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Corona-Mythen: Hilfe, Papa glaubt an die Impfverschwörung!

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 02.06.2020 Katharina Nocun

Während der Pandemie verbreiten Bekannte und Verwandte manchmal krude Mythen zum neuen Coronavirus. Zehn Tipps, wie Sie damit umgehen sollten und was helfen kann

Coronavirus © dpa Coronavirus

In der WhatsApp-Familiengruppe postet Papa plötzlich Links zu verschwörungsideologischen YouTube-Videos, die beste Freundin findet Bill Gates unheimlich und der Kollege plappert was von 5G: In Corona-Zeiten sind manchmal auch Menschen aus dem eigenen Umfeld anfällig für Verschwörungsideologien. Wie man so mit ihnen darüber spricht, dass es auch was bringt, erklären die Psychologin Pia Lamberty und die Politikwissenschaftlerin Katharina Nocun.

Schon im Februar warnte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor einer "Infodemie": Vor allem im Netz verbreiteten sich viele Falschmeldungen und Verschwörungserzählungen rund um das Coronavirus, hieß es. Was damals noch wie eine abstrakte Warnung schien, ist mittlerweile für viele Menschen persönlich geworden. Plötzlich scheinen auch die eigene Schwester, der Onkel oder der beste Freund per WhatsApp-Gruppenchat Links zu kruden Verschwörungserzählungen zu teilen.

Wer mit diesem Phänomen das erste Mal konfrontiert ist, mag eine große Ratlosigkeit verspüren. Was mache ich, wenn meine Tante auf einmal meint, dass Bill Gates hinter der Pandemie steckt? Wie rede ich mit meinem Vater, wenn er am Abendbrottisch in einem Nebensatz fallen lässt, dass die Regierung das Coronavirus nur erfunden habe, um Zwangsimpfungen durchzusetzen? Für Angehörige bringt es einen starken Leidensdruck mit sich, wenn nahestehende Menschen plötzlich überall böse Mächte sehen und für rationale Argumente immer weniger zugänglich werden. Diskussionen enden dann oft in Streit über die Weltanschauung. Zehn Tipps, wie man mit Verschwörungsgläubigen umgehen sollte.

Halten Sie dagegen

Auch wenn die Auseinandersetzung mit Verschwörungsgläubigen immens anstrengend und nervenaufreibend sein kann, sollten sich Familienangehörige und Freunde stets vor Augen halten, dass sie als direktes Umfeld häufig noch am ehesten die Chance haben, mit Argumenten durchzudringen. Zwar mag es bequemer erscheinen, bestimmte Themen einfach auszublenden – etwa um den Familienfrieden zu wahren. Schweigen ist aber eine denkbar schlechte Option, da es von Verschwörungsgläubigen oft als Zustimmung gewertet wird. Studien konnten zeigen, dass Falschinformationen selbst nach einer detaillierten Widerlegung noch lange haften bleiben können (zum Beispiel Farmer, Cook, 2013). Daher lohnt es sich, dagegen zu halten.

Intervenieren Sie früh

Der Verschwörungsgläubige kann schnell in eine Abwärtsspirale geraten, die in eine apokalyptische Welt führt. Dann hat auch das direkte Umfeld irgendwann kaum mehr Zugang zu ihm. "Ein Mensch, der eine Verschwörungstheorie für wahrscheinlich hält, kann leicht in einen Sog geraten, der ihn zu weiteren Theorien führt", schreibt der Verein Sekten-Info Nordrhein-Westfalen. Das beginne oft damit, dass der Anschluss an eine Gruppe von Gleichgesinnten gesucht werde. "Spätestens dann ist bald von "wir" und "die" die Rede. "Wir", die sich nicht mehr blenden lassen und die wahren Zusammenhänge erkennen, die sich wehren wollen. "Die" Verschwörer, die uns Böses wollen. Und natürlich die "Schlafschafe", die den normalen Medien alles glauben und von geheimen Mächten ausgenutzt werden.

