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Corona-Pandemie: Wie Schweden die zweite Welle verhindern will

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 25.09.2020 Christian Stichler

Für seinen Sonderweg wurde Schweden heftig kritisiert. Aktuell sind die Infektionszahlen niedriger als in anderen Ländern. Hatte das Land doch die richtige Strategie?

Abstand halten: Schweden hofft weiterhin auf Vernunft und setzt auf Freiwilligkeit. © Mikael Sjoberg/​Bloomberg/​Getty Images Abstand halten: Schweden hofft weiterhin auf Vernunft und setzt auf Freiwilligkeit.

Zum Ende der Woche ist es in Schweden noch einmal sommerlich warm. Die Straßencafés sind gut besucht. Die Menschen sitzen draußen in der Sonne. Die Corona-Pandemie scheint weit weg zu sein. Das liegt auch daran, dass es in Schweden nach wie vor keine Maskenpflicht gibt – weder in Bussen oder U-Bahnen noch in Geschäften oder Restaurants. Würde ein Zeitreisender in Schweden ankommen, er würde kaum bemerken, dass er mitten in einer Pandemie gelandet ist. 

Auch Anders Tegnell, Schwedens oberster Staatsepidemiologe, hat sein Pensum etwas reduziert. Seine Gesundheitsbehörde lädt seit einiger Zeit nur noch zweimal pro Woche zur Pressekonferenz. Selbst die Infektionszahlen werden nicht mehr täglich bekannt gegeben. Man geht zu einer wöchentlichen Statistik über. An diesem Donnerstag tritt Tegnell in einem lilafarbenen Poloshirt vor die Presse. Das Interesse am schwedischen Sonderweg hat wieder zugenommen. Journalisten aus den USA, Frankreich, Großbritannien, Spanien und sogar aus Rumänien sind zugeschaltet.

"Wir haben unsere Corona-Regeln einfach beibehalten!"

Der schwedische Weg wurde anfangs bewundert, angesichts steigender Todeszahlen zunehmend kritisiert – inzwischen könnte er wieder zum Vorbild werden. Denn die Zahlen im Land sind im Vergleich zu vielen anderen europäischen Ländern nach wie vor niedrig – und das, obwohl Schweden keinen Lockdown hatte. Während überall in Europa, auch in Deutschland, Geschäfte geschlossen wurden, lief das Leben in Schweden beinahe normal weiter.

Was denn Schweden besser gemacht habe, will eine der Journalistinnen wissen. Tegnells Antwort: "Wir haben unsere Corona-Regeln einfach beibehalten!" Es stimmt: Fast alle Maßnahmen, die im Frühjahr verordnet wurden, gelten nach wie vor. Die wichtigste: Versammlungen von mehr als 50 Personen sind noch immer verboten. Keine Fans im Stadion, keine Theatervorstellungen mit mehreren Hundert Zuschauern, keine Kinos mit mehr als 50 Menschen im Saal. Wer kann, soll nach wie vor von zu Hause aus arbeiten, Abstand halten, Hände waschen. Schon immer hat Schweden bei seinen Corona-Maßnahmen auf Nachhaltigkeit gesetzt.


Video: Corona in Schweden: Auf dem richtigen Weg? (Euronews)

NÄCHSTES
NÄCHSTES

Das zahle sich jetzt aus, sagt Tegnell, denn der Anstieg der Zahlen in den anderen Ländern habe vor allem damit zu tun, dass man nach einem Lockdown die Gesellschaft nun wieder geöffnet habe. Eine Art Nachholeffekt. Tatsächlich: Auswertungen von Mobilfunkdaten zeigen, dass die Schweden den Sommer über sehr viel weniger gereist sind als zum Beispiel Norweger oder Dänen. Viele haben die Regeln befolgt und sind im Land geblieben.

Immer wieder kommt es zu lokalen Ausbrüchen

Schweden fühlt sich sicher auf seinem Weg. So sicher, dass in der kommenden Woche sogar das Besuchsverbot in den Altenheimen aufgehoben wird. Dann können die Bewohner wieder ihre Angehörigen empfangen. Aber auch hier mahnt die Gesundheitsbehörden zur Vorsicht: Man solle lieber auf Gruppenbesuche verzichten, Abstand halten und wer viel unterwegs sei, sollte vielleicht lieber ganz auf einen Besuch bei Oma oder Opa verzichten. Die Regierung setzt auf Einsicht, Selbstverantwortung und die Vernunft ihrer Bürger.

Trotzdem machen sich die Menschen Sorgen. Denn seit ein paar Tagen steigen die Zahlen. Immer wieder kommt es zu lokalen Corona-Ausbrüchen. In der Stadt Östersund mussten 700 Schüler in den Distanzunterricht geschickt werden, wie das Homeschooling in Schweden genannt wird. Mehrere Eishockeyteams haben Corona-Fälle gemeldet. Auch in Stockholm steigen die Zahlen. Aber deshalb schärfere Maßnahmen ergreifen und zum Beispiel einen Mundschutz in den U-Bahnen und Bussen verordnen? Nein, da winkt Tegnell ab. Die größte Ansteckungsgefahr herrsche noch immer in der Familie und am Arbeitsplatz. Außerdem müsse man doch mal auf die anderen Länder schauen, sagt Tegnell: "Es gibt sehr viele Staaten, die in öffentlichen Verkehrsmitteln das Tragen eines Mundschutzes anordnen. Aber was sehen wir? Gerade in diesen Ländern steigen die Zahlen derzeit dramatisch an. Das zeigt doch, dass der Mundschutz alleine nicht die Lösung ist."

Auch der schwedische Ministerpräsident appelliert in dieser Woche noch einmal an seine Bevölkerung: "Jeder muss jetzt Verantwortung übernehmen. Nicht umarmen, keine Feste feiern und – sofern möglich – den öffentlichen Nahverkehr meiden!" Von einer Verschärfung der Restriktionen will aber auch der Sozialdemokrat Stefan Löfven derzeit nichts wissen. Allerdings lehnt er auch jegliche Lockerungen ab. Noch vor einem Monat hatte die Gesundheitsbehörde empfohlen, bei Veranstaltungen mit einem sitzenden Publikum wieder 500 Menschen in einen Saal zu lassen – sofern ein Abstand von einem Meter eingehalten werden kann. Aber die schwedische Regierung ist diesem Rat diesmal nicht gefolgt und hat entschieden: Es bleibt bei der Maximalgrenze von 50 Personen.

Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass in Schweden vergleichsweise viele Menschen an oder mit Covid-19 gestorben sind, fast 5.900. Ein großes Versagen, muss auch Staatsepidemiologe Anders Tegnell immer wieder einräumen. In einem Interview mit der schwedischen Tageszeitung Dagens Nyheter erklärte Tegnell, die hohe Zahl von Corona-Toten in seinem Land habe auch mit dem Umstand zu tun, dass Schweden im vergangenen Winter eine sehr schwache Influenza-Saison erlebt habe. Er verweist dabei auf eine noch nicht veröffentlichte Studie der Europäischen Seuchenschutzbehörde ECDC. Dem widersprechen vor allem die Nachbarländer Norwegen und Finnland, die vergleichsweise wenig Corona-Tote haben.

Die hohe Zahl der Covid-Toten aus diesem Frühjahr ist eine schwere Bürde für das Land. Viele sind in der Altenpflege gestorben und haben sich im Heim oder bei der häuslichen Pflege angesteckt. Nach und nach wird bekannt, dass die Gefahr des Virus in den Altenheimen zu Beginn der Pandemie lange falsch eingeschätzt genommen wurde. Und das, obwohl sich schon sehr früh viele Pflegekräfte an die schwedische Aufsichtsbehörde für das Gesundheitswesen gewandt haben. Nach Recherchen des Schwedischen Rundfunks hat es mehr als 800 Eingaben gegeben. Viele Pflegekräfte hätten nach Schutzausrüstung und klaren Vorgaben verlangt. Aber die Rufe seien häufig bei den Vorgesetzten ungehört verhallt. Durch den hohen Krankenstand sei das übrig gebliebene Personal völlig überfordert gewesen. Ein Pfleger berichtet anonym im Schwedischen Rundfunk: "Ich habe 120 bis 130 Stunden pro Woche gearbeitet. Es war einfach niemand mehr da." An notwendige Hygienemaßnahmen sei unter diesen Umständen nicht zu denken gewesen.

Aber inzwischen hat sich die Situation in der Altenpflege deutlich verbessert, auch die Zahl der neuen Todesfälle ist stark gesunken. An diesem Donnerstag ist beispielsweise kein einziger neuer Fall hinzugekommen. Das sei eine gute Nachricht, meint Anders Tegnell. Er bleibt gelassen: "Jedes Land ist anders. Bei uns gibt es bisher keine Hinweise, dass wir vor einer ähnlichen Situation stehen." Und fügt dann noch hinzu: "Hoffentlich. Denn wenn alle mithelfen, können wir das niedrige Niveau vielleicht halten!" Und noch ein Schwede geht sehr entspannt mit der Corona-Pandemie um: Zlatan Ibrahimović, Schwedens bekanntester Fußballer, der zurzeit in der italienischen Liga kickt. Seine Reaktion am Donnerstag nach seinem positiven Corona-Test: "Mutig, dass sich das Virus gerade mich ausgesucht hat." Aber eine gute Idee sei das nicht gewesen.

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