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Coronavirus: Das schwerere Leiden der Männer

DER SPIEGEL-Logo DER SPIEGEL 02.05.2020 Julia Merlot


In Staaten weltweit sterben Männer häufiger an Covid-19 als Frauen. Forscher untersuchen, woran genau das liegt - neben ungesunden Verhaltensweisen haben sie auch Hormone in Verdacht.

Männer und Frauen reagieren auf Krankheiten und Medikamente mitunter verschieden. Wenn Männer einen Herzinfarkt haben, macht er sich meist durch Schmerzen im Brustraum bemerkbar, die in andere Regionen ausstrahlen. Sind Frauen betroffen, leiden sie häufiger auch unter Kurzatmigkeit, Übelkeit und Schmerzen im Oberbauch. Ärzte müssen sich auf diese Unterschiede einstellen. Das gilt auch für das neue Coronavirus.

Schon früh im Verlauf der Pandemie wurde klar: Alte Menschen, Personen mit bestimmten Vorerkrankungen sowie Männer erkranken häufiger schwer an Covid-19 - und sterben auch öfter. Stand Mittwoch wurden laut Robert Koch-Institut in Deutschland etwa 75.700 Corona-Infektionen bei Männern nachgewiesen, rund 3440 starben. Demnach liegt die Fallsterblichkeit der Männer bei 4,6 Prozent. Unter den Frauen starben dagegen nur 3,3 Prozent der nachweislich infizierten.

57 Prozent der Corona-Todesfälle entfallen damit auf Männer, dabei stecken sie sich ähnlich häufig an wie Frauen.

Zu einem ähnlichen Schluss kommt eine aktuelle Studie aus China, die das Phänomen erstmals systematisch analysiert hat. Darin ausgewertete Daten aus der ersten Sars-Pandemie im Jahr 2002/2003 deuten zudem darauf hin, dass Männer generell ein deutlich erhöhtes Risiko haben, mit Sars-Viren zu sterben. Die Analyse liefert damit auch einen vorsichtigen Hinweis, woran das liegen könnte.

Männer erkranken schwerer

Die Forscher um Jin-Kui Yang vom Tongren Hospital in Peking werteten Daten von 43 Patienten aus, die sie Ende Januar und Anfang Februar in einem Krankenhaus in Wuhan behandelt hatten. Hinzu kamen Informationen zu 1056 Covid-19 Patienten, deren Daten chinesische Behörden erfasst hatten. Das Alter und die Zahl der infizierten Männer und Frauen waren in beiden Datensätzen vergleichbar, berichten die Wissenschaftler im Fachmagazin "Frontiers in Public Health".

In dem kleineren Datensatz stellten die Forscher Blutwerte und die Schwere der Krankheitsverläufe von Männern und Frauen gegenüber. Demnach lagen einige Entzündungswerte bei männlichen Patienten höher als bei weiblichen. Während von den 43 Patienten mehr als zehn Männer lebensgefährlich erkrankten, waren es bei den Frauen nicht mal fünf. Gleichzeitig hatten allerdings auch 13 Männer Vorerkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder chronische Lungenkrankheiten. Bei den Frauen waren es nur sieben.

Die Behördendaten zeigten zudem, dass von insgesamt 37 Verstorbenen 70 Prozent Männer waren. Demnach läge ihr Risiko an Covid-19 zu sterben, mehr als doppelt so hoch wie bei Frauen.

Die generelle Tendenz, dass Männer schwerer von Corona-Infektionen betroffen sind, bestätigt sich damit. Die exakten Zahlen sind aber noch mit großen Unsicherheiten behaftet. Weil jeweils nur geringe Fall- beziehungsweise Verstorbenenaten betrachtet wurden, dürfte der Zufall eine große Rolle gespielt haben. Verallgemeinern lassen sich die Ergebnisse daher nicht.

Männer rauchen häufiger und sind häufiger übergewichtig

Forscher versuchen nun zu verstehen, woher der Geschlechterunterschied kommt. Bei den Daten aus China wurde oft vermutet, dass Männer dort häufiger rauchen als Frauen. "Rauchen ist ganz sicher ein Risikofaktor", sagte etwa Marcus Altfeld vom Heinrich-Pette-Institut (HPI) dem SPIEGEL (das Interview lesen Sie hier). Allerdings gibt es Zweifel, dass es der einzige ist.

In europäischen Populationen rauchten oft gar nicht mehr so viel mehr Männer als Frauen, so Altfeld. Daher müssten weitere Studien abgewartet werden. Auch in Deutschland gleicht sich der Anteil männlicher und weiblicher Raucher allmählich an. Im Moment machen Männer mit 58 Prozent aber noch die Mehrzahl der Raucher aus. Insbesondere in der Gruppe der besonders Corona-gefährdeten älteren Menschen gibt es viele ehemalige männliche Raucher. Dass das den Verlauf von Covid-19-Erkrankungen verschlechtert, liegt nahe.

Eine Rolle könnte unabhängig vom Rauchen aber auch spielen, dass Männer und Frauen unterschiedlich oft Vorerkrankungen haben, die das Risiko für schwere Covid-19-Verläufe erhöhen. So sind Männer öfter übergewichtig als Frauen. Ein höherer Anteil leidet an Diabetes und Bluthochdruck. Dabei spielt auch die Menge weiblicher und männlicher Geschlechtshormone im Körper eine Rolle.

Forscher in den USA wollen deshalb nun untersuchen, ob eine höhere Konzentration weiblicher Sexualhormone Östrogen und Progesteron Männer vor einem lebensbedrohlichen Covid-19-Verlauf bewahren kann. In zwei Studien in Krankenhäusern auf Long Island und in Los Angeles sollen insgesamt 75 Covid-19-Patienten mit den Hormonen behandelt werden. Weitere 75 dienen als Kontrollgruppe.

55 Patienten werden für eine Woche Östrogen erhalten, 20 über fünf Tage hinweg mit Progesteron behandelt. Vorerst werden die Forscher nur Patienten mit leichten oder moderaten Verläufen einbeziehen. Über einen kurzen Zeitraum gilt die Gabe von Östrogen und Progesteron in der verwendeten Konzentration als unproblematisch.

Die komplexe Wirkung der Hormone

Die höhere Menge Östrogen und Progesteron im Körper von Frauen senkt bis zu den Wechseljahren offenbar ihr Risiko für Bluthochdruck und Diabetes. Allerdings ist das auch ein Problem der aktuellen Untersuchungen.

Wenn ein hoher Anteil weiblicher Sexualhormone der Grund dafür wäre, dass Frauen seltener lebensbedrohlich an Covid-19 erkranken, müsste dieser Schutz bei älteren Frauen ab der Menopause schwinden. "Das ist aber nicht der Fall", sagte Sabra Klein von der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health der "New York Times". Sie untersucht die unterschiedliche Reaktion der Geschlechter auf Virusinfektionen.

Die an den Studien beteiligten Forscher lassen sich davon nicht abhalten: "Wir verstehen möglicherweise nicht genau, wie Östrogen funktioniert, aber wir können prüfen, ob es den Zustand der Patienten verändert."

Östrogen spiele eine komplexe Rolle im Immunsystem. Es beeinflusse sowohl die frühe Immunantwort, die die Infektion bereits beenden kann, als auch die sekundäre Reaktion des Immunsystems. Bei dieser kann es in schweren Fällen zu einer unkontrollierten Überreaktion kommen.

Dabei schüttet der Körper massenhaft Entzündungsbotenstoffe aus, sogenannte Zytokine. Die so ausgelöste Entzündung kann die Lunge von beatmeten Patienten zusätzlich schädigen.

"Wir sehen, dass es bei Frauen seltener zu der zweiten, unregulierten Immunantwort kommt", sagte Sharon Nachman, die die Studie auf Long Island leitet, laut "New York Times". An der Untersuchung können auch Frauen über 55 teilnehmen. Auch andere Forschergruppen arbeiten daran, Therapien gegen die Überreaktion des Immunsystems zu entwickeln. Sie stehen aber noch am Anfang.

Östrogen erschwert Virus möglicherweise das Eindringen in die Zellen

Hormone wirken sich aber nicht nur auf das Immunsystem aus, sondern auch auf die Eigenschaften von Zellen im Gewebe. Dass Männer häufiger lebensbedrohlich am Coronavirus erkranken, könnte demnach auch damit zusammenhängen, dass ihre Zellen das Protein Ace2 in größerer Anzahl auf der Oberfläche tragen.

Dieses Protein dient dem Coronavirus als Eintrittspforte in den Körper. Es gibt Hinweise aus Tierstudien, dass Östrogen die Ace2-Produktion im Körper hemmt. Auf diese Weise könnte es die Ausbreitung des Virus im Körper von Frauen erschweren. Darauf deuten auch Daten aus der ersten Sars-Pandemie vor 18 Jahren hin.

Das Sars-Virus von damals gehört ebenfalls zu den Coronaviren und ist eng mit dem aktuellen Erreger verwandt. Allerdings war es deutlich tödlicher. Von den 524 Patienten, deren Daten die chinesischen Forscher um Yang analysiert haben, starben 139. Bei den Männern lag die Sterberate bei 31 Prozent, von den infizierten Frauen starben dagegen 23 Prozent.

Interessant dabei: Auch das Sars-Virus dringt über das Ace2-Protein in den Körper vor. Neben denen von Männern, tragen auch die Zellen von Menschen mit Herzkreislauferkrankungen und Diabetes höhere Mengen davon auf ihrer Oberfläche - also genau jene Menschen, bei denen eine Corona-Infektion häufiger lebensbedrohlich verläuft.

Es liegt damit nahe, dass es einen Zusammenhang zwischen der Ace2-Menge und dem Verlauf von Covid-19-Erkrankungen gibt. Nachgewiesen ist er bislang aber nicht. Auch welche Rolle Östrogene im Detail spielen, muss weiter untersucht werden.

Es sei weitere Forschung nötig, um genauer zu verstehen, warum es Männern mit Covid-19 im Schnitt schlechter ergeht als Frauen, sagt Yang. Forscher müssten dabei sowohl Unterschiede in der Biologie zwischen Männern und Frauen berücksichtigen als auch unterschiedliche Verhaltensweisen.

Bis die Lage geklärt ist, plädieren Yang und Kollegen für einen pragmatischen Ansatz: "Krankenhäuser müssen sich darauf einstellen, dass ältere männliche Patienten häufiger zusätzliche unterstützende Maßnahmen und einen sofortigen Zugang zur Intensivstation benötigen."

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