Im schlimmsten Fall steht am Ende eines solchen Prozesses der radikale Bruch mit den bisherigen Kontakten. Es kann auch passieren, dass Kritikerinnen und Kritiker kurzerhand zum Teil der Verschwörung und damit zu feindlichen Agenten erklärt werden. Spätestens an diesem Punkt wird es sehr schwer, als Umfeld mäßigend auf den Betroffenen einzuwirken. Der Abbruch des Kontakts erscheint oft als letzter Ausweg, um auch das eigene Umfeld zu schützen. Umso wichtiger ist es daher, möglichst früh zu intervenieren, wenn jemand Verschwörungserzählungen äußert. Wer sich mit einer solchen Auseinandersetzung allein überfordert fühlt, sollte nicht vorschnell aufgeben, sondern sich Verbündete im direkten Umfeld suchen.

Stellen Sie sich auf einen langen Prozess ein

In der Regel muss sich das Umfeld auf einen Marathon und keinen Sprint einstellen. Mit dem Zuschicken eines Faktenchecks ist es nicht getan. Ein Weltbild ändert sich nicht von heute auf morgen. Wer Verschwörungsgläubige erreichen möchte, benötigt viel Geduld.

Passen Sie Ihre Strategie an

Das inhaltliche Gegenargumentieren kann in einigen Fällen zum Erfolg führen, ist aber mit Risiken behaftet. Wer Verschwörungsgläubige mit einer großen Zahl von Informationen und Dokumenten überschwemmt, riskiert, dass diese im schlimmsten Fall komplett dicht machen und ein Boomerang-Effekt eintritt. Das bedeutet, der Betroffene oder die Betroffene glauben danach sogar umso mehr an die eigenen Thesen. Wichtig ist daher, in Gesprächen stets genau auf die Reaktion des Gegenübers zu achten und seine Strategie gegebenenfalls anzupassen. Im Zweifel sind einige wenige Argumente, die dafür aber wohl überlegt sind, zielführender als eine lange Liste von Fakten.

Verlieren Sie sich nicht in Details

Sie sollten darauf achten, dass eine Diskussion über Verschwörungserzählungen nicht ausufert. Verrennen Sie sich nicht in Details. Nicht wenige Anhängerinnen oder Anhänger von Verschwörungserzählungen haben sich über einen langen Zeitraum intensiv mit einem Thema beschäftigt. Für Angehörige ist es im Verlauf eines inhaltlichen Disputs daher oft nur schwer möglich, spontan den Wahrheitsgehalt von Behauptungen zu beurteilen – etwa, wenn der oder die Verschwörungsgläubige mit irgendwelchen zweifelhaften Studienergebnissen argumentiert oder auf einen angeblichen Experten oder eine angebliche Expertin verweist. Zudem müssen Sie sich darauf einstellen, dass selbst die eindeutigsten Belege von Ihrem Gegenüber ignoriert werden. Diesen Grenzen sollten Sie sich stets bewusst sein, bevor Sie sich in eine Auseinandersetzung begeben.

Zu diesem Ergebnis kommen auch die Autoren Christian Alt und Christian Schiffer. Sie haben sich im Rahmen der Recherche für ihr Buch Angela Merkel ist Hitlers Tochter. Im Land der Verschwörungstheorien mit einem Menschen getroffen, den sie überzeugen wollten. Sie schreiben: "Mit Fakten kommt man gegen Verschwörungstheorien nicht an. Es geht nicht darum, wer den längeren Appendix hat. Es geht nicht um Fakten, es geht darum, dass sich die Geschichte richtig anfühlt." Insbesondere während einer Krise suchen Menschen oft ein Feindbild, auf das sie ihre eigenen Ängste und Befürchtungen projizieren können. Anstelle sich also in Debatten über Details einer Verschwörungserzählung zu verlieren, sollte man sich eher fragen, welche Funktion der Verschwörungsglaube für die jeweilige Person hat.

