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19 Quadratmeter und ein Fenster zum Himmel

AD Magazin - Architectural Digest-Logo AD Magazin - Architectural Digest 03.03.2020 Roland Hagenberg

Wohnen auf kleinem Raum

Luca Santoro © Isa Lim Luca Santoro

Hosaka-San, im Love2 House, das Sie selbst entworfen haben, leben Sie zusammen mit Ihrer Frau Megumi auf gerade mal 19 Quadratmetern. Kommen Sie sich da nicht in die Quere?

Nicht die Spur! Love2 ist allerdings auch nur unser Zweitwohnsitz, die Erweiterung unseres Love House in Yokohama sozusagen. Weil ich von dort jeden Tag zwei Stunden zur Waseda-Universität brauchte, wo ich unterrichte, haben wir uns schließlich entschieden, unter der Woche in Tokio zu leben und zu arbeiten.

Wo finden Sie hier denn überhaupt Platz zum Arbeiten?

Zum Beispiel hier, an diesem alten Nähmaschinentisch. Da sitze ich oft noch lange nach Mitternacht, wenn Megumi im Schatten hinter der schulterhohen Betonwand längst eingeschlafen ist. Dann koche ich mir einen Kaffee und lasse Träume in den Wachzustand fließen. Um sieben fährt sie in unser Büro, und ich schlafe noch zwei Stunden. Mehr als fünf brauche ich nicht.

Takeshi Hosaka Well Tokio © Koji Fuji Takeshi Hosaka Well Tokio

Megumi ist nicht nur privat, sondern auch beruflich Ihre Partnerin, sie leitet Ihr Büro. Wie kam es dazu?

Schicksal! In einer Buchhandlung blätterte sie einmal Magazine durch und stieß dabei unversehens auf ein Haus von mir. Natürlich kannte sie den Architekten nicht, aber ihr gefiel offenbar das Design. Dann schlug sie ein Buch auf, und wieder war da eines meiner Häuser. „Das hat was zu bedeuten“, dachte sie und spionierte mich in der Architekturabteilung aus. Am Ende baute ich das neue Haus ihrer Eltern – und wir heirateten!

Ihre Karriere begann als Pilot. Beim Betreten von Love2 denkt man sofort an ein Flugzeugcockpit: eng, aber mit Blick in den freien Himmel. Sogar die Fen­ster sind oval.

Sie haben recht, wenn ich hier im Bett liege, über mir nur Himmel, Mond und Sterne, dann ist das beinahe wie im Cockpit. Von der Luftwaffe musste ich Abschied nehmen, als sich plötzlich meine Sehkraft verschlechterte. Also erfüllte ich mir meinen zweiten Traum und wurde Architekt. Schon als Achtjähriger habe ich nicht recht verstanden, warum Leute so komisch bauen. Fenster, Materialien, Proportionen – mir gefiel nichts davon. Daheim stellte ich Möbel um, tat Bücher, Vasen und Bilder dahin, wo sie für mich hingehörten. Damals allerdings noch mit wenig Erfolg; wenn ich von der Schule zurückkam, war meist wieder alles beim Alten.

Takeshi Hosaka Well Tokio © Koji Fuji Takeshi Hosaka Well Tokio Takeshi Hosaka Well Tokio © Koji Fuji Takeshi Hosaka Well Tokio

Ein bisschen Überzeugungsarbeit brauchte es auch beim Love2 House – was war die größte Herausforderung?

Eindeutig die Banken. Bei zehn beantragten wir Kredite, alle sagten ab. „In so einem Haus will doch keiner wohnen“, hieß es da, „und kaufen würde das erst recht keiner.“ Doch bei der elften hatten wir Glück. Der Abteilungsleiter dachte, wenn es Verrückte gibt, die das planen, gibt es wohl auch Verrückte, die in so was investieren. Dann kam die nächste Hürde: Zum Grundstück führt nur ein schmaler Pfad. Also mussten die Arbeiter den Flüssigbeton 60 Meter weit schleppen, teilweise über Treppen. Als wir 2019 einziehen konnten, waren fast zehn Jahre vergangen; mein Bauleiter hatte eines unserer Großprojekte dazwischenschieben müssen.

Wie in diesem Haus das Licht durch den Giebel fällt, erinnert mich an Jørn Utzons Bagsværd-Kirche bei Kopenhagen. Sie sind ein erklärter Bewunderer des dänischen Architekten …

Mit dem Opernhaus in Sydney hat Utzon nicht nur ein Symbol für eine Region geschaffen, sondern auch einen Mythos. Das ist mehr als Architektur. Sollte mir so was in Zukunft ebenfalls gelingen, dann habe ich den Pilotenberuf gerne dafür aufgegeben. Aber ­Utzon ist natürlich nicht mein einziges Vorbild, vieles habe ich etwa von Shigeru Ban gelernt, bei dem ich auch studieren durfte.

