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„Eisberg höher als gedacht“ – Österreich legt Dunkelziffer-Studie vor

WELT-Logo WELT 10.04.2020 Elisalex Henckel
„Erstmals den ganzen Eisberg“ der Pandemie sehen: Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz (l.) Quelle: dpa/Helmut Fohringer © dpa/Helmut Fohringer „Erstmals den ganzen Eisberg“ der Pandemie sehen: Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz (l.) Quelle: dpa/Helmut Fohringer

Christoph Hofinger ist ein Mann, den die meisten Österreicher sonst nur an Wahlabenden sehen, wenn er im Dienste des ORF die Ergebnisse prognostiziert. Die Corona-Krise hat Hofingers Forschungsinstitut SORA jedoch einen mindestens so brisanten Auftrag beschert: Es sollte in Zusammenarbeit mit dem Roten Kreuz in einer repräsentativen Studie herausfinden, wie hoch die Zahl der Covid-19-Infizierten wirklich ist. Das sollte der Regierung ermöglichen, „erstmals den ganzen Eisberg“ der Pandemie zu sehen „und nicht nur dessen Spitze“, wie es Bundeskanzler Sebastian Kurz von der ÖVP formulierte.

Es ist ein Ansatz, der auch in Deutschland seit Wochen diskutiert wird. Wenn man nicht genug Kapazitäten hat, um die ganze Bevölkerung zu testen – warum nimmt man dann nicht eine Stichprobe und rechnet das Ergebnis auf die ganze Bevölkerung hoch. In Deutschland sind ähnliche Tests noch in Planung.

In Österreich liegen nun schon die Ergebnisse der sogenannten „Dunkelziffer-Studie“ vor. Christoph Hofinger veröffentlichte am Freitag gemeinsam mit Österreichs Wissenschaftsminister Heinz Faßmann. Das Ergebnis der Erhebung unter 1544 Personen: Die Zahl der Infizierten liegt laut der Studie mehr als drei Mal höher als amtlich registriert. Im Detail: Der Anteil der Infizierten an der Bevölkerung zwischen null und 94 Jahren beträgt demnach 0,33 Prozent. Das sind bezogen auf die österreichische Bevölkerung rund 28.500 Menschen. Zum Zeitpunkt der Testung waren lediglich 8500 Personen behördlich als Infizierte registriert.

Weiß Österreich also nun, im Gegensatz zu fast allen anderen Ländern der Erde, wie hoch seine Dunkelziffer ist? Jein. Denn die Schwankungsbreite der Studie ist enorm: Der Anteil der Infizierten liege mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit irgendwo zwischen 0,12 und 0,76 Prozent, also zwischen 10.200 und 67.400 Infizierten. Der Wert von 0,33 Prozent, also 28.500 Infizierten sei jedoch der wahrscheinlichste Wert für den Testzeitpunkt 6. April.

Die Stichprobe war bereits im Vorfeld der Studie als zu klein kritisiert worden. Die große Unsicherheit in den Zahlen deutet darauf hin, dass es tatsächlich so ist. Die SORA-Geschäftsführer verteidigten jedoch ihre Methodik als „richtigen Kompromiss“. Mehr Menschen zu testen hätte demnach nicht nur länger gedauert, sondern auch Österreichs Testkapazitäten überlastet. Wissenschaftsminister Faßmann verwies unter anderem darauf, dass die Stichprobe der viel beachteten, aber regional begrenzten Studie im nordrheinwestfälischen Heinsberg 1000 Personen betrage.

Der ursprünglich aus Deutschland stammende Geographieprofessor lobte die Studie als wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Datenbasis, auf der die österreichische Regierung ihre Entscheidungen im Kampf gegen das Coronavirus treffe. „Wir sind das erste Land Kontinentaleuropas, welches eine Prävalenzstudie vorlegen kann“, sagte der von der ÖVP nominierte Politiker.

Bisher hat nur Island einen ähnlichen Test gemacht. Die Forschungsminister von Estland, Finnland, Ungarn, Italien und Deutschland hätten ihm auf Nachfrage mitgeteilt, dass sie ähnliche Studien planen würden. Österreich sei dafür „Vorbild und Pionier“. Deutschland will demnächst ebenfalls repräsentative Tests starten. Allerdings soll dann die Stichprobe deutlich größer sein. Von 100.000 Menschen ist die Rede.

Die Schlüsse, die Österreichs Regierung aus der Studie ziehen würde, fasste der Wissenschaftsminister folgendermaßen zusammen: „Der Eisberg ist doch höher als gedacht, und wir sind noch nicht auf der sicheren Seite.“

Die Zahl der tatsächlich Infizierten sei zwar deutlich höher als jene der behördlich als solche Gemeldeten, sie liege aber nach wie vor auch deutlich unter einem Prozent der Wohnbevölkerung. Und von diesem niedrigen Infektionsstatus Österreichs lasse sich auch ableiten, dass der Immunitätsstatus des Landes ebenfalls noch niedrig sein müsse – alleine auf Grund der relativen Neuheit des Virus’.

„Die Studie zeigt uns, dass unsere Maßnahmen die Richtigen waren, aber wir sie die nächsten Wochen und Monate weiter einhalten müssen“, sagte Faßmann. „Wenn über Ostern die etablierte Form der sozialen Interaktion stattfindet, kann es durchaus sein, dass es auf Grund der 28.000 Infizierten wieder zu einem exponentiellen Wachstum kommt.“ Dieses könne dann schnell wieder zu sehr großen Zahlen führen, da es noch nicht durch eine signifikante Immunitätsrate gebremst würde. Es müsse daher sehr genau beobachtet werden, wie sich die schrittweise Lockerung der Anti-Corona-Maßnahmen, die nächste Woche beginnen, auf die Infektionszahlen auswirken.

Die liberale Oppositionspartei Neos bezeichnete die Studie als „Momentaufnahme, die wenig über die Durchseuchung aussagt“. Die Tests seien wichtig gewesen, schrieb ihr Gesundheitssprecher Gerald Loacker, um eine aussagekräftige Datenlage zu bekommen, müsste die selbe Gruppe in kurzen Abständen immer wieder getestet werden. Und „wirklich valide Aussagen würde nur eine echte Teststrategie mit einer Kombination von PCR- und Antikörpertests bringen.“

Sowohl der Wissenschaftsminister als auch die Studien-Autoren haben stets betont, dass die Studienteilnehmer – im Unterschied etwa zur Heinsberger Studie – nur auf ihren Infektions-, nicht auf ihren Immunitätsstatus getestet worden seien. Faßmann sagte, er würde bei weiteren noch geplanten Testwellen, „gerne auch Antikörpertests mitnehmen“, die Medizinische Universität Wien habe ihm aber noch keine eindeutigen Empfehlungen geben können, welche sowohl sicher genug als auch von der Methodik her geeignet seien. Die nächste Testrunde wird sich also offenbar weiterhin auf PCR-Tests, also Rachenabstriche, beschränken.

Christoph Hofinger, der „Hochrechner der Nation“, zog am Ende seiner Ausführungen wieder einen Vergleich zu seiner Arbeit in der Zeit vor Corona. „Im Unterschied zu einer Wahl werden wir nie genau evaluiert werden“, sagte der Sozialforscher. „Niemand wird uns je sagen können, wie viele Menschen Anfang April tatsächlich infiziert waren.“ Er versprach jedoch, im Laufe der nächsten Wochen ein Studienhandbuch zu veröffentlichen, das eine „kritische und konstruktive“ Auseinandersetzung ermöglichen solle. Die österreichische Studie sei Teil eines weltweiten „Ringens um verlässliche Zahlen“, um die Bandbreiten einzuschränken, sagte Hofinger. „Wir sind froh, dass wir einen Mosaikstein für dieses weltweite Mosaik liefern können.“

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