Lassen Sie das Gespräch nicht eskalieren

Auch wenn es für das Umfeld oftmals schwierig ist, an sich zu halten, wenn es mit zunehmend absurden Verschwörungserzählungen konfrontiert wird, bleibt es doch wichtig, dass Gespräche nicht eskalieren. Das bedeutet: Nicht laut werden, einander ausreden lassen, keine Schimpfwörter. Seien Sie weder herablassend noch belehrend. Wenn das Gegenüber das Gefühl hat, dass Sie jemanden nicht für voll nehmen, fehlt eine essenzielle Gesprächsvoraussetzung. Es ist möglich, inhaltlich klar zu sein und gleichzeitig seinem Gegenüber zu signalisieren, dass man ihm trotzdem noch eine ausgestreckte Hand hinhält. Man kann zeigen, dass man mit den Inhalten nicht einverstanden ist, aber die Person trotzdem nicht abwertet. Der Satz "Ich habe das Gefühl, dass du in letzter Zeit immer mehr Inhalte teilst, deren Position ich nicht teile" kommt da ganz anders an, als wenn man sagt: "Wie kannst du nur so einen Unsinn verbreiten, bist du dumm?"

Das Gespräch mit Verschwörungsgläubigen gleicht in vielerlei Hinsicht einem Drahtseilakt. Die schweizerische Beratungsstelle infoSekta drückt dies so aus: "Grundsätzlich ist es ratsam, nicht zu konfrontativ zu argumentieren, damit sich das Gegenüber nicht abgewertet oder in die Enge getrieben fühlt. Eher sollte versucht werden, Zugang zum emotionalen Hintergrund zu erhalten. Es geht dabei darum, den Betroffenen von einer Phase des Nicht-wahr-haben-wollens und der Abwehr in die Phase der Ambivalenzen zu bringen."

Stellen Sie Fragen

Im Umgang mit Verschwörungsgläubigen sollten Sie beachten, dass allein sachliches Debunking, also die argumentative Widerlegung von Verschwörungserzählungen, in vielen Fällen nicht funktionieren wird. Besonders zu Menschen, die bereits in ihrem Glauben an ein Komplott stark gefestigt sind, werden Sie mit Faktenchecks oder Studien kaum durchdringen. Problematisch wird es vor allem, wenn man bei Grundannahmen über die Welt nicht mehr auf einen gemeinsamen Nenner kommt. Wichtige Vertrauensinstanzen – von Wissenschaft bis Medien – werden vom Gegenüber kurzerhand zum Teil der jeweiligen Verschwörung erklärt. Einem Faktencheck, der von angeblichen "Systemmedien" kommt, schenkt ein eingefleischter Verschwörungsgläubiger kein Vertrauen mehr. In solchen Situationen kann es helfen, eher gezielt Fragen zu stellen, die das Gegenüber dazu anregen, die eigenen Annahmen auf den Prüfstand zu stellen. Etwa: Warum glaubst Du, dass diese Person ein Experte ist? Warum sind hier nur Ausschnitte wiedergegeben? Hat die Plattform, auf die Du dich beziehst, schon einmal in der Vergangenheit Falschmeldungen verbreitet?

Bleiben Sie empathisch

Egal für welche Herangehensweise Sie sich beim Umgang mit Verschwörungsgläubigen in Ihrem direkten Umfeld entscheiden – verlieren Sie nicht die menschliche Komponente aus dem Blick. "Oft ist die Verschwörungstheorie eher ein Platzhalter für tiefer zugrundeliegende Verunsicherungen", schreibt die Sekten-Info Nordrhein-Westfalen. "Werden diese identifiziert, kann gezielt unterstützt werden. Erfährt der Betroffene hierdurch eine Verbesserung der Probleme, sind die Verschwörungstheorien möglicherweise nicht mehr so wichtig." Die psychologische Forschung hat zeigen können, dass ein wichtiger Faktor dafür, warum Menschen sich Verschwörungserzählungen zuwenden, die Empfindung ist, dass sie selbst nichts bewirken können. Wenn es gelingt, das Gefühl von Selbstwirksamkeit wieder zu stärken, also daran zu appellieren, dass das Gegenüber eben nicht allem Negativen hilflos ausgeliefert ist, kann sich das insgesamt positiv auswirken. Vergessen Sie nicht: Signalisieren Sie Empathie für schwierige Lebensumstände oder bieten Hilfe an, kann das in einigen Fällen ein entscheidenderer Faktor sein als das beste sachliche Argument. Wer es schafft, eine emotionale Brücke zum Gegenüber zu bauen, kann über diesen Weg später auch leichter argumentativ durchdringen.

Zeigen Sie klare Kante

Bei allem Bemühen, Eskalationen zu vermeiden, darf man allerdings einen wichtigen Punkt nicht vergessen. Es ist unerlässlich, antisemitische oder rassistische Äußerungen eindeutig als solche zu benennen. Im Zuge der Corona-Pandemie werden viele antisemitische oder rassistische Verschwörungserzählungen in sozialen Netzwerken verbreitet. Wer so etwas beobachtet, sollte Gegenrede leisten und eine klare Linie ziehen. Dabei geht es wohlgemerkt weniger darum, die Verbreiterinnen und Verbreiter solcher Inhalte zu überzeugen. Vielmehr geht es dabei um die stillen Mitleser, denen mit öffentlichem Widerspruch signalisiert wird: So etwas ist nicht in Ordnung! Das gilt auch im Familien- oder Freundeskreis: Zeigen Sie Zivilcourage, auch im privaten Umfeld.

Wenden Sie sich an Beratungsstellen

Ein Vorurteil hält sich in Bezug auf Verschwörungserzählungen hartnäckig: dass es sich bei Verschwörungsgläubigen wahlweise um "Spinner" oder "dumme Menschen" handele. Dabei belegen Studien, dass der Glaube an Verschwörungserzählungen in der gesamten Gesellschaft verbreitet ist (Zick et al., 2019). Weder finanzieller Wohlstand noch ein hoher Bildungsabschluss schützen davor, in eine solche Parallelwelt abzudriften. Besonders, wenn es um Familienmitglieder geht, stellt sich trotzdem oft ein Gefühl der Scham ein. Angehörige fragen sich: "Trage ich eine Mitschuld? Hätte ich früher eingreifen sollen?" Derartige Gedanken halten das Umfeld manchmal davon ab, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Das ist fatal, schließlich ist es meist deutlich einfacher, zu Betroffenen durchzudringen, die noch nicht in dem Glauben an eine Verschwörungsideologie gefestigt sind. Leider gibt es aktuell in Deutschland nicht viele Stellen, an die sich Betroffene in so einer Situation wenden können – obwohl immer mehr Menschen nach Unterstützung suchen. Trotzdem steht man nicht vollkommen allein dar. Sektenberatungsstellen wie in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg oder Berlin haben das Thema Verschwörungstheorien in ihre Beratungstätigkeit integriert, da der Übergang zwischen Verschwörungsszene und Sekten oft fließend ist. Bei rechtsextremen Gruppen bieten die Mobilen Beratungen gegen Rechtsextremismus Hilfe.

Fazit

Es braucht insgesamt deutlich mehr Angebote, die sich speziell damit beschäftigen, wie mit Verschwörungserzählungen umgegangen werden soll. Gefragt ist vor allem die Politik. Das Thema wurde zu lange vernachlässigt und bagatellisiert. Zivilgesellschaftliche Initiativen benötigen eine stabile, verlässliche und vor allem ausreichende Förderung, um gegen diese Ideologien vorzugehen. Eine Förderung, die sicherstellt, dass sie Menschen zur Seite stehen können, wenn sich Freundinnen oder Angehörige radikalen Verschwörungserzählungen zuwenden. Wir benötigen ebenfalls mehr Ressourcen für Organisationen, die Menschen beraten, die Opfer von Hetzkampagnen und falschen Beschuldigungen von Verschwörungsideologen werden. Denn nur, wenn Menschen wissen, dass sie im Zweifelsfall nicht allein gelassen werden, können sie sich selbstbewusst gegen Hass und Hetze zur Wehr setzen. Es braucht auch mehr kritische Medienbildung an Schulen sowie in anderen Bildungseinrichtungen, damit Menschen sicherer darin werden, Quellen zu bewerten. Es braucht mehr Forschung, um das Phänomen besser zu verstehen. Vor allem aber braucht es eine langfristige gesellschaftliche Debatte, wie wir mit dem Phänomen Glaube an Verschwörungen umgehen wollen. Das Thema geht uns schließlich alle an – nicht nur in Corona-Zeiten.

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