Takeshi Hosaka Well Tokio © Isa Lim Takeshi Hosaka Well Tokio

Wie wichtig ist Ihnen die spirituelle Seite des Bauens, die

Utzon so betont hat und die auch das Werk von Architekten wie Tadao Ando oder Peter Zumthor durchzieht? 2014 haben Sie selbst eine Kirche gebaut, die Shonan Christ Church …

Dafür hat mich meine Frau sensibilisiert. Sie ist christlich aufgewachsen, und letztlich war sie es, die mich davon überzeugt hat, in meiner Gedankenwelt einen spirituellen Ort zu schaffen, wo ich Rückhalt finde, besonders in so bewegten Zeiten wie heute. Ich halte es mit Epikur: „Unerreichbares ist irrelevant, Unvermeidbares muss man akzeptieren“, das sagte er schon vor 2300 Jahren. Unsere Aufgabe ist das Dazwischen. Wenn ich also eine Kirche baue – und ein bisschen gilt das auch schon für ein Wohnhaus –, soll man sich dort als Teil eines kosmischen Ganzen fühlen und innere Ruhe finden, ganz egal welcher Religion man angehört.

Finden Sie diese kontemplative Erfahrung trotz aller Platzoptimierung auch im Love2 House wieder?

Unbedingt, für mich ist das die wichtigste Voraussetzung für Kreativität. Da kann Architektur helfen. Denken Sie an europäische Sakralbauten: wuchtige Gewölbe zum Himmel hin, karge Wände, massive Lichtbündel von oben. Und das haben wir auch im Love2 House. Das macht dich bescheiden angesichts des Universums, der Natur. Du beginnst, in dich hineinzuhorchen, entdeckst bisher Ungedachtes, wirst Mitmenschen gegenüber aufgeschlossener.

Takeshi Hosaka Well Tokio © Koji Fuji Takeshi Hosaka Well Tokio Takeshi Hosaka Well Tokio © Koji Fuji Takeshi Hosaka Well Tokio

Aber stört es Sie da nicht, wenn bei offener Schiebetür direkt vor Ihrem Tisch die Leute vorbeigehen?

Nein, genau darum geht es mir ja: In einem limitierten Raum mit dem Draußen verbunden sein, auch wenn ich dort nur Topfpflanzen, Regentropfen und Wolken sehe oder die Zikaden höre.

Wie hat sich die Vorstellung von Architektur seit Ihrer eigenen Studienzeit verändert – heute sind Sie ja selbst Lehrer?

Unsere Gesellschaft ist natürlich nicht stehen geblieben. Wir haben ein, zwei Tage die Woche frei, damals keinen einzigen. Der Unterricht war von oben nach unten ausgerichtet, Widerrede undenkbar. Lehrer forderten uns gnadenlos heraus, setzten uns unter Druck, jagten uns vorwärts. „Wenn du mit nichts Besserem aufwarten kannst, brauchst du hier nicht mehr erscheinen“, so was hörte man damals nicht nur einmal. Eiskalt schleuderten sie dir ihr Urteil ins Gesicht. Heute geht das nicht mehr. Studenten zahlen viel Geld für ihre Ausbildung und würden sich beschweren. Aber damit überzuckern wir auch jede Diskussion und loten die Grenzen der Architektur nicht mehr voll aus.

Zumindest was den Maßstab angeht, haben Sie diese Grenzen mit dem Love2 House jedenfalls erreicht, oder?

Na ja, Le Corbusiers Cabanon an der Côte d’Azur hatte sogar nur 13 Quadratmeter. Die Frage ist, wie klein ein Raum werden kann, in dem trotzdem noch die wichtigsten Lebensaspekte unterkommen – die physischen wie die spirituellen. Kochen, schlafen, kreativ und miteinander glücklich sein, den Kosmos im Fenster. So viel braucht es dafür nicht. Meine Frau sagt immer: „Vergiss nie, wie luxuriös wir eigentlich wohnen. In der Edo-Periode vor 300 Jahren gab sich die durchschnittliche japanische Familie noch mit fünf Tatami-Matten zufrieden.“ Im Vergleich dazu leben wir hier doch immer noch wie die Fürsten!

Takeshi Hosaka Well Tokio © Koji Fuji Takeshi Hosaka Well Tokio Takeshi Hosaka Well Tokio © Koji Fuji Takeshi Hosaka Well Tokio Takeshi Hosaka Well Tokio © Koji Fuji Takeshi Hosaka Well Tokio
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