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Kita zu, Schule zu – und jetzt?

WELT-Logo WELT 16.03.2020

Spielplatz Arbeitszimmer: Homeoffice mit Kleinkindern Quelle: Getty Images © Getty Images Spielplatz Arbeitszimmer: Homeoffice mit Kleinkindern Quelle: Getty Images

Kein Entkommen. Da kann man eine noch so straffe Familienorganisation gehabt haben: Dass jetzt in fast allen Bundesländern Kitas und Schulen schließen, ist für die meisten jungen Väter und Mütter ein GAU. Das Betreuungssystem kollabiert, auf die Großeltern darf man nicht zurückgreifen.

Wer kann, meldet Homeoffice an, nimmt Urlaub, und plötzlich sind alle zu Hause, 24 Stunden am Tag. Denn auch der Spielplatz ist ja jetzt tabu. Der Albtraum aller Eltern. Oder doch nicht? Kollegen aus der WELT-Redaktion erzählen, wie sie mit der Herausforderung klarkommen.

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Die Kita meldet zwei Corona-Verdachtsfälle. Bis die Testergebnisse vorliegen, bleibt sie geschlossen. Und das Arbeitszimmer wird zum Spielplatz.

Mutter: Jetzt muss ich aber wirklich noch ein bisschen arbeiten, ja?

Tochter (3 ½ Jahre): Noch mal verstecken!

M.: Mir fällt langsam kein Versteck mehr ein.

T.: Du kannst dich doch hinterm Sessel verstecken.

M.: Aber dann weißt du doch, wo ich mich verstecke.

T.: Okay, dann verstecke ich mich da. Du zählst bis 10.

M.: Ich muss jetzt aber wirklich arbeiten.

M.: Gut, eine Runde.

Zwei Runden später...

T.: Jetzt puzzeln.

M.: Fang schon mal ohne mich an.

T.: Aber das ist nicht so schön.

M.: Gut, aber nur das mit den Fischen, die anderen dauern so lange.

Fische-, Bauernhof- und Polizei-schnappt-Räuber-nach-Banküberfall-Puzzle sind fertig.

T.: Mama, ich verstecke mich und du suchst.

M.: Ich muss nur noch ein bisschen arbeiten, dann komme ich dich suchen.

T.: Kannst kommen!

M.: Ich muss... Okay. Ich komme. Ah, da bist du.

T.: Jetzt versteckst du dich.

M.: Warte mal, das Telefon klingelt.

Anruf aus der Kita. Die Testergebnisse beider Kinder sind negativ, die Kita öffnet am nächsten Tag wieder.

M.: Okay, wo soll ich mich verstecken?

T.: Bist du endlich fertig mit Arbeiten?

M.: Ja, ich mach’ jetzt Feierabend.

Einen Tag später wurde die landesweite Schließung aller Kitas in Berlin bekannt gegeben. Eva Sudholt

Nur mit Rotwein

Vor einer Woche habe ich noch mit meiner Freundin gefeixt, alleinerziehende Mutter, die aus Quarantänegründen plötzlich ihre drei Kinder zu Hause hatte. „Oh nein, und jetzt hast du gar kein Mehl eingekauft!“ schrieb ich ihr, wir hatten uns gerade über die Panikkäufe im Supermarkt lustig gemacht. „Ich brauche kein Mehl, ich brauche Rotwein, um mit drei Kindern 14 Tage in meiner Wohnung zu überleben!“ schrieb sie zurück. Jetzt steht auch die Schließung unserer Kita und Grundschule an. Mit einem Zweijährigen zu Hause kann ich nur noch arbeiten, wenn er mittags schläft. Mein zehnjähriger Sohn ist ohnehin derzeit mit einer Erkältung zu Hause, wechselt zwischen Lesen, Spielen und Fernsehen ab, und kommt nur kurz aus seinem Zimmer, um mir mitzuteilen, welchen Fluch Harry Potter gerade ausgestoßen hat. Für ihn ist das ein Traum.

Seine Gitarrenlehrerin unterrichtet ihn auf eigenen Wunsch nur noch per Skype. Das allerdings findet selbst er bescheuert. Meine Freundin hat die Zeit mit ihren dreien übrigens bisher bestens überstanden, auch dank eines geregelten Tagesablaufs: Nach dem Frühstück Instrumente üben, lernen, lesen und erst danach darf der Fernseher eingeschaltet werden. Ihr Fazit: „Eigentlich ganz gut, mal zusammen runterzukommen, ganz ohne Verabredungen und Termine.“ Allerdings hat sie damals nicht damit gerechnet, dass sie die drei noch bis zum Ende der Osterferien im Hause haben wird. Freia Peters

Nicht jetzt!

Normalerweise komme ich abends erst gegen 20 Uhr nach Hause. Dann sitzt meine 15-Jährige meist noch an den Hausaufgaben oder liegt auf dem Bett, im „Chill-Modus“. Jeder Versuch, sie nach ihrem Schultag zu fragen, wird abgewiesen: „Mama, nicht jetzt!“ Nun war ich im Homeoffice. Bis 15 Uhr lief alles glatt: Technik funktionierte, Abläufe effizient, gute Laune. Dann kam meine Tochter aus der Schule, warf mir einen verdutzten Blick zu, setzte sich neben mich.

Und erzählte: vom Schultag, von Ärgernissen und all die Storys aus der Schule, die ich an anderen Tagen so gern erfahren hätte. Plötzlich wollte sie mit mir Abikleider (für ihren Abschlussball 2022!) anschauen, die Sommerurlaube der nächsten drei Jahre planen. Und ich? Konnte immer nur eins sagen: „Nicht jetzt, Philomena. Nicht jetzt.“ Bilanz meines ersten Homeoffice-Tages: Technik gut, Gewissen schlecht. Patricia Plate

Geschäftsidee

In jeder Krise steckt eine Chance. Nachdem klar wurde, dass Kindergarten- und Schulschließungen bald ein großes Betreuungsproblem für arbeitende Eltern auslösen würden, haben wir uns im Familienkreis eine Geschäftsidee überlegt. Unsere Töchter sind alt genug, um selbst Babysitter-Dienste anbieten zu können. Die 16-Jährige hat die Idee schon mit ihren Schulfreundinnen besprochen, die mitmachen würden. Eine kurze Umfrage im Kollegenkreis ergab, dass solch eine Dienstleistung auf großes Interesse stoßen würde.

Und wann kann man schon mal der Gemeinschaft helfen – und gleichzeitig Geld dabei verdienen? Vielleicht kommt ja eines der findigen Berliner Tech-Start-ups noch mit einer App um die Ecke, die betreuungsbedürftige Eltern und betreuungsbereite Jugendliche zusammenbringt. Positiver Nebeneffekt dieser Idee für unterrichtslose Teens: Statt wochenlang untätig auf dem Bett rumzuliegen und auf ihr Handy zu starren, hätten sie eine Aufgabe, die sie beschäftigt hält. Clemens Wergin

Mama, bist du alt?

„Wann kommt denn endlich dieses Corona auch zu uns?“ Die jüngeren meiner Kinder fragen das seit Tagen, in Vorfreude auf schulfrei. Aber auch besorgt. „Mama, bist du eigentlich schon alt, also richtig alt?“, fragte mich jüngst meine neunjährige Tochter. Warum sie das frage, wollte ich wissen. Na, weil es doch heiße, dass besonders ältere Leute häufig durch das neuartige Virus sterben würden. „Schon ab 50 geht es ja los mit der Mortalität“, assistierte ihr mein pubertierender Sohn mit unerwarteter Fachkompetenz. Ja, es sind anstrengende Tage für Eltern. Wie etwa soll bei uns, die wir auf dem Lande wohnen, nun das wohl wertvollste Gut verteilt werden: das Internet im Haus?

Hier im hintersten Brandenburg gibt es keine Breitbandanschlüsse und schon gar keine Flatrates, sondern ein genau bemessenes Datenvolumen, das einen Monat für drei Kinder und zwei Erwachsene reichen muss. Das ist schon im Normalfall eine Herausforderung. 200 Gigabytes sind schnell weggesurft. Wird es nun Streit darüber geben, ob noch „Insta“ oder WhatsApp gecheckt werden kann, wenn doch Mama oder Papa die Daten fürs Homeoffice brauchen? Für die lässigen Empfehlungen meiner städtischen Kollegen, die sich derzeit darauf einrichten, dass ihre Kinder demnächst per Internet unterrichtet werden, haben wir Provinzler nur ein müdes Lächeln. Kerstin Rottmann

Victorias Dilemma

Wenn man zwölf ist, sind die meisten Fragen des Lebens Fragen der Gerechtigkeit. Und dass die Schule ihrer besten Freundin als erste Berliner Schule geschlossen wurde, fand Victoria sehr ungerecht. Weil die Freundin dann nämlich schulfrei hatte. Dann wurde auch unsere Schule geschlossen, aber irgendwie ist das nur bedingt großartig. Denn die Mitschüler fehlen einem schon. Zumindest die aus der eigenen Klasse. Und wenn von denen einer infiziert wäre, dann hätten es ohnehin schon alle.

Also trifft man sich bei dem Einen zu Hause. Aber das ist auch nicht wirklich spannend, weil die Jungs da nur nebeneinander auf dem Bett hocken und Handyspiele spielen. Da bleibt den Mädchen nichts anderes übrig, als zusammen die Hausaufgaben zu machen, die die Lehrer per Mail geschickt haben. Schule ohne Schule ist auch irgendwie blöd. Daniel-Dylan Böhmer

Schauen wir mal

Jeder, der schon einmal versucht hat, drei junge Bildschirm-Junkies mit einer Vollzeitstelle im Homeoffice in Einklang zu bringen, weiß: entweder arbeiten und dabei die Vorzüge des „Babysitters Bildschirm“ nutzen oder streng sein und unter wütendem Protestgeheul den Fernseher abdrehen und diskutieren. Beides geht halt nicht. Bleiben nun Schulen und Kindergärten wegen Corona geschlossen, werden unsere Kinder wohl noch einmal deutlich mehr schauen. Wenn es nach ihnen geht, sagen sie, „so acht bis zehn Stunden pro Tag“. Die Krise als Chance, so sehen es die Kinder.

Und wir Eltern? Versuchen, uns ihrer positiven Sichtweise anzuschließen. Der Älteste, sagt mein Mann, sei dann sicher bald so gut im Online-Ballerspiel „Fortnite“, dass er damit bei Turnieren antreten und damit unseren Lebensunterhalt sichern könne. Dann erübrigte sich auch das Problem mit dem Homeoffice. Anette Dowideit

E-Mail vom Zweitklässler

Plötzlich stellt das kleine Einmaleins einen vor große Herausforderungen. Wegen eines Corona-Falls im Kollegium hat die Grundschule unseres Siebenjährigen schon seit einer Woche geschlossen. Hausaufgaben kommen per Mail: So sollen wir zu Hause unserem Sohn nun das Malrechnen beibringen. Mit Socken, Gummibärchen-Tüten und Geldstücken ist das Prinzip zum Glück fix erklärt. Wir merken: Je näher der Lernstoff am Alltag, umso schneller fällt der Groschen. Der Junge bekommt Lust, mit uns zu lernen, solange wir die Hausaufgaben eben nicht „Hausaufgaben“ nennen.

Wir bemühen uns, Themen kreativ anzugehen, statt frontal zu unterrichten und unterstreichen Adjektive in Comics, lesen „Die drei ???“ und schreiben danach eine kleine Buchrezension. Auch die Lehrerin freut sich, E-Mails ihrer Zweitklässler zu bekommen, die gar nicht gemerkt haben, dass sie da gerade Deutsch üben, wenn sie begeistert an der Tastatur formulieren und über die kuriose Woche daheim berichten. Alle lernen, neu zu lernen. Und das kann schön sein. François Duchateau

Dieser Text ist aus der WELT AM SONNTAG. Wir liefern sie Ihnen gerne regelmäßig nach Hause.

Quelle: WELT AM SONNTAG © WELT AM SONNTAG Quelle: WELT AM SONNTAG

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