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Coronavirus: Lügen und Verschwörungstheorien behindern die Bekämpfung

DER SPIEGEL-Logo DER SPIEGEL 10.04.2020 Dietmar Pieper

Verharmlosen, falsch informieren, irreführen, ablenken: vier Methoden, wie Politiker weltweit den Kampf gegen die Corona-Pandemie behindern.

© KCNA/ KNS/ AFP

Der ganze Erdball ist vom Coronavirus befallen. Der ganze Erdball? Nein! Einige Länder hören nicht auf, der Pandemie auf ihre Weise zu trotzen. Noch immer gibt es Staaten, denen es angeblich gelungen ist, den bösen Eindringling Sars-CoV-2 total abzuwehren – wie gallische Dörfer, frei nach Asterix, an denen die Krankheitswelle wundersam vorbeigeht.

Während laut der globalen Zählung der Johns Hopkins Universität bei rund 1,5 Millionen Menschen eine Infektion nachgewiesen wurde, hat die Weltkarte der Corona-Fälle weiterhin weiße Flecken.

Einige Staaten fallen durch absurde Informationspolitik auf

Bei Nordkorea, das von der Kim-Dynastie seit Jahrzehnten brutal abgeschottet wird, verwundert es nicht, dass vier Monate nach Ausbruch der Epidemie im Nachbarland China offiziell keine einzige Infektion festgestellt wurde.

Es gibt allerdings eine Reihe weiterer Staaten, die durch eine absurde Informationspolitik auffallen. Vielleicht, weil die Regenten dort gravierende Mängel im Gesundheitssystem kaschieren wollen. Oder, um der eigenen Bevölkerung Stärke zu signalisieren. Oder aus Gewohnheit.

Zum Kreis der Regierungschefs und verantwortlichen Politiker, die falsche Behauptungen verbreiten, zählen nicht nur Diktatoren, Autokraten und Fanatiker. In mehreren Demokratien sind rechte wie linke Populisten an der Macht, die es an bizarren Auftritten mit den anderen, nicht frei gewählten Machthabern aufnehmen können.

Manches ist bloß seltsam oder unglaubwürdig, anderes irreführend und wahrscheinlich sogar gefährlich. Die mentalen Ausfälle in den Reihen derer, auf die es im Kampf gegen das Virus eigentlich ankommt, lassen sich in vier Kategorien einordnen:

In den ehemaligen Sowjetstaaten Turkmenistan und Tadschikistan, beides lupenreine Diktaturen, gibt es wie in Nordkorea keinen einzigen gemeldeten Covid-19-Fall. In beiden Ländern hat die Regierung zwar vorbeugende Maßnahmen ergriffen, etwa Grenzen geschlossen. Aber dass sich niemand der knapp sechs Millionen Turkmenen oder rund neun Millionen Tadschiken infiziert haben soll, ist extrem unwahrscheinlich.

Der Präsident feierte mit 12.000 Schülern und Studenten

Ende März feierte der tadschikische Präsident Emomali Rahmon unbeirrt und ausgiebig das traditionelle Frühjahrsfest Nouruz, unter anderem nahm er an einer Massenveranstaltung mit 12.000 Schülern und Studenten teil. Zur Corona-Gefahr sagte er: „Es ist eine der besten Eigenschaften unseres Volkes, das Haus sauber zu halten und strenge Hygienevorschriften einzuhalten." Immerhin ein vernünftiger Appell.

Über das noch strenger regierte Turkmenistan wurde vor Kurzem in westlichen Medien geschrieben, Präsident Gurbanguly Berdimuhamedow habe das Wort "Coronavirus" verboten. Quelle war ein Bericht der NGO "Reporter ohne Grenzen", aber es erwies sich dann als nicht ganz so schlimm.

In der korrigierten Version meldet "Reporter ohne Grenzen" nun, dass die turkmenischen Behörden "soweit wie möglich die Verwendung des Wortes 'Coronavirus' vermeiden, um die Verbreitung von Informationen über die Pandemie zu verhindern". Hilfreich ist diese Haltung nicht.

Einige pazifische Staaten verzeichnen ebenfalls bisher keine Covid-19-Erkrankungen, etwa Samoa, Kiribati und Tuvalu. Wegen ihrer Insellage und geringen Einwohnerzahl erscheint das nicht völlig ohne Plausibilität.

Ein Amulett mag seinen Träger beruhigen und ihn zuversichtlich stimmen, schädliche Nebenwirkungen hat es normalerweise nicht. Im Fall von Andrés Manuel López Obrador dürfte das anders sein.

Als der mexikanische Präsident auf einer Pressekonferenz gefragt wurde, wie er sein Land schützen wolle, zog er zwei Amulette aus seiner Brieftasche und hielt sie in die Kameras: "Das hier ist mein Schutzschild", sagte er. Viele seiner gläubig-abergläubischen Landsleute könnte er in ihrer irrationalen Denkweise bestärkt haben.

Covid-19? Eine "Fantasie", allenfalls eine kleine Grippe

Das Mantra des Linkspopulisten López Obrador lautet: "Wir wollen doch nicht übertreiben." Diese Haltung verbindet ihn mit dem weißrussischen Autokraten Alexander Lukaschenko genauso wie mit dem Rechtspopulisten Jair Bolsonaro in Brasilien. Bolsonaro bezeichnete Covid-19 als "Fantasie", allenfalls handele es sich um eine "grippezinha", eine "kleine Grippe".

Nach massiven Protesten gegen seine Sorglosigkeit schien sich der brasilianische Präsident zu korrigieren und nannte die Pandemie "die größte Herausforderung unserer Generation". Doch eine klare Linie ist bei ihm weiterhin nicht zu erkennen. Vor Kurzem löschte Twitter zwei seiner Kurznachrichten, da sie falsche oder irreführende Informationen enthielten. Bolsonaros Vorbild Donald Trump, der die Corona-Gefahr zunächst ebenfalls leugnete und herunterspielte, hat die Dimension der Erkrankungswelle inzwischen erkannt.

Trotzdem verbreitet der US-Präsident weiterhin seine Empfehlung, gegen das Coronavirus den Wirkstoff Hydroxychloroquin einzusetzen: "Take it" und "try it" rief er am Sonntag den Amerikanern zu. Das Mittel wird zur Malaria-Prophylaxe und in der Rheumabehandlung angewendet.

Nach Trumps Empfehlungen schluckten sie Aquariumreiniger

Mehr als vage Hinweise, dass es auch gegen Sars-CoV-2 helfen könnte, liegen jedoch nicht vor. Der führende US-Virologe Anthony Fauci sieht im Moment lediglich "anekdotische Evidenz". Gegen die Einnahme von Hydroxychloroquin sprechen indes Nebenwirkungen wie mögliche Erkrankungen des Herzens und der Netzhaut.

Nach einer der früheren Empfehlungen Trumps schluckte ein Ehepaar in Arizona Aquariumreiniger, der Chloroquinphosphat enthielt. Der Mann starb, die Frau überlebte knapp.

Die Liste der unsinnigen und gefährlichen Tipps, die von regierenden Politikern verbreitet werden, ist lang. Estlands rechtspopulistischer Innenminister Mart Helme behauptete, Covid-19 sei bloß ein neuer Name für die gewöhnliche Erkältung. Mit warmen Socken, Senfpflastern und dem Einreiben von Gänsefett auf der Brust sei der Erkrankung beizukommen.

Venezuelas Machthaber Nicolás Maduro empfahl den "Naturtrank" eines selbst ernannten Mediziners. Der Mann hat zwar keine universitäre Ausbildung, steht Maduro aber politisch nahe.

Das Kraut wirkt narkotisch und ruft Halluzinationen hervor

Auf Hokuspokus setzt auch der Turkmene Berdimuhamedow. Der studierte Zahnarzt befahl seinen Ministern, im Land Steppenraute abbrennen zu lassen: Der Rauch dieses Krauts werde die Viren vernichten. Gewisse Effekte kann die Pflanze tatsächlich verursachen. Die Steppenraute enthält Alkaloide, die narkotisch wirken und manchmal Halluzinationen hervorrufen.

Wenn Verharmlosung und Hokuspokus nichts mehr nützen, suchen nicht wenige Verantwortliche Zuflucht in Verschwörungstheorien. Wer könnte den Krankheitserreger in die Welt gesetzt haben? Klar doch, die US-Amerikaner, Juden oder ein chinesisches Geheimlabor.

In Iran pflegt man zu China gute Beziehungen, das Feindbild des Regimes steht fest. "Wir haben es mit einem biologischen Krieg zu tun", verkündete Hussein Salami, Kommandeur der Revolutionswächter, die der religiösen Führung des Landes unterstehen. Beinah vorsichtig sagte Salami über den Ursprung des Virus', es sei "vielleicht das Ergebnis der amerikanischen biologischen Kriegsführung". Der staatliche Fernsehkanal Press TV, der auf Englisch sendet, wusste angeblich noch mehr: "Die USA und Israel arbeiten zusammen."

Als aus den USA das Angebot kam, medizinische Hilfe zu liefern, wies Irans Staatsoberhaupt Ali Khamenei dies empört zurück. "Vielleicht ist eure Medizin eine Methode, das Virus noch weiter zu verbreiten." Der oberste Ajatollah hatte dazu eine ganz eigene Theorie: Der Krankheitserreger sei "speziell für Iran entwickelt worden, unter Verwendung der genetischen Daten von Iranern". Dass das von religiösen Fanatikern regierte Land ein Corona-Hotspot ist, wird durch Khameneis irre Idee perfekt erklärt.

In China und den USA lassen sich lediglich Leute der zweiten oder dritten Reihe dazu hinreißen, das andere Land direkt als Urheber der Pandemie anzugreifen. Wenn Präsident Trump vom "chinesischen Virus" spricht, ist das noch keine Verschwörungstheorie, auch wenn manche sich vielleicht zu einer angespornt fühlen. So wie der republikanische Senator Tom Cotton aus Arkansas.

Cotton raunte, dass es in Wuhan, dem Epizentrum der Krankheit, bekanntlich ein "Labor für Biosicherheit der Stufe vier" gebe. Deshalb müsse man die Frage stellen, was es damit beim Ursprung des Virus auf sich habe. Anzunehmen ist, dass die aufgeworfene Frage in vielen Ohren bereits wie die Antwort klang.

Ein Inder habe Prinz Charles geheilt, sagt der Minister

Zum Schluss noch etwas Religion gefällig? Simbabwes Verteidigungsministerin Oppah Muchinguri erklärte die neue Seuche zu einer Vergeltung biblischen Ausmaßes, die Europäer und Amerikaner zu Recht hart treffe. "Das Coronavirus ist das Werk Gottes, der Länder bestraft, die uns mit Sanktionen belegt haben", sagte Muchinguri. Ihre Anhänger bejubelten sie dafür.

Spirituelle Kräfte können womöglich über weite Entfernungen hinweg heilsam wirken – wenn man es glaubt. Der indische Minister Shripad Naik, zuständig für Yoga und traditionelle indische Gesundheitslehren, berichtete vor einigen Tagen beglückt von seinem Gespräch mit einem Mediziner in Bengaluru.

Der Mann habe einem prominenten Corona-Patienten geholfen, nämlich dem britischen Thronfolger. "Durch den Gebrauch von Ayurveda und Homöopathie wurde Prinz Charles vom Virus geheilt", behauptete Minister Naik. Die von dem Heiler angeblich verwendeten Mittel wolle er nun durch eine Taskforce untersuchen lassen.

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