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Corona-Pandemie: Die Deutschen wollen es wieder lockerer

SZ.de-Logo SZ.de 26.06.2020 Von Markus C. Schulte von Drach
Die Schutzmasken gehören zu den Maßnahmen, die noch weitgehend akzeptiert sind. © imago images/MedienServiceM¸lle Die Schutzmasken gehören zu den Maßnahmen, die noch weitgehend akzeptiert sind.

Als die ersten Patienten dem Coronavirus zum Opfer fielen, war die Bereitschaft zum Lockdown schnell sehr groß. Die Maßnahmen haben geholfen; die Infektionszahlen sind deutlich gesunken. Und nun? Zwei große Studien zeigen, wie sich der Umgang der Bevölkerung mit der Pandemie verändert.

Die Deutschen wollen es wieder lockerer

Die Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus haben Wirkung gezeigt, die Infektionszahlen sind deutlich gesunken. Politikerinnen und Politiker wie Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) warnen zwar weiterhin, eine Rückkehr zu Verhältnissen wie vor der Pandemie sei noch nicht möglich. Aber Bodo Ramelow (Linke) etwa, Ministerpräsident von Thüringen, will möglichst schnell weg von den vielen Einschänkungen - er setzt auf die Vernunft der Bürgerinnen und Bürger.

Kommen die Politiker damit tatsächlich der Haltung der Bevölkerungsmehrheit entgegen? Was halten die Deutschen inzwischen von den Beschränkungen - fürchten sie das Virus überhaupt noch und wie groß ist ihre Angst vor negativen Folgen für die Wirtschaft? Wollen Eltern, dass die Schulen und Kindergärten wieder öffnen? Und sprechen die Demonstranten gegen die Coronamaßnahmen tatsächlich nur für eine kleine Minderheit?

Zwei große Umfragen geben Aufschluss

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Mannheim haben am 20. März die sogenannte " Mannheimer Corona-Studie" gestartet, für die täglich 450 bis 570 Personen verschiedene Fragen zur Pandemie in Deutschland beantworten. Eine zweite Untersuchung, das " Covid-19 Snapshot Monitoring" (Cosmo) läuft als Gemeinschaftsprojekt der Universität Erfurt, des Robert-Koch-Instituts (RKI), der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), des Science Media Centers (SMC), der Yale University sowie weiterer Einrichtungen. Jede Woche werden dazu etwa 1000 Personen befragt. Bei manchen Fragestellungen sind es allerdings auch einmal weniger als 200.

Risikowahrnehmung und Akzeptanz der Maßnahmen wie vor dem Lockdown

Wie die Erfurter Fachleute berichten, zeigen ihre Daten, dass sowohl die Wahrnehmung des Risikos durch das Virus als auch die Akzeptanz der Gegenmaßnahmen "auf das Niveau von vor dem Lockdown" gesunken sind.

So wurde in jüngster Zeit immer intensiver darüber diskutiert, wann Schulen und Kindergärten wieder geöffnet werden sollten. Die für die Erfurter Studie befragten Eltern sind in beiden Fällen mehrheitlich für eine sofortige Öffnung - allerdings war die Zahl der Studienteilnehmer hier relativ klein.

In der Frage, ob die gegenwärtigen Lockerungen der Anti-Coronamaßnahmen übertrieben oder angemessen sind, ist die Bevölkerung gespalten. So waren es Anfang Mai schon 50 Prozent, die die Lockerungen nicht für stark übertrieben hielten, zwischenzeitig waren es etwas weniger, inzwischen sind es sogar 51 Prozent. Immerhin fast 20 Prozent sind sich da nicht sicher, und weniger als ein Drittel meint, die Politik gehe hier zu weit.

Passend dazu zeigen die Daten, dass schon Mitte Mai 43 Prozent der Studienteilnehmer meinten, die Behörden würden den Eindruck vermitteln, in der Pandemie sei das Gröbste überstanden. Inzwischen sind es sogar 46 Prozent. Das steht in einem eklatanten Widerspruch zu den Warnungen etwa von Bundeskanzlerin Merkel.

Auf der anderen Seite erklärt etwa jede/r zehnte Befragte die Bereitschaft, an Demonstrationen teilzunehmen, etwa zehn Prozent schließen eigene Proteste zumindest nicht aus. Aufschlussreich ist hier auch, dass die Bereitschaft, sich eine Tracing-App herunterzuladen, schwankt: 44 Prozent der Befragten waren Anfang Mai dazu Bereit, Mitte des Monats waren es mit 47 Prozent wieder etwas mehr. Tatsächlich heruntergeladen haben sie bis zum 23. Juni 33,7 Prozent.

Relativ niedrige Impfbereitschaft

Nur noch etwa 64 Prozent würden sich "gegen Covid-19 impfen" lassen, wenn ein Impfstoff bereitstünde! Im April waren es noch fast 80 Prozent. Wer sich impfen lassen würde, vertraut übrigens auch mehr den Behörden, ist eher männlich, älter, hält sich eher für anfällig für Infektion und Krankheit, will kein Trittbrettfahrer sein und sucht häufig nach Informationen, berichten die Erfurter Experten.

Auch bei vielen anderen Maßnahmen zeigt sich eine schwindende Akzeptanz. So ist zwar der Anteil derjenigen, die eine Gesichtsmaske tragen, steil Richtung 80 Prozent gestiegen, aber inzwischen nimmt er kaum noch zu. Maßnahmen wie die Einhaltung eines Abstands von 1,5 Metern, das 20-Sekunden-Händewaschen und der Verzicht auf private Feiern werden dagegen inzwischen etwas weniger häufig eingehalten. Und weniger als zwei Drittel meiden Orte in der Öffentlichkeit.

Maßnahmen wie die Schließung von Gemeinschaftseinrichtungen, das Verbot von Versammlungen, aber auch ganz allgemein die Einschränkung von Freiheitsrechten finden zwar überwiegend noch Zustimmung - aber ebenfalls immer weniger.

Die Mannheimer Daten zeigen noch deutlicher, wie sehr manche Maßnahmen inzwischen nicht mehr befürwortet werden. Zwar will eine deutliche Mehrheit weiterhin, dass Veranstaltungen ab 100 Personen verboten bleiben. Aber mehr als zehn Prozent der Befragten wollen gar keine Maßnahmen mehr einhalten. Die Schließung öffentlicher Einrichtungen befürwortet nicht einmal mehr ein Viertel der Befragten - dabei lag hier die Zustimmung am Anfang bei 96 Prozent.

Wieso ist die Akzeptanz der Anti-Corona-Maßnahmen gesunken?

Das lässt sich zum Teil mit der veränderten Risikowahrnehmung erklären. Wie die Daten aus der Erfurter Studie zeigen, ist das Virus nur noch für 40 Prozent angsteinflößend. Der Anteil lag Ende März noch bei 60 Prozent.

Der Mannheimer Studie zufolge lag die Einschätzungen der Befragten auf einer Skala von zwei (keine Angst) bis acht (große Angst) anfänglich bei über vier. Inzwischen ist der Wert deutlich kleiner.

Ähnlich sieht es mit dem Gefühl der Bedrohung aus: Mehr als die Hälfte der Befragten hält das Virus zwar noch immer für besorgniserregend, in der zweiten Märzhälfte galt das aber noch für fast drei Viertel.

Auch in der Mannheimer Studie zeigt sich, dass die Wahrnehmung des Virus als Bedrohung deutlich nachgelassen hat.

Angst und Sorge sind in der Bevölkerung demnach also noch immer präsent, aber bei weitem nicht mehr so stark wie im März.

Geänderte Einschätzung des Ansteckungsrisikos

Diese Entwicklung dürfte mit Faktoren wie der subjektiven Einschätzung des Ansteckungsrisikos zusammenhängen. Diese messen die Mannheimer Fachleute mit der Frage an die Teilnehmer, wie viele von 100 Menschen, die ihnen "sehr ähnlich" sind, sich wohl binnen einer Woche infizieren. Während die Befragten im März im Schnitt noch mit 17 Infizierten rechneten, sind es mittlerweile nur noch drei.

Auch in der Erfurter Studie ist zu sehen, dass der Anteil der Befragten, die eine eigene Infektion für wahrscheinlich halten, auf weniger als ein Fünftel gesunken ist.

Dabei bleibt die Zahl derjenigen, die für sich einen schweren Verlauf einer Infektion befürchten - sollten sie sich tatsächlich anstecken - stabil bei etwa einem Drittel. Angesichts der sinkenden Angst, sich überhaupt zu infizieren, spielt das offenbar keine große Rolle mehr.

Weniger Bereitschaft zu konsequentem Social Distancing

Insbesondere die Kontaktbeschränkungen haben die Mannheimer Wissenschaftler sich genauer angesehen - und vier Phasen identifiziert. Vor der Pandemie trafen sich etwa 40 Prozent der Befragten noch mehrmals in der Woche mit Freunden, Verwanden oder Bekannten. In Phase zwei, von Mitte bis gegen Ende März, kam es zu einem erheblichen "Wandel des Privatlebens", der zur Phase drei - "hoher Verzicht im Privatleben" - führte: Von Ende März bis zum 10. April hatten sich etwa zwei Drittel in den vergangenen sieben Tagen gar nicht mehr mit anderen getroffen, der Anteil derjenigen, die sich trotz Kontaktsperren mehrmals trafen, lag überwiegend im einstelligen Bereich. In Phase vier kam es dann zu einem immer noch "reduzierten Verzicht im Privatleben", die Tendenz geht aber klar in Richtung häufigere Treffen.

So treffen sich mehr als 40 Prozent inzwischen einmal oder sogar mehrmals pro Woche mit anderen. Tägliche Treffen geben allerdings lediglich etwa vier Prozent an, und nur noch etwa jeder zehnte Befragte verzichtet noch immer völlig auf solche Kontakte.

Wirtschaftliche Folgen versus gesellschaftlicher Nutzen

Während die Angst um die Gesundheit abnimmt und die Ablehnung der Maßnahmen wächst, bleiben die Sorgen um die Wirtschaftskraft und eine wachsende soziale Ungleichheit weiterhin relativ hoch.

So befürchten noch immer viele Menschen, dass kleine Unternehmen Konkurs anmelden müssen und es zu einer wirtschaftflichen Rezession kommt. Um die eigenen Finanzen oder den Arbeitsplatz sorgen sich die Deutschen dagegen deutlich weniger.

Nahrungsmittelknappheit befürchten immer weniger Menschen. Und die zwischenzeitlich große Befürchtung, das Gesundheitssystem könnte überlastet werden, ist ebenfalls erheblich gesunken. Auf einer Skala von 1 (sehr wenig Sorgen) bis 7 (sehr viele Sorgen) geben die Befragten hier allerdings weiterhin konsequent Werte über vier an - genau wie bei der Sorge, das Virus könnte einen geliebten Menschen töten.

Noch größer sind allerdings die Sorgen, dass die Gesellschaft egoistischer und die Kluft zwischen Arm und Reich größer werden könnte.

Alle diese Entwicklungen kulminieren offenbar unter anderem darin, dass immer mehr Menschen meinen, der Schaden für die Wirtschaft, den die Anti-Ccoronamaßnahmen verursachen, sei größer als der Nutzen für die Gesellschaft. Der Anteil unter den Befragten, der dies so sieht, ist inzwischen auf Werte von bis zu 50 Prozent gestiegen.

Möglicherweise führt gerade der bisherige Erfolg der Maßnahmen dazu, dass viele Menschen das Gefühl haben, der Krankheitserreger wäre nicht - oder nicht mehr - so gefährlich. Wird der Druck der Bevölkerung und mancher Politiker und Wirtschaftsvertreter auf die Regierungen von Bund und Ländern so groß, dass die Lockerungen zu weit gehen, besteht die Gefahr, dass es in Deutschland ähnlich wie in Südkorea zu einer zweiten Infektionswelle kommt.

Deshalb empfehlen die Fachleute etwa des "Covid-19 Snapshot Monitoring" dringend, weiterhin die Abstands- und Hygieneregeln zu befolgen. Die Risikogruppen müssen schließlich weiterhin geschützt werden.

(Bei diesem Text handelt es sich um eine aktualisierte und erweiterte Fassung eines Textes vom 18. Mai 2020.)

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