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Coronavirus in Afrika: Der Hunger kann noch gefährlicher werden

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE vor 4 Tagen Andrea Böhm, Julia Jaki, Katrin Gänsler, Steffen Richter

Essensausgabe durch eine Hilfsorganisation in Vrededorp im südafrikanischen Johannesburg (12. Mai 2020) © Marco Longari/​AFP/​Getty Images Essensausgabe durch eine Hilfsorganisation in Vrededorp im südafrikanischen Johannesburg (12. Mai 2020)

Manche Staaten Afrikas haben bereits Erfahrungen mit Seuchen, andere müssen auch noch mit Dürren oder Terror leben: Wie vier Länder mit der Corona-Pandemie umgehen.

Gerade einmal 91.598 Infektionen mit dem Sars-CoV-2-Virus hat die WHO an diesem Mittwoch in Afrika registriert. Das ist ein Bruchteil der Infektionen, die gerade im Rest der Welt verzeichnet werden, beispielsweise in den USA oder in Russland. Und dennoch: Die Angst vor einer nicht kontrollierbaren Covid-19-Pandemie ist in Afrika mit seinen 1,3 Milliarden Menschen groß. Auch deshalb, weil niemand genau weiß, wie es um das Infektionsgeschehen eigentlich genau steht. Bis Anfang Mai wurden auf dem Kontinent 868.227 Tests durchgeführt, das sind 685 Tests für eine Million Menschen – in Europa waren es zu dem Zeitpunkt 23.000 auf eine Million gerechnet. "Wer nicht testet, findet auch nichts", sagt dazu John Nkengasong, Direktor der Africa Centres for Disease Control and Prevention in Addis Abeba.

Bis zu 190.000 Menschen könnten im ersten Jahr der Pandemie in Afrika sterben, falls das Virus nicht irgendwie kontrolliert wird, schätzt die WHO. Ein Land, das immerhin früh auf den Pandemie-Ausbruch reagierte, ist Südafrika. Die Gesundheitsbürokratie des Landes hatte zuvor mit Kampagnen gegen Tuberkulose und HIV bereits Erfahrungen sammeln können. Nirgendwo wird jetzt so viel auf Covid-19 getestet wie dort, in Südafrika finden heute 30 Prozent aller Tests Afrikas statt – dabei leben dort mit rund 57 Millionen Menschen weniger als fünf Prozent der Bevölkerung des Kontinents. Viel wird für Afrika davon abhängen, wie das Land durch die Covid-19-Pandemie kommt, Südafrika ist politisch wie wirtschaftlich eine Macht.

Erfahrungen sammeln mit einer potenziell tödlichen Epidemie konnte auch Liberia, wo 2014 das Ebola-Virus ausbrach. Liberia ist einer der ärmsten Staaten Afrikas, regiert wird es vom populären George Weah, ein früher international bekannter Fußballstar. Trotz der Erfahrungen ist eines der zentralen Probleme Liberias, dass es zu den Ländern Afrikas mit den wenigsten Ärztinnen und Ärzten überhaupt gehört.

Das ist im Staat Niger an der Sahara-Wüste nicht anders: Laut der WHO gibt es dort gerade mal 0,5 und in Liberia 0,4 Ärzte pro 10.000 Einwohner. In Niger, dem ärmsten Staat der Sahelzone, werden die Menschen von multiplen Problemen bedroht: dschihadistischer Terror, Klimawandel und auch Hunger. Ein Staat im Umbruch ist der Sudan, wo unlängst Diktator Omar al-Baschir gestürzt worden ist. Dort steht das Gesundheitswesen vor dem Kollaps.

Den Umgang mit der Ausbreitung des Sars-CoV-2-Virus in Afrika abzubilden, ist in der gebotenen Länge kaum möglich. Wir zeigen deshalb einen exemplarischen Ausschnitt aus vier Staaten.

Südafrika: Ramaphosa verspielt seine Beliebtheit

Sie war lange überfällig, die Ansprache des südafrikanischen Präsidenten an die Nation. "Wo ist Cyril?", hieß es in sozialen Medien. Wo ist der Präsident, der zu Beginn der Pandemie so besonnen aufgetreten war? Vergangene Woche hat Cyril Ramaphosa nun endlich das Wort ergriffen, doch Klarheit hat seine Rede nicht gebracht. Zwar gestand Ramaphosa Fehler und Unklarheiten während des Lockdowns ein – ein Umstand, den es unter seinem korrupten Vorgänger Jacob Zuma nicht gegeben hätte. Konkrete Fragen wie die nach der Öffnung von Geschäften oder dem Verkauf von Alkohol und Zigaretten beantwortete Ramaphosa nicht.

Der seit Ende März anhaltende strenge Lockdown trug dazu bei, die Infektionskurve zunächst flach zu halten. Die Regierung konnte Zeit gewinnen, um das Gesundheitssystem Südafrikas auf die Pandemie vorzubereiten. Mitte Mai liegt die Zahl der in Zusammenhang mit Covid-19 Verstorbenen offiziell bei unter 400. Doch nun steigt die Zahl der Infektionen. Experten kritisieren jetzt, dass die Anzahl der durchgeführten Tests weit unter den Ankündigungen blieb.

Ein weiterer Kritikpunkt: mangelnde Transparenz. "Das Gesundheitsministerium veröffentlicht die Modelle nicht, auf denen ihre Entscheidungen basieren", beklagt Professor Alex van den Heever, Gesundheitsexperte an der Wits University. Das anfängliche Vertrauen der Bevölkerung in die Führungskraft der Regierung und in die Sinnhaftigkeit der Maßnahmen scheint verspielt.

Als Anfang Mai die Ausgangssperre von Stufe 5 auf Stufe 4 gesenkt wurde, traten diverse Regelungen in Kraft, die – zumindest gefühlt – vielen Südafrikanern mehr Einschränkungen als Freiheiten gebracht haben. Händler dürfen online wieder Kleidung anbieten, aber nur Winterkleidung. Sport machen ist erlaubt, aber nur von 6 bis 9 Uhr morgens. Ramaphosa verkündete den Verkauf von Zigaretten, musste nach internen Diskussionen aber wieder zurückrudern.

Das Führungsdebakel spielt sich vor dem Hintergrund einer wachsenden Hungerkrise ab. Zwar verteilt die Regierung Essenspakete, doch die Zahl der Bedürftigen ist zu groß, die Lieferungen werden mancherorts zu politischen Zwecken missbraucht.

Die klaffende Versorgungslücke Südafrikas wird jetzt landesweit von der Zivilgesellschaft gefüllt. In Kapstadt beispielsweise kocht das Team des neu gegründeten Food Response Collective anstatt Bier täglich 7.000 Liter Gemüsesuppe in den riesigen Braukesseln der Woodstock Brewery. "Wir scheren uns nicht um Politik, wir wollen helfen", sagt Sprecherin Karen Breytenbach. "Uns motiviert die Angst vor Unterernährung, Armut und steigenden Infektionsraten." In Bredasdorp, 180 Kilometer südöstlich von Kapstadt, verteilt Lana O’Neill seit Beginn der Ausgangssperre täglich Eintopf an Bedürftige, eigentlich leitet sie ein Frauenhaus. "Die Schlangen werden täglich länger, es sind vor allem Menschen, die keine Sozialhilfe bekommen", sagt O’Neill am Telefon.

Empathie und Einsatzbereitschaft sind Qualitäten, die in Südafrika gerade Konjunktur haben. Wenigstens eine gute Nachricht aus der Krise. 

Julia Jaki 

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Niger: Nur eine Bedrohung von vielen

Danny Lee heißt der König von Niger – wenn es um Hip-Hop geht. Protége ta Life ist sein jüngster Hit, "Schütz dein Leben", aufgenommen mit sechs anderen Musikern: ein rappender Appell, Corona ernst zu nehmen. "Ich weiß, dass du davon träumst, Superman zu sein, aber, hey, bleib mal lieber zu Hause, das wäre super, Mann!"

Am 19. März war in Nigers Hauptstadt Niamey der erste Corona-Infizierte registriert worden. Die Regierung riegelte umgehend die Hauptstadt vom Rest des Landes ab, schloss Flughäfen, Grenzen und Cafés, bald darauf auch Schulen und Moscheen. Straßenproteste gegen die Maßnahmen räumten Polizei und Armee rabiat ab.

Von Beginn an hatte Niger nicht nur gegen das Virus zu kämpfen, sondern auch gegen die "Infopandemie" – eine Welle von Gerüchten und Fake News: Das Virus könne jungen Menschen nichts anhaben; es treffe nur Weiße; es sei mit Kräutern oder Tees zu heilen …

Solche Falschmeldungen finden auch deshalb Verbreitung, weil das Virus für die 22 Millionen Nigrer nur eine Gefahr von vielen ist – und in ihren Augen nicht die bedrohlichste. "Das Land hatte schon vor Covid-19 mit mehreren Krisen gleichzeitig zu kämpfen", sagt Jean-Noel Gentile, stellvertretender Leiter des UN-Welternährungsprogramms (WFP) in Niamey. "Klimaschocks wie Dürren und Überschwemmungen, Bodendegradation, Preissteigerungen und Unsicherheit an den Grenzen." Im Südosten ist Boko Haram aus dem Nachbarland Nigeria eingesickert, im Westen greifen immer wieder Al-Kaida-nahe Dschihadisten an. Wahrlich keine guten Voraussetzungen, um eine Pandemie zu bekämpfen.

914 Fälle von Infizierten wurden bis Mittwoch gemeldet, einige Dutzend Menschen sind bislang an Covid-19 gestorben. Relativ geringe Zahlen, die allerdings wegen der geringen Testkapazitäten im Land wenig aussagen. Die Behörden haben Notfallnummern für Covid-19 eingerichtet, Hilfsorganisationen kleine Behandlungszentren errichtet, um Corona-Patienten isoliert zu behandeln.

Gefährlich ist für die Nigrer nicht nur das Virus, sondern die Nebenfolgen seiner Bekämpfung. Weil die Schulen geschlossen sind, erhalten mehrere Hunderttausend Kinder keine Schulspeisung mehr – für viele die einzige Mahlzeit am Tag. Das WFP liefert nun Monatsvorräte an die Familien der Kinder. Impfkampagnen wurden aufgrund der Ausgangssperren unterbrochen, Anti-Malaria-Mittel konnten nicht verteilt werden.

In Kürze beginnt in Niger zudem die lean season, die magere Zeit, wenn die Vorräte aufgebraucht sind und die neue Ernte noch nicht eingebracht worden ist. Hunger wird für die Nigrer in den kommenden Wochen eine größere Gefahr darstellen als Covid-19.

Andrea Böhm

Liberia: NGO wacht über Spenden

Im westafrikanischen Liberia sind die Erinnerungen an den Ebola-Ausbruch vom März 2014 noch präsent. 4.810 Menschen starben seinerzeit an der potenziell tödlichen Fieberkrankheit. Entsprechend alarmiert war die Regierung von Präsident George Weah wegen des Sars-CoV-2-Virus. Genau eine Woche vor der Bekanntgabe des ersten positiven Covid-19-Tests am 16. März hatte der Präsident bereits angekündigt, dass Liberia mit seinen 4,8 Millionen Einwohnern ein Expertenkomitee aus internationalen Organisationen, Politikern und Behördenmitarbeitern brauche, um im Kampf gegen Corona gut aufgestellt zu sein. Dieses Mal sollte zügiger gehandelt werden als noch 2014. Liberia hat nach offiziellen Angaben am Mittwoch 233 Covid-19-Fälle zu verzeichnen.

Nach Einschätzung von Napoleon Cooper, der in der Hauptstadt Monrovia für die Organisation Caritas Development Cape Palmas (CDCP) arbeitet, können Erfahrungen von vor sechs Jahren durchaus helfen, etwa bei der Aufklärung der Bevölkerung über das Virus. "Wir haben ausgebildetes Personal dafür", sagt Cooper. Ein Überbleibsel aus der Ebola-Zeit. Persönliche Gespräche gelten als erfolgreicher als anonyme Kampagnen. Hilfreich seien auch die Contact Tracer. Sie verfolgten die Kontakte der positiv Getesteten, um Infektionsketten zu durchbrechen.

Während der Ebola-Epidemie wurden 2.000 von ihnen ausgebildet – auf deren Erfahrung die Regierung nach einem Bericht der Tageszeitung FrontPage Africa aber nicht zurückgreifen will. Zusammen mit dem Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) werden aktuell 6.000 neue geschult, was einige Experten als Ressourcenverschwendung kritisieren. Über die Hintergründe wird nur spekuliert. Mit der Wahl von Weah kam es 2017 zu einem Machtwechsel, was ein Grund für den Komplettaustausch sein könnte.

In die Kritik geraten ist auch die Polizei, die die seit Mitte April geltenden Ausgangssperren mit Gewalt und Schlagstöcken durchzusetzen versucht. Die Bilder erinnern an den August 2014. In der Hochphase von Ebola versuchte die Polizei im Slum West Point mit dem Einsatz von Tränengas die Bewohner zum Einhalten der Ausgangssperren zu zwingen. Verbessert hat sich das Auftreten der Sicherheitskräfte seither nicht.

Samuel Kpartor sieht bezüglich der Regierung dennoch eine positive Entwicklung: "Wir sind in der Krise transparenter als andere Länder", ist sich der Aktivist der nichtstaatlichen Organisation Follow the Money sicher, einer afrikaweiten Initiative, die ihren Ursprung in Nigeria hat. 2014 seien "sehr viele Spenden ins Land gekommen", über die niemand Buch geführt habe. "Viele Menschen, die für die Gelder verantwortlich waren, wurden über Nacht reich. Das Geld wurde nicht dafür genutzt, um beispielsweise das Gesundheitssystem auf künftige Epidemien vorzubereiten."

Kpartor hat deshalb das Covid-19 Transparency and Accountability Project – kurz CTAP – ins Leben gerufen. Er twittert unter dem Hashtag #followcovid19money und #FTMCOVID19LR und schlüsselt auf, welche Gelder von internationalen Organisationen, der Regierung und Unternehmen für den Kampf gegen Corona zugesagt werden. Schon eine Übersicht zu erstellen, gilt als schwierig, da die Ankündigungen an keiner zentralen Stelle zusammenlaufen. Inzwischen ist die erste Aufstellung über 3,4 Millionen US-Dollar fertig geworden. Damit will die Zivilgesellschaft Druck machen und Rechenschaft einfordern. "Das ist mittlerweile auch bei der Regierung angekommen", sagt Aktivist Kpartor.

Katrin Gänsler

Sudan: Hoffen auf die Nachbarschaftskomitees

Für die medizinische Versorgung seiner Landsleute hatte sich Omar al-Baschir nie interessiert. Gut 30 Jahre war der Diktator an der Macht, mit dem Export von Erdöl nahm sein Regime Milliarden Dollar ein. Doch die flossen entweder in die eigenen Taschen oder in die Aufrüstung von Armee und Paramilitärs. Baschir, im April 2019 nach monatelangen Massenprotesten gestürzt, sitzt inzwischen im Gefängnis. Das Gesundheitswesen im Sudan steht mitten in der Covid-19-Pandemie vor dem Kollaps.

Rund 2.700 Infizierte verzeichneten die Datenbanken der Johns Hopkins Universität und der Africa Centres for Disease Control im Sudan am Mittwoch, über 100 sind gestorben. Die meisten Fälle wurden bislang in der Hauptstadt Khartum registriert. Dort herrscht Lockdown – und zunehmend auch Wut. Es fehlt an Medikamenten, Schutzanzügen, Handschuhen, Sauerstoffmasken und Beatmungsgeräten. Immer mehr Ärzte und Pfleger infizieren sich. Deren Gewerkschaft droht nun mit Streik. Inzwischen werden Corona-Fälle auch aus den meisten anderen Regionen des Landes gemeldet. Dort ist die Gesundheitsversorgung noch schlechter.

Die ersten Fälle waren Mitte März aufgetaucht und hatten ein Land erwischt, das ohnehin schon taumelte. Die politische Euphorie nach Baschirs Sturz und der Einsetzung einer Übergangsregierung war merklich abgekühlt – vor allem, weil sich an der dramatischen Wirtschaftskrise nichts geändert hat. Es gab und gibt kaum Benzin, das Brot ist knapp, die Inflation liegt inzwischen bei 99 Prozent, das Land hat keine Devisen, um lebensnotwendige Güter wie Medikamente zu importieren. Hilfsorganisationen warnen inzwischen vor einer Hungersnot in armen Gebieten wie Darfur und Süd-Kordofan, wo es zudem weiter zu bewaffneten Auseinandersetzungen kommt.

Dabei hat das Land eine enorm wichtige Ressource, um die Pandemie zu bekämpfen: die eigenen Bürger. In den Städten sind Nachbarschaftskomitees, die schon während der Revolution gegen Baschir eine wichtige Rolle spielten, auch jetzt aktiv, klären über Ansteckungswege und Hygiene auf, achten auf die Einhaltung von Ausgangssperren, verteilen Lebensmittel. Bloß nützt die lebendigste Zivilgesellschaft nichts, wenn der Staat kein Geld für die Behandlung der Erkrankten hat.

Für Khartum wurde am vergangenen Dienstag der Lockdown um zwei weitere Wochen verlängert. Am Abend des 23. Mai beginnt Eid al-Fitr, die Feier zum Ende des Fastenmonats Ramadan. Es wird ein ziemlich stilles Fest im Sudan.

Andrea Böhm

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