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Delta-Variante in Großbritannien: Eine Mutante, wie gemacht für die vierte Welle

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 10.06.2021 Linda Fischer, Bettina Schulz

Delta treibt in Großbritannien die Corona-Fälle hoch. Es wurde zu früh geöffnet, zudem sind Reisende und wenig Zweitgeimpfte ein Problem. Was heißt das für Deutschland?

Im englischen Bolton hat sich die Delta-Variante besonders schnell verbreitet. Angehörige der Armee helfen dabei, die Bevölkerung zu testen. © Christopher Furlong/​Getty Images Im englischen Bolton hat sich die Delta-Variante besonders schnell verbreitet. Angehörige der Armee helfen dabei, die Bevölkerung zu testen.

In der Wahrnehmung vieler hatte Großbritannien es geschafft. Am Ende mit anhaltend harten Maßnahmen und einer schnellen Impfkampagne konnte das Land das Coronavirus in den vergangenen Monaten erstaunlich gut zurückdrängen. Nach einer schweren dritten Infektionswelle im Winter mit vielen Toten lag die Corona-Inzidenz seit April bei weit unter 30 Infektionen pro 100.000 Einwohnerinnen. Täglich wurden meist nur noch um die 2.000 Neuinfektionen gemeldet. Und zusätzlich liefen die Impfungen so erfolgreich, dass die britische Regierung einen Lockerungsplan vorlegte, mit dem das Land eigentlich schon Ende Juni wieder zu fast normalen Verhältnissen zurückkehren sollte. Ob dieser nun umgesetzt wird, ist fraglich. Denn die Infektionszahlen steigen wieder, mitunter rasant. Und was sich in Großbritannien gerade anbahnt, beunruhigt auch deutsche Seuchenschützer.

Seit Anfang Juni liegt die Zahl der täglichen Neuinfektionen bei den Briten plötzlich wieder bei meist über 5.000 Neuinfektionen. Diesen Mittwoch wurden sogar 7.540 Neuinfektionen gemeldet. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt damit wieder bei etwa 50 Neuinfektionen pro 100.000 Personen. Das ist für Großbritannien im Vergleich zum Winter, wo täglich oft mindestens 20.000 Fälle hinzukamen und die Sieben-Tage-Inzidenz zwischenzeitlich über 600 lag, ein immer noch niedriges Niveau. Allerdings verdoppeln sich die Neuinfektionen binnen kürzester Zeit und scheinen eine neue Infektionswelle anzukündigen.

Was steckt hinter dem Anstieg? Politische Entscheidungen spielen eine wichtige Rolle, doch in diesem Ausbruch gibt es eine weitere Besonderheit: die Coronavirus-Mutante Delta, die auch B.1.617.2 genannt wird und zuerst in Indien entdeckt wurde. Sie verbreitet sich schneller als Alpha, auch genannt B.1.1.7 – jene Variante also, die seit dem Winter das Infektionsgeschehen im Vereinigten Königreich, in Deutschland und vielen anderen Ländern dominiert.

Seit April verbreitet sich Delta aus Städten in Nordengland wie Blackburn, Bolton, Manchester, Leicester, aber auch von Stadtgebieten nahe der Flughäfen Heathrow, Gatwick und Luton. In der Woche bis zum 2. Juni entdeckten Forschende im Rahmen der routinemäßigen Variantenüberwachung 5.472 neue Delta-Fälle, aber nur 3.720 neue Alpha-Fälle. Angaben des britischen Gesundheitsministers Matt Hancock zufolge, der sich auf noch aktuellere Daten stützt, macht Delta mittlerweile 91 Prozent aller neuen Fälle in England aus.

Die Regierung hat es dem Virus leicht gemacht

Delta ist vor allem im April verstärkt nach Großbritannien eingeschleppt worden. Nachdem Covid-19-Fälle in Asien rasant angestiegen waren, setzte die britische Regierung die Risikoländer Pakistan und Bangladesch mit Wirkung vom 9. April auf die sogenannte rote Liste. Einreisende mussten damit sofort nach der Ankunft in Großbritannien zehn Tage auf eigene Kosten in Quarantäne in einem Hotel verbringen. Indien jedoch wurde die Einstufung aus politischen Gründen erspart, obwohl die offizielle Inzidenz dort zum selben Zeitpunkt weit höher lag als in Pakistan und Bangladesch – auch wenn dort weniger getestet wird.

Erst am 23. April folgte Indien auf die rote Liste. Das ermöglichte Tausenden weiter aus Indien in das Vereinigte Königreich zu reisen, wo viele Menschen etwa Freunde und Familie haben. Wer in Großbritannien ankam, konnte die Quarantänezeit zu Hause verbringen und damit auch nicht selten im Kreis der Familie. Gute Voraussetzungen also für eine ansteckendere Corona-Mutante.

Und Delta breitete sich schnell aus. Am 7. Mai klassifizierte Public Health England sie als VOC, also als besorgniserregend. Nur eine Woche später musste die Erste Ministerin für Schottland, Nicola Sturgeon, bekannt geben, dass die Lockerungen in Glasgow und Moray nicht wie geplant vorangehen würden. Und in dieser Woche werden die wissenschaftlichen Beratungsgremien der britischen Regierung, Sage und Nervtag, die aktuellen Auswirkungen von Delta diskutieren. Von ihren Beratungen hängen die nächsten Entscheidungen von Premierminister Boris Johnson ab, der am 14. Juni verkünden will, ob das für England geplante Ende des Lockdowns kommt oder nicht. In Großbritannien wurde bereits weitreichend gelockert. Geschäfte und Schulen sind derzeit wieder geöffnet. Gearbeitet wird aber noch weitgehend im Homeoffice und zu Hause treffen dürfen sich offiziell nur sechs Personen aus zwei unterschiedlichen Haushalten.

Delta-Variante ist schneller und kann Impfungen abschwächen

Delta bewegt sich aktuellen Daten zufolge noch einmal schneller in der Bevölkerung als die schon ansteckendere Corona-Variante Alpha. Zur Erinnerung: Alpha dürfte sich geschätzt 40 bis 90 Prozent rasanter ausbreiten als zuvor dominante Virusvarianten (Science: Davies et al., 2021). Nun geht man davon aus, dass Delta noch einmal die Hälfte an Geschwindigkeit zugelegt haben könnte. Das geht beispielsweise aus Daten hervor, die Public Health England zwischen dem 29. März und dem 11. Mai erhoben hat. Darin wurde untersucht, wie häufig Infizierte mit verschiedenen Varianten ihre Mitmenschen anstecken, Forschende nennen das "secondary attack rate". Während Infizierte mit der Alpha-Variante in 8,2 Prozent der Fälle ihre Kontakte infizierten, lag dieser Anteil bei Infizierten mit Delta bei 12,4 Prozent (PDF – Technical Briefing 14, 3. Juni 2021). Daraus und aus weiteren Untersuchungen ergibt sich der vermutete Übertragungsvorteil von Delta. 

Eine realistische Einschätzung des Geschehens falle aber schwer, sagte zuletzt auch der Virologe Christian Drosten in seinem NDR-Podcast Coronavirus-Update. Angesichts der niedrigen Infektionszahlen im Vereinigten Königreich handele sich aktuell um "eine relativ beeinflusste, künstlich runtergebremste Situation". Das mache aussagekräftige Studien schwerer, anders als um Weihnachten herum, als sich Alpha viel ausgedehnter in der Bevölkerung verbreiten konnte.

Dies sind allerdings Details, kaum eine Forschende bezweifelt noch den Fitnessvorteil von Delta, wenn es um Ansteckungen geht.

Und nicht nur das. Delta hat neben der höheren Infektiosität zusätzlich vermutlich einen, wie Forschende es nennen, Immune Escape. Impfstoffe könnten also weniger stark vor der Variante schützen. Mittlerweile gibt es mehrere Untersuchungen, die das für verschiedene Impfstoffe geprüft haben. Eine Zwischenanalyse hat etwa verglichen, wie sich durch eine BioNTech/Pfizer-Impfung gebildete Antikörper auf Delta und Beta auswirken.

Mit Beta ist mittlerweile die Variante B.1.351 gemeint, die erstmals in Südafrika entdeckt wurde und bekannt dafür ist, bereits gebildeten Antikörpern besser zu entschlüpfen als andere Varianten (The Lancet: Wall et al., 2021). Das Ergebnis: Delta und Beta könnten der Immunantwort ähnlich effektiv entgehen. "Das ist die erste Studie, die zeigt, dass die Delta-Mutante dem Immunsystem genauso gut entgehen könnte wie die Beta-Variante", sagt der Immunologe Carsten Watzl von der TU Dortmund. In früheren Publikationen sei immer noch die Beta-Mutante am stärksten gewesen. 

Damit haben sowohl die Politik als auch die Delta-Variante selbst ihren Anteil daran, weshalb sich in Großbritannien wieder deutlich mehr Menschen infizieren. Die Kombination, ansteckender zu sein und geschickter den Impfstoffen ein Stück weit entgehen zu können, macht Delta so gefährlich. Dabei haben mittlerweile mehr als 40 Millionen Britinnen und Briten zumindest ihre Erstimpfung erhalten, also 75 Prozent der zu impfenden Bevölkerung. Mit 28 Millionen Menschen sind mehr als 50 Prozent der Erwachsenen voll geimpft.

Zumindest diese 28 Millionen dürften vor Delta effektiv geschützt sein. Das legt eine weitere Studie von Forschenden von Public Health England nahe (Preprint als PDF – Bernal et al., 2021). Zwei Wochen nach der zweiten Impfung mit den Impfstoffen von BioNTech/Pfizer und AstraZeneca war der Immunschutz vor einer symptomatischen Infektion nur um wenige Prozent reduziert. Deutlich schlechter fiel in beiden Fällen allerdings die Wirksamkeit nach der Erstimpfung aus. Beide Impfstoffe schützen drei Wochen nach der Erstimpfung nur zu etwas mehr als 30 Prozent gegen die Delta-Variante. Sie hatten zu 50 Prozent gegen Alpha geschützt, wobei in beiden Fällen der Schutz vor einem schweren Krankheitsverlauf höher liegen dürfte.

Für den Immunologen Watzl unterstreicht das noch einmal den Wert der Zweitimpfung: "Damit sorgt man nicht nur dafür, dass mehr Immunschutz erzeugt wird, durch mehr Antikörper. Sondern der Schutz wird auch besser vor neuen Varianten", sagt Watzl. Ein Sonderfall könne der Impfstoff von Johnson & Johnson sein, sagt Watzl, auch wenn es dazu noch keine Daten gibt. Eine Stärke dieses Vektor-Impfstoffs, bei dem nur eine einzige Dosis notwendig ist, sei es, einige Wochen nach Impfung den Immunschutz noch zu verbessern. Studien aus Südafrika hätten gezeigt, dass der Impfstoff auch nur einen leicht verminderten Schutz gegen die Beta-Variante aufbaut (NEJM: Sadoff et al., 2021). Es sei plausibel, sagt Watzl, dass das auch bei Delta so ist. 

Wieder mehr Menschen auf britischen Intensivstationen

Tatsächlich infizieren sich in Großbritannien derzeit überwiegend Personen, die gar nicht oder nur einmal geimpft wurden. Aktuell sind besonders Jugendliche und Schulkinder betroffen. In zahlreichen Oberschulen müssen die Schüler und Schülerinnen nun doch wieder Maske tragen. Zudem hat die Regierung in Risikogebieten spontane Testzentren eröffnet. In mehrere Stadtteile und Landesgebiete soll eigentlich auch nicht gereist werden, was allerdings nie richtig kommuniziert wurde. Betroffen sind viele Stadtregionen im Norden Englands. In manchen dieser Gebiete machte die Delta-Variante schon Anfang Juni 90 Prozent aller neuen Fälle aus.

Auf den Intensivstationen liegen derzeit ebenfalls überwiegend Leute mit nur einer Impfdosis oder Ungeimpfte – darunter viele, die bereits die Aufforderung zur Impfung erhalten hatten. Aktuell kommen täglich etwas mehr als 100 Personen in ganz Großbritannien ins Krankenhaus, wo derzeit knapp über 1.000 Menschen mit Covid-19 behandelt werden. Es wäre möglich, dass die Lage in britischen Krankenhäusern wieder angespannter wird. Nach Angaben von Public Health England gibt es einige, sehr vorläufige Hinweise dafür, dass Delta sich auch auf die Krankheitsschwere auswirkt. Soll heißen: Wer sich mit Delta infiziert, könnte wahrscheinlicher in der Klinik landen als Infizierte mit der Alpha-Variante.

Die womöglich neue Welle entwickelt sich also mit der Impfkampagne und nicht trotz der Impfungen. Allerdings stocken diese an manchen Stellen: Gerade in Teilen einiger ethnischer Minderheiten ist der Widerstand gegen Impfungen größer als im Rest der Bevölkerung. Eine Untersuchung des britischen Statistikamtes im Februar 2021 zeigte, dass es bei Menschen mit pakistanischer oder bangladeschischer Migrationsgeschichte, aber auch unter Schwarzen mitunter größere Vorbehalte gibt. Die britische Regierung sucht daher beispielsweise den Kontakt mit Vertretern örtlicher Moscheen und Gemeinden, um aufzuklären. In den von der Delta-Variante betroffenen Wohngebieten gab es bereits zusätzliche Impfaktionen, die gute Ergebnisse erzielt haben. Um die Impfungen voranzutreiben, wurde Ende Mai gar das Londoner Sportstadion in Twickenham in ein gigantisches Impfzentrum umfunktioniert, in dem spontan 11.000 Personen – auch viele Jugendliche – geimpft wurden.

Sollten die Fallzahlen sich nun tatsächlich zu einer vierten Welle aufbäumen, dürfte also auch die vergleichsweise hohe Impfquote unter den Erstgeimpften nicht verhindern, dass sich eine Variante wie Delta gerade in besonders vulnerablen Bevölkerungsteilen weiter ausbreitet.

"Die wichtigste Schlussfolgerung, die wir für Deutschland daraus ziehen sollten, ist, dass wir an unserer Impfkampagne weiterarbeiten müssen", sagt der Immunologe Watzl. "Es darf uns nicht passieren, dass über den Sommer eine gewisse Impfmüdigkeit eintritt oder Leute ihren zweiten Impftermin verstreichen lassen, sondern dass wir möglichst viele Leute mit Zweitimpfungen schützen." Für den Immunologen ist klar: "Die vierte Welle wird kommen und wahrscheinlich auch mit der Delta-Variante." Wie stark sie wird, lässt sich noch beeinflussen. Aktuell macht die Variante nach RKI-Angaben zwar noch einen sehr kleinen Teil der Infektionen in Deutschland aus (siehe Infografik). Wenn es aber künftig noch viele Leute gäbe, die einen unzureichenden oder gar keinen Immunschutz haben, dann wird es sie bevorzugt betreffen. "Das sollten wir verhindern, indem wie viele Menschen vollständig impfen."

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