiramisu

KURIER-Logo KURIER 03.08.2021 Redaktion kurier.at

Die Stachelbeere ist eine altmodische Frucht mit vielen Namen und ziert bei uns mit ihren schönen Blättern jeden Bauerngarten. Ein wenig aufgepeppt gibt sie sich mondän und versüßt uns zu dieser Jahreszeit so manches Sommerfest.

© YelenaYemchuk/iStockphoto

von Nicole Ott

Nach einer lauen Tropennacht taucht die Morgensonne den Markt bereits zu früher Stunde in hochsommerlichen Glanz.

„Sommer in der Stadt, wie herrlich!“, denke ich mir, als ich mit meinem Weidenkorb über den Bauernmarkt spaziere. Die Bäuerinnen haben ihre Gärten geplündert und farbenfrohe Sträuße gebunden: gelb-orange Ringelblumen wetteifern mit bunten Gladiolen und fliederfarbenem Phlox um den Platz als schönste Sommerblume.

Mein Blick fällt auf burgunderrote Stachelbeeren, „Ågråseln aus meinem Garten“, lacht mich die junge Marktstandlerin an, diesen altmodischen Ausdruck habe ich seit Jahren nicht mehr gehört.

Eine ältere Dame, die einen Strohhut mit blauem Band trägt, schaut interessiert auf. „Dieser Name war früher gebräuchlich, er kommt vom alten Klostergartenlatein“, erklärt sie uns, „da heißt die Stachelbeere Ribes grossularia“. Die alten Mönche wussten schon, wie gesund das Beerenobst ist und bauten es seit dem 16. Jahrhundert an, darum auch der Name „Klosterbeeren“.

Es gibt gelbe, grüne und rote Sorten, ihre Säuren sind gut für die Verdauung und viele Ballaststoffe haben sie obendrein. Die Stachelbeere ist eine raue Gesellin, sie wächst bis 1.700 Höhenmeter, nur im Mittelmeerraum ist sie nahezu unbekannt.

Zurück zum Marktstand. „Für uns Kinder hat die Oma immer Kompott aus Stachelbeeren gekocht“, erzählt ein junger Mann seiner kleinen Tochter, die in ihrem Kindersitz vor ihm auf dem Rad mitfährt. „Ich habe Familie in England, dort sind Stachelbeeren das nationale Lieblingsobst“, sagt die Standlerin. Da fällt mir die berühmte englische Nachspeise „Gooseberry fool“ ein – Stachelbeeren geschichtet mit Schlagoberscreme.

© Kitchenstory

Tipp: Den Stiel der Stachelbeeren erst kurz vor dem Verzehr entfernen, da die Früchte sonst schneller verderben 

Ich eile zu Daniel, um ihn um Rat zu fragen, immerhin kommt die Großfamilie bald zu Besuch und will mit einer Nachspeise beeindruckt werden. Und weil ich gerade mit den Wörtern spiele und noch mit den britischen „Gänsebeeren“ liebäugle, wird es ein süßer Aufmunterer –  italienisch „Tira mi su“ oder auf Englisch ein „Pick me up“.

Sehr lustig

So werden die violetten Früchte zu Hause in Hollerblütensaft eingelegt, auf dass sie noch aromatischer werden. Die Mascarponecreme wird durch den Eischnee wunderbar luftig, das Rumaroma der Biskotten macht das Dessert zwar nicht kindertauglich, aber umso lustiger. Ich schichte die Zutaten in schöne Gläser und muss es mir verkneifen, nicht sofort zu kosten und der Süßspeise die benötigte kühle Ruhezeit zu gönnen. Beim Familienfest genießen wir die famose Nachspeise, die Kinder tollen im Garten herum und wir Großen tauschen den neuesten Klatsch und Tratsch aus. Zu später Stunde flittern Glühwürmchen durch die Nacht und Sternschnuppen fallen vom Himmel – schließlich ziehen die Perseiden über den Nachthimmel. Und fertig ist der Stoff für unseren Sommernachtstraum.

Nicole Ott ist Köchin, Gastronomin und Kochbuchautorin. Am Wiener Kutschkermarkt führt sie das Café Himmelblau